Urteil des BVerwG vom 29.09.2011, 2 C 36.10

Entschieden
29.09.2011
Schlagworte
Treu Und Glauben, Schutz der Gesundheit, Bereitschaftsdienst, Mehrarbeit, Eugh, Höchstarbeitszeit, Überschreitung, Zukunft, Genehmigung, Überstunden
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

BVerwG 2 C 36.10 OVG 1 A 2653/07

Verkündet am 29. September 2011 Melzer als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 2. Senat des Bundesverwaltungsgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 29. September 2011 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Herbert und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Heitz, Dr. Maidowski, Dr. Hartung und Dr. von der Weiden

für Recht erkannt:

Die Beklagte wird verpflichtet, dem Kläger für die Zeit vom 1. Januar 2002 bis zum 31. Dezember 2006 einen Freizeitausgleich im Umfang von weiteren 4,89 Stunden je Kalendermonat zu gewähren. Die Urteile des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 7. Mai 2009 und des Verwaltungsgerichts Minden vom 25. Juli 2007 sowie der Bescheid der Beklagten vom 8. Dezember 2003 in der Gestalt des Widerspruchsbescheids vom 21. März 2006 werden aufgehoben, soweit sie dieser Verpflichtung entgegenstehen.

Die Beklagte trägt die Kosten des Verfahrens.

G r ü n d e :

I

1Der Kläger ist städtischer Beamter auf Lebenszeit und als Hauptbrandmeister

bei der Berufsfeuerwehr der Beklagten beschäftigt. Er will Freizeitausgleich für

die Überschreitung der höchstens zulässigen Wochenarbeitszeit in den Jahren

2002 bis 2006 erhalten. Bis Ende 2006 betrug seine regelmäßige wöchentliche

Arbeitszeit 56 Stunden. Davon entfielen 31 Stunden auf Bereitschaftsdienst;

zwei Stunden wurden jeweils durch Freizeit ausgeglichen.

2Im Dezember 2001 beantragte der Kläger, ab dem 1. Januar 2002 bei der Gestaltung der Dienstpläne zu beachten, dass nach europäischem Gemeinschaftsrecht höchstens 48 Wochenstunden gearbeitet werden dürfen. Seiner

Klage, ihm Freizeitausgleich im Umfang von 17 Stunden pro Monat zu gewähren, hat das Verwaltungsgericht im Umfang von 7 Stunden pro Monat für die

Zeit ab Oktober 2005 stattgegeben. Das Oberverwaltungsgericht hat die Beklagte verpflichtet, insgesamt 12,11 Stunden pro Monat für die Zeit vom

1. Januar 2002 bis zum 31. Dezember 2006 auszugleichen. Zur Begründung

hat es im Wesentlichen ausgeführt:

3Die wöchentliche Arbeitszeit des Klägers sei in den Jahren 2002 bis 2006 unter

Verstoß gegen Unionsrecht um sechs Wochenstunden zu hoch festgesetzt worden, weil der Bereitschaftsdienst im feuerwehrtechnischen Dienst als Vollarbeitszeit einzustufen sei. Deshalb stehe dem Kläger nach Treu und Glauben

ein angemessener zeitlicher Ausgleich zu. Zu viel geleisteter Bereitschaftsdienst müsse allerdings nur mit einer Quote von 50 % angerechnet werden.

Von dem sich hieraus ergebenden Anspruch von 17,11 Stunden seien nochmals fünf Stunden abzuziehen, da von jedem Beamten in diesem Umfang ausgleichslose Mehrarbeit gefordert werden dürfe.

4Mit seiner Revision rügt der Kläger die Verletzung materiellen Rechts. Er beantragt,

die Beklagte zu verpflichten, dem Kläger für die Zeit vom 1. Januar 2002 bis zum 31. Dezember 2006 Freizeitausgleich von weiteren 4,89 Stunden je Kalendermonat zu gewähren, sowie die Urteile des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 7. Mai 2009 und des Verwaltungsgerichts Minden vom 25. Juli 2007 und den Bescheid der Beklagten vom 8. Dezember 2003 in der Gestalt des Widerspruchsbescheids vom 21. März 2006 aufzuheben, soweit sie dieser Verpflichtung entgegenstehen.

5Die Beklagte beantragt,

die Revision zurückzuweisen.

6Der Vertreter des Bundesinteresses beim Bundesverwaltungsgericht hält das

Berufungsurteil für richtig.

II

7Die Revision des Klägers ist begründet. Er kann einen zeitlichen Ausgleich für

zuviel geleisteten Dienst in dem von ihm beantragten Umfang von insgesamt

17 Stunden pro Monat für die Zeit vom 1. Januar 2002 bis zum 31. Dezember

2006 beanspruchen. Soweit das Urteil des Oberverwaltungsgerichts den geltend gemachten Anspruch im Umfang von 4,89 Stunden im Monat abgewiesen

hat, verletzt es revisibles Recht 127 Nr. 2 BRRG, § 63 Abs. 3 Satz 2 BeamtStG).

8Der geltend gemachte Anspruch folgt aus dem Grundsatz von Treu und Glauben i.V.m. § 78a Abs. 1 Satz 2 LBG NRW in der Fassung der Bekanntmachung

vom 1. Mai 1981 (GV NRW S. 234, ber. 1982, S. 256). Voraussetzung für diesen Anspruch ist eine rechtswidrige Inanspruchnahme des Beamten über die

höchstens zulässige Arbeitszeit hinaus. Der Anspruch ist auf einen zeitlichen

Ausgleich im Umfang der rechtswidrig verlangten Zuvielarbeit gerichtet. Zeiten

des Bereitschaftsdienstes sind in vollem Umfang auszugleichen; ein Abzug von

fünf ausgleichslos zu leistenden Stunden ist jedenfalls in Fällen, in denen die

normativ festgesetzte Höchstarbeitszeit rechtswidrig überschritten worden ist,

nicht zulässig. Zudem entsteht der Ausgleichsanspruch mit Wirkung für die Zukunft erst, wenn der Beamte ihn geltend macht.

9Zieht der Dienstherr einen Beamten auf der Grundlage einer rechtswidrig zu

hoch festgesetzten regelmäßigen Arbeitszeit zum Dienst heran oder nimmt ihn

über die rechtmäßig festgesetzte regelmäßige Arbeitszeit hinaus in Anspruch,

ohne dass die Voraussetzungen für die Anordnung oder Genehmigung von

Mehrarbeit erfüllt sind, so ist diese Inanspruchnahme rechtswidrig (Zuvielarbeit). Soweit das jeweils maßgebliche Bundes- oder Landesbeamtenrecht

keine Regelung dazu enthält, ob und in welchem Umfang eine solche Inanspruchnahme auszugleichen ist, bedeutet dies jedoch nicht, dass derartige Zuvielarbeit folgenlos bleibt. Vielmehr ist die im Einzelfall einschlägige Vorschrift

- im vorliegenden Fall § 78a Abs. 1 Satz 2 LBG NRW a.F. - nach Treu und

Glauben in einer Weise zu ergänzen, die die Interessen des Beamten und des

Dienstherrn auch bei einer rechtswidrigen Inanspruchnahme des Beamten zu

einem billigen Ausgleich bringt und dabei dem Sinn und Zweck der Arbeitszeitregelung gerecht wird. Beamte, die von Zuvielarbeit betroffen sind, haben deshalb einen Anspruch auf angemessene Dienstbefreiung (vgl. Urteil vom 28. Mai

2003 - BVerwG 2 C 28.02 - Buchholz 232 § 72 BBG Nr. 38 S. 6 f. und Beschluss vom 10. Juni 2009 - BVerwG 2 B 26.09 - juris Rn. 5 ff.).

10Im vorliegenden Fall ist der geltend gemachte Anspruch gegeben. Ein Fall der

Zuvielarbeit über die Grenze der höchstens zulässigen Wochenarbeitszeit hinaus liegt vor. Der Kläger hat in den Jahren 2002 bis einschließlich 2006

- abgesehen von zwei weiteren Stunden, für die Freizeitausgleich bereits gewährt worden ist - regelmäßig anstelle der unionsrechtlich zulässigen 48 Wochenstunden 54 Stunden Dienst geleistet. Diese Zuvielarbeit von sechs Stunden wöchentlich ergibt bei pauschalierter Berücksichtigung von Urlaubszeiten

einen Umfang von 24 Stunden im Monat.

11Zwar hat sich die Beklagte bei der Erstellung der Dienstpläne an § 1 Abs. 1 der

Verordnung über die Arbeitszeit der Beamten des feuerwehrtechnischen Dienstes in den Feuerwehren der Gemeinden und Gemeindeverbände des Landes

Nordrhein-Westfalen (AZVOFeu) in den hier maßgeblichen Fassungen vom

29. September 1998 und vom 18. Februar 2003 (GV. NW 1998 S. 589 und

2003 S. 74) sowie des Gesetzes vom 5. April 2005 (GV. NW S. 306) orientiert.

Diese Bestimmung ließ eine regelmäßige Wochenarbeitszeit von durchschnittlich 54 Stunden zu, aufgeteilt in 23 Stunden Vollarbeitszeit und 31 Stunden Bereitschaftsdienst. Nach dem Konzept des Normgebers entsprach dies bei einer

Anrechnung des Bereitschaftsdienstes zu 50 % einer regelmäßigen Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden (vgl. § 2 Abs. 1 Satz 1 der Verordnung über die

Arbeitszeit der Beamten im Lande Nordrhein-Westfalen vom 28. Dezember

1986, GV. NW 1987 S. 15). Die Vorschrift war jedoch, soweit sie eine regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit von mehr als 48 Stunden festsetzte, wegen Verstoßes gegen Art. 6 Buchst. b der Richtlinie 2003/88/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. November 2003 über bestimmte Aspekte der

Arbeitszeitgestaltung (EGRL 2003/88, ABl L 299 vom 18. November 2003, S. 9,

Arbeitszeitrichtlinie) unanwendbar.

12Nach Art. 6 Buchst. b EGRL 2003/88, der Art. 6 Nr. 2 der insoweit inhaltsgleichen Richtlinie 93/104/EG des Rates vom 23. November 1993 über bestimmte

Aspekte der Arbeitszeitgestaltung (ABl L 307 vom 13. Dezember 1993, S. 18)

ersetzt, darf die wöchentliche Arbeitszeit einschließlich der Überstunden einen

Umfang von 48 Stunden nicht überschreiten. Unter Arbeitszeit ist nach Art. 2

Nr. 1 EGRL 2003/88 jede Zeitspanne zu verstehen, während der ein Arbeitnehmer gemäß den einzelstaatlichen Rechtsvorschriften und/oder Gepflogenheiten arbeitet, dem Arbeitgeber zur Verfügung steht und seine Tätigkeit ausübt

oder Aufgaben wahrnimmt. Nach dieser Begriffsbestimmung zählen auch Zeiten des Bereitschaftsdienstes - einschließlich der „inaktiven Zeiten“ - ohne Abstriche als Arbeitszeit, wenn der Beamte sie an einem vom Dienstherrn bestimmten Ort außerhalb des Privatbereichs leistet und sich zu einem jederzeitigen unverzüglichen Einsatz bereithält, und wenn erfahrungsgemäß mit einer

dienstlichen Inanspruchnahme zu rechnen ist (Urteile vom 29. April 2004

- BVerwG 2 C 9.03 - Buchholz 240 § 48 BBesG Nr. 8 Rn. 17 und vom 22. Januar 2009 - BVerwG 2 C 90.07 - Buchholz 240.1 BBesO Nr. 31; EuGH, Urteile

vom 3. Oktober 2000 - Rs. C-303/98, Simap - Slg. 2000, I-7963 und vom

9. September 2003 - Rs. C-151/02, Jäger - Slg. 2003, I- 8389, stRspr). Daraus

folgt, dass Bereitschaftsdienst in die Berechnung der wöchentlichen Arbeitszeit

in vollem Umfang einzubeziehen ist. Die vom Kläger regelmäßig geleisteten

31 Stunden Bereitschaftsdienst zählen daher als Vollarbeitszeit, da die Beamten in der Dienststelle anwesend sein mussten und jederzeit in einen Einsatz

berufen werden konnten (vgl. § 2 Abs. 1 und 2 AZVOFeu).

13Die unionsrechtliche Arbeitszeitrichtlinie (EGRL 2003/88) gilt auch für Feuerwehrleute (vgl. EuGH, Beschluss vom 14. Juli 2005 - Rs. C-52/04, Personalrat

der Feuerwehr Hamburg - Slg. 2005, I- 7111). Sie ist auch unmittelbar anwendbar, da sie trotz eindeutigen Norminhalts nicht hinreichend in deutsches Recht

umgesetzt worden und die Umsetzungsfrist der Vorgängerrichtlinie bereits seit

1996 abgelaufen ist (EuGH, Urteil vom 25. November 2010 - Rs. C-429/09,

Fuß - NZA 2001, 53 Rn. 35 ff.).

14Die Anordnung einer regelmäßigen Arbeitszeit, die über die unionsrechtlich

höchstens zulässige Wochenarbeitszeit hinausgeht, kann auch nicht als Mehrarbeit gerechtfertigt werden. Die Voraussetzungen für die Anordnung oder Genehmigung von Mehrarbeit lagen nicht vor. Zum einen darf die unionsrechtliche

Höchstarbeitszeitgrenze von 48 Wochenstunden auch durch die Anordnung von

Mehrarbeit - außerhalb der vom Unionsrecht vorgesehenen Verfahren - nicht

überschritten werden. Zum anderen soll Mehrarbeit einen vorübergehenden

außergewöhnlichen Bedarf decken (vgl. § 78a Abs. 1 Satz 1 LBG NW), nicht

aber eine dauerhafte Erhöhung der regelmäßigen Wochenarbeitszeit bewirken.

15Der Anspruch ist auf zeitlichen Ausgleich in angemessenem Umfang gerichtet.

Als angemessen ist der zeitliche Ausgleich von Zuvielarbeit grundsätzlich anzusehen, wenn er ebenso lang ist wie der zuvor geleistete rechtswidrig geforderte

Dienst (Urteil vom 28. Mai 2003 a.a.O. Rn. 23). Dabei ist die in Form von Bereitschaftsdienst geleistete Zuvielarbeit mit demselben Gewicht zu bewerten wie

zu viel geleistete Vollarbeitszeit; ein Abzug von weiteren fünf Stunden monatlich

scheidet aus. Allerdings entsteht der Anspruch für die Zukunft erst, wenn er geltend gemacht wird.

16Die Annahme des Oberverwaltungsgerichts, die Zeiten des Bereitschaftsdienstes müssten nicht in demselben Umfang ausgeglichen werden wie Vollarbeitszeit, entspricht nicht dem gebotenen Ausgleich nach Treu und Glauben. Dem

Interesse des Beamten, der die rechtswidrig von ihm verlangte Dienstleistung

- pflichtgemäß - zunächst erbracht hat, an einem vollen Ausgleich für die Überschreitung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit steht kein gleich gewichtiges Interesse des Dienstherrn an einer Reduzierung des Ausgleichsumfangs gegenüber. Dem berechtigten öffentlichen Interesse an der Aufrechterhaltung der

Dienstbereitschaft im feuerwehrtechnischen Dienst kann durch geeignete Maß-

nahmen bei der Erfüllung des Anspruchs auf Freizeitausgleich Rechnung getragen werden. So kann etwa der Zeitraum, in dem der Freizeitausgleich bewirkt werden muss, nach dienstlichen Bedürfnissen verlängert werden, um die

Einsatzbereitschaft dauerhaft sicher zu stellen. Auch das Angebot einer finanziellen Abgeltung des Anspruchs auf Freizeitausgleich kommt in Betracht. Eine

Ermäßigung des zeitlichen Ausgleichs durch eine geringere Gewichtung des

Bereitschaftsdienstes ist hierfür nicht erforderlich. Sie würde dem Ziel des Anspruchs - Ausgleich eines von dem Dienstherrn begangenen Rechtsfehlers (vgl.

Beschluss vom 10. Juni 2009 a.a.O. Rn. 8) - auch nicht gerecht, sondern könnte im Gegenteil als Anreiz für die Fortführung einer derartigen Praxis wirken.

Auch fiskalische Interessen des Dienstherrn an einer Reduzierung des Ausgleichsanspruchs spielen bei der Bemessung des Ausgleichsanspruchs keine

Rolle, da dem Dienstherrn aus einer langjährigen unionsrechtswidrigen Praxis

keine Vorteile erwachsen dürfen.

17Eine geringere Gewichtung des Bereitschaftsdienstes bei der Bemessung des

Ausgleichsanspruchs führt zudem zu einem Wertungswiderspruch zu den

Normzielen des unionsrechtlichen Arbeitszeitrechts. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit, in die sowohl Bereitschaftsdienst in vollem Umfang als auch Überstunden einzurechnen sind, ist zum Schutz der Gesundheit und der Arbeitssicherheit festgelegt worden (vgl. Art. 1 Abs. 1 sowie Erwägungsgründe 4 und 11

EGRL 2003/88). Ein ermäßigter Ausgleich des geleisteten Bereitschaftsdienstes würde diese Schutzziele gefährden. Denn er würde letztlich dazu führen,

dass Überschreitungen der höchstens zulässigen Arbeitszeit, die aus Gründen

des Gesundheitsschutzes und der Arbeitssicherheit vermieden werden sollen,

dauerhaft nur teilweise auszugleichen wären. Den betroffenen Beamten würde

die Möglichkeit, ihre Dienstfähigkeit durch Freizeitausgleich umfassend wieder

herzustellen, teilweise genommen. Mögliche normative Anknüpfungspunkte für

eine geringere Gewichtung des Bereitschaftsdienstes im innerstaatlichen Recht

sind demgegenüber ohne Bedeutung, da sie der Verpflichtung zuwider laufen,

die volle Wirksamkeit des Unionsrechts sicherzustellen. Dies gilt ungeachtet

dessen, dass die Bestimmung von Art und Höhe einer Entschädigung für

Zuvielarbeit nach der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union dem nationalen Recht vorbehalten wird (Urteile vom 5. Mai 1996 - Rs. C-

46/93 und 48/93, Brasserie du pêcheur und Factortame - Slg. 1996 I-1029

Rn. 82 f. und vom 25. November 2010 a.a.O. Rn. 91 ff.; vgl. auch Art. 153

AEUV).

18Der Anspruch auf vollen Ausgleich für Zuvielarbeit über die wöchentliche

Höchstarbeitszeit hinaus kann aus den genannten Gründen auch nicht um fünf

Stunden monatlich reduziert werden. Denn auch dies würde dem Sinn und

Zweck der Arbeitszeitregelung widersprechen. Die Sanktionierung einer unionsrechtswidrigen Praxis würde zudem das Gebot verletzen, die volle Wirksamkeit

des Unionsrechts zu sichern, weil die Überschreitung der normativ festgelegten

Höchstarbeitszeit in diesem Umfang folgenlos bliebe. Zwar sind Beamte grundsätzlich verpflichtet, in gewissem Umfang ausgleichslose Mehrarbeit zu leisten

(vgl. § 78a Abs. 1 LBG NRW a.F., § 61 LBG NRW, § 88 BBG). Dies gilt jedoch

nicht, wenn die unionsrechtlich verbindliche Höchstgrenze der wöchentlichen

Arbeitszeit bereits erreicht ist, da diese durch Mehrarbeitsstunden grundsätzlich

nicht überschritten werden darf (Art. 6 Buchst. b EGRL 2003/88); Abweichungen sind nur im Rahmen der unionsrechtlichen Bestimmungen zulässig (vgl.

Art. 17, 18 und 22 EGRL 2003/88).

19Der Anspruch auf zeitlichen Ausgleich für Zuvielarbeit muss allerdings von dem

Beamten gegenüber seinem Dienstherrn ausdrücklich geltend gemacht werden.

Ein Ausgleich kommt nur für Zuvielarbeit in Betracht, die der Beamte nach Antragstellung leisten muss. Ein Ausgleich der vorher erbrachten Zuvielarbeit ist

unabhängig davon, ob der Anspruch verjährt ist oder nicht, nicht angemessen

und würde dem Grundsatz von Treu und Glauben widersprechen. Dies folgt aus

der sich aus dem Beamtenverhältnis ergebenden Pflicht, auch im Rahmen eines Ausgleichs für rechtswidriges Verhalten auf die Belange des Dienstherrn

Rücksicht zu nehmen und ihm die Möglichkeit zu geben, sich auf die gegen ihn

erhobenen Ansprüche einzustellen. Der Dienstherr hat ein berechtigtes Interesse daran, nicht nachträglich mit hohen Ausgleichsforderungen belastet zu werden. Auch der Zweck des Anspruchs, durch Freizeitausgleich die besonderen

gesundheitlichen Belastungen der Zuvielarbeit auszugleichen, spricht für das

Erfordernis einer Geltendmachung im zeitlichen Zusammenhang mit der Belastung. Hiervon unabhängig ist es dem Beamten in dem von gegenseitiger Rück-

sichtnahme geprägten Verhältnis zu seinem Dienstherrn zuzumuten, seinem

Begehren auf Gewährung von zeitlichem Ausgleich frühzeitig Ausdruck zu verleihen, zumal an einen solchen Antrag keine hohen Anforderungen zu stellen

sind (Urteile vom 27. Mai 2010 - BVerwG 2 C 33.09 - Buchholz 11 Art. 33

Abs. 5 GG Nr. 117 Rn. 14, 15 und vom 13. November 2008 - BVerwG 2 C

16.07 - Buchholz 11 Art. 33 Abs. 5 GG Nr. 101 Rn. 21 ff.).

20Dies ist mit der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union (Urteil vom 25. November 2010 a.a.O. Rn. 71 ff.) vereinbar. Zwar darf die Ausübung der Rechte, die dem Einzelnen aus den unmittelbar anwendbaren Vorschriften des Unionsrechts erwachsen, nicht durch die Ausgestaltung des innerstaatlichen Verfahrensrechts unmöglich gemacht oder übermäßig erschwert

werden. Insbesondere darf der Anspruch eines Beamten auf Ersatz des Schadens, der ihm durch den Verstoß der Behörden gegen Art. 6 Buchst. b der

Richtlinie 2003/88 entstanden ist, nicht davon abhängig gemacht werden, dass

zuvor ein Antrag auf Einhaltung dieser unionsrechtlichen Bestimmung bei seinem Dienstherrn gestellt wurde (EuGH, Urteil vom 25. November 2010 a.a.O.

Rn. 90). Denn das Recht der Europäischen Union ist von den Behörden und

Gerichten der Mitgliedstaaten unabhängig davon anzuwenden, ob seine Anwendung ausdrücklich beantragt worden ist oder nicht. Dies steht jedoch dem

Erfordernis eines Antrags auf Gewährung von zeitlichem Ausgleich für die Zukunft nicht entgegen. Ohne einen derartigen Antrag muss der Dienstherr nicht

davon ausgehen, jeder Beamte werde die Überschreitung der zulässigen Arbeitszeit beanstanden, zumal ihn zunächst die Pflicht trifft, die von ihm verlangte Zuvielarbeit zu leisten. Der Antrag ist vielmehr erforderlich, eine Prüfung mit

dem Ziel herbeizuführen, die Belange des Beamten zu berücksichtigen und die

Dienstpläne entsprechend anzupassen. Eine übermäßige Erschwerung der

Durchsetzung von Unionsrecht liegt darin ebenso wenig wie beispielsweise in

der normativen Festsetzung angemessener Ausschluss- und Verjährungsfristen

(vgl. zu § 15 Abs. 4 AGG EuGH, Urteil vom 8. Juli 2010 - Rs. C-246/09,

Bulicke - NZA 2010, 869).

21Nach diesen Maßstäben ist der vom Kläger geltend gemachte Anspruch in vollem Umfang gegeben; die Beschränkung auf 17 Stunden monatlich ergibt sich

daraus, dass der Kläger seinen Antrag auf diesen Umfang beschränkt hat. Der

Kläger hat auch den erforderlichen Antrag rechtzeitig, nämlich im Dezember

2001 mit Wirkung für die Zeit ab Januar 2002, gestellt.

22Ob der Kläger zusätzlich einen unmittelbar aus Unionsrecht abgeleiteten Anspruch geltend machen kann (vgl. EuGH, Urteil vom 25. November 2010

a.a.O.), muss nicht entschieden werden. Denn der auf Treu und Glauben gestützte Anspruch auf Freizeitausgleich wird dem vom Gerichtshof der Europäischen Union aufgestellten Erfordernis gerecht, dass die Entschädigung dem

erlittenen Schaden angemessen ist und dass ein effektiver Schutz der unionsrechtlichen Rechte des Einzelnen gewährleistet wird (vgl. EuGH, Urteil vom

25. November 2010 a.a.O. Rn. 91 ff.).

23Die Kostenentscheidung ergibt sich aus § 154 Abs. 1 VwGO.

Herbert Dr. Heitz Dr. Maidowski

Dr. Hartung Dr. von der Weiden

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5 C 19.11 vom 10.01.2013

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9 VR 4.13 vom 28.05.2013

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6 B 107.08 vom 22.08.2007

Anmerkungen zum Urteil