Urteil des BVerwG vom 27.05.2004, 1 B 244.03

Entschieden
27.05.2004
Schlagworte
Ausweisung, Straftat, Alter, Rechtfertigung, Sanktion, Einheit
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BESCHLUSS

BVerwG 1 B 244.03 VGH 11 S 420/03

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 27. Mai 2004 durch die Vizepräsidentin des Bundesverwaltungsgerichts E c k e r t z - H ö f e r und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. M a l l m a n n und Prof. Dr. D ö r i g

beschlossen:

Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden- Württemberg vom 9. Juli 2003 wird zurückgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdeverfahren auf 4 000 festgesetzt.

G r ü n d e :

Die allein auf den Revisionszulassungsgrund der grundsätzlichen Bedeutung der

Rechtssache 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) gestützte Beschwerde des Klägers bleibt

ohne Erfolg. Grundsätzliche Bedeutung im Sinne dieser Vorschrift kommt einer

Rechtssache nur zu, wenn sie eine für die erstrebte Revisionsentscheidung erhebliche Rechtsfrage aufwirft, die im Interesse der Einheit oder der Fortbildung des

Rechts revisionsgerichtlicher Klärung bedarf. Diese Voraussetzungen liegen hier

nicht vor.

Die erste von der Beschwerde aufgeworfene Frage, ob bei einer Ausweisung, die auf

einer Verurteilung des Ausländers zu einer Freiheitsstrafe zur Bewährung beruht,

"eine generalpräventive Wirkung überhaupt zu erwarten" sei, stellt keine einer grundsätzlichen Klärung zugängliche Rechtsfrage dar, sondern zielt auf die Klärung der

Tatsachenfrage, welche Wirkungen von einer bestimmten Ausweisung ausgehen,

wobei zusätzlich auf einen Umstand des Einzelfalles abgestellt wird, nämlich "das

hohe Alter des Klägers".

Die Beschwerde hält des weiteren die Frage für klärungsbedürftig, ob die generalpräventiv begründete Ausweisung mit dem besonderen Ausweisungsschutz von

Art. 3 Abs. 3 des Europäischen Niederlassungsübereinkommens (ENA) in Einklang

zu bringen sei, wenn die Freiheitsstrafe, die der Ausweisung zu Grunde liege, zur

Bewährung ausgesetzt worden sei und wenn das hohe Alter des Klägers mit in die

Entscheidung einfließe. Soweit die Beschwerde nicht auf den individuellen Umstand

des hohen Alters des Klägers abstellt, wirft sie zwar eine Rechtsfrage von allgemeiner Bedeutung auf. Diese ist allerdings in der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bereits geklärt. Danach ist die Frage, wann besonders schwerwiegen-

de Gründe der öffentlichen Ordnung im Sinne von Art. 3 Abs. 3 ENA die Ausweisung

eines Ausländers rechtfertigen, nach den gleichen Maßstäben zu beurteilen wie die

Ausweisung privilegierter Ausländer wegen schwerwiegender Gründe im Sinne von

§ 48 AuslG (Urteil vom 11. Juni 1996 - BVerwG 1 C 24.94 - BVerwGE 101, 247

<262 f.>; Urteil vom 28. Januar 1997 - BVerwG 1 C 17.94 - Buchholz 402.240 § 48

AuslG 1990 Nr. 10, S. 49 f.). Eine Ausweisung aus generalpräventiven Gründen ist

danach möglich, wenn der Ausländer eine besonders schwer wiegende Straftat begangen hat und deshalb ein dringendes Bedürfnis dafür besteht, über die strafrechtliche Sanktion hinaus durch Ausweisung andere Ausländer von Straftaten ähnlicher

Art und Schwere abzuhalten (Urteil vom 11. Juni 1996, a.a.O., S. 262). Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ist zu beachten. Das Gewicht der Straftat ist nicht abstrakt, sondern konkret nach den Umständen der Tatbegehung zu bestimmen. Im Falle durchgreifender generalpräventiver Erwägungen stehen eine Strafaussetzung zur

Bewährung und in diesem Zusammenhang eine zugunsten des Betroffenen angestellte Sozialprognose der Ausweisung nicht entgegen (Urteil vom 11. Juni 1996,

a.a.O., S. 255). Bei der Ermessensentscheidung sind im Übrigen alle wesentlichen

Umstände des Einzelfalls in die Beurteilung einzubeziehen. Dass über die bisherige

Rechtsprechung hinaus erneuter oder weitergehender Klärungsbedarf besteht, lässt

die Beschwerde nicht erkennen.

Ob und inwieweit das hohe Lebensalter des Klägers bei der generalpräventiven

Rechtfertigung seiner Ausweisung hinreichend berücksichtigt worden ist, ist eine

Frage der tatsächlichen und rechtlichen Einzelfallwürdigung. Dieser kommt keine die

Zulassung der Revision rechtfertigende grundsätzliche Bedeutung zu.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2 VwGO, die Festsetzung des Streitwertes auf § 13 Abs. 1 Satz 2 GKG.

Eckertz-Höfer Dr. Mallmann Prof. Dr. Dörig

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