Urteil des BPatG vom 16.09.2009, 29 W (pat) 79/08

Aktenzeichen: 29 W (pat) 79/08

BPatG: recht auf akteneinsicht, persönliche daten, schutzwürdiges interesse, patent, geheimhaltung, wortmarke, bestandteil, widerspruchsverfahren, unterscheidungskraft, farbe

BUNDESPATENTGERICHT

29 W (pat) 79/08

_______________________

(Aktenzeichen)

B E S C H L U S S

In der Beschwerdesache

BPatG 152

08.05

betreffend die Markenanmeldung 306 11 059.8

(hier: Akteneinsicht)

hat der 29. Senat (Marken-Beschwerdesenat) durch die Vorsitzende Richterin

Grabrucker, die Richterin Kopacek und den Richter Dr. Kortbein in der Sitzung

vom 16. September 2009

beschlossen:

Die Beschwerde wird zurückgewiesen.

G r ü n d e

I.

Die Antragstellerin und Beschwerdegegnerin ist Inhaberin der Wortmarke

304 33 415 "klickYellow". Gegen die Eintragung der Marke hat die Antragsgegnerin und Beschwerdeführerin Widerspruch erhoben aus ihrer Marke

396 21 465 "Yellow Pages" und den Widerspruch u. a. auf die Übereinstimmung

der Marken im Bestandteil "Yellow" gestützt, weshalb eine unmittelbare Verwechslungsgefahr im engeren Sinn gegeben sei. Das Wort "Yellow" weise, ebenso wie

das Wort "gelb" und die Farbe Gelb auf die Beschwerdeführerin hin. Die Beschwerdegegnerin hat daher mit Antrag vom 16. Juli 2008 Akteneinsicht in die Anmeldung der Wortmarke 306 11 059.8 "Yellow" beantragt mit der Begründung, sie

müsse sich Klarheit darüber verschaffen, ob es sich bei dem fraglichen Zeichen

"Yellow" um eine für die Beschwerdeführerin schutzfähige oder um eine frei verwendbare beschreibende bzw. nicht unterscheidungskräftige Angabe handele. Die

Beschwerdeführerin hat der Akteneinsicht widersprochen und ihrerseits dargelegt,

es bestehe diesbezüglich kein berechtigtes Interesse.

Die Markenstelle für Klasse 38 des Deutschen Patent- und Markenamts hat der

Antragstellerin mit Beschluss vom 18. September 2008 Einsicht in die Akten der

Markenanmeldung 306 11 059.8 gewährt. Zur Begründung hat sie ausgeführt, es

liege zwar kein klassischer Fall eines berechtigten Interesses vor. Dennoch sei

nicht auszuschließen, dass Fragen hinsichtlich der Schutzfähigkeit des isolierten

Bestandteils "Yellow" auch Erkenntnisse über das Vorgehen im Widerspruchsverfahren "klickYellow./.Yellow Pages" bringen könnten unabhängig davon, dass der

Widerspruch nicht auf die Markenanmeldung "Yellow" gestützt sei. Es sei auch

unerheblich, dass die Anmeldung "Yellow" erst nach Beginn des Widerspruchsverfahrens eingereicht worden sei.

Hiergegen richtet sich die Beschwerde der Beschwerdeführerin. Sie vertritt die

Auffassung, der Beschwerdegegnerin stehe kein Recht auf Akteneinsicht gemäß

§ 62 Abs. 1 MarkenG zu, denn sie habe kein konkretes berechtigtes Interesse

glaubhaft gemacht. Die Beschwerdeführerin habe ihren Widerspruch gegen die in

Rede stehende Marke ausschließlich auf die Marke 396 21 465 "Yellow Pages"

gestützt. Dass kein Zusammenhang zu dem vorliegenden Widerspruchsverfahren

gegeben sei, werde dadurch deutlich, dass die Beschwerdeführerin den Widerspruch gegen die Marke "klickYellow" vor der Markenanmeldung "Yellow" erhoben

habe. Darüber hinaus habe die Beschwerdeführerin ein berechtigtes Interesse an

der Geheimhaltung der Anmeldeakten im Verfahren "Yellow", da sie in diesem Anmeldeverfahren "verschiedene Details hinsichtlich anderer Markenanmeldungen"

vorgetragen habe. Durch die vom Deutschen Patent- und Markenamt gewährte

Einsicht werde das informationelle Recht auf Selbstbestimmung der Beschwerdeführerin nach Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG verletzt. Es bleibe grundsätzlich der Beschwerdeführerin vorbehalten, darüber zu entscheiden, ob Dritten

Einsicht in die Verfahrensakten gewährt werden solle. Das Deutsche Patent- und

Markenamt habe nicht ausreichend beachtet, dass das schutzwürdige Interesse

der Beschwerdeführerin an der Geheimhaltung der in dem Verfahren vorgelegten

Unterlagen sowie ihres Vortrags höher zu bewerten sei als das von der Beschwer-

degegnerin vorgetragene allgemeine Interesse an der Kenntnisnahme des Akteninhalts, der mit dem angeführten Widerspruch in keinem Zusammenhang stehe.

Die Beschwerdeführerin beantragt daher,

den Beschluss des Deutschen Patent- und Markenamts vom

18. September 2008 aufzuheben.

Die Beschwerdegegnerin beantragt,

die Beschwerde zurückzuweisen.

Sie vertritt die Auffassung, die Voraussetzungen eines berechtigten Interesses

nach § 62 Abs. 1 MarkenG lägen vor. Es komme wesentlich darauf an, dass die

Beschwerdeführerin behaupte, der Bestandteil "Yellow" in der Marke "Yellow Pages" sei unterscheidungskräftig. Da davon auszugehen sei, dass das Deutsche

Patent- und Markenamt im Anmeldeverfahren die Wortmarke "Yellow" im Hinblick

auf die fehlende Unterscheidungskraft beanstandet habe, bestehe ein erhebliches

Interesse an der Einsicht in die Markenakte. Überwiegende schutzwürdige Interessen der Beschwerdeführerin stünden der Akteneinsicht nicht entgegen. Sofern die

Beschwerdeführerin argumentiere, aus den Akten des Anmeldeverfahrens würden

sich verschiedene Details anderer Markenanmeldeverfahren ergeben, sei dies unbeachtlich, da die Akteneinsicht bei eingetragenen Marken in vollem Umfang frei

sei. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung werde darüber hinaus

nur dann anerkannt, wenn es sich um den Schutz von personenbezogenen Daten

ihrer Träger, namentlich der hinter der juristischen Person stehenden natürlichen

Personen handele. Dies treffe auf Details aus Markenanmeldeverfahren jedoch

nicht zu, da auch Wirtschaftsdaten einer juristischen Person nur als personenbezogen angesehen würden, wenn diese einer Person als Alleinaktionär oder Gesellschafter zuzurechnen seien.

II.

Die gemäß § 66 Abs. 1 und 2 MarkenG zulässige Beschwerde hat in der Sache

keinen Erfolg. Zu Recht hat das Deutsche Patent- und Markenamt dem Antrag der

Beschwerdegegnerin stattgegeben. Die Beschwerdebegründung gibt keinen Anlass für eine abweichende Beurteilung.

Die Beschwerdegegnerin hat ein berechtigtes Interesse an der Akteneinsicht nach

§ 62 Abs. 1 MarkenG glaubhaft gemacht.

1.Für die Einsicht in die Akten angemeldeter, noch nicht eingetragener Marken

ist ein berechtigtes Interesse erforderlich. Berechtigt ist ein Interesse, wenn

die Kenntnis der Akten für das künftige Verhalten des Antragstellers bei der

Wahrung und Verteidigung von Rechten bestimmend sein kann und kein

überwiegendes schutzwürdiges Interesse des Antragsgegners an der Geheimhaltung des Inhalts der Anmeldeakten besteht (vgl. Ingerl/Rohnke, Markengesetz, 2. Aufl., § 62 Rdnr. 3).

Dass der Widerspruch nicht auf die vorliegend in Rede stehende Markenanmeldung "Yellow" gestützt worden ist, steht der Annahme eines

berechtigten Interesses nicht entgegen. Gleiches gilt für den Umstand, dass

die betreffende Anmeldung erst nach Erhebung des Widerspruchs eingereicht worden ist. Auch wenn die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerdebegründung die Frage, durch welchen Bestandteil die Widerspruchsmarke

geprägt wird, dahinstehen lässt, vertritt sie dennoch die Auffassung, sowohl

das Wort "gelb" als auch die Farbe "Gelb" sowie die englische Übersetzung

"Yellow" wiesen aufgrund ihrer Durchsetzung im Verkehr auf sie, die Beschwerdeführerin, hin. Dies rechtfertigt die Annahme, dass sich durch die

Akteneinsicht mögliche Erkenntnisse über die Schutzfähigkeit und die freie

Verwendbarkeit des Begriffs "Yellow", die auch im Widerspruchsverfahren

"klickYellow./.Yellow Pages" von Bedeutung sein können, etwa für den Grad

der Kennzeichnungskraft des entsprechenden Bestandteils in der Widerspruchsmarke, gewinnen lassen.

Der Einwand der Beschwerdeführerin, es sei kein konkretes Interesse an der

Einsicht in die Akten der Markenanmeldung "Yellow" geltend gemacht worden, trifft nicht zu. An die Glaubhaftmachung eines berechtigten Interesses

dürfen keine zu hohen Anforderungen gestellt werden. Es reicht vielmehr

aus, wenn ein Antragsteller sein Erkenntnisziel allgemein bezeichnet (vgl.

BPatG 27 W (pat) 72/08); dem ist die Beschwerdegegnerin mit der durch die

Akteneinsicht zu belegenden Annahme, die angemeldete Marke sei im Prüfungsverfahren vom Deutschen Patent- und Markenamt wegen fehlender

Unterscheidungskraft beanstandet worden, hinreichend nachgekommen.

2.Mögliche Geheimhaltungsinteressen, welcher der Akteneinsicht trotz des gegebenen Interesses der Beschwerdegegnerin entgegenstehen könnten, bestehen nicht.

a) Soweit sich die Beschwerdeführerin auf den Vortrag von Details hinsichtlich weiterer Markenanmeldungen im Rahmen der Markenanmeldung "Yellow" beruft, hat sie nicht einmal im Ansatz dargetan, welcher

Art diese Details sind und welches Interesse seitens der Beschwerdeführerin an deren Geheimhaltung besteht, so dass eine Interessenabwägung nicht möglich ist. Eine allgemeine Behauptung diesbezüglich

reicht jedenfalls nicht aus.

b) Durch die Akteneinsicht wird auch das von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Recht auf informationelle Selbstbestimmung aufgrund

des in Art. 2 Abs. 1 i. V. mit Art. 1 Abs. 1 GG verbürgten Persönlichkeitsrechts, das dem Einzelnen gestattet, grundsätzlich selbst darüber

zu entscheiden, wann und innerhalb welcher Grenzen persönliche Lebenssachverhalte preisgegeben und persönliche Daten verwendet wer-

den, nicht verletzt. Es ist grundsätzlich zwar auch zu berücksichtigen,

wenn Dritten Einsicht in die Verfahrensakten gewährt werden soll (vgl.

BGH BlPMZ 2007, 322 MOON m. w. N.). Im vorliegenden Fall hat die

Beschwerdeführerin jedoch nicht dargelegt, welche unter dem besonderen verfassungsrechtlichen Schutz stehenden personenbezogenen Informationen sich aus dem Akteninhalt ergeben könnten; sie sind auch

sonst nicht ersichtlich.

Da die Markenstelle dem Akteneinsichtsgesuch der Beschwerdegegnerin somit zu Recht stattgegeben hat, ist die hiergegen gerichtete Beschwerde der Beschwerdeführerin als unbegründet zurückzuweisen.

Eine Kostenauferlegung aus Billigkeitsgründen nach § 71 Abs. 1 Satz 2

MarkenG ist nicht veranlasst.

Grabrucker Kopacek Dr. Kortbein

Hu

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