Urteil des BVerwG vom 23.09.2004, 10 B 8.04

Entschieden
23.09.2004
Schlagworte
Richteramt, Rüge, Rechtsmittelbelehrung, Hochschule, Verwaltungsakt, Zustellung, Abgrenzung, Umwelt, Naturschutz, Ausnahme
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BESCHLUSS

BVerwG 10 B 8.04 OVG 7 F 320/02

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 10. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 23. September 2004 durch die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. S t o r o s t , V a l l e n d a r und D o m g ö r g e n

beschlossen:

Die Entscheidung des Thüringer Oberverwaltungsgerichts (Flurbereinigungsgericht) über die Nichtzulassung der Revision gegen sein Urteil vom 4. November 2003 wird aufgehoben, soweit darin Ziffer 2 des Änderungsbeschlusses Nr. 5 des Flurneuordnungsamtes Gera vom 9. Mai 2001 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides des Thüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt vom 15. April 2002 aufgehoben worden ist.

Die Revision wird insoweit zugelassen.

Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Thüringer Oberverwaltungsgerichts (Flurbereinigungsgericht) vom 4. November 2003 wird zurückgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens zur Hälfte mit Ausnahme etwaiger Kosten der Beigeladenen. Im Übrigen folgt die Entscheidung über die Kosten des Beschwerdeverfahrens der Kostenentscheidung in der Hauptsache.

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdeverfahren auf 8 000 festgesetzt.

G r ü n d e :

I.

Die Beschwerde des Beklagten ist zulässig und begründet. Soweit der Beklagte

durch das anzufechtende Urteil beschwert ist, ist die Revision gemäß § 132 Abs. 2

Nr. 1 VwGO i.V.m. § 138 Abs. 1 Satz 2 FlurbG zuzulassen. Sie kann dem Bundesverwaltungsgericht Gelegenheit zur Klärung der Frage geben, ob im Rahmen eines

Flurbereinigungsverfahrens auch eine Neuregelung der Bodenordnung gemäß § 64

LwAnpG mit dem Ziel der Zusammenführung von getrenntem Boden- und Gebäudeeigentum getroffen werden kann.

II.

Die Beschwerde des Klägers kann dagegen keinen Erfolg haben. Die zu ihrer Begründung angeführten Gesichtspunkte rechtfertigen die Zulassung der Revision

nicht.

1. Aus dem Beschwerdevorbringen des Klägers ergibt sich nicht, dass die Rechtssache, soweit der Kläger durch das anzufechtende Urteil beschwert ist, grundsätzliche

Bedeutung i.S. des § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO hat. Dieser Zulassungsgrund liegt nur

dann vor, wenn für die Entscheidung des Flurbereinigungsgerichts eine konkrete,

jedoch fallübergreifende Rechtsfrage von Bedeutung war, deren noch ausstehende

höchstrichterliche Klärung im Revisionsverfahren zu erwarten ist und zur Erhaltung

der Einheitlichkeit der Rechtsprechung oder zu einer bedeutsamen Weiterentwicklung des Rechts geboten erscheint (vgl. BVerwGE 13, 90 <91 f.>). Die vom Kläger in

seiner Beschwerdebegründung bezeichneten Fragen erfüllen diese Anforderungen

nicht.

a) Soweit der Kläger für grundsätzlich bedeutsam hält, "dass eine Behörde nicht willkürlich begünstigende Bescheide erteilen kann und sie anschließend wieder aufhebt", ist schon zweifelhaft, ob er damit eine Rechtsfrage formulieren oder nur eine

Feststellung treffen will. Selbst wenn man ersteres annimmt, war die sich daraus ergebende Frage für die Entscheidung des Flurbereinigungsgerichts nicht von Bedeutung. Denn dieses hat nicht angenommen, dass der durch den angefochtenen Beschluss aufgehobene Änderungsbeschluss Nr. 4 willkürlich erlassen worden war.

b) Die vom Kläger des Weiteren sinngemäß gestellte Frage, unter welchen Voraussetzungen eine Änderung des Flurbereinigungsgebietes "geringfügig" i.S. von § 8

Abs. 1 Satz 1 FlurbG ist, ist in der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts

hinreichend geklärt. Für die Abgrenzung, ob es sich bei der hinzugenommenen Fläche um eine geringfügige oder erhebliche Änderung handelt, ist maßgeblich darauf

abzustellen, ob die Änderung so wesentlich ist, dass das förmliche Verfahren nach

den §§ 4 bis 6 FlurbG als notwendig erscheint, wobei es auf das Vorliegen der Voraussetzungen des § 1 FlurbG und das Interesse der Beteiligten ankommt (vgl.

BVerwG, Beschluss vom 28. Dezember 1959 - BVerwG I B 141.59 - Buchholz

424.01 § 8 FlurbG Nr. 1). Diese Frage lässt sich nur anhand der Umstände und Verhältnisse des einzelnen Verfahrens entscheiden. Dabei ist in erster Linie die Größe

der hinzugenommenen Fläche mit der Größe des bisherigen Verfahrensgebietes zu

vergleichen. Neben diesem Größenvergleich kann es auch auf andere Gesichtspunkte ankommen, z.B. welcher Zweck mit der Änderung verfolgt wird (vgl. BVerwG,

Urteil vom 16. April 1971 - BVerwG IV C 36.68 -, Buchholz 424.01 § 8 FlurbG Nr. 3).

Das Oberverwaltungsgericht hat in Anwendung dieser Grundsätze eine Geringfügigkeit der streitgegenständlichen Änderung des Flurbereinigungsgebietes bejaht. Die

Beschwerde greift in Wahrheit die Anwendung dieser Grundsätze auf den vorliegenden Fall an, ohne eine darüber hinausgehende grundsätzlich klärungsbedürftige

Rechtsfrage aufzuwerfen.

2. Soweit die Beschwerde eine Abweichung des anzufechtenden Urteils von der

Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts geltend macht 132 Abs. 2 Nr. 2

VwGO), weil das anzufechtende Urteil davon ausgehe, dass "der angefochtene Bescheid keinen begünstigenden Verwaltungsakt aufhebe bzw. wegen Geringfügigkeit

der Änderung i.S. des § 8 des Flurbereinigungsgesetzes zulässig sei", fehlt es an der

hinreichenden Darlegung dieses Zulassungsgrundes, namentlich an der genauen

Bezeichnung einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts, von der das

Oberverwaltungsgericht abgewichen sei, und an der Gegenüberstellung voneinander

abweichender Rechtssätze im anzufechtenden Urteil und in einer dazu in Bezug zu

setzenden Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. dazu etwa BVerwG,

Beschluss vom 20. Dezember 1995 - BVerwG 6 B 35.95 - Buchholz 310 § 132 Abs. 2

Nr. 1 VwGO Nr. 9 = NVwZ-RR 1996, 712).

3. Soweit sich die Beschwerdebegründung unter Punkt 1 b mit den Ausführungen im

Urteil (dort S. 15) zur Frage des Gebäudeeigentums beschäftigt, können diese schon

deshalb keine Grundlage für eine Zulassung der Revision sein, weil es sich erkennbar um die Entscheidung nicht tragende Hinweise handelt (sog. obiter dictum), die

das Gericht lediglich "im Hinblick auf das über den Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens hinausgehende Interesse der Beteiligten an der Klärung der Eigentumsverhältnisse" gemacht hat.

4. Die von der Beschwerde "rein vorsorglich" gerügte "Verletzung formellen und materiellen Rechts" ist ein unzulässiger, keinem Revisionszulassungsgrund zuzuordnender Pauschalangriff auf das anzufechtende Urteil. Ebenso unzulässig ist die Rüge

eines angeblichen Verfahrensmangels; auch insoweit fehlt die erforderliche Darlegung dieses Zulassungsgrundes 132 Abs. 2 Nr. 3, § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO).

Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2, § 162 Abs. 3 VwGO, die Streitwertfestsetzung auf § 13 Abs. 1, § 14 GKG a.F. i.V.m. § 72 Nr. 1 GKG n.F.

Rechtsmittelbelehrung

Das Verfahren über die Beschwerde des Beklagten wird als Revisionsverfahren unter dem Aktenzeichen BVerwG 10 C 7.04 fortgesetzt; der Einlegung einer Revision durch diesen Beschwerdeführer bedarf es nicht.

Die Revision ist innerhalb eines Monats nach Zustellung dieses Beschlusses zu begründen. Die Begründung ist bei dem Bundesverwaltungsgericht, Simsonplatz 1, 04107 Leipzig, einzureichen.

Für den Revisionskläger besteht Vertretungszwang; dies gilt auch für die Begründung der Revision. Der Revisionskläger muss sich durch einen Rechtsanwalt oder einen Rechtslehrer an einer deutschen Hochschule im Sinne des Hochschulrahmengesetzes mit Befähigung zum Richteramt als Bevollmächtigten vertreten lassen. Juristische Personen des öffentlichen Rechts und Behörden können sich auch durch Beamte oder Angestellte mit Befähigung zum Richteramt sowie Diplomjuristen im höheren Dienst, Gebietskörperschaften ferner durch Beamte oder Angestellte mit Befähigung zum Richteramt der zuständigen Aufsichtsbehörde oder des jeweiligen kommunalen Spitzenverbandes des Landes, dem sie als Mitglied zugehören, vertreten lassen. In derselben Weise muss sich jeder Beteiligte vertreten lassen, soweit er einen Antrag stellt.

Dr. Storost Vallendar Domgörgen

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