Urteil des BVerwG vom 21.06.2007, 2 B 28.07

Entschieden
21.06.2007
Schlagworte
Überzeugung, Wahrscheinlichkeit, Prozessrecht, Verwaltungsprozess, Täterschaft, Vereidigung, Unrichtigkeit, Beweisantrag, Offenkundig, Beweismittel
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BESCHLUSS

BVerwG 2 B 28.07 (2 PKH 1.07) OVG 21d A 1884/05.BDG

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 2. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 21. Juni 2007 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Albers und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Müller und Dr. Heitz

beschlossen:

Der Antrag des Beklagten, ihm Prozesskostenhilfe für das Beschwerdeverfahren zu bewilligen, wird abgelehnt.

Die Beschwerde des Beklagten gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 8. November 2006 wird zurückgewiesen.

Der Beklagte trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.

Gründe:

1Dem Beklagten kann die beantragte Prozesskostenhilfe nicht bewilligt werden,

weil die Nichtzulassungsbeschwerde, die nach Ablauf der gesetzlichen Begründungsfrist nicht mehr auf neue Gesichtspunkte gestützt werden kann, keine

hinreichende Aussicht auf Erfolg bietet. Daher kommt auch die Beiordnung des

Prozessbevollmächtigten des Beklagten nicht in Betracht 166 VwGO, § 114

Satz 1, § 121 Abs. 1 ZPO, § 3 BDG).

2Die auf den Zulassungsgrund des Verfahrensmangels gemäß § 132 Abs. 2

Nr. 3 VwGO, § 69 BDG gestützte Nichtzulassungsbeschwerde kann keinen Erfolg haben. Der Beklagte hat nicht gemäß § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO, § 69

BDG dargelegt, dass dem Berufungsurteil ein Verfahrensmangel anhaftet.

3Dem Berufungsurteil, durch das dem Beklagten das Ruhegehalt aberkannt

worden ist, liegt die Überzeugung des Oberverwaltungsgerichts zugrunde, der

Beklagte habe seine Dienstpflichten dadurch schwerwiegend verletzt, dass er

am 20. Juli 2002 dem Mäppchen des Postzustellers N., das dieser am Vortag

mit einem Nachnahmebetrag von 1 152,35 in das verschlossene Trommel-

wertgelass der Poststelle N. geworfen habe, 600 entnommen und für eigene

Zwecke verwendet habe. Das Oberverwaltungsgericht hat ausgeführt, aufgrund

der glaubhaften Aussagen der Zeugen N. und K. stehe fest, dass der Zeuge N.

den Nachnahmebetrag von der Zeugin K. erhalten habe, ihm weder Geld entwendet noch sonst wie abhanden gekommen sei, er den Betrag in voller Höhe

in das Mäppchen gesteckt und dieses eingeworfen habe. Daher sei der Nachweis der Täterschaft des Beklagten erbracht, weil nur der Beklagte einen

Schlüssel für das Trommelwertgelass gehabt habe. Es habe zu seinen dienstlichen Aufgaben gehört, die Mäppchen der Postzusteller jeden Morgen herauszunehmen und an die Zustellkasse weiterzuleiten. Der Beklagte sei nicht als

Partei zu vernehmen gewesen. Denn nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme

und dem Inhalt der Berufungsverhandlung spreche nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für seine Darstellung, er habe in dem Mäppchen des Zeugen N.

nur 552,35 vorgefunden.

4Der Beklagte macht geltend, das Oberverwaltungsgericht habe seinen Anspruch auf Gewährung rechtlichen Gehörs verletzt, weil es zwei gegen seine

Täterschaft sprechende Gesichtspunkte nicht berücksichtigt habe. Zum einen

sei es nicht darauf eingegangen, dass es für ihn, wenn er sich den Betrag von

600 tatsächlich zugeeignet hätte, wesentlich sinnvoller gewesen wäre, das

Mäppchen unverzüglich an die Zustellkasse weiterzuleiten, anstatt nach dem

Fehlbetrag zu forschen und diesen selbst zu melden. Denn bei sofortiger Weiterleitung wäre er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in Verdacht geraten. Zum

anderen habe das Oberverwaltungsgericht dem Zeugen N. geglaubt, ohne in

Erwägung zu ziehen, dass auch dieser ein Motiv für eine Falschaussage gehabt

habe. Auch der Zeuge habe mit disziplinarischen Maßnahmen rechnen

müssen, wenn sich herausgestellt hätte, dass er das Geld unterschlagen habe

oder es ihm aufgrund seiner Nachlässigkeit abhanden gekommen sei. Daran

anknüpfend rügt der Beklagte, das Oberverwaltungsgericht hätte ihn antragsgemäß als Partei vernehmen müssen.

5Zwar ist das Oberverwaltungsgericht in den Urteilsgründen auf die beiden angeführten Gesichtspunkte des Vorbringens des Beklagten nicht gesondert ein-

gegangen. Dies rechtfertigt jedoch nicht die Annahme, es habe dem Beklagten

insoweit das rechtliche Gehör versagt.

6Das Gebot der Gewährung rechtlichen Gehörs gemäß Art. 103 Abs. 1 GG,

§ 108 Abs. 2 VwGO, § 3 BDG verpflichtet das Gericht, die Ausführungen der

Verfahrensbeteiligten umfassend zur Kenntnis zu nehmen und bei der Entscheidungsfindung in Erwägung zu ziehen. Allerdings ist das Gericht nicht

gehalten, das gesamte Vorbringen in den Entscheidungsgründen wiederzugeben und zu jedem einzelnen Gesichtspunkt Stellung zu nehmen. Denn

gemäß § 108 Abs. 1 Satz 2 VwGO, § 3 BDG sind in dem Urteil nur diejenigen

Gründe anzugeben, die für die richterliche Überzeugung leitend gewesen sind.

Somit kann sich das Gericht auf die Darstellung und Würdigung derjenigen tatsächlichen und rechtlichen Gesichtspunkte beschränken, auf die es nach seinem Rechtsstandpunkt entscheidungserheblich ankommt. Dementsprechend

kann aus dem Umstand, dass das Gericht einen Aspekt des Vorbringens eines

Beteiligten in den Urteilsgründen nicht abgehandelt hat, nur dann der Schluss

auf dessen Nichtberücksichtigung bei der Entscheidungsfindung gezogen werden, wenn er nach dem Rechtsstandpunkt des Gerichts eine Frage von zentraler Bedeutung betrifft (BVerfG, Beschluss vom 19. Mai 1992 - 1 BvR 986/91 -

BVerfGE 86, 133 <145 f.>; BVerwG, Urteil vom 5. Juli 1994 - BVerwG 9 C

158.94 - BVerwGE 96, 200 <209 f.>; stRspr).

7Die Gehörsrügen des Beklagten richten sich gegen die Sachverhalts- und Beweiswürdigung des Oberverwaltungsgerichts. Diese ist vom Revisionsgericht

nur daraufhin nachzuprüfen, ob die allgemeinen Regeln der Beweiswürdigung

eingehalten sind. Das Tatsachengericht darf sich seine Überzeugung nicht aufgrund eines Sachverhaltsirrtums gebildet und nicht gegen gesetzliche Beweisregeln, allgemeine Erfahrungssätze sowie gegen die Gebote der Logik (Denkgesetze) und der rationalen Beurteilung verstoßen haben (Urteile vom 2. Februar 1984 - BVerwG 6 C 134.81 - BVerwGE 68, 338 <339 f.> und vom 25. Juni

1992 - BVerwG 3 C 16.90 - Buchholz 412.3 § 6 BVFG Nr. 68; Beschluss vom

2. November 1995 - BVerwG 9 B 710.94 - Buchholz 310 § 108 VwGO Nr. 266;

stRspr).

8Nach den Feststellungen des Oberverwaltungsgerichts hat nur der Beklagte auf

den Inhalt der Mäppchen in dem verschlossenen Trommelwertgelass zugreifen

können, weil nur er im Besitz eines Schlüssels zum Öffnen des Gelasses gewesen ist. Daraus hat das Oberverwaltungsgericht gefolgert, dass nur der Beklagte als Täter in Betracht kommen könne, wenn die Richtigkeit der Angaben

des Zeugen N. nachgewiesen sei, er habe am 19. Juli 2002 sein Mäppchen mit

dem vollständigen Nachnahmebetrag von 1 152,35 in das Gelass geworfen.

Folgerichtig hat es den Schwerpunkt der Sachverhalts- und Beweiswürdigung

auf die Prüfung dieser Frage gelegt. Dementsprechend hat das

Oberverwaltungsgericht, nachdem es sich seine Überzeugung von dem pflichtgemäßen Handeln des Zeugen N. gebildet hatte, den Schluss gezogen, der

Beklagte habe das Geld entwendet.

9Diese Beweisführung ist nachvollziehbar und in sich stimmig; sie lässt einen

Verstoß gegen eine Beweiswürdigungsregel nicht erkennen. Daraus folgt, dass

es aus der Sicht des Oberverwaltungsgerichts aufgrund seiner Überzeugung

von der Glaubhaftigkeit der Einlassungen des Zeugen N. nicht geboten war,

den Umstand gesondert abzuhandeln, dass der Beklagte das Mäppchen nicht

unverzüglich an die Zustellkasse weitergeleitet hat. Denn diesem Aspekt hat

das Oberverwaltungsgericht keine maßgebende Bedeutung beizumessen brauchen, weil es nach seiner Beweisführung den Beklagten bereits aufgrund des

Nachweises des Einwurfs des Mäppchens mit dem vollständigen Nachnahmebetrag für überführt gehalten hat. Die Beschwerdebegründung legt auch nicht

dar, dass der vorgetragene Aspekt zwangsläufig die Glaubhaftigkeit der Angaben des Zeugen N. erschüttern könnte; zumal dessen Abrechnungsunterlagen

den Nachnahmebetrag in voller Höhe ausgewiesen haben.

10Da die Bedeutung der Aussage des Zeugen N. offenkundig war, liegt auf der

Hand, dass sich sowohl das Oberverwaltungsgericht als auch der Zeuge darüber im Klaren gewesen sind, dass diesem Sanktionen drohten, wenn er sich

anders eingelassen hätte. Dass das Oberverwaltungsgericht die Situation des

Zeugen in Erwägung gezogen hat, wird durch dessen Vereidigung und durch

die eingehende Darlegung der Gründe belegt, auf die es seine Überzeugung

von der Richtigkeit seiner Angaben und demzufolge von der Unrichtigkeit der

inhaltlich abweichenden Angaben des Beklagten gestützt hat. Es hat den vereidigten Zeugen N. aufgrund der Stimmigkeit seiner Angaben, seines Aussageverhaltens, seiner Unbescholtenheit und der ihm erteilten Belehrung über die

straf- und disziplinarrechtlichen Folgen einer auch nur fahrlässigen Falschaussage für glaubwürdig gehalten. Demgegenüber hat es den Beklagten für unglaubwürdig gehalten, weil dieser damals mehrfach Nachnahmebeträge „geschoben“ habe, ihn finanzielle Sorgen geplagt hätten und er dem Zeugen N.

vorgeschlagen habe, sich die 600 zu teilen.

11Schließlich hat das Oberverwaltungsgericht das rechtliche Gehör des Beklagten

nicht dadurch verletzt, dass es ihn trotz eines entsprechenden Beweisantrages

nicht als Partei vernommen hat. Das Gebot der Gewährung rechtlichen Gehörs

verpflichtet das Gericht, einem Beweisantrag nachzugehen, wenn die unter

Beweis gestellte Tatsachenbehauptung nach seinem Rechtsstandpunkt erheblich ist und die Ablehnung des Beweisantrages im Prozessrecht keine Stütze

findet (BVerfG, Beschluss vom 30. Januar 1985 - 1 BvR 393/84 - BVerfGE 69,

141 <143 f.>; BVerwG, Beschluss vom 14. Juni 2005 - BVerwG 2 B 108.04 -

Buchholz 235.1 § 58 BDG Nr. 1; stRspr).

12Die Ablehnung der Parteivernehmung steht mit Prozessrecht in Einklang: Da

die zivilprozessualen Vorschriften über die Parteivernehmung gemäß §§ 445 bis

449 ZPO im Verwaltungsprozess gemäß § 98 VwGO, § 3 BDG nicht anzuwenden sind, richtet sich nach allgemeinen, sich aus § 86 Abs. 1 VwGO ergebenden Grundsätzen, ob und in welchem Umfang im Verwaltungsprozess und

damit auch im disziplinargerichtlichen Verfahren nach dem Bundesdisziplinargesetz (vgl. § 3 BDG) eine Parteivernehmung gemäß § 96 Abs. 1 Satz 2 VwGO

stattzufinden hat. Danach kommt sie regelmäßig nur als letztes Hilfsmittel zur

Aufklärung des Sachverhaltes in Betracht, wenn trotz Ausschöpfung aller anderen Beweismittel noch Zweifel bestehen. Es muss weiterhin eine gewisse

Wahrscheinlichkeit für die unter Beweis gestellte Behauptung der Partei bestehen (Urteil vom 30. August 1982 - BVerwG 9 C 1.81 - Buchholz 402.24 § 28

AuslG Nr. 41; Beschluss vom 16. Juli 1996 - BVerwG 3 B 44.96 - Buchholz

418.00 Nr. 95; stRspr).

13Demnach hat das Tatsachengericht die Entscheidung darüber, ob die Voraussetzungen für eine Parteivernehmung gegeben sind, aufgrund einer Sachverhalts- und Beweiswürdigung zu treffen, die nur auf die Einhaltung der Beweiswürdigungsregeln zu überprüfen ist. Das Oberverwaltungsgericht hat die Ablehnung der Parteivernehmung damit begründet, nach dem Ergebnis der

durchgeführten Beweisaufnahme und dem Inhalt der Berufungsverhandlung

spräche nichts mehr für die Richtigkeit der Angaben des Beklagten. Weder hat

der Beklagte dargelegt noch ist sonst ersichtlich, dass es damit gegen eine

Beweiswürdigungsregel verstoßen hat.

14Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO, § 77 Abs. 4 BDG. Gerichtliche Gebühren werden gemäß § 78 Abs. 1 Satz 1 BDG nicht erhoben.

Albers Dr. Müller Dr. Heitz

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5 C 19.11 vom 10.01.2013

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9 VR 4.13 vom 28.05.2013

BVerwG (treu und glauben, rechtliches gehör, zivildienst, verwaltungsgericht, rechtssatz, bundesverwaltungsgericht, einberufung, beschwerde, ausbildung, zdg)

6 B 107.08 vom 22.08.2007

Anmerkungen zum Urteil