Urteil des BVerwG vom 20.05.2015, 2 A 9.13

Entschieden
20.05.2015
Schlagworte
Eugh, Diskriminierung, Gleichbehandlung, Beruf, Klagerücknahme, Verkündung, Entschädigung, Besoldungsstufe, Nachzahlung, Schadenersatz
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

BVerwG 2 A 9.13

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 2. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 20. Mai 2015 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Domgörgen und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. von der Weiden, Dr. Hartung, Dr. Kenntner und Dollinger

ohne mündliche Verhandlung für Recht erkannt:

Soweit die Klage zurückgenommen wurde, wird das Verfahren eingestellt.

Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten des Verfahrens.

G r ü n d e :

I

1Der Kläger beansprucht eine Besoldung nach der höchsten Stufe seiner Besoldungsgruppe, weil er meint, die besoldungsrechtliche Einstufung nach dem Lebensalter benachteilige ihn wegen seines Lebensalters.

2Der 1980 geborene Kläger steht als Regierungsobersekretär (Besoldungsgruppe A 7 BBesO) im Dienst der Beklagten. Ab Januar 2008 wurde er nach der

Dienstaltersstufe 4 besoldet. Mit am 5. Januar 2012 bei der Behörde eingegangenem Schreiben vom 29. Dezember 2011 beantragte der Kläger unter Hinweis

darauf, das Besoldungsrecht wirke altersdiskriminierend, die "rückwirkende

Bemessung (seines) Grundgehalts nach der Stufe 12" für die Zeit ab Januar

2008 bis Juni 2009. Diesen Antrag legte die Behörde als Widerspruch aus, den

sie mit Widerspruchsbescheid vom 24. August 2012 als unbegründet zurückwies.

3Den dagegen von dem nunmehr anwaltlich vertretenen Kläger am 13. August

2013 erneut erhobenen Widerspruch sowie seinen darin enthaltenen weiteren

Antrag, ihm auch ab dem 1. Juli 2009 fortlaufend ein Grundgehalt nach der

höchsten Besoldungsstufe der Besoldungsgruppe A 7 BBesO zu zahlen, wies

die Behörde mit Widerspruchsbescheid vom 4. September 2013 abermals als

unbegründet zurück. Ein Anspruch auf Neuberechnung der Besoldung und auf

eine darauf gestützte Nachzahlung bestehe nicht. Weder verstoße das Bundesbesoldungsgesetz gegen das in der Richtlinie 2000/78/EG normierte Verbot

der Altersdiskriminierung noch sei der erhobene Anspruch zeitnah geltend gemacht worden.

4Am 1. Oktober 2013 hat der Kläger Klage erhoben, zu deren Begründung er

vorträgt, die Beamtenbesoldung nach Besoldungsstufen in Anknüpfung an das

Lebensalter verstoße gegen das Verbot der Altersdiskriminierung und die Voraussetzungen für Schadenersatz aufgrund des unionsrechtlichen Haftungsanspruchs lägen vor.

5Nachdem der Kläger seine zunächst auf den Zeitraum vom 1. Januar 2008 bis

zum 1. Oktober 2013 erstreckte Zahlungsklage für die Zeit ab dem 1. Juli 2009

und die Feststellungsklage zurückgenommen hat, beantragt er zuletzt sinngemäß,

den Beklagten unter Aufhebung der Widerspruchsbescheide vom 24. August 2012 und vom 4. September 2013 zu verurteilen, dem Kläger für den Zeitraum vom 1. Januar 2008 bis zum 30. Juni 2009 einen Betrag in Höhe von 4 747,90 brutto nebst 5 % Zinsen über dem Basiszinssatz seit Rechtshängigkeit nachzuzahlen.

6Die Beklagte beantragt,

die Klage abzuweisen.

7Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die gewechselten Schriftsätze der Beteiligten sowie auf die dem Senat vorliegende

Behördenakte verwiesen.

II

8Der Senat entscheidet über die Klage im Einverständnis der Verfahrensbeteiligten ohne mündliche Verhandlung 101 Abs. 2 VwGO).

9Soweit der Kläger die Klage zurückgenommen hat, ist das Verfahren nach § 92

Abs. 3 VwGO einzustellen. Im Übrigen ist die Klage, für die der Senat nach § 50

Abs. 1 Nr. 4 VwGO erst- und letztinstanzlich zuständig ist, unbegründet. Der

Kläger hat gegen die Beklagte für den Zeitraum von Januar 2008 bis Juni 2009

weder einen Anspruch auf höhere Besoldung noch auf Schadensersatz oder

auf eine Entschädigung.

10Der Kläger hat keinen Anspruch auf die beantragten zusätzlichen Besoldungsleistungen aus der höchsten Stufe (Stufe 12) seiner Besoldungsgruppe (A 7

BBesO) für den Zeitraum 1. Januar 2008 bis 30. Juni 2009. Der Senat hat zwar

auf der Grundlage und in Übernahme der Rechtsprechung des Gerichtshofs der

Europäischen Union (EuGH, Urteil vom 19. Juni 2014 - C-501/12 [ECLI:EU:C:

2014:2005], Specht - NVwZ 2014, 1294) bereits entschieden, dass die Besoldung der Beamten der Besoldungsordnung A nach den §§ 27, 28 BBesG a.F.

Beamte unmittelbar aufgrund ihres Lebensalters benachteiligt. Eine Einstufung

der betroffenen Beamten in eine höhere oder gar in die höchste Dienstaltersstufe ihrer Besoldungsgruppe zum Ausgleich dieser ungerechtfertigten Diskriminierung ist jedoch ausgeschlossen. Da von der Diskriminierung potenziell sämtliche Beamte erfasst sind, besteht kein gültiges Bezugssystem, das als Grundlage herangezogen werden kann. Ein besoldungsrechtlicher Anspruch des betreffenden Beamten besteht daher nicht (vgl. im Einzelnen BVerwG, Urteil vom

30. Oktober 2014 - 2 C 6.13 - ZBR 2015, 160 Rn. 13 ff., 18 ff.).

11Ebenso wenig steht dem Kläger Schadensersatz zu. Ein solcher Anspruch folgt

weder aus der Richtlinie 2000/78/EG des Rates vom 27. November 2000 zur

Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf noch aus dem unionsrechtlichen Haftungsanspruch (BVerwG, Urteil vom 30. Oktober 2014 - 2 C 6.13 - ZBR 2015,

160, Rn. 25 ff.).

12Auch ein Anspruch auf Entschädigungszahlung nach § 15 Abs. 2 i.V.m. § 24

Nr. 1 AGG steht dem Kläger nicht zu. Ein solcher Anspruch scheitert hier daran,

dass der Kläger die gesetzliche Ausschlussfrist des § 15 Abs. 4 AGG von zwei

Monaten zur schriftlichen Geltendmachung des Anspruchs nach § 15 Abs. 2

AGG nicht gewahrt hat. Die Frist beginnt nach § 15 Abs. 4 Satz 2 AGG mit dem

Zeitpunkt, in dem der Betroffene von der Benachteiligung Kenntnis erlangt. Ist

eine Rechtslage unsicher und unklar, beginnt die Ausschlussfrist des § 15

Abs. 4 AGG mit der objektiven Klärung der Rechtslage durch eine höchstrichterliche Entscheidung (BVerwG, Urteil des Senats vom 30. Oktober 2014

- 2 C 6.13 - Rn. 51 ff.).

13Die entscheidungserhebliche Rechtslage ist hier durch die Verkündung des Urteils des Gerichtshofs der Europäischen Union in Sachen Hennigs und Mai am

8. September 2011 (C-297/10 und C-298/10 [ECLI:EU:C:2011:560]) geklärt

worden. Denn in diesem Urteil ist den Mitgliedstaaten der Bedeutungsgehalt

von Art. 2 Abs. 2 und Art. 6 Abs. 1 RL 2000/78/EG in Bezug auf ein mit den

§§ 27 und 28 BBesG a.F. vergleichbares Besoldungssystem verdeutlicht worden (EuGH, Urteil vom 19. Juni 2014 a.a.O. Rn. 104). Das Schreiben des Klägers vom 29. Dezember 2011, mit dem er seinen Anspruch auf Bemessung

seines Grundgehalts nach der höchsten Stufe seiner Besoldungsgruppe gegenüber der Beklagten geltend gemacht hat, begründet den Antrag ausdrücklich unter Bezugnahme auf das Urteil des EuGH in Sachen Hennigs und Mai

vom 8. September 2011. Die an dieses Urteil anknüpfende Zwei-Monats-Frist

gemäß § 15 Abs. 4 AGG lief am 8. November 2011 ab. Damit hat der Kläger

den Anspruch nicht fristgerecht geltend gemacht.

14Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO.

Domgörgen Dr. von der Weiden Dr. Hartung

Dr. Kenntner Dollinger

Beschluss

vom 20. Mai 2015

Der Wert des Streitgegenstands wird gemäß § 52 Abs. 1 und Abs. 3 GKG bis

zum Zeitpunkt der teilweisen Klagerücknahme auf 29 214,58 und für die Zeit

danach auf 4 747,90 festgesetzt.

Domgörgen Dr. von der Weiden Dollinger

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