Urteil des BVerwG vom 07.11.2011, 2 B 91.11

Entschieden
07.11.2011
Schlagworte
Beamtenverhältnis, Altersgrenze, Verwaltung, Ausnahme, Gewinnung, Überschreitung, Geburt, Dienstpflicht, Pflege, Begriff
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BESCHLUSS

BVerwG 2 B 91.11 OVG 6 A 57/11

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 2. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 7. November 2011 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Herbert und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Maidowski und Dr. Hartung

beschlossen:

Die Beschwerde der Klägerin gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 11. April 2011 wird zurückgewiesen.

Die Klägerin trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.

Der Wert des Streitgegenstandes für das Beschwerdeverfahren wird auf die Wertstufe bis 30 000 festgesetzt.

G r ü n d e :

1Die Nichtzulassungsbeschwerde bleibt ohne Erfolg.

2Die 1964 geborene Klägerin studierte die Fächer Deutsch und Geographie. Sie

legte die Erste und Zweite Staatsprüfung für das Lehramt für die Sekundarstufe

I und II in den Jahren 1992 und 1994 ab und war zwischen 1995 und 1999 als

Redakteurin tätig. Seit 1999 steht sie in einem befristeten, seit dem Schuljahr

2000/2001 in einem unbefristeten Angestelltenverhältnis im öffentlichen Schuldienst des beklagten Landes. Im August 2002 beantragte sie erfolglos die

Übernahme in das Beamtenverhältnis. Einen weiteren Antrag stellte sie im April

2009. Die Bezirksregierung Münster lehnte diesen Antrag mit der Begründung

ab, die Höchstaltersgrenze von 40 Jahren gem. § 6 Abs. 1 und § 52 Abs. 1 der

Verordnung über die Laufbahnen der Beamten im Lande Nordrhein-Westfalen

in der seit dem 18. Juli 2009 geltenden Fassung (LVO NRW n.F.) stehe einer

Übernahme in das Beamtenverhältnis entgegen. Das Begehren der Klägerin

blieb vor dem Verwaltungsgericht und dem Oberverwaltungsgericht erfolglos.

3Die Rechtssache hat nicht die grundsätzliche Bedeutung 132 Abs. 2 Nr. 1

VwGO), die die Klägerin ihr zumisst.

41. Eine Rechtssache hat grundsätzliche Bedeutung, wenn sie eine abstrakte, in

dem zu entscheidenden Fall erhebliche Frage des revisiblen Rechts mit einer

über den Einzelfall hinausgehenden allgemeinen Bedeutung aufwirft, die im

Interesse der Einheitlichkeit der Rechtsprechung oder im Interesse der Rechtsfortbildung in einem Revisionsverfahren geklärt werden muss.

5Grundsätzliche Bedeutung kommt einer Rechtssache nicht allein deshalb zu,

weil zu einer Rechtsfrage noch keine obergerichtlichen Entscheidungen vorliegen oder die Frage für eine Vielzahl von Verfahren relevant ist. Wenn die Frage

auf der Grundlage des Gesetzeswortlauts mit Hilfe der üblichen Regeln sachgerechter Auslegung und auf der Grundlage einschlägiger Rechtsprechung zu

einzelnen Aspekten der aufgeworfenen Problematik beantwortet werden kann,

bedarf es der Durchführung eines Revisionsverfahrens nicht. Soweit in Gerichtsentscheidungen Ausführungen in die Gestalt eines obiter dictum gekleidet

sind, können auch diese - ungeachtet der Frage ihrer prozessualen Bindungswirkung - Aufschluss darüber geben, wie eine relevante Rechtsnorm auszulegen ist. Schließlich verleiht auch der Umstand, dass das Berufungsgericht in

den Entscheidungsgründen nicht auf alle Einzelheiten der abweichenden Auffassungen anderer Verwaltungsgerichte zu einer Rechtsfrage eingegangen ist,

dieser Frage keine grundsätzliche Bedeutung. Dass einzelne Verwaltungsgerichte wegen der von der Beschwerde aufgeworfenen Fragen die Berufung oder

Revision bzw. Sprungrevision zugelassen haben, führt gleichfalls nicht zur Annahme einer grundsätzlichen Bedeutung (Beschluss vom 24. Januar 2011

- BVerwG 2 B 2.11 Buchholz 237.7 § 15 NWLBG Nr. 9).

62. Soweit die Beschwerde die Frage aufwirft, ob die neue Laufbahnverordnung

den Vorgaben des Bundesverwaltungsgerichts entspricht, genügt sie den Darlegungsanforderungen des § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO nicht, weil damit keine

konkrete klärungsbedürftige Rechtsfrage benannt ist. Die von der Beschwerde

der Sache nach als rechtsgrundsätzlich bedeutsam aufgeworfene Frage, ob

§ 6, § 52 Abs. 1 und § 84 Abs. 2 LVO NRW n.F. wegen Verstoßes gegen höherrangiges Recht unwirksam sind, kann anhand der vorliegenden Senatsrechtsprechung im verneinenden Sinne beantwortet werden, ohne dass es der

Durchführung eines (weiteren) Revisionsverfahrens bedarf (Beschluss vom

24. Januar 2011 a.a.O.). Auch dem Beschluss vom 16. März 2011 (BVerwG 2 B

43.11) lässt sich entgegen der Annahme der Beschwerde nicht entnehmen,

dass die laufbahnrechtlichen Vorschriften den sich aus dem Senatsurteil vom

19. Februar 2009 (BVerwG 2 C 18.07 - BVerwGE 133, 143 <145 f.> = Buchholz

237.7 § 15 NWLBG Nr. 6) ergebenden Anforderungen nicht entsprächen.

7Nach § 6 Abs. 1 i.V.m. § 52 Abs. 1 LVO NRW n.F. darf als Laufbahnbewerber

für die Laufbahnen u.a. der Lehrer an Schulen in das Beamtenverhältnis auf

Probe nur eingestellt oder übernommen werden, wer das 40. Lebensjahr noch

nicht vollendet hat. Eine derartige Einstellungsaltersgrenze schränkt den Leistungsgrundsatz (Art. 33 Abs. 2 GG) ein, dessen Geltung für den Zugang zu öffentlichen Ämtern unbeschränkt und vorbehaltlos gewährleistet wird. Bewerber

dürfen nur aus Gründen zurückgewiesen werden, die unmittelbar Eignung, Befähigung und fachliche Leistung betreffen. Das Lebensalter kann nur dann ein

Eignungsmerkmal sein, wenn die Annahme berechtigt ist, dass ein Bewerber

typischerweise den Anforderungen eines Amtes nicht mehr genügt, wenn er ein

bestimmtes Alter überschreitet (vgl. zum Polizeivollzugsdienst BVerwG, Urteil

vom 24. September 2009 - BVerwG 2 C 31.08 - Buchholz 11 Art. 33 Abs. 2 GG

Nr. 44; zum Feuerwehrdienst EuGH, Urteil vom 12. Januar 2010 - Rs. C-229/08

Wolf - NVwZ 2010, 244). Im Übrigen können Altersgrenzen den Leistungsgrundsatz nur einschränken, soweit sie im Lebenszeitprinzip als einem durch

Art. 33 Abs. 5 GG gewährleisteten hergebrachten Grundsatz des Berufsbeamtentums angelegt sind und die beiden gegenläufigen Verfassungsgrundsätze in

einen angemessenen Ausgleich bringen (Urteil vom 19. Februar 2009 a.a.O.).

8Gemessen an diesen Anforderungen ist das Einstellungshöchstalter des vollendeten 40. Lebensjahres 6 Abs. 1 und § 52 Abs. 1 LVO NRW n.F.) nicht zu

beanstanden. Das Lebensalter stellt für den Lehrerberuf zwar kein Eignungsmerkmal dar. Die Regelung ist jedoch gerechtfertigt. Sie beruht auf einer hinreichenden gesetzlichen Grundlage 5 Abs. 1 des Beamtengesetzes für das

Land Nordrhein-Westfalen). Der mit ihr verfolgte Zweck, ein ausgewogenes

Verhältnis von Arbeitsleistung und Versorgungsansprüchen sicherzustellen und

dem Interesse des Dienstherrn an ausgewogenen Altersstrukturen zu entsprechen, bringt die beiden gegenläufigen Verfassungsgrundsätze des Leistungsgrundsatzes sowie des Lebenszeitprinzips in einen angemessenen Ausgleich.

Der Verordnungsgeber hat den ihm zukommenden Spielraum bei der Festlegung einer Altersgrenze auch nicht überschritten. Er war auch nicht daran ge-

hindert, die bisherige Staffelung von Altersgrenzen durch eine einfachere Regelung zu ersetzen. Der Umstand, dass die Gesetzesbegründung möglicherweise

nicht alle maßgeblichen Aspekte ausdrücklich benennt, rechtfertigt nicht die

Annahme, die getroffene Regelung stehe im Widerspruch zu übergeordnetem

Recht. Im Übrigen ist die Verhältnismäßigkeit des normierten Höchstalters

durch mehrere dem Gesetzesvorbehalt entsprechende Ausnahmemöglichkeiten

gesichert. § 6 Abs. 1 und § 52 Abs. 1 LVO NRW n.F. sind auch am Maßstab

des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes und des Unionsrechts nicht zu

beanstanden (vgl. zum AGG und zur Richtlinie 2000/78/EG, bezogen auf die

alte Fassung der LVO NRW, Urteil vom 19. Februar 2009 a.a.O. S. 146 ff.).

9Die Neufassung der nordrhein-westfälischen Laufbahnverordnung ermöglicht

eine Überschreitung der Altersgrenze zunächst in den typischen Verzögerungsfällen, in denen sich die Einstellung oder Übernahme wegen der Ableistung einer Dienstpflicht nach Art. 12a GG, wegen der Teilnahme an einem freiwilligen

sozialen Jahr, wegen der Geburt oder Betreuung von Kindern oder der Pflege

von Angehörigen verzögert hat, ohne dass die Verwaltung insoweit eine Ermessensentscheidung zu treffen hätte 6 Abs. 2 LVO NRW n.F., vgl. Urteil

vom 19. Februar 2009 a.a.O. S. 152 f.). Zudem ist die Altersgrenze zugunsten

von schwerbehinderten und ihnen gleichgestellten behinderten Menschen auf

43 Jahre festgesetzt (vgl. Urteil vom 19. Februar 2009 - BVerwG 2 C 55.07 -

Buchholz 237.7 § 15 NWLBG Nr. 7). In Fällen, in denen eine Verbeamtung an

Verhaltensweisen der Bewerber scheitern würde, die im öffentlichen Interesse

liegen, ist damit ein nicht der freien Entscheidung der Verwaltung überlassener

Ausgleich geschaffen worden.

10Zusätzlich können nach § 84 Abs. 2 Nr. 1 LVO NRW n.F. Ausnahmen vom Einstellungshöchstalter zugelassen werden, wenn in Einzelfällen oder Gruppen

von Fällen der Dienstherr ein erhebliches dienstliches Interesse an der Gewinnung oder Bindung von Bewerbern hat. Diese Regelungen werden auch im

Hinblick auf die darin enthaltenen unbestimmten Rechtsbegriffe dem rechtsstaatlichen Gebot der Normklarheit gerecht. Sie ermöglichen eine vorhersehbare und einheitliche Verwaltungspraxis, weil insbesondere der Begriff des erheblichen dienstlichen Interesses durch § 84 Abs. 2 Satz 2 LVO NRW n.F. näher

bestimmt wird und im Zusammenhang des geregelten Sachgebiets sachgerecht

ausgelegt werden kann (vgl. Urteile vom 13. August 2008 - BVerwG 2 C 41.07 -

Buchholz 237.7 § 48 NWLBG Nr. 2 Rn. 10, vom 30. März 2006 - BVerwG 2 C

23.05 - Buchholz 236.2 § 76 c DRiG Nr. 1 und vom 25. Juni 2009 - BVerwG 2 C

68.08 - Buchholz 232.0 § 46 BBG 2009 Nr. 1). Er zielt auf die für die Einstellung

von Lehrern in den Schuldienst praktisch relevante und häufig anzutreffende

Situation eines Bewerbermangels bei bestimmten Fächern oder Fächerkombinationen; in solchen Situationen kann es erforderlich sein, durch die begrenzte

Abweichung von dem geltenden Einstellungshöchstalter Anreize zu schaffen,

um die Versorgung der Schulen mit qualifiziertem Lehrpersonal zu sichern. Der

Umstand, dass neben der Gewinnung auch die Bindung von Fachkräften einen

Grund für die Zulassung von Ausnahmen vom Einstellungshöchstalter darstellen kann 84 Abs. 2 Nr. 1 LVO NRW n.F.), führt entgegen der Auffassung der

Beschwerde nicht zu einer mit höherrangigem Recht unvereinbaren Normunklarheit, da sich der Bedeutungsgehalt beider Begriffe der Norm nach ihrem

Zweck ohne Weiteres entnehmen lässt. In welchem Umfang Abweichungen von

§ 6 Abs. 1 und § 52 Abs. 1 LVO NRW n.F. jeweils ermessensgerecht sind, welche Fächer bzw. Fächerkombinationen betroffen sind und welche Umstände

der jeweiligen Bedarfssituation in die Entscheidung über die Gewährung einer

Ausnahme vom Einstellungshöchstalter einzufließen haben, sind hingegen Fragen des Einzelfalles, die sich einer rechtsgrundsätzlichen Klärung im Revisionsverfahren entziehen.

11Eine weitere Ausnahme vom Einstellungshöchstalter ist nach § 84 Abs. 2 Nr. 2

LVO NRW n.F. in Einzelfällen unverschuldeter Verzögerung des beruflichen

Werdegangs zulässig, in denen die Anwendung der Altersgrenze unbillig wäre.

Auch diese Regelung ist in einer dem Gebot der Normklarheit genügenden

Weise als eng gefasste und an eine Nachweisobliegenheit des Bewerbers geknüpfte Ausnahme vom Einstellungshöchstalter zu verstehen und bietet der

Verwaltung nicht die Möglichkeit, ohne jede Bindung an normative Vorgaben

eine Praxis im Widerspruch zur Laufbahnverordnung zu begründen. Auch insoweit ist allerdings im Revisionsverfahren die abschließende Klärung aller einzelfallbezogenen Aspekte der Rechtsanwendung nicht möglich.

123. Schließlich wirft auch der Umstand, dass das Berufungsgericht über die Klage am Maßstab der nordrhein-westfälischen Laufbahnverordnung in der seit

dem 18. Juli 2009 - also nach dem Eingang des Antrags auf Einstellung in das

Probebeamtenverhältnis - geltenden Fassung entschieden hat, keine rechtsgrundsätzlich bedeutsamen Fragen auf, die einer Beantwortung in einem Revisionsverfahren bedürften. Die Neuregelung der Laufbahnverordnung ist zu einem Zeitpunkt (18. Juli 2009) in Kraft getreten, als die Verfahrensbeteiligten der

zahlreichen nach der Senatsentscheidung vom 19. Februar 2009 eingeleiteten

Verfahren über Anträge auf Übernahme in das Beamtenverhältnis mit einer solchen Regelung bei einer an § 75 VwGO orientierten Betrachtung noch rechnen

mussten.

13Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO. Die Festsetzung des

Streitwerts beruht für das Beschwerdeverfahren auf § 47 Abs. 1 und 3 sowie

§ 52 Abs. 5 Satz 1 Nr. 2 GKG.

Herbert Dr. Maidowski Dr. Hartung

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5 C 19.11 vom 10.01.2013

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Anmerkungen zum Urteil