Urteil des BGH vom 25.05.2004, X ZR 258/01

Aktenzeichen: X ZR 258/01

BGH (anwendung des rechts, pferd, untersuchung, verhandlung, sache, vereinbarung, wert, 1995, aufhebung, kauf)

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

X ZR 258/01 Verkündet am: 25. Mai 2004 Wermes Justizhauptsekretär als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Der X. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 25. Mai 2004 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Melullis, den Richter

Keukenschrijver, die Richterin Mühlens und die Richter Dr. Meier-Beck und

Asendorf

für Recht erkannt:

Auf die Revision des Klägers wird das am 15. März 2001 verkündete Urteil des 19. Zivilsenats des Oberlandesgerichts München aufgehoben.

Die Sache wird zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung,

auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

Der Kläger verlangt mit seiner Klage von dem Beklagten, einem Tierarzt,

Schadensersatz, weil der Beklagte ihn beim Kauf des Hengstes "D. " fehlerhaft beraten habe. Nachdem der Kläger das Tier zunächst anderweitig hatte

untersuchen lassen, stellte er es am 4. Juni 1998 dem Beklagten in dessen

tierärztlicher Praxis zur Untersuchung vor. Das Pferd zeigte eine Gangunreinheit. Über die Untersuchung erstellte der Beklagte ein Protokoll. Nach der Untersuchung fand ein Telefongespräch zwischen den Parteien statt, über dessen

Inhalt sie streiten. Der Kläger stützt seine Klage darauf, daß der Beklagte den

ihm erteilten Auftrag, dem Kläger auf der Grundlage einer zuvor vorzunehmenden Untersuchung mitzuteilen, ob Bedenken gegen den Erwerb des Tieres zum

Zwecke des Springsports bestünden, schuldhaft fehlerhaft durchgeführt habe.

Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Die Berufung blieb ohne Erfolg.

Das Berufungsurteil enthält keinen Tatbestand. Das Berufungsgericht hat

den Wert der Beschwer im Berufungsurteil auf 26.322,-- DM festgesetzt. Nachdem der Kläger gegen das Urteil des Berufungsgerichts Revision eingelegt und

gleichzeitig Streitwertbeschwerde erhoben hatte, ist durch Beschluß des

III. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs der Wert der Beschwer des Beklagten

auf mehr als 60.000,-- DM festgesetzt worden.

Entscheidungsgründe:

Die zulässige Revision hat Erfolg. Sie führt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur Zurückverweisung der Sache zu anderweiter Verhandlung

und Entscheidung, auch über die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht.

I. Das Berufungsverfahren unterlag dem vor dem 1. Januar 2002 geltenden Recht 26 Nr. 5 EGZPO).

Die Rüge der Revision, das gänzliche Fehlen eines Tatbestands verletze

§ 543 Abs. 2 ZPO a.F., greift danach durch.

1. Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist ein

Berufungsurteil grundsätzlich aufzuheben, wenn es keinen Tatbestand enthält

(BGHZ 73, 248, 250 f.; BGH, Urt. v. 01.02.1999 - II ZR 176/97, NJW 1999,

1720). Einem solchen Urteil kann in der Regel nicht entnommen werden, welchen Streitstoff das Berufungsgericht seiner Entscheidung zugrunde gelegt hat,

so daß diese einer abschließenden Überprüfung in der Revisionsinstanz nicht

zugänglich ist. Aufzuheben ist eine solche Entscheidung auch dann, wenn aus

der Sicht des Berufungsgerichts ein Urteilstatbestand entbehrlich erschien, weil

es sein Urteil mangels Überschreitung der Beschwersumme von 60.000,-- DM

für nicht revisibel hielt. Von einer Aufhebung kann ausnahmsweise abgesehen

werden, wenn das Ziel, die Anwendung des Rechts auf den festgestellten

Sachverhalt nachzuprüfen, im Einzelfall erreicht werden kann, weil sich der

Sach- und Streitstand aus den Entscheidungsgründen in einem für die Beurteilung der aufgeworfenen Rechtsfrage ausreichenden Umfang ergibt (vgl. BGH,

Urt. v. 06.07.1995 - I ZR 20/93, NJW 1995, 3120, 3121; Urt. v. 25.04.1991

- I ZR 232/89, NJW 1991, 3038, 3039, jeweils m.w.N.).

2. Ein solcher Ausnahmefall liegt hier nicht vor. Aus den Entscheidungsgründen des Berufungsurteils läßt sich kein ausreichendes Bild von dem Sachund Streitstand gewinnen, den das Berufungsgericht seiner Entscheidung

zugrunde gelegt hat. Das Berufungsgericht führt zur Begründung seiner Entscheidung aus, dem Kläger stehe schon deshalb kein Schadensersatzanspruch

zu, weil er wegen der entgangenen Nutzung des Pferdes keinen ersatzfähigen

Vermögensschaden erlitten habe. Ersatz der Untersuchungs- und Behandlungskosten für das Pferd könne der Kläger deshalb nicht beanspruchen, weil

dem Beklagten eine Pflichtverletzung nicht vorwerfbar sei. Der Beklagte habe

für die Richtigkeit des Untersuchungsergebnisses nicht einstehen wollen. Der

Kläger habe auch nicht dargelegt, daß es für den Beklagten voraussehbar gewesen sei, daß der im Untersuchungsbericht diagnostizierte Befund zu den ein

halbes Jahr später eingetretenen Folgen habe führen können. Der Kläger habe

angesichts des Umstands, daß das Pferd noch ein halbes Jahr habe eingesetzt

werden können, nähere Umstände darlegen müssen, die den Schluß zuließen,

daß die eingetretene Verschlechterung für den Beklagten vorhersehbar gewesen sei.

Aus diesen Ausführungen läßt sich nicht entnehmen, was der Kläger

dem Beklagten im einzelnen als schuldhafte Pflichtverletzung anlastet, und damit auch nicht, ob das Berufungsgericht diesen Vortrag der gebotenen Prüfung

unterzogen hat; eine revisionsrechtliche Kontrolle erweist sich daher als nicht

möglich. Es läßt sich dem Urteil schon nicht entnehmen, worin die nach dem

Vertrag geschuldete Leistung des Beklagten bestanden haben soll. Die gebotene Auslegung des schriftlichen Vertrages unter Berücksichtigung der beiderseitigen Interessenlage hat das Berufungsgericht unterlassen. Mangels eines Urteilstatbestands kann auch seine Annahme, trotz des Inhalts des schriftlichen

Untersuchungsvertrags habe der Beklagte für die Richtigkeit des Untersuchungsergebnisses nicht einstehen wollen, rechtlich nicht beurteilt werden; die

Gründe, insbesondere die tatsächlichen Feststellungen, die das Berufungsgericht zu einer vom Wortlaut des Vertrags abweichenden Interpretation veranlaßt

haben, sind der Entscheidung nicht in einer Weise zu entnehmen, die eine

Überprüfung ermöglichen würde. Das gilt auch für die rechtlichen Maßstäbe, die

hierbei zugrunde zu legen sind. Insoweit kann schon nicht geprüft werden, welchen rechtlichen Vorschriften - auch zur Verteilung der Darlegungs- und Beweislast - die Vereinbarung der Parteien unterliegt. Untersuchungs- und Gutachtenaufträge über den Zustand und Wert einer Sache oder eines Tieres sind

grundsätzlich als Werkvertrag einzuordnen (BGHZ 127, 378, 384). In Betracht

kommt jedoch auch ein - zu anderen rechtlichen Maßstäben führender - Dienstvertrag. Ob hier ein vom Regelfall abweichender Sachverhalt vorliegt, läßt sich

mangels Wiedergabe des Sach- und Streitstandes nicht beurteilen. Die fehlenden Angaben lassen sich auch der in Bezug genommenen erstinstanzlichen

Entscheidung nicht entnehmen. Schließlich ist eine Beurteilung der Frage nicht

möglich, welcher Maßstab hinsichtlich eines eventuellen Verschuldens des Beklagten nach den Vereinbarungen der Parteien anzulegen ist.

II. Das Berufungsgericht wird nunmehr die erforderlichen Feststellungen

nachzuholen haben. Es wird zunächst den Vertragsinhalt zu klären haben, insbesondere, zu welchem Zweck nach der Vereinbarung der Parteien der Kläger

dem Beklagten das Pferd vorgeführt hat. Wollte der Kläger sich Gewißheit darüber verschaffen, ob er das Pferd trotz des bestehenden Gesundheitsrisikos

kaufen sollte, so könnte eine Pflichtverletzung des Beklagten schon dann zu

bejahen sein, wenn er keine diesbezüglichen Bedenken geäußert hat, ohne daß

es auf die Vorhersehbarkeit der weiteren Entwicklung ankommt. Dabei wird das

Berufungsgericht auch zu berücksichtigen haben, daß der Beklagte in der Klageerwiderung vorgetragen hat, nach der erkennbaren Unregelmäßigkeit im

Gang des Pferdes habe nur ein Kauf mit Vereinbarung einer Probezeit bzw.

eines Rückgaberechts empfohlen werden können. Dies könnte dafür sprechen,

daß es auch nach dem Verständnis des Beklagten zu seinen Vertragspflichten

gehört hätte, dies dem Kläger mitzuteilen.

Soweit das Berufungsgericht einen Anspruch des Klägers verneint hat,

weil ein ersatzfähiger Vermögensschaden nicht vorliege, und soweit es damit

auf den eingeklagten Schadensbetrag von 10.000,-- DM eingegangen ist, hat

es jedenfalls die in der Klageschrift (GA 12) gegebene Hilfsbegründung nicht

berücksichtigt. Falls ein Schadensersatzanspruch besteht, wird auch dies nachzuholen sein.

Melullis Keukenschrijver Mühlens

Meier-Beck Asendorf

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Leitsatzentscheidung

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