Urteil des BVerwG vom 19.07.2012, 1 B 6.12

Aktenzeichen: 1 B 6.12

Rechtliches Gehör, Familie, Arabisch, Überzeugung

BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BESCHLUSS

BVerwG 1 B 6.12 OVG 11 LB 526/10

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 19. Juli 2012 durch die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts Eckertz-Höfer und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Dörig und Dr. Maidowski

beschlossen:

Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom 26. Januar 2012 wird zurückgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdeverfahren auf 5 000 festgesetzt.

G r ü n d e :

1Die Beschwerde, die ausschließlich auf den Verfahrensmangel der Verletzung

rechtlichen Gehörs 132 Abs. 2 Nr. 3 i.V.m. § 108 Abs. 2 VwGO) gestützt ist,

hat keinen Erfolg.

2Der Kläger reiste mit seiner Ehefrau und mehreren Kindern 1985 nach Deutschland ein und stellte erfolglos einen Asylantrag mit der Behauptung, ihm drohe

im Libanon Verfolgung als staatenloser Kurde. Aufgrund einer niedersächsischen Bleiberechtsregelung wurden dem Kläger und seiner Familie seit 1990

befristete Aufenthaltstitel erteilt. Im September 2007 beantragte er die Erteilung

einer Niederlassungserlaubnis. Der Beklagte lehnte dies ab, weil der Kläger die

Passpflicht 5 Abs. 1 Nr. 4 AufenthG) nicht erfüllt habe, obwohl sich inzwischen herausgestellt habe, dass er türkischer Staatsangehöriger sei und einen

Pass deshalb erlangen könne. Das Verwaltungsgericht verpflichtete den Beklagten zur Neubescheidung des Antrags, das Oberverwaltungsgericht wies die

Klage unter Änderung der erstinstanzlichen Entscheidung ab.

3Mit seiner Beschwerde rügt der Kläger die Verletzung seines Rechts auf Gewährung rechtlichen Gehörs 108 Abs. 2 VwGO). Das Oberverwaltungsgericht habe sich für seine Feststellungen zur Identität und Staatsangehörigkeit

des Klägers auf tatsächliche Erkenntnisse gestützt, die nicht ordnungsgemäß in

das Verfahren eingeführt worden seien und zu denen er deshalb vor Erlass des

Urteils nicht habe Stellung nehmen können. Es habe für seine Annahme, der

Kläger gehöre einer kurdisch-arabischen Großfamilie an, deren Mitglieder mit

unzutreffenden Behauptungen ein Aufenthaltsrecht in Deutschland erlangt hätten, im angegriffenen Urteil lediglich eine Reihe von Senatsentscheidungen benannt, ohne ihm diese zuvor zugänglich gemacht zu haben.

4Mit dieser Rüge ist jedoch ein Verfahrensfehler im Sinne des § 132 Abs. 2 Nr. 3

VwGO, der zur Zulassung der Revision führen könnte, nicht dargetan. Denn die

Berufungsentscheidung beruht nicht auf dem von der Beschwerde zutreffend

benannten Verstoß gegen § 108 Abs. 2 VwGO, Art. 103 Abs. 1 GG. Vielmehr

hat das Oberverwaltungsgericht seine Annahme, der Kläger sei nicht staatenlos, sondern türkischer Staatsangehöriger, entscheidungstragend auf die Angaben des Klägers zu seinem Vater gestützt: Danach steht fest, dass der Vater

des Klägers die türkische Staatsangehörigkeit besessen hat und dass der Kläger und seine Familie zu der jedenfalls ursprünglich im Gebiet um Ückavack

angesiedelten Großfamilie Tek gehören. Gegen diese beiden tatsächlichen

Feststellungen - die u.a. auch die Annahme beinhalten, dass der Vater des Klägers nach seiner Übersiedlung nicht ausgebürgert worden ist - hat der Kläger

Verfahrensrügen nicht vorgebracht, so dass der Senat an sie gebunden ist

137 Abs. 2 VwGO). Auch gegen die weitere tatsächliche Feststellung, dass

der Kläger die türkische Staatsangehörigkeit in einer derartigen Situation nach

türkischem Recht erlangt hat, sind Verfahrensrügen nicht erhoben worden. Allein auf diese Feststellungen hat das Berufungsgericht seine Entscheidung gestützt, dem Kläger stehe ein Anspruch auf Erteilung einer Niederlassungserlaubnis wegen Verstoßes gegen die Passpflicht 5 Abs. 1 Nr. 4 AufenthG)

nicht zu, weil er als türkischer Staatsangehöriger ohne Weiteres die Ausstellung

entsprechender Papiere erreichen könne (UA S. 13 und 16).

5Demgegenüber hat das Berufungsgericht den Namen und die Identität des Vaters des Klägers letztlich offengelassen, weil es für den Rechtsstreit nicht hierauf, sondern allein auf den Umstand ankomme, dass der Vater die türkische

Staatsangehörigkeit besessen habe (UA S. 16). Aus den tatsächlichen Feststellungen, die in den von der Beschwerde in Bezug genommenen Entscheidungen

des Oberverwaltungsgerichts vom 26. Februar 2009, 10. Juni 2008 und

27. September 2007 enthalten sind, leitet das Berufungsgericht für die Staatsangehörigkeit des Klägers und seines Vaters nichts ab. Sie sollen lediglich die

Annahme des Gerichts stützen, dass es zwischen 1985 und 1990 zahlreiche

Fälle gegeben habe, in denen Angehörige arabisch-kurdischer Großfamilien in

Deutschland mit der unzutreffenden Behauptung, staatenlos zu sein, um Asyl

nachgesucht hätten, um ein Bleiberecht zu erlangen (UA S. 14). Diese Annahme zu einem typischen Geschehensablauf wäre zwar geeignet, die Plausibilität

der entscheidungstragenden Feststellungen über die - zur Überzeugung des

Berufungsgerichts ohnehin feststehenden - Staatsangehörigkeit des Klägers zu

stützen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass die von der Beschwerde benannten tatsächlichen Feststellungen in den vom Berufungsgericht zitierten

Entscheidungen für die Feststellung der Staatsangehörigkeit des Klägers nicht

erheblich sind, sondern diese lediglich ergänzen.

6Zur Klarstellung merkt der Senat allerdings an, dass die Praxis des Berufungsgerichts, sich für tatsächliche Feststellungen auf Erkenntnisse „aus einer Vielzahl von Verfahren“ zu stützen, ohne diese zuvor ordnungsgemäß in das Verfahren eingeführt zu haben, einen Verstoß gegen § 108 Abs. 2 VwGO, Art. 103

Abs. 1 GG darstellt. Denn die Verfahrensbeteiligten müssen die Möglichkeit

haben, alle Erkenntnisquellen, auf die sich das Gericht stützen will, vor der Entscheidung zur Kenntnis zu nehmen, um sich ggf. mit ihnen auseinandersetzen

und Einwände anbringen zu können (stRspr, Urteil vom 22. März 1983

- BVerwG 9 C 860.82 - BVerwGE 67, 83). Dies gilt im Hinblick auf die Schwierigkeiten, Tatsachenfeststellungen mit Bezug zu Auslandssachverhalten zu treffen, in besonderem Maße für flüchtlingsrechtliche und ggf. auch für aufenthaltsrechtliche Verfahren. Zu den Erkenntnisquellen in diesem Sinne zählen in erster

Linie Gutachten, Länderberichte und ähnliche Dokumente, auf die die Verfahrensbeteiligten üblicherweise durch Aufstellung und Übersendung von Erkennt-

nismittellisten hingewiesen werden. Will das Gericht Erkenntnisquellen aus anderen Verfahren verwenden, so muss es den Beteiligten auch dies vorab mitteilen und ihnen rechtliches Gehör einräumen, selbst wenn die Verfahren den Beteiligten bekannt sein sollten (Beschluss vom 3. Mai 2002 - BVerwG 4 B 1.02 -

juris). Jedenfalls dann, wenn ein Gericht sich für seine tatsächlichen Feststellungen nicht nur auf derartige Quellen stützen, sondern lediglich die Sachverhalte vergleichbarer Fälle, wie sie in Gerichtsentscheidungen als zur Überzeugung des Gerichts feststehend wiedergegeben werden, verwerten und aus ihnen Schlussfolgerungen ableiten will, sind auch diese Sachverhalte und damit

die jeweils betroffenen Gerichtsentscheidungen Erkenntnismittel, die den Beteiligten vorab mitgeteilt werden müssen.

7So liegt es hier. Das Berufungsgericht zitiert in dem angegriffenen Urteil insgesamt 19 Entscheidungen, von denen lediglich wenige veröffentlicht sind; auf

keine dieser Entscheidungen sind die Beteiligten vorab hingewiesen worden. In

diesen Entscheidungen werden - soweit dies bei den drei in der Datenbank juris

und auf der Homepage des Berufungsgerichts veröffentlichten Entscheidungen

ersichtlich ist - keine Erkenntnisquellen zu tatsächlichen Feststellungen zitiert.

Vielmehr leitet das Berufungsgericht aus den Sachverhalten der mitgeteilten

Entscheidungen die Schlussfolgerung ab, es habe in der Zeit zwischen 1985

und 1990 einen typischen Geschehensablauf gegeben, nämlich die Zuwanderung von Mitgliedern arabisch-kurdischer Großfamilien nach Deutschland, die

mit unzutreffenden Behauptungen ein Bleiberecht erlangt hätten. Den Beteiligten des Verfahrens hätte Gelegenheit gegeben werden müssen, zu diesen ihnen nicht mitgeteilten Entscheidungen vorab Stellung zu nehmen, um dem Eindruck entgegenwirken zu können, der Kläger habe sich als Mitglied einer solchen Familie ebenso verhalten. Der damit vorliegende Verstoß gegen das

Recht des Klägers auf rechtliches Gehör hat sich, wie ausgeführt, im vorliegenden Verfahren allerdings nicht ausgewirkt, da die entscheidungstragenden

Feststellungen zur Staatsangehörigkeit des Klägers allein auf dessen Angaben

zur Staatsangehörigkeit seines Vaters beruhen.

8Der Senat sieht von einer weiteren Begründung ab 133 Abs. 5 Satz 2

Halbs. 2 VwGO).

9Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2 VwGO. Die Streitwertfestsetzung ergibt sich aus § 47 Abs. 1 und 3 sowie aus § 52 Abs. 2 GKG.

Eckertz-Höfer Prof. Dr. Dörig Dr. Maidowski

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