Urteil des BVerwG vom 04.04.2003, 1 B 255.02

Entschieden
04.04.2003
Schlagworte
Disposition, Berufungskläger, Abweisung, Anerkennung, Rechtsmittelinstanz, Überzeugung, Gefahr, Rüge, Polizei
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B U N D E S V E R W A L T U N G S G E R I C H T

BESCHLUSS

BVerwG 1 B 255.02 VGH 5 UE 3574/96.A

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 4. April 2003 durch die Vizepräsidentin des Bundesverwaltungsgerichts E c k e r t z - H ö f e r , den Richter am Bundesverwaltungsgericht R i c h t e r und die Richterin am Bundesverwaltungsgericht B e c k

beschlossen:

Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Beschluss des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs vom 23. April 2002 wird zurückgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.

G r ü n d e :

Die auf § 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO gestützte Beschwerde bleibt

ohne Erfolg. Das Berufungsurteil leidet nicht an den von der

Beschwerde geltend gemachten Verfahrensmängeln.

Die Beschwerde rügt, das Berufungsgericht habe bei der Frage

längerfristiger Inhaftierungen tamilischer Volkszugehöriger im

Großraum Colombo seine Sachaufklärungspflicht sowie den Anspruch des Klägers auf Gewährung rechtlichen Gehörs verletzt.

Es sei davon ausgegangen, dass es zu derartigen Inhaftierungen

komme, wenn die Polizei "aufgrund der Gesamtumstände" der festen Überzeugung sei, dass ein Verdächtiger in terroristische

Aktivitäten der LTTE verwickelt sei bzw. Mitverantwortung

hieran trage. Inhaftierungen von mehr als nur kurzer Dauer erschienen auch bereits "bei geringen Verdachtsmomenten" gerechtfertigt, wenn die Intensität der abzuwendenden Gefahr

neuer Anschläge durch die LTTE sehr groß sei. Die in diesem

Zusammenhang von der Beschwerde behaupteten Verfahrensfehler

sind bereits nicht ordnungsgemäß bezeichnet 133 Abs. 3

Satz 3 VwGO). Dies hat der Senat zu entsprechenden Rügen der

Prozessbevollmächtigten des Klägers in dem gleichzeitig ergangenen Beschluss im Verfahren BVerwG 1 B 214.02 im Einzelnen

ausgeführt. Hierauf wird Bezug genommen.

Die Beschwerde beanstandet ferner, das Berufungsgericht habe

zu Unrecht über die Frage von Abschiebungshindernissen nach

§ 53 AuslG entschieden. Die Frage sei nicht Gegenstand des Berufungsverfahrens geworden. Denn der Bundesbeauftragte für

Asylangelegenheiten (Bundesbeauftragter) habe insoweit nicht

die Zulassung der Berufung beantragt. Diese Rüge greift nicht

durch. Das Verwaltungsgericht hatte in seinem Urteil die

Ziff. 1 (Art. 16 a GG), Ziff. 2 51 Abs. 1 AuslG) und

Ziff. 4 (Abschiebungsandrohung) des ablehnenden Bescheids der

Beklagten vom 21. Juni 1993 aufgehoben und die Beklagte verpflichtet, den Kläger als Asylberechtigten anzuerkennen sowie

festzustellen, dass die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG

vorliegen. Hinsichtlich Ziff. 3 des Ablehnungsbescheids 53

AuslG), zu der der Kläger ausdrücklich einen Hilfsantrag gestellt hatte, hatte das Verwaltungsgericht keine Entscheidung

getroffen. Der Bundesbeauftragte hat daraufhin beantragt, die

Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts zuzulassen

"und unter Abänderung des Urteils die Klage abzuweisen sowie

festzustellen, dass die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG

nicht vorliegen". Das Berufungsgericht hat auf diesen Antrag

die Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts (uneingeschränkt) zugelassen und auch den Anspruch auf Feststellung

von Abschiebungshindernissen nach § 53 AuslG als Gegenstand

des Berufungsverfahrens angesehen und hierüber entschieden.

Entgegen der Auffassung der Beschwerde ist dies rechtlich

nicht zu beanstanden. Nach gefestigter Rechtsprechung des Senats fällt ein Hilfsantrag - wie der Antrag zu § 53 AuslG im

Rahmen einer Asylklage -, über den die Vorinstanz, wie hier

das Verwaltungsgericht, nicht zu entscheiden brauchte, weil

sie dem Hauptantrag entsprochen hat, durch das Rechtsmittel

der Gegenseite gegen die Verurteilung nach dem Hauptantrag in

der Rechtsmittelinstanz ebenfalls an. Dies entspricht regelmäßig dem Interesse des klagenden Asylbewerbers, weil andernfalls eine negative Feststellung zu § 53 AuslG in dem Bescheid

des Bundesamts für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge

bestandskräftig würde. In der Rechtsprechung des Senats ist

weiterhin geklärt, dass es nicht zur Disposition des Bundesbeauftragten als Berufungskläger steht, das klägerische Begehren

derart einzuschränken, dass vom Berufungsgericht trotz Abweisung des Hauptantrages nicht über den Hilfsantrag zu entscheiden ist. Dies gilt im Übrigen unabhängig von der Zulassungsentscheidung des Berufungsgerichts (vgl. z.B. Urteil vom

15. April 1997 - BVerwG 9 C 19.96 - BVerwGE 104, 260 = Buchholz 402.240 § 50 AuslG Nr. 2 und Beschluss vom 24. Mai 2000

- BVerwG 9 B 144.00 - Buchholz 402.240 § 53 AuslG Nr. 36

m.w.N.).

Die Beschwerde rügt schließlich, das Berufungsgericht habe zu

Unrecht nicht über die Frage entschieden, ob die Ausreiseaufforderung und die Abschiebungsandrohung unter Ziff. 4 des ablehnenden Bescheids der Beklagten rechtlichen Bedenken unterliegt. Dieser Vorwurf trifft gleichfalls nicht zu. Ausweislich

des Urteilstenors hat das Berufungsgericht (auch) die Aufhebung der Ziff. 4 des Ablehnungsbescheids der Beklagten durch

das Verwaltungsgericht geändert und die Klage insgesamt abgewiesen. Damit ist auch eine Entscheidung hinsichtlich der Abschiebungsandrohung getroffen. Im Übrigen könnte die Beschwerde ihren Vorwurf, träfe er zu, nicht mit einer Verfahrensrüge

gemäß § 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO, sondern lediglich mit einem

fristgebundenen Antrag an das Berufungsgericht auf Urteilsergänzung nach § 120 VwGO verfolgen.

Versteht man die Beschwerde dahin, dass - gewissermaßen hilfsweise - als Verletzung des rechtlichen Gehörs auch geltend gemacht wird, das Berufungsgericht hätte in den Urteilsgründen

jedenfalls auf die Problematik der in der Abschiebungsandro-

hung festgesetzten einwöchigen Ausreisefrist eingehen müssen,

ist eine Gehörsrüge ebenfalls nicht ordnungsgemäß erhoben. Die

Beschwerde trägt weder vor, dass der Kläger sich im Berufungsverfahren auf diesen Gesichtspunkt berufen hat, noch zeigt sie

auf, inwiefern die Dauer der Ausreisefrist hier aus anderen

Gründen hätte erörtert werden müssen. Die Frage der Ausreisefrist ist für Fälle wie den vorliegenden, in dem nach Ablehnung des Asylantrags als offensichtlich unbegründet der Antrag

nach § 80 Abs. 5 VwGO gegen die Abschiebungsandrohung Erfolg

hatte, durch § 37 Abs. 2 AsylVfG eindeutig geregelt. Die Ausreisefrist endet danach kraft Gesetzes, ohne dass es einer

weiteren gerichtlichen Entscheidung bedarf, einen Monat nach

dem unanfechtbaren Abschluss des Asylverfahrens. Auf den Bestand der Abschiebungsandrohung selbst würde sich im Übrigen

auch eine rechtswidrige Fristsetzung nicht auswirken (vgl.

hierzu Urteil vom 3. April 2001 - BVerwG 9 C 22.00 - BVerwGE

114, 122). Inwiefern der Kläger durch unterbliebene Ausführungen zur Ausreisefrist in seinem Anspruch auf Gewährung rechtlichen Gehörs verletzt sein soll, ist angesichts dieser Sachlage nicht ersichtlich.

Weitere Verfahrensrügen erhebt die Beschwerde nicht.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO. Gerichtskosten werden gemäß § 83 b Abs. 1 AsylVfG nicht erhoben. Der

Gegenstandswert ergibt sich § 83 b Abs. 2 AsylVfG.

Eckertz-Höfer Richter Beck

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