Urteil des BSG vom 10.04.2008
BSG (klage auf zahlung, vergütung, geschäftsführung ohne auftrag, abweisung der klage, zahlung, wirtschaftliches interesse, verhältnis zwischen, öffentliche gewalt, öffentliche aufgabe, höhe)
BUNDESSOZIALGERICHT Urteil vom 10.4.2008, B 3 KR 5/07 R
Krankenversicherung - Vergütung von Rettungsfahrten eines privaten Rettungsdienstes
bei vertragslosem Zustand - Verfassungsmäßigkeit und Europarechtskonformität
Leitsätze
Soweit eine Krankenkasse für Rettungsfahrten eines privaten Rettungsdienstes bei
vertragslosem Zustand Wertersatz nach bereicherungsrechtlichen Grundsätzen zu leisten hat,
richtet sich dieser nicht nach den auf landesrechtlicher Grundlage hoheitlich erhobenen
Gebühren des öffentlichen Rettungsdienstes.
Tatbestand
1 Streitig ist die Höhe der Vergütung für Rettungstransporte.
2 Die Klägerin betreibt einen privaten Kranken- und Rettungstransportdienst mit
Niederlassungen ua in R. und anderen Städten in Nordrhein-Westfalen. Für den
Versorgungsbereich der Stadt R. dort treten neben ihr und der Feuerwehr keine weiteren
Anbieter von Kranken- und Rettungstransporten auf - besteht mit der Beklagten keine
Vergütungsvereinbarung nach § 133 Abs 1 Satz 1 SGB V, weil eine Verständigung über die
Höhe der Vergütung nicht gelungen ist. Die Klägerin beansprucht Vergütungen, wie sie auf
Grund der Gebührensatzung der Stadt R. bei entsprechenden Fahrten an die Feuerwehr zu
zahlen sind. Sie hat deshalb für 54 Notfalltransportfahrten vom 4.1.2003 bis zum 29.7.2004
jeweils 309 Euro pro Einsatz in Rechnung gestellt. Dagegen ist die Beklagte der Auffassung,
dass Vergütungsvereinbarungen nach § 133 SGB V und satzungsrechtlich festgelegte
Gebühren nicht vergleichbar seien, und hatte zunächst eine Pauschalvergütung von 58,80
Euro je Fahrt angeboten.
3 Die Klägerin hatte zunächst Klage auf Zahlung von 16.686 Euro (54 Notfalltransporte x 309
Euro) nebst Zinsen erhoben. Bei vertragslosem Zustand habe die Beklagte die Transporte auf
bereicherungsrechtlicher Grundlage so zu vergüten wie Fahrten der Feuerwehr. Die Beklagte
ist dem entgegen getreten, hat der Klägerin jedoch auf der Grundlage der Sätze, die sie mit ihr
im Bereich der Stadt W. abrechnet, eine Vergütung in Höhe von 15.433,37 Euro gezahlt.
Streitig ist jetzt nur noch der Differenzbetrag in Höhe von 1.252,63 Euro, der sich ergibt, wenn
sich die Vergütung nach der Gebührensatzung der Stadt R. für Rettungstransporte der
Feuerwehr richten würde.
4 Das Sozialgericht (SG) hat die Klage abgewiesen: Ein vertraglicher Anspruch scheide aus, da
die Beteiligten keine Einigung über die Vergütungshöhe erzielt hätten. Ansprüche aus
Geschäftsführung ohne Auftrag (GoA) oder nach bereicherungsrechtlichen Grundsätzen (§§
812 ff BGB) seien im Verhältnis zwischen Krankentransportunternehmen und gesetzlichen
Krankenkassen ausgeschlossen. Das Vertragsmodell des § 133 SGB V würde tangiert, wenn
dem Träger eines Rettungsdienstes bei Fehlen eines Vertrages ein Anspruch auf
anderweitigen Aufwendungsersatz zugebilligt würde. Der Leistungserbringer könne seinen
Vergütungsanspruch allenfalls gegen den Versicherten selbst geltend machen; das sei Folge
des Sachleistungsprinzips in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).
5 Mit der Sprungrevision rügt die Klägerin die Verletzung materiellen Rechts. Entgegen der
Auffassung des SG stehe ihr ein Vergütungsanspruch unmittelbar aus § 133 SGB V zu. Die
Beklagte sei verpflichtet, ihrem - der Klägerin - Angebot folgend einen Vertrag mit einer
Vergütungshöhe von 309 Euro je Einsatz zu schließen und die Fahrten entsprechend zu
vergüten. Es bestehe eine Ermessensreduzierung auf Null, wenn ein geeigneter und
abschlussbereiter Anbieter ein Preisangebot unterbreite, das nicht über anderen
Gebührensätzen liege. Unabhängig davon bestehe ein Anspruch entweder nach den Regeln
der GoA oder nach bereicherungsrechtlichen Grundsätzen, weil diese auf das
Rechtsverhältnis zwischen Krankenkasse und Leistungserbringer entsprechend anzuwenden
seien. Das gelte umso mehr, als eine Schiedsstelle in diesen Fällen nicht angerufen werden
könne. Deshalb müsse die angemessene Vergütung unter Berücksichtigung von Art 3 Abs 1
GG und Art 81 ff EG-Vertrag (EGV) von den Gerichten festgesetzt werden. Ansonsten sei die
Rechtsschutzgarantie des Art 19 Abs 4 GG verletzt.
6 Die Klägerin beantragt,
das Urteil des Sozialgerichts Düsseldorf vom 4.5.2007 zu ändern und die Beklagte zu
verurteilen, an sie 1.252,63 Euro nebst 11,25 % Zinsen seit Fälligkeit zu zahlen.
7 Die Beklagte verteidigt das angefochtene Urteil und beantragt,
die Revision zurückzuweisen.
Entscheidungsgründe
8 Die Sprungrevision der Klägerin ist unbegründet. Das SG hat im Ergebnis zutreffend
entschieden, dass die Klägerin keinen Anspruch auf Zahlung weiterer 1.252,63 Euro hat
(dazu 2. bis 4.). Grundrechte der Klägerin sind dadurch ebenso wenig verletzt wie die
Vorschriften der Art 81 ff EGV (dazu 5.). Über weitergehende Ansprüche der Klägerin war
nicht zu befinden (dazu 1.).
9 1. Gegenstand des Revisionsverfahrens ist ausschließlich der vor dem SG zuletzt geltend
gemachte Zahlungsanspruch von weiteren 1.252,63 Euro für die Rettungstransportfahrten
der Klägerin. Nicht zu befinden ist hingegen darüber, ob die Klägerin Anspruch auf
Abschluss einer Vergütungsvereinbarung zu einem Satz von 309 Euro je Fahrt haben
könnte. Einen solchen Anspruch hat die Klägerin erstmals im Termin zur mündlichen
Verhandlung vor dem Bundessozialgericht (BSG) vorgetragen. Dies erweist sich gegenüber
dem ursprünglich verfolgten Zahlungsanspruch als eine Klageänderung iS von § 99 Abs 1
SGG ( vgl BSGE 37, 245, 247 = SozR 2600 § 2 Nr 1 ), die in der Revisionsinstanz
grundsätzlich unzulässig ist ( § 168 Satz 1 SGG ).
10 2. Rechtsgrundlage der Leistungsbeziehungen zwischen Klägerin und beklagter
Krankenkasse ist die bundesrechtliche Norm des § 133 Abs 1 SGB V. Vorgehende
landesrechtliche oder kommunalrechtliche Bestimmungen iS von § 133 Abs 1 Satz 1 SGB V
bestehen nicht. Danach wird Bundesrecht verdrängt, soweit die Entgelte für die
Inanspruchnahme von Leistungen des Rettungsdienstes und anderer Krankentransporte
durch landesrechtliche oder kommunalrechtliche Bestimmungen festgelegt worden sind. Ein
solcher Vorrang des Landes- oder Kommunalrechts besteht nach dem nordrhein-
westfälischen Gesetz über den Rettungsdienst sowie die Notfallrettung und den
Krankentransport durch Unternehmer (RettG NRW) vom 24.11.1992 (GV NRW 1992 S 458,
hier anzuwenden idF der Änderungen durch Art 17 1. ModernG NRW vom 15.6.1999 [GV
NRW S 386] sowie von Art 35 EuroAnpG NRW vom 25.9.2001 [GV NRW S 708]) für
Leistungen privater Rettungsunternehmer nicht. Nach diesem Gesetz - dessen Inhalt hat das
SG, nach seiner Rechtsauffassung folgerichtig, nicht festgestellt; deshalb kann es vom Senat
selbst ausgelegt werden ( vgl BSGE 7, 122, 125; 53, 242, 245 = SozR 2200 § 1248 Nr 36 S
87; BSGE 62, 131, 133 = SozR 4100 § 141b Nr 40 S 151; SozR 4-2500 § 33 Nr 14 RdNr 12 -
stRspr; vgl auch Lüdtke, Handkommentar zum SGG, 2. Aufl 2006, § 162 RdNr 13, und
Krasney/Udsching, Handbuch des sozialgerichtlichen Verfahrens, 4. Aufl 2005, IX. Kap
RdNr 301 mwN ) - gelten in Nordrhein-Westfalen landesrechtliche Vergütungsregelungen
nur für den öffentlichen Rettungsdienst. Die in den §§ 14 und 15 RettG NRW getroffenen
Vorgaben zur Beteiligung der Krankenkassen bei der Festsetzung von Benutzungsgebühren
sowie zur Kostentragung und Umlegung von Kosten sind im zweiten Abschnitt des RettG
NRW angeordnet, der ausschließlich den öffentlichen Rettungsdienst zum Gegenstand hat.
Die Vorschriften über die Notfallrettung und den Krankentransport durch Unternehmer sind
im dritten Abschnitt des RettG NRW zusammengefasst, der ausschließlich Regelungen über
den Marktzugang privater Unternehmer und deren Verantwortlichkeit, nicht aber
Bestimmungen über die Vergütung von Unternehmen außerhalb des öffentlichen
Rettungsdienstes enthält und insoweit auch nicht auf die Vorschriften des 2. Abschnitts
verweist. Danach scheiden die Vorschriften des RettG NRW als Rechtsgrundlage für die
Vergütung von Unternehmen außerhalb des öffentlichen Rettungsdienstes aus ( ebenso
LSG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 12.8.2004 - L 16 KR 81/03 -, juris ).
11 3. Soweit vorgehende landes- oder kommunalrechtliche Bestimmungen nicht
entgegenstehen, ist die Festlegung der Vergütung für Rettungs- und Krankentransportfahrten
grundsätzlich Verhandlungssache der Beteiligten. § 133 Abs 1 SGB V bestimmt dazu ua:
Soweit die Entgelte für die Inanspruchnahme von Leistungen des Rettungsdienstes und
anderer Krankentransporte nicht durch landesrechtliche oder kommunalrechtliche
Bestimmungen festgelegt werden, schließen die Krankenkassen oder ihre Verbände
Verträge über die Vergütung dieser Leistungen mit dafür geeigneten Einrichtungen oder
Unternehmen unter Beachtung des § 71 Abs 1 bis 3 SGB V. Sie haben dabei die
Sicherstellung der flächendeckenden rettungsdienstlichen Versorgung und die
Empfehlungen der Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen zu berücksichtigen. Die
vereinbarten Preise sind Höchstpreise. Die Preisvereinbarungen haben sich an möglichst
preisgünstigen Versorgungsmöglichkeiten auszurichten (§ 133 Abs 1 Satz 1 und 3 bis 5
SGB V) . Bei dieser Regelung hat sich der Gesetzgeber von der Erwartung leiten lassen,
dass durch Wettbewerb unter den Leistungserbringern auch im Bereich des
Krankentransports Wirtschaftlichkeitsreserven ausgeschöpft werden können. Die
Sicherstellung der Versorgung der Versicherten durch vertragliche Vereinbarungen mit den
Leistungsanbietern zwingt diese dazu, ihre Leistungen marktgerecht anzubieten, und
versetzt die Krankenkassen in die Lage, die Vergütungen nach Maßgabe des
Wirtschaftlichkeitsgebots auszuhandeln und eine preisgünstige Versorgung sicherzustellen
(vgl zu den Motiven für das Marktmodell im Rahmen des SGB V allgemein BT-Drucks
11/2237 S 147).
12 4. Auf der Grundlage dieses Vertragsmodells nach § 133 Abs 1 SGB V steht der Klägerin ein
Anspruch auf Zahlung von weiteren 1.252,63 Euro nicht zu.
13 a) Vertragliche Grundlagen für einen Anspruch auf weitere Zahlung bestehen nicht; die
Vertragsverhandlungen der Beteiligten sind gescheitert.
14 b) Ansprüche aus öffentlich-rechtlicher GoA in entsprechender Anwendung der §§ 677 ff
BGB bestehen ebenfalls nicht. Zwar hat die Klägerin mit den durchgeführten
Rettungstransporten nicht nur eigene Rechtspflichten nach dem RettG NW erfüllt, sondern
zugleich objektiv fremde Geschäfte insoweit geführt, als die Beklagte ihren Versicherten
Rettungs- und Krankentransporte als Sachleistung der GKV zur Verfügung zu stellen hat.
Der erkennende Senat hat jedoch bereits entschieden, dass der Rückgriff auf
Aufwendungsersatzansprüche nach den Vorschriften über die GoA im Bereich des Kranken-
und Rettungstransportes durch § 133 SGB V ausgeschlossen ist. Das dem gesetzlichen
Vertragsmodell immanente Prinzip der Verhandlungsparität der Vertragspartner würde
nachhaltig beeinträchtigt, wenn dem Träger eines Rettungsdienstes bei Fehlen eines
solchen Vertrags auf Dauer ein Anspruch auf Aufwendungsersatz in Höhe der
satzungsgemäßen Gebühren nach den Rechtsfolgen der GoA zugebilligt würde. Der Träger
könnte auf diese Weise seine Preisvorstellungen einseitig und ohne ernstliche Gefahr der
Beeinträchtigung seiner Marktposition durchsetzen, solange ihm das Preisangebot der
Krankenkassen als zu niedrig erscheint. Unter diesen Umständen würde das Vertragsmodell
in der Regel daran scheitern, dass auf Seiten des Trägers eines Rettungsdienstes wenig
wirtschaftliches Interesse daran besteht, zu einer vertraglichen Einigung zu kommen (Urteil
des Senats vom 3.11.1999, BSGE 85, 110, 114 f = SozR 3-2500 § 60 Nr 4 S 23 ff; vgl auch
die Senatsurteile vom 25.9.2001, SozR 3-2500 § 132a Nr 1 und vom 13.5.2004, SozR 4-
2500 § 132a Nr 1) .
15 c) Auch auf bereicherungsrechtlicher Grundlage der §§ 812 ff BGB besteht kein Anspruch
auf weitere Zahlung von 1.252,63 Euro. Dabei lässt der Senat offen, ob Bereicherungsrecht
hier dem Grunde nach Anwendung findet oder - wovon das SG ausgegangen ist - seine
Geltung schon im Ansatz ausgeschlossen ist. Der erkennende Senat hat zwar entschieden,
dass Krankentransportunternehmen und -einrichtungen nach § 133 Abs 1 SGB V einen
Anspruch auf Abschluss einer Vergütungsvereinbarung haben können, wenn ihre
Preisangebote nicht über den Sätzen in bereits bestehenden Vereinbarungen liegen (Urteil
vom 29.11.1995, BSGE 77, 119, 122 = SozR 3-2500 § 133 Nr 1 S 4). Auf dieser Grundlage
hat der Senat bei Streitigkeiten um die Vergütung von Leistungen der häuslichen
Krankenpflege die entsprechende Geltung des Bereicherungsrechts in Fällen angenommen,
in denen die Krankenkasse die Leistungserbringung durch Zahlung von Teilbeträgen
jedenfalls dem Grunde nach anerkannt hatte (vgl Urteile vom 25.9.2001, aaO, S 5 f und vom
13.5.2004, aaO, RdNr 13). Auf der anderen Seite ist zu berücksichtigen, dass die Vergütung
für Rettungs- und Krankentransportleistungen nach dem Vertragsmodell des § 133 Abs 1
SGB V im Verhandlungswege bestimmt werden soll und dies ein Interesse beider Seiten an
der Preisfindung voraussetzt. An diesem Interesse könnte es fehlen, wenn einer der
Vertragspartner - wie hier die Klägerin - Zahlungsansprüche ohne vertragliche Grundlage
durch schlichte Leistungserbringung in entsprechender Anwendung
bereicherungsrechtlicher Vorschriften erwerben kann. Dies könnte der entsprechenden
Anwendung des Bereicherungsrechts jedenfalls dann entgegenstehen, wenn die beklagte
Krankenkasse weitere Leistungserbringer benennen kann, mit denen sie in dem streitigen
Zeitraum ebenfalls Vergütungsvereinbarungen zu niedrigeren Sätzen abgeschlossen hat;
eine Bereicherung bräuchte sich die Beklagte in solchen Fällen nicht "aufdrängen" zu lassen
( § 814 BGB - vgl Urteil vom 13.5.2004, aaO, RdNr 15 ).
16 Das kann jedoch hier dahinstehen. Denn auch auf bereicherungsrechtlicher Grundlage
stünde der Klägerin kein weiterer Anspruch auf Zahlung von 1.252,63 Euro zu. Da das
Erlangte seiner Natur nach nicht mehr herausgegeben werden kann, wäre entsprechend §
818 Abs 2 BGB der Wert der Rettungstransporte zu ersetzen. Maßgeblich dafür ist der
objektive Verkehrswert des Erlangten, nämlich die bei ordnungsgemäßer Inanspruchnahme
übliche oder - in Ermangelung einer solchen - angemessene Vergütung des in Rede
stehenden Rechtsguts ( stRspr der obersten Gerichtshöfe des Bundes, vgl Urteil des
erkennenden Senats vom 13.5.2004, aaO, RdNr 14; ebenso BGHZ 82, 299, 307; 99, 244,
248; 117, 29, 31; 132, 198, 207 und BAGE 69, 324, 330 ). Daran ausgerichtet hat die
Beklagte ihrer Zahlung die Sätze zu Grunde gelegt, die sie mit der Klägerin für den Bereich
der Stadt W. vereinbart hat. Anhaltspunkte dafür, dass darin der Wert privater
Rettungstransportleistungen für das hier betroffene Versorgungsgebiet von R. nicht
angemessen ausgedrückt ist, sind nicht ersichtlich und macht auch die Klägerin selbst nicht
geltend. Die Klägerin meint vielmehr, dass der objektive Wert von
Rettungstransportleistungen auch für private Unternehmer in den auf landesrechtlicher
Grundlage ergangenen Gebührensatzungen für das öffentliche Rettungswesen
Niederschlag gefunden hat. Dies ist jedoch nicht zutreffend.
17 Die Gebührenansätze des öffentlichen Rettungswesens bilden keinen tauglichen Maßstab
für die Bemessung der üblichen oder angemessenen Vergütung privater
Rettungstransportunternehmer nach § 133 Abs 1 SGB V. Nach dem Regelungskonzept der
Vorschrift kann die Vergütung des öffentlichen Rettungsdienstes und die der anderen
Leistungserbringer auf unterschiedlichen Rechtsgrundlagen beruhen. Deshalb richtet sich
die Vergütung des öffentlichen Rettungsdienstes nach Landesrecht - wie hier nach dem
RettG NRW - und die der übrigen Leistungserbringer mangels landesrechtlicher oder
kommunalrechtlicher Bestimmungen nach Bundesrecht. Damit sind auch unterschiedliche
materiell-rechtliche Maßstäbe für die Vergütung von Rettungstransporten verbunden. Denn
während das Gebührenrecht der Länder die Refinanzierung des öffentlichen
Rettungsdienstes mit seinem öffentlichen Versorgungsauftrag bezweckt, zielt das
Vertragsmodell des § 133 SGB V darauf, dass der weitere Versorgungsbedarf mit
rettungsdienstlichen Leistungen im Marktwettbewerb von möglichst preisgünstigen
Leistungserbringern gedeckt wird und dadurch Wirtschaftlichkeitsreserven erschlossen
werden. Dabei ist gemäß § 133 Abs 1 Satz 1 SGB V auch der Grundsatz der
Beitragsstabilität ( § 71 Abs 1 bis 3 SGB V ) zu berücksichtigen, der für Gebührensatzungen
nach Landesrecht aber gerade nicht gilt (BVerwG, Beschluss vom 21.5.1996 - 3 N 1/94 -
BVerwGE 101, 177 = Buchholz 418.15 Rettungswesen Nr 6) . Zudem sind die
Krankenkassen nach § 133 Abs 2 SGB V ausdrücklich ermächtigt, eine auf Landesrecht
beruhende Leistungspflicht auf Festbeträge in Höhe vergleichbarer wirtschaftlich erbrachter
Leistungen zu beschränken, wenn ua bei der Entgeltbemessung Investitionskosten und
Kosten der Reservevorhaltung berücksichtigt worden sind, die durch eine über die
Sicherstellung der Leistungen des Rettungsdienstes hinausgehende öffentliche Aufgabe der
Einrichtungen bedingt sind ( § 133 Abs 2 Nr 2 SGB V ), oder die Leistungserbringung
gemessen an den rechtlich vorgegebenen Sicherstellungsverpflichtungen unwirtschaftlich ist
( § 133 Abs 2 Nr 3 SGB V ). Insgesamt ergibt sich daraus, dass das bundesrechtliche
Vergütungsregime selbstständige und vom Landesrecht ausdrücklich unabhängige
materielle Kriterien für die Vereinbarung der Vergütung von Leistungen des Rettungs- und
Krankentransports enthält, die einer Übertragung der Gebührensätze des öffentlichen
Rettungsdienstes auf die Leistungen privater Unternehmer entgegensteht. Dem
entsprechend kann bei der Wertbestimmung von Rettungstransportleistungen privater
Unternehmer nicht auf in landesrechtlichen Gebührensatzungen für das öffentliche
Rettungswesen niedergelegte Sätze zurückgegriffen werden, weil es insoweit an der
notwendigen objektiven Vergleichbarkeit fehlt.
18 5. Grundrechte der Klägerin stehen diesem Ergebnis ebenso wenig entgegen wie die
Vorschriften der Art 81 ff EGV.
19 a) Insbesondere ist Art 3 Abs 1 GG nicht verletzt. Selbst wenn die Feuerwehr in R. nach der
städtischen Gebührensatzung höhere Gebühren als die Klägerin geltend machen kann - dies
hat das SG nicht ausdrücklich festgestellt -, dann beruht das auf den unterschiedlichen
Maßgaben des landesrechtlichen Gebührenrechts einerseits und der bundesrechtlichen
Norm des § 133 Abs 1 SGB V andererseits. Darin liegt keine Ungleichbehandlung iS von Art
3 Abs 1 GG. Ein Anspruch auf Gleichbehandlung steht dem Einzelnen nur gegenüber dem
nach der Kompetenzverteilung konkret zuständigen Träger öffentlicher Gewalt zu. Hingegen
ist der Gleichheitssatz nicht verletzt, wenn Bundesgesetzgeber und Landesgesetzgeber im
Rahmen ihrer Gesetzgebungskompetenz abweichende Regelungen treffen ( stRspr des
BVerfG, vgl BVerfGE 10, 354, 371; 16, 6, 24; 106, 225, 241; 114, 371, 383 ).
20 b) Auch Art 19 Abs 4 Satz 1 GG ist nicht verletzt. Danach ist der Rechtsweg eröffnet, wenn
jemand durch die öffentliche Gewalt in seinen Rechten verletzt wird. Die Regelung ist auf die
"vollziehende öffentlichen Gewalt" beschränkt; hierzu zählt jedoch nicht die Rechtsprechung,
denn Art 19 Abs 4 Satz 1 GG garantiert den Schutz durch den Richter, nicht gegen ihn (
BVerGE 76, 93, 98; 112, 185, 207 ). Die Abweisung der Klage auf Zahlung von 1.252,63
Euro bedeutet auch keine Rechtsschutzverweigerung. Damit ist nur entschieden, dass die
Klägerin keinen Anspruch auf Wertersatz nach den Gebühren des öffentlichen
Rettungsdienstes hat. Ob sie möglicherweise einen Anspruch auf Abschluss einer
weitergehenden Vergütungsvereinbarung haben kann, war in diesem Verfahren nicht zu
entscheiden (vgl oben 1).
21 c) Die Anwendung europäischen Gemeinschaftsrechts scheidet schon deshalb aus, weil im
vorliegenden Fall kein grenzüberschreitender Sachverhalt vorliegt. Es sind keinerlei
Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass in anderen Mitgliedstaaten ansässige Unternehmen
durch das Verhalten der Beklagten im Rahmen der Vergütung von Kranken- und
Rettungstransporten betroffen sein könnten.
22 4. Die Kostenentscheidung folgt aus § 197a SGG iVm § 154 Abs 1
Verwaltungsgerichtsordnung. Die Streitwertfestsetzung beruht auf § 63 Abs 2 Satz 1, § 52
Abs 1 und § 47 Abs 1 Gerichtskostengesetz.