Urteil des BVerwG vom 22.03.2012, 1 C 3.11

Aktenzeichen: 1 C 3.11

Genfer Flüchtlingskonvention, Russische Föderation, Im Bewusstsein, Sowjetunion

BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

BVerwG 1 C 3.11 VGH 19 B 09.824

Verkündet am 22. März 2012

Werner als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 22. März 2012 durch den Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Dörig, die Richterin am Bundesverwaltungsgericht Beck, den Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Kraft, die Richterin am Bundesverwaltungsgericht Fricke und den Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Fleuß

für Recht erkannt:

Auf die Revisionen der Beklagten und der Beteiligten zu 2 wird der Beschluss des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs vom 22. Dezember 2010 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an den Verwaltungsgerichtshof zurückverwiesen.

Die Entscheidung über die Kosten bleibt der Schlussentscheidung vorbehalten.

G r ü n d e :

I

1Der Kläger wendet sich nur noch gegen die Androhung der Abschiebung; die

gegen seine Ausweisung gerichtete Klage wurde bereits rechtskräftig abgewiesen.

2Der 1966 in St. Petersburg geborene Kläger ist russischer Staatsangehöriger

jüdischen Glaubens. Er beantragte im Februar 1995 beim Generalkonsulat in

St. Petersburg eine Aufenthaltserlaubnis zum ständigen Aufenthalt im Bundesgebiet. Der Beauftragte des Freistaats Bayern erteilte im Juni 1996 gegenüber

dem Bundesverwaltungsamt eine Aufnahmezusage, die der Familie des Klägers durch das Generalkonsulat bekannt gegeben wurde. Der Kläger reiste im

September 1997 mit einem Visum in die Bundesrepublik Deutschland ein und

erhielt am 14. Oktober 1997 eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Am 23. Oktober 1997 wurde ihm eine Bescheinigung ausgestellt, wonach er Flüchtling im

Sinne des § 1 Abs. 1 des Gesetzes über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge (Kontingentflüchtlingsgesetz -

HumHAG) sei.

3Der Kläger wurde im Dezember 2003 wegen Mordes zu einer Freiheitsstrafe

von 12 Jahren verurteilt. Die Strafkammer ging wegen des Vorliegens einer undifferenzierten Schizophrenie davon aus, dass seine Steuerungsfähigkeit zur

Tatzeit erheblich eingeschränkt gewesen sei. In der Anhörung zur beabsichtigten Ausweisung machte der Kläger geltend, er sei herzkrank (Mitral- und

Aortenklappenersatz) und erhalte in der Russischen Föderation keine angemessene medizinische Behandlung.

4Die Beklagte wies den Kläger mit Bescheid vom 27. Februar 2006 aus der Bundesrepublik Deutschland aus (Nr. 1) und drohte ihm die Abschiebung unmittelbar aus der Haft heraus in die Russische Föderation an (Nr. 2). Hilfsweise drohte sie ihm die Abschiebung binnen einer Woche nach Haftentlassung an (Nr. 3).

5Das Verwaltungsgericht hob die Abschiebungsandrohung nach Haftentlassung

binnen Wochenfrist (Nr. 3 des Bescheids) auf und wies die Klage im Übrigen

ab. Mit Beschluss vom 3. September 2008 hat der Verwaltungsgerichtshof

die Berufung des Klägers zurückgewiesen. Zwar genössen jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion in entsprechender Anwendung des

Kontingentflüchtlingsgesetzes Ausweisungsschutz gemäß Art. 33 GFK/§ 60

Abs. 1 AufenthG. Wegen der vom Kläger ausgehenden konkreten (Wiederho-

lungs-)Gefahr greife dieses Abschiebungsverbot gemäß § 60 Abs. 8 Satz 1

AufenthG/Art. 33 Abs. 2 GFK jedoch nicht.

6Auf die Nichtzulassungsbeschwerde des Klägers hat der Senat mit Beschluss

vom 13. März 2009 (BVerwG 1 B 20.08) die Entscheidung des Berufungsgerichts hinsichtlich der Abschiebungsandrohung aus der Haft (Nr. 2 des Bescheids) aufgehoben und den Rechtsstreit an den Verwaltungsgerichtshof zurückverwiesen; hinsichtlich der Ausweisung (Nr. 1 des Bescheids) hat er die

Beschwerde zurückgewiesen.

7Der Verwaltungsgerichtshof hat mit Beschluss vom 22. Dezember 2010 die Abschiebungsandrohung (Nr. 2 des Bescheids) und insoweit auch das Urteil des

Verwaltungsgerichts aufgehoben. Er ist davon ausgegangen, dass der Kläger

aufgrund des Beschlusses der Ministerpräsidentenkonferenz vom 9. Januar

1991 die Rechtsstellung eines Kontingentflüchtlings entsprechend § 1 Abs. 1

HumHAG genieße und sich auch ohne Vorliegen eines Verfolgungsschicksals

auf das Abschiebungsverbot des Art. 33 Abs. 1 GFK/§ 60 Abs. 1 AufenthG berufen könne. Zwar entstehe dieser Status ausschließlich kraft Gesetzes, so

dass auch die Bescheinigung gemäß § 2 HumHAG nur deklaratorische Bedeutung besitze. Daraus könne aber nicht geschlossen werden, dass jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion nicht unter den Anwendungsbereich

des § 1 Abs. 1 HumHAG fielen. Dies würde der historischen Dimension der

Aufnahme jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion nicht gerecht

und widerspräche auch der zwischen Bund und Ländern vereinbarten Verwaltungspraxis. Danach sei den Betroffenen ohne individuelle Prüfung auf Verfolgung oder Diskriminierung analog § 1 Abs. 3 HumHAG sofort eine unbefristete

Aufenthaltserlaubnis erteilt und eine Bescheinigung nach § 2 HumHAG ausgestellt worden. Angesichts der besonderen Verantwortung der Bundesrepublik

Deutschland für die Verbrechen des Nationalsozialismus könne nicht davon

ausgegangen werden, dass die analoge Heranziehung des Kontingentflüchtlingsgesetzes ausgerechnet vor dem Refoulement-Verbot des Art. 33 Abs. 1

GFK habe haltmachen wollen. Der besondere ausländerrechtliche Status sei

auch mit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes am 1. Januar 2005 nicht

entfallen. § 60 Abs. 8 AufenthG stehe dem nicht mehr entgegen, denn seit Ein-

nahme eines Neuroleptikums bestehe beim Kläger nach dem Ergebnis des

fachpsychiatrischen Gutachtens keine konkrete Wiederholungsgefahr.

8Darüber hinaus greife auch das Abschiebungsverbot des § 60 Abs. 7 Satz 1

AufenthG. Zwar stünden die vom Kläger benötigten Medikamente und Behandlungsmaßnahmen auch in der Russischen Föderation zur Verfügung. Die dort

übliche kostenlose medizinische Behandlung entspreche aber nicht dem nach

einer Herzklappenoperation erforderlichen Standard. Der Kläger benötige nach

Auskunft der Botschaft monatlich 400 für die erforderlichen Behandlungsmaßnahmen, 110 für die Lebenshaltung sowie 400 für eine bescheidene

Einzimmerwohnung am Stadtrand von St. Petersburg. Diese Summe könne er

krankheitsbedingt nicht erarbeiten.

9Mit ihren vom Berufungsgericht zugelassenen Revisionen rügen die Beklagte

und die Landesanwaltschaft Bayern, das Kontingentflüchtlingsgesetz sei weder

direkt noch analog auf den Kläger anzuwenden. Der Verwaltungsgerichtshof

stütze seine Auffassung auf eine fehlerhafte Wiedergabe des Schreibens des

Bundesministeriums des Inneren (BMI) vom 10. August 1993. Maßgeblich für

die von der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossene entsprechende Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes seien die finanzielle Beteiligung des

Bundes an den Eingliederungsmaßnahmen und das Verteilungsverfahren auf

die Länder gewesen. Daher könnten Regelungen dieses Gesetzes, die an eine

Verfolgungssituation anknüpften, auf jüdische Emigranten nicht angewendet

werden. Schließlich sei mit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes für

den in entsprechender Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes aufgenommenen Personenkreis nur der Aufenthaltstitel und kein Kontingentflüchtlingsstatus übergeleitet worden. Zudem greife § 60 Abs. 8 Satz 1 AufenthG,

denn beim Kläger bestehe eine konkrete Wiederholungsgefahr. Das Berufungsgericht habe auch das Abschiebungsverbot des § 60 Abs. 7 Satz 1

AufenthG zu Unrecht bejaht. Der Verwaltungsgerichtshof habe keinerlei Feststellungen dazu getroffen, dass und wie sich der Gesundheitszustand des Klägers nach seiner Abschiebung in die Russische Föderation verschlimmern werde. Notwendig seien beim Kläger nur die regelmäßige Gabe eines blutverflüssi-

genden Medikaments und Blutgerinnungskontrollen; das hätte vom Berufungsgericht aufgeklärt werden müssen.

10Der Kläger verteidigt die angefochtene Entscheidung. Die Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes ergebe sich bereits aus dem in § 103 AufenthG enthaltenen Grundsatz des Bestandsschutzes. Sein Vertrauen sei schutzwürdig,

da die Beklagte die Bescheinigung, dass er Kontingentflüchtling sei, nicht widerrufen habe. Die Beklagte sei an die Erlasslage und ihre Verwaltungspraxis gebunden. Daraus werde ersichtlich, dass der Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz einen eigenen, sich nach dem Kontingentflüchtlingsgesetz richtenden

Aufenthaltsgrund ausgestaltet habe. Zutreffend habe das Berufungsgericht das

Vorliegen des Ausschlusstatbestandes des § 60 Abs. 8 Satz 1 AufenthG verneint und das Abschiebungsverbot des § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG bejaht.

11Der Vertreter des Bundesinteresses beim Bundesverwaltungsgericht hält die

Revisionen für begründet.

II

12Die Revisionen der Beklagten und der Landesanwaltschaft Bayern sind zulässig

und begründet. Die Berufungsentscheidung beruht auf der Verletzung von Bundesrecht 137 Abs. 1 Nr. 1 VwGO). Der Verwaltungsgerichtshof hat die Abschiebungsandrohung, für deren gerichtliche Überprüfung grundsätzlich die

Sach- und Rechtslage im Zeitpunkt seiner Entscheidung maßgeblich ist (1.), mit

einer Begründung aufgehoben, die mit Bundesrecht unvereinbar ist. Denn jedenfalls seit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes genießt der Kläger keine

Rechtsstellung, die das Refoulement-Verbot 60 Abs. 1 Satz 2 AufenthG

i.V.m. § 1 Abs. 1 HumHAG und Art. 33 Abs. 1 GFK) umfasst (2.). Des Weiteren

hat das Berufungsgericht seiner Gefahrenprognose im Rahmen des § 60 Abs. 7

Satz 1 AufenthG unzutreffende Beurteilungsmaßstäbe zugrunde gelegt (3.). Da

der Senat mangels ausreichender tatsächlicher Feststellungen über das Vorliegen dieses Abschiebungsverbots nicht selbst abschließend entscheiden kann,

ist die Sache zur weiteren Verhandlung und Entscheidung an den Verwaltungsgerichtshof zurückzuverweisen 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 VwGO).

131. Der gerichtlichen Beurteilung einer Abschiebungsandrohung ist jedenfalls

dann, wenn der Ausländer aufgrund der Androhung noch nicht abgeschoben

wurde oder noch nicht freiwillig ausgereist ist, grundsätzlich die Sach- und

Rechtslage im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung oder Entscheidung des Tatsachengerichts zugrunde zu legen. Das liegt in der Konsequenz

der neueren Rechtsprechung des Senats zum veränderten Zeitpunkt der maßgeblichen Sach- und Rechtslage für die gerichtliche Prüfung einer Ausweisung

(Urteil vom 15. November 2007 - BVerwG 1 C 45.06 - BVerwGE 130, 20

Rn. 12), der Ermessensentscheidung über die Erteilung und Verlängerung einer

Aufenthaltserlaubnis (Urteil vom 7. April 2009 - BVerwG 1 C 17.08 - BVerwGE

133, 329, Rn. 37 f.) sowie der Rücknahme oder des Widerrufs eines unbefristeten Aufenthaltstitels (Urteil vom 13. April 2010 - BVerwG 1 C 10.09 - Buchholz

402.242 § 51 AufenthG Nr. 1). Maßgeblich für die Änderung der Rechtsprechung war die Erwägung, dass die genannten Verwaltungsakte zu einer Aufenthaltsbeendigung führen können, bei der in vielen Fällen dem Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens aus Art. 8 EMRK und dem Grundrecht aus

Art. 2 Abs. 1 GG auf freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie bei familiären

Bindungen dem Grundrecht aus Art. 6 GG besondere Bedeutung zukommt. Der

diesen Freiheitsrechten immanente Verhältnismäßigkeitsgrundsatz spricht dafür, dass die Gerichte bei ihrer Entscheidung über einen aufenthaltsbeendenden Verwaltungsakt auf eine möglichst aktuelle, d.h. nicht bereits überholte Tatsachengrundlage abstellen (Urteil vom 15. November 2007 a.a.O. Rn. 16 a.E.).

Sie sollen realitätsnah und aus Gründen der Verfahrensökonomie möglichst

abschließend entscheiden können (Urteil vom 13. Dezember 2011 - BVerwG

1 C 14.10 - juris Rn. 10 - zur Veröffentlichung in der Sammlung BVerwGE bestimmt). Es liegt auf der Hand, dass diese Überlegungen erst recht für die Abschiebungsandrohung als vollstreckungsrechtliche Grundlage einer zwangsweisen Aufenthaltsbeendigung zutreffen. Ob auch bei einer bereits durchgeführten

Abschiebung oder einer freiwilligen Ausreise auf den Zeitpunkt der letzten

mündlichen Verhandlung bzw. Entscheidung der Tatsacheninstanz oder aber

den Zeitpunkt der Abschiebung bzw. Ausreise abzustellen ist, kann hier dahinstehen.

14Auch wenn - wie hier - für die revisionsgerichtliche Prüfung auf die Rechtslage

im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung oder Entscheidung des Tatsachengerichts abzustellen ist, sind Rechtsänderungen während des Revisionsverfahrens zu beachten, wenn sie das Berufungsgericht - entschiede es anstelle des Bundesverwaltungsgerichts - zu berücksichtigen hätte (stRspr, etwa

Urteil vom 11. Januar 2011 - BVerwG 1 C 1.10 - BVerwGE 138, 371 Rn. 10

m.w.N.). Maßgeblich sind deshalb im vorliegenden Fall die Bestimmungen des

Aufenthaltsgesetzes in der Fassung der Bekanntmachung vom 25. Februar

2008 (BGBl I S. 162), zuletzt geändert durch Gesetz vom 20. Dezember 2011

(BGBl I S. 2854). Damit sind auch die Änderungen durch das Gesetz zur Umsetzung aufenthaltsrechtlicher Richtlinien der Europäischen Union und zur Anpassung nationaler Rechtsvorschriften an den EU-Visakodex vom 22. November 2011 (BGBl I S. 2258) zu beachten.

15Nicht anzuwenden ist hingegen die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen

Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen

und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger - Rückführungsrichtlinie - RFRL - (ABl EU Nr. L 348 vom

24. Dezember 2008 S. 98). Denn für die bereits 2006 verfügte und mit der Klage angegriffene Abschiebungsandrohung beansprucht die Rückführungsrichtlinie, die von den Mitgliedstaaten gemäß Art. 20 Abs. 1 der Richtlinie bis zum

24. Dezember 2010 umzusetzen war, noch keine Geltung (zur intertemporalen

Anwendung von Richtlinien vgl. EuGH, Urteil vom 4. Oktober 2007

- Rs. C-349/06, Polat - Slg. 2007, I-8167 Rn. 25 ff.). Etwas anderes ergibt sich

auch nicht aus Art. 15 Abs. 5 und 6 RFRL, der auf bereits vor der Umsetzung

begonnene und darüber hinaus andauernde Inhaftierungen Anwendung findet

(vgl. EuGH, Urteil vom 30. November 2009 - Rs. C-357/09 PPU, Kadzoev -

Slg. 2009, I-11189 Rn. 38). Denn Regelungen zur Dauer der Abschiebungshaft

betreffen zukünftige Auswirkungen eines noch andauernden Sachverhalts und

nicht die gerichtliche Kontrolle einer Behördenentscheidung, die vor Ablauf der

Umsetzungsfrist getroffen worden ist.

16An diesen Maßstäben gemessen liegen die Voraussetzungen für den Erlass einer Androhung der Abschiebung unmittelbar aus der Haft 59 Abs. 1 und 5

i.V.m. § 58 Abs. 1 AufenthG) vor. Insbesondere ist, da sich der Kläger in Haft

befindet, die Überwachung seiner Ausreise erforderlich 58 Abs. 3 Nr. 1

AufenthG), so dass es keiner Fristsetzung zur freiwilligen Ausreise bedarf 59

Abs. 5 AufenthG).

172. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts steht das Abschiebungsverbot gemäß § 60 Abs. 1 Satz 2 AufenthG i.V.m. § 1 Abs. 1 des Gesetzes über

Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge vom 22. Juli 1980 (BGBl I S. 1057) - Kontingentflüchtlingsgesetz

(HumHAG) der streitgegenständlichen Abschiebungsandrohung nicht entgegen.

Der Kläger ist kein Kontingentflüchtling (2.1). Dahinstehen kann, ob die ihm

durch die Aufnahmezusage vermittelte Rechtsstellung ursprünglich auch das in

Art. 33 Abs. 1 des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom

28. Juli 1951 (BGBl 1953 II S. 559) - GFK - niedergelegte Refoulement-Verbot

umfasst hat (2.2). Denn entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts besteht

diese Rechtstellung nach Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes nicht mehr

fort. Deshalb können sich jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion

jedenfalls seit diesem Zeitpunkt allein aufgrund ihrer Aufnahme nicht auf das

Refoulement-Verbot berufen (2.3).

182.1 Zutreffend ist das Berufungsgericht davon ausgegangen, dass der Kläger,

der weder als Asylberechtigter noch als Flüchtling anerkannt ist, sich nicht unmittelbar auf das Refoulement-Verbot (Art. 33 Abs. 1 GFK) berufen kann. Gemäß § 1 Abs. 1 HumHAG genießt im Bundesgebiet die Rechtsstellung nach

den Art. 2 bis 34 GFK, wer als Ausländer im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen

der Bundesrepublik Deutschland aufgrund der Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis vor der Einreise in der Form des Sichtvermerks oder aufgrund einer

Übernahmeerklärung nach § 33 Abs. 1 AuslG 1990 im Geltungsbereich dieses

Gesetzes aufgenommen worden ist. Zwar stünde der Fortgeltung des Kontingentflüchtlingsstatus nicht entgegen, dass das Kontingentflüchtlingsgesetz

durch Art. 15 Abs. 3 Nr. 3 des Zuwanderungsgesetzes vom 30. Juli 2004

(BGBl I S. 1950) mit Wirkung zum 1. Januar 2005 aufgehoben worden ist. Denn

aus der Übergangsvorschrift des § 103 AufenthG, nach der für Kontingentflüchtlinge die Erlöschens- und die Widerrufsregelung des Kontingentflüchtlingsgesetzes 2a und 2b HumHAG) weiter Anwendung finden, ergibt sich, dass ein

unmittelbar aufgrund dieses Gesetzes entstandener Kontingentflüchtlingsstatus

fortbesteht. Der Verwaltungsgerichtshof hat aber die Voraussetzungen für einen

gesetzlichen Statuserwerb nach § 1 Abs. 1 HumHAG beim Kläger zu Recht verneint.

19Nach den vom Berufungsgericht getroffenen tatsächlichen Feststellungen befand sich der Kläger als jüdischer Emigrant aus der früheren Sowjetunion im

Zeitpunkt seiner Aufnahme weder in einer Verfolgungssituation noch war seine

Lage durch ein Flüchtlingsschicksal gekennzeichnet. Entscheidend ist jedoch,

dass die Übernahme seitens der Bundesrepublik Deutschland nicht wegen eines derartigen Gruppenschicksals erfolgte (vgl. zu den Voraussetzungen des

§ 1 Abs. 1 HumHAG: Urteile vom 17. Februar 1992 - BVerwG 9 C 77.89 -

Buchholz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 150 S. 329 <331, 332, 334> und vom 27. Februar 1996 a.a.O. Nr. 185 S. 75 <78>). Das Berufungsgericht hat den Beschluss

der Ministerpräsidentenkonferenz (Besprechung des Bundeskanzlers mit den

Regierungschefs der Länder) vom 9. Januar 1991 und die darauf aufbauende

Aufnahmepraxis jüdischer Emigranten aus der früheren Sowjetunion vielmehr

dahingehend gewürdigt, dass dieser Personenkreis im Bewusstsein der historischen Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland für die Verbrechen des

Nationalsozialismus zur Erhaltung der Lebensfähigkeit jüdischer Gemeinden in

Deutschland und zur Revitalisierung des jüdischen Elements im deutschen Kultur- und Geistesleben aufgenommen wurde. Das ist revisionsgerichtlich nicht zu

beanstanden.

20Durch die Liberalisierung der sowjetischen Ausreisepolitik im Zuge der Perestroika zogen, wie allgemeinkundig ist, sowjetische Juden nach dem Fall der Berliner Mauer ab 1989 verstärkt nach Ost-Berlin. Der Ministerrat der Deutschen

Demokratischen Republik beschloss am 11. Juli 1990 im Rahmen vorläufiger

Regelungen des Aufenthalts und des Asyls für Ausländer, zunächst in zu begrenzendem Umfang ausländischen jüdischen Bürgern, denen Verfolgung oder

Diskriminierung drohte, aus humanitären Gründen Aufenthalt zu gewähren. Diese Regelung fand jedoch keinen Niederschlag im Einigungsvertrag. Die Bundesregierung bat vielmehr im September 1990 die Auslandsvertretungen, Zuwanderungsanträge sowjetischer Juden bis zur Klärung eines zwischen Bund

und Ländern abgestimmten Aufnahmeverfahrens nur entgegenzunehmen und

weiter zu bearbeiten, soweit nicht von vornherein eine Aufnahme nach den geltenden Gesetzen ausgeschlossen sei (vgl. BTDrucks 11/8439 S. 2). Im Bewusstsein der historischen Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen des

Nationalsozialismus stand sie dem Wunsch dieses Personenkreises, in

Deutschland eine neue Heimat zu gründen, im Grundsatz aufgeschlossen gegenüber, da der Zuzug die jüdischen Gemeinden in Deutschland stärke und

diese Stärkung mittel- und langfristig zu einer Revitalisierung des bedeutenden

jüdischen Beitrags zum Kultur- und Geistesleben in Deutschland führe. Eine

unbegrenzte Aufnahme sowjetischer Juden sei jedoch nicht möglich, sondern

komme nur im Rahmen eines geordneten Verfahrens in Betracht. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit eines mit den Ländern und den jüdischen Organisationen abgestimmten Aufnahmeprogramms, das Vorsorge für den geregelten

Zugang und eine angemessene Unterbringung treffe (BTDrucks 11/8439

S. 3 f.). Diese Bestrebungen, Motive und Steuerungsbedürfnisse, die auch die

damalige politische Debatte prägten (vgl. Plenarprotokolle des Deutschen Bundestags, 11. Wahlperiode, 231. Sitzung vom 25. Oktober 1990, S. 18359 ff. und

234. Sitzung vom 31. Oktober 1990, S. 18740 ff.), fanden Eingang in den Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz vom 9. Januar 1991. Damit wurde

zwischen den Regierungschefs von Bund und Ländern in Anwesenheit des

Bundesministers des Inneren Einvernehmen darüber hergestellt, dass die Einreise von Juden aus der Sowjetunion ohne zahlenmäßige Begrenzung auch in

Zukunft aufgrund von Einzelfallentscheidungen in entsprechender Anwendung

des Kontingentflüchtlingsgesetzes ermöglicht wird. Bei den großzügig zu handhabenden Einzelfallentscheidungen sollte u.a. der Gesichtspunkt der Erhaltung

der Lebensfähigkeit jüdischer Gemeinden in Deutschland eine Rolle spielen; die

Verteilung auf die einzelnen Länder sollte grundsätzlich nach dem „Königsteiner

Schlüssel“ erfolgen (vgl. auch BTDrucks 12/229 S. 1 ff.).

21Vor diesem Hintergrund erweist sich die Annahme des Berufungsgerichts, die

von der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossene entsprechende Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes belege, dass jüdische Emigranten aus

der ehemaligen Sowjetunion von der Bundesrepublik Deutschland nicht als verfolgte oder durch ein Flüchtlingsschicksal gekennzeichnete Gruppe aufgenommen worden sind, als überzeugend (ebenso VGH Mannheim, Urteil vom 13. Juli

2011 - 11 S 1413/10 - InfAuslR 2011, 383 <384, 385 f.>; VGH München, Beschluss vom 20. Dezember 2004 - 12 CE 04.3232 - juris 18 f.>; OVG

Greifswald, Urteil vom 15. September 2004 - 1 L 107/02 - LKV 2005, 510

<512>; OVG Berlin, Beschluss vom 30. Juli 2004 - 2 N 87.04 - juris). Mangels

gesetzlichen Erwerbs des Kontingentflüchtlingsstatus kann sich der Kläger nicht

unmittelbar auf das Abschiebungsverbot des § 60 Abs. 1 Satz 2 AufenthG

i.V.m. § 1 Abs. 1 HumHAG und Art. 33 Abs. 1 GFK berufen.

222.2 Da der Kläger den Kontingentflüchtlingsstatus nicht durch Gesetz erworben

hat, konnte eine das Refoulement-Verbot umfassende Rechtsstellung entgegen

der Annahme, wie sie der angefochtenen Entscheidung unausgesprochen zugrunde liegt, nur durch einen Rechtsakt (Verwaltungsakt) begründet werden.

Denn nichtförmliches Verwaltungshandeln, auch wenn es einer auf Schreiben

oberster Bundes- und Landesbehörden zurückzuführenden Verwaltungspraxis

entspricht, wonach die Betroffenen hinsichtlich bestimmter begünstigender

Rechtsfolgen wie Inhaber des Kontingentflüchtlingsstatus behandelt werden

sollen, vermag einem Betroffenen weder diesen Status noch die Möglichkeit der

Berufung auf das Abschiebungsverbot des § 60 Abs. 1 AufenthG bzw. Art. 33

GFK zu vermitteln.

23Als rechtsbegründender Verwaltungsakt kommt im vorliegenden Fall nur die

Aufnahmezusage des Beauftragten des Freistaats Bayern vom 18. Juni 1996 in

Betracht. Sie wurde - wie vom Klägerbevollmächtigten im Revisionsverfahren

belegt und auch von den übrigen Beteiligten nicht in Zweifel gezogen - der Familie des Klägers vor ihrer Ausreise durch das Generalkonsulat St. Petersburg

bekannt gegeben. Diese Vorgehensweise entsprach wohl auch der damaligen

Verwaltungspraxis (vgl. IV. Nr. 3 des Erlasses des Auswärtigen Amtes betreffend die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen UdSSR vom 25. März

1997, Gz.: 514-516.20/7, nach der die Aufnahmezusage den Antragstellern unverzüglich zuzustellen war).

24Die dem Kläger bekannt gegebene Aufnahmezusage ist ein Verwaltungsakt,

der zumindest die Zusicherung der Erteilung eines Visums sowie eines unbefristeten Aufenthaltstitels nach Einreise mit einem nationalen Visum enthielt

(weitergehend i.S. eines Status sui generis: VGH Mannheim, Urteil vom 13. Juli

2011 a.a.O. S. 386 ff.; Hochreuter, NVwZ 2000, 1376, 1379 f.). Der Gegenauffassung, wie sie in IV. Nr. 7 des o.g. Erlasses des Auswärtigen Amtes vom

25. März 1997 zum Ausdruck kommt, wonach selbst eine zugestellte Aufnahmezusage als reines Verwaltungsinternum anzusehen sei, folgt der Senat nicht.

Denn ob ein behördliches Schreiben eine verbindliche Regelung durch Verwaltungsakt enthält und welchen Inhalt dieser ggf. hat, ist durch Auslegung nach

der im Öffentlichen Recht entsprechend anwendbaren Regel des § 133 BGB zu

ermitteln. Dieser allgemeine Grundsatz findet hier Anwendung, ungeachtet des

Umstands, dass das Verwaltungsverfahrensgesetz selbst gemäß § 2 Abs. 3

Nr. 3 VwVfG nicht für die Tätigkeit der Vertretungen des Bundes im Ausland

gilt. Maßgebend ist bei der Auslegung behördlicher Schreiben nicht der innere

Wille der Behörde, sondern der erklärte Wille, wie ihn der Empfänger bei objektivierter Würdigung verstehen konnte, wobei Unklarheiten zu Lasten der Verwaltung gehen (stRspr, vgl. Urteile vom 12. Januar 1973 - BVerwG 7 C 3.71 -

BVerwGE 41, 305 <306>; vom 18. Juni 1980 - BVerwG 6 C 55.79 - BVerwGE

60, 223 <228 f.>; vom 4. Dezember 2001 - BVerwG 4 C 2.00 - BVerwGE 115,

274 <279> und vom 20. April 2005 - BVerwG 9 C 4.04 - BVerwGE 123, 292

<297>;).

25Bei Anwendung dieser Maßstäbe konnte und durfte der Kläger nach Erhalt des

im Pendelbriefverfahren zwischen Generalkonsulat - Bundesverwaltungsamt -

Beauftragter des Freistaats Bayern und zurück übermittelten Formulars mit der

Überschrift „Aufnahme jüdischer Emigranten aus der Sowjetunion in der Bundesrepublik Deutschland“ und der darin angekreuzten Variante „Die Aufnahmezusage wird erteilt.“ davon ausgehen, dass damit dem Grunde nach verbindlich

über seinen künftigen Aufenthalt im Bundesgebiet entschieden worden war. Die

Notwendigkeit, sich noch um ein Visum zu bemühen, steht dem nicht entgegen.

Die gegenteilige Annahme wäre vor dem Hintergrund, dass der Kläger zuvor

beim Generalkonsulat ein Formular „Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis - Zuwanderungsfall aus der SU“ ausgefüllt hatte, lebensfremd. Dem Revisionsgericht ist die eigene Auslegung der Aufnahmezusage nicht verwehrt, da

das Tatsachengericht in seiner Entscheidung aufgrund seines abweichenden

rechtlichen Ansatzes dazu nichts ausgeführt hat (vgl. Urteil vom 21. Juni 2006

- BVerwG 6 C 19.06 - BVerwGE 126, 149 Rn. 52 m.w.N.).

26Ob die Aufnahmezusage - ggf. in Verbindung mit einem beigefügten Merkblatt,

wie es der Klägerbevollmächtigte beispielhaft aus einem Parallelverfahren vorgelegt hat - dem Kläger über die oben genannten aufenthaltsrechtlichen Vergünstigungen hinaus auch das in Art. 33 Abs. 1 GFK enthaltene Refoulement-

Verbot vermittelt hat, kann offenbleiben. Eine derartige Annahme könnte sich

jedenfalls nicht auf die Bescheinigung stützen, die ihm nach der Einreise im

Oktober 1997 im Bundesgebiet ausgestellt wurde und wonach er Flüchtling im

Sinne des § 1 Abs. 1 HumHAG ist. Denn für die Auslegung eines Verwaltungsakts sind nur solche Umstände indiziell zu berücksichtigen, die dem Empfänger

bei Zugang der Willenserklärung - hier: der Aufnahmezusage - erkennbar waren

(Urteile vom 4. Dezember 2001 a.a.O. und vom 21. Juni 2006 a.a.O.). Des Weiteren kommt es bei der Auslegung der Aufnahmezusage aus dem Empfängerhorizont nicht darauf an, ob diese rechtmäßig war oder nicht. Daher hat außer

Betracht zu bleiben, ob das Ausländerrecht mit Blick auf die in § 33 AuslG 1990

eröffnete Möglichkeit, Ausländer u.a. aus humanitären Gründen oder politischen

Interessen zu übernehmen, überhaupt Raum für eine entsprechende Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes ließ (verneinend VGH München, Urteil

vom 29. Juli 2009 - 10 B 08.2447 - InfAuslR 2010, 26; Raabe, ZAR 2004, 410

<411 f.>). Das alles kann jedoch hier letztlich dahinstehen.

272.3 Selbst wenn die Aufnahmezusage seinerzeit das flüchtlingsrechtliche Abschiebungsverbot mit umfasst haben sollte, könnte sich der Kläger hierauf nach

dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes nicht mehr berufen. Denn aus

den Übergangsregelungen des Aufenthaltsgesetzes ergibt sich, dass der Gesetzgeber mit der Neuregelung des § 23 Abs. 2 AufenthG die zukünftige

Rechtsstellung auch der vor dem 1. Januar 2005 aufgenommenen jüdischen

Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion abschließend neu ausgestaltet

hat.

28Nach § 23 Abs. 2 AufenthG kann das Bundesministerium des Innern zur Wahrung besonders gelagerter politischer Interessen der Bundesrepublik Deutschland im Benehmen mit den obersten Landesbehörden anordnen, dass das

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Ausländern aus bestimmten Staaten

oder in sonstiger Weise bestimmten Ausländergruppen eine Aufnahmezusage

erteilt. Den betroffenen Ausländern ist entsprechend der Aufnahmezusage eine

zur Ausübung einer Erwerbstätigkeit berechtigende Aufenthaltserlaubnis oder

eine Niederlassungserlaubnis zu erteilen, die mit einer wohnsitzbeschränkenden Auflage versehen werden kann; flüchtlingsrechtlichen Abschiebungsschutz

gemäß § 60 Abs. 1 AufenthG genießen sie nicht.

29Der Begründung zum Gesetzentwurf der Bundesregierung ist zu entnehmen,

dass man für das Kontingentflüchtlingsgesetz keinen Anwendungsbedarf mehr

sah. Dort findet sich der Hinweis, dass derzeit (Frühjahr 2003) lediglich die Aufnahme jüdischer Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion in entsprechender Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes erfolge. Nunmehr werde für

diesen Personenkreis bei besonders gelagerten politischen Interessen der

Bundesrepublik Deutschland mit § 23 Abs. 2 AufenthG die Möglichkeit geschaffen, von Anfang an eine Niederlassungserlaubnis zu erteilen (BTDrucks 15/420

S. 64). In der speziellen Begründung zu § 23 Abs. 2 AufenthG wird ausgeführt

(BTDrucks 15/420 S. 78):

„… Die Aufnahme jüdischer Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1991 (insgesamt bisher über 170 000 Personen) erfolgt bislang lediglich in entsprechender Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes (Ergebnis der Besprechung des Bundeskanzlers mit den Regierungschefs der Länder vom 9. Januar 1991). Die neue Vorschrift schafft für derartige Fälle nunmehr eine sichere Rechtsgrundlage. Das Ergebnis der Besprechung vom 9. Januar 1991 dokumentiert den übereinstimmenden Willen zur Aufnahme dieses Personenkreises, es bedarf deshalb auch nach Inkrafttreten des Aufenthaltsgesetzes keiner erneuten Anordnung. Die in § 1 Abs. 1 Kontingentflüchtlingsgesetz vorgesehene Gewährung der Rechtsstellung nach den Artikeln 2 bis 34 des Abkommens über die

Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 (Genfer Flüchtlingskonvention) ist im Hinblick auf die Gewährung einer Niederlassungserlaubnis nicht erforderlich. Darüber hinaus ist eine Reihe der sich aus der Anwendung der Genfer Flüchtlingskonvention ergebenden Rechtsfolgen (z. B. Erlöschen der Rechtsstellung, wenn die Person sich freiwillig oder durch Annahme oder Erneuerung eines Nationalpasses erneut in den Schutz des Staates, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt, begibt, § 2a Abs. 1 Nr. 1 Kontingentflüchtlingsgesetz) der Stellung aufgenommener jüdischer Immigranten nicht angemessen.“

30Diese - vom Berufungsgericht in Rn. 71 seiner Entscheidung fehlerhaft wiedergegebene - Begründung macht deutlich, dass mit Blick auf die bisher praktizierte entsprechende Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes ein Bedürfnis

für die Schaffung einer „sicheren Rechtsgrundlage“ gesehen wurde. Des Weiteren sollte die Rechtsstellung jüdischer Emigranten von den sich aus der Genfer

Flüchtlingskonvention ergebenden Rechtsfolgen, die als nicht erforderlich und

zum Teil als nicht angemessen erschienen, abgekoppelt und in Zukunft rein

aufenthaltsrechtlich ausgestaltet werden. Dass die Neuregelung auch die vor

dem 1. Januar 2005 aufgenommenen jüdischen Emigranten erfassen und damit

zukünftig eine einheitliche, nicht länger mit rechtlichen Unsicherheiten behaftete

Rechtsstellung schaffen wollte, ergibt sich auch aus den Übergangsregelungen

des Aufenthaltsgesetzes. Darin hat der Gesetzgeber zwischen Personen, die

den Kontingentflüchtlingsstatus gesetzlich erworben haben, und solchen, auf

die das Kontingentflüchtlingsgesetz nur entsprechend angewendet worden ist,

differenziert und die statusrechtlichen Folgen unterschiedlich ausgestaltet.

31Gemäß § 103 AufenthG finden für Personen, die vor dem Inkrafttreten des Aufenthaltsgesetzes gemäß § 1 HumHAG die Rechtsstellung nach den Artikeln 2

bis 34 GFK genießen, die Erlöschens- und die Widerrufsregelung des Kontingentflüchtlingsgesetzes 2a und 2b HumHAG) weiter Anwendung. § 101

Abs. 1 Satz 2 AufenthG ordnet an, dass eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis,

die nach § 1 Abs. 3 HumHAG oder in entsprechender Anwendung des vorgenannten Gesetzes erteilt worden ist, und eine anschließend erteilte Aufenthaltsberechtigung als Niederlassungserlaubnis nach § 23 Abs. 2 AufenthG fortgelten. Damit werden Kontingentflüchtlinge und Personen, auf die das Kontingentflüchtlingsgesetz von der Verwaltung nur entsprechend angewendet worden ist,

aufenthaltsrechtlich gleich behandelt; ihr bestehendes Daueraufenthaltsrecht

wird fortgeschrieben. Aus der Zusammenschau der Regelungen wird jedoch

deutlich, dass nur ein gesetzlich erworbener Kontingentflüchtlingsstatus über

den 1. Januar 2005 hinaus fortbesteht. Dieser systematische Befund wird durch

die Gesetzesmaterialien zu den Übergangsvorschriften bestätigt. Denn nur in

der Begründung zu § 101 Abs. 1 Satz 2 AufenthG wird die Gruppe der jüdischen Emigranten genannt; an dieser Stelle wird die Neuregelung des § 23

Abs. 2 AufenthG ausdrücklich auch auf Aufnahmefälle aus der Vergangenheit

erstreckt: „Für jüdische Immigranten, die in entsprechender Anwendung des

HumHAG aufgenommen wurden, gilt § 23 Abs. 2, …“ (BTDrucks 15/420

S. 100). Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus § 102 Abs. 1 AufenthG, da

die Vermittlung des Kontingentflüchtlingsstatus keine Maßnahme im Sinne dieser Vorschrift ist.

32Der Senat entnimmt diesen Regelungen den hinreichend deutlichen Willen des

Gesetzgebers, mit der abschließenden aufenthaltsrechtlichen Neuregelung in

§ 23 Abs. 2 AufenthG auch die Fälle der vor dem 1. Januar 2005 aufgenommenen jüdischen Emigranten zu erfassen, um die bisherige, aus der entsprechenden Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes resultierende unklare

Rechtslage für die Zukunft zu bereinigen (a.A. VGH Mannheim, Urteil vom

13. Juli 2011 a.a.O. <389>). Die darin liegende unechte Rückwirkung der Neuregelung ist mit Blick auf die bisherigen rechtlichen Unsicherheiten verfassungsrechtlich unbedenklich. Denn die Betroffenen behalten ihr Daueraufenthaltsrecht und haben die Möglichkeit, bei Furcht vor Verfolgung einen Asylantrag zu

stellen. Schließlich ist bei dem Personenkreis der jüdischen Emigranten, die

- wie dargestellt - nicht wegen eines Verfolgungsschicksals aufgenommen worden sind, auch kein schutzwürdiges Vertrauen auf den Fortbestand eines ihnen

möglicherweise in der Vergangenheit gewährten flüchtlingsrechtlichen Abschiebungsschutzes ersichtlich. Demzufolge vermag sich der Kläger jedenfalls seit

dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes nicht auf das Abschiebungsverbot aus § 60 Abs. 1 Satz 2 AufenthG i.V.m. § 1 Abs. 1 HumHAG und Art. 33

GFK zu berufen. Unter diesen Umständen bedarf es keiner Entscheidung, ob

das Berufungsgericht ohne Verstoß gegen Bundesrecht davon ausgegangen

ist, dass im Fall des Klägers die Voraussetzungen für einen Ausschluss nach

§ 60 Abs. 8 Satz 1 AufenthG nicht (mehr) vorliegen.

333. Die angefochtene Entscheidung verletzt zudem § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG.

Das Berufungsgericht hat der Gefahrenprognose, die es bei Prüfung dieses

Abschiebungsverbots gestellt hat, einen unzutreffenden Ansatz und darauf aufbauend fehlerhafte materiellrechtliche Beurteilungsmaßstäbe zugrunde gelegt.

34Nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG soll von der Abschiebung eines Ausländers

in einen anderen Staat abgesehen werden, wenn dort für diesen Ausländer landesweit eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht.

Eine krankheitsbedingte zielstaatsbezogene Gefahr kann sich im Einzelfall auch

daraus ergeben, dass der erkrankte Ausländer eine notwendige und an sich im

Zielstaat verfügbare medizinische Behandlung tatsächlich z.B. aus finanziellen

Gründen nicht erlangen kann (Urteil vom 29. Oktober 2002 - BVerwG 1 C 1.02 -

Buchholz 402.240 § 53 AuslG Nr. 66 zu § 53 Abs. 6 Satz 1 AuslG 1990). Der

Senat hat bereits entschieden, dass die Verschlimmerung einer Erkrankung, die

der Betroffene nicht mit einer Vielzahl seiner Landsleute teilt, so dass kein Bedürfnis für eine ausländerpolitische Leitentscheidung gemäß § 60a Abs. 1

AufenthG besteht und die Sperrwirkung des § 60 Abs. 7 Satz 3 AufenthG nicht

greift, als individuelle, unmittelbar am Maßstab der genannten Vorschrift zu prüfende Gefahr anzusehen ist (Urteil vom 17. Oktober 2006 - BVerwG 1 C 18.05 -

BVerwGE 127, 33 Rn. 15 f. = Buchholz 402.242 § 60 Abs. 2 ff., AufenthG

Nr. 21). In Fällen einer Erkrankung eher singulären Charakters - wie hier - sind

die Voraussetzungen des genannten Abschiebungsverbots erfüllt, wenn sich

die Krankheit des Betroffenen mangels (ausreichender) Behandlung im Abschiebungszielstaat verschlimmert und sich dadurch der Gesundheitszustand

wesentlich oder sogar lebensbedrohlich verschlechtern würde (Beschluss vom

24. Mai 2006 - BVerwG 1 B 118.05 - Buchholz 402.242 § 60 Abs. 2 ff. AufenthG

Nr. 16 m.w.N.). Konkret ist die Gefahr, wenn diese Verschlechterung alsbald

nach der Abschiebung des Betroffenen einträte (Urteil vom 25. November 1997

- BVerwG 9 C 58.96 - BVerwGE 105, 383 <387> = Buchholz 402.240 § 53

AuslG 1990 Nr. 10). Diesen Prüfungsansatz und die sich daraus ergebenden

Maßstäbe hat das Berufungsgericht in mehrfacher Hinsicht verfehlt.

35Der Verwaltungsgerichtshof hat die Beweisaufnahme, wie die Beweisbeschlüsse vom 26. November 2009 zeigen, nur auf die Diagnose der Krankheiten des

Klägers sowie deren Behandelbarkeit in der Russischen Föderation (einschließlich verfügbarer Medikation) fokussiert. Dem auf diesen tatsächlichen Feststellungen aufbauenden, für das Abschiebungsverbot des § 60 Abs. 7 Satz 1

AufenthG zentralen Beweisthema, nämlich dem Krankheitsverlauf bei Rückkehr

bzw. Abschiebung in das Herkunftsland ohne medizinische Betreuung bzw. bei

vom Kläger nur teilweise finanzierbarer Behandlung und Medikation, ist er nicht

nachgegangen. Des Weiteren hat das Berufungsgericht, wie aus seinem Beweisbeschluss vom 11. Mai 2010 ersichtlich wird, die Beurteilung, ob die in den

medizinischen Fachgutachten genannten Behandlungen und Medikamente erforderlich sind, den medizinischen Gutachtern überlassen. Diese haben ihrer

Wertung jedoch den in Deutschland üblichen medizinischen Standard zugrunde

gelegt und sich - mangels entsprechender Vorgaben des Berufungsgerichts -

nicht am Maßstab einer wesentlichen Gesundheitsverschlechterung orientiert.

Schließlich hat das Berufungsgericht in seiner finanziellen Bedarfsberechnung

für den Kläger monatliche Wohnkosten „für eine bescheidene 1-Zimmer-

Wohnung am Stadtrand von Sankt Petersburg“ in Höhe von 400 angesetzt

(BA Rn. 82). Dieses Unterbringungsniveau, das der Verwaltungsgerichtshof

selbst dem Auswärtigen Amt in seiner Anfrage vom 24. August 2010 vorgegeben hatte, verfehlt den strengen Maßstab des § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG.

36Diese Verstöße gegen § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG führen zur Aufhebung der

angefochtenen Entscheidung. Auf der Grundlage der vom Berufungsgericht getroffenen tatsächlichen Feststellungen vermag der Senat über das Vorliegen

des genannten Abschiebungsverbots selbst weder positiv noch negativ abschließend zu entscheiden. Damit war die Sache an den Verwaltungsgerichtshof zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung zurückzuverweisen

144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 VwGO), ohne dass es eines Eingehens auf die von

den Revisionsführern erhobenen Aufklärungsrügen bedarf.

374. Die Kostenentscheidung bleibt der Schlussentscheidung vorbehalten.

Prof. Dr. Dörig Beck Prof. Dr. Kraft

Fricke Dr. Fleuß

Beschluss

Der Wert des Streitgegenstands wird für das Revisionsverfahren auf 5 000

festgesetzt 47 Abs. 1 i.V.m. § 52 Abs. 2 GKG).

Prof. Dr. Dörig Prof. Dr. Kraft Fricke

Sachgebiet: BVerwGE: ja

Ausländerrecht Fachpresse: ja

Rechtsquellen:

AufenthG § 23 Abs. 2, § 58 Abs. 1, Abs. 3 Nr. 1, § 59 Abs. 1 und 5, § 60 Abs. 1 Satz 2, Abs. 7 Satz 1, § 101 Abs. 1 Satz 2, §§ 102, 103 AuslG 1990 § 33 BGB § 133 EMRK Art. 8 GG Art. 2 Abs. 1, Art. 6 GFK Art. 33 Abs. 1 HumHAG § 1 Abs. 1 Richtlinie 2008/115/EG Art. 15 Abs. 5 und 6, Art. 20 Abs. 1 VwVfG § 2 Abs. 3 Nr. 3, § 35

Stichworte:

Abschiebungsandrohung; Abschiebungsschutz; Abschiebungsverbot; Aufenthaltsbeendigung; Aufnahme; Aufnahmezusage; Auslegung; Empfängerhorizont; jüdische Emigranten aus der früheren Sowjetunion; Kontingentflüchtling; Krankheit; maßgeblicher Zeitpunkt; Rechtsstellung; Statuserwerb; Refoulement- Verbot; Verwaltungsakt.

Leitsätze:

1. Für die gerichtliche Beurteilung einer Abschiebungsandrohung ist jedenfalls dann, wenn der Ausländer aufgrund der Androhung noch nicht abgeschoben wurde oder noch nicht freiwillig ausgereist ist, die Sach- und Rechtslage im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung oder Entscheidung des Tatsachengerichts maßgeblich.

2. Jedenfalls seit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes können sich jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion allein aufgrund ihrer Aufnahme nicht auf das flüchtlingsrechtliche Abschiebungsverbot (Refoulement-Verbot) berufen.

Urteil des 1. Senats vom 22. März 2012 - BVerwG 1 C 3.11

I. VG Ansbach vom 30.01.2007 - Az.: VG AN 19 K 06.1116 - II. VGH München vom 22.12.2010 - Az.: VGH 19 B 09.824 -

Urteil herunterladen
Informationen
Optionen
Sie suchen einen Anwalt?

Wir finden den passenden Anwalt für Sie! Nutzen Sie einfach unseren jusmeum-Vermittlungsservice!

Zum Vermittlungsservice