Urteil des BGH vom 06.03.2014, III ZR 352/13

Aktenzeichen: III ZR 352/13

Leitsatzentscheidung

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

III ZR 352/13

Verkündet am: 6. März 2014 B o t t Justizhauptsekretärin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: nein

BGHR: ja

§ 839 BGB Ca, Fe; ThürStrG § 10 Abs. 1

Ein natürlicher Astbruch, für den vorher keine besonderen Anzeichen bestanden haben, gehört auch bei hierfür anfälligeren Baumarten grundsätzlich zu

den naturgebundenen und daher hinzunehmenden Lebensrisiken. Eine straßenverkehrssicherungspflichtige Gemeinde muss daher bei gesunden Straßenbäumen auch dann keine besonderen Schutzmaßnahmen ergreifen, wenn

bei diesen - wie z. B. bei der Pappel oder bei anderen Weichhölzern - ein erhöhtes Risiko besteht, dass im gesunden Zustand Äste abbrechen und Schäden verursacht werden können.

BGH, Urteil vom 6. März 2014 - III ZR 352/13 - OLG Jena

LG Meiningen

Der III. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 6. März 2014 durch den Vizepräsidenten Schlick sowie die Richter

Dr. Herrmann, Seiters, Dr. Remmert und Reiter

für Recht erkannt:

Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 4. Zivilsenats

des Thüringer Oberlandesgerichts in Jena vom 30. Juli 2013 aufgehoben.

Die Berufung des Klägers gegen das Urteil der 3. Zivilkammer des

Landgerichts Meiningen vom 17. September 2012 wird zurückgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten der Rechtsmittelzüge.

Von Rechts wegen

Tatbestand

1Der Kläger nimmt die beklagte Stadt wegen eines auf seinen Pkw herabgefallenen Astes auf Schadensersatz unter dem Gesichtspunkt der Verletzung

der Verkehrssicherungspflicht nach Amtshaftungsgrundsätzen in Anspruch.

2Der Kläger wohnt in der K. Straße 36 in S. in einem Mietshaus.

Vor dem Wohnblock befinden sich auf beiden Seiten der Straße öffentliche

Parkplätze, die auch von den Anwohnern genutzt werden. An die Parkplätze

grenzt ein Grünstreifen, auf dem im Jahre 2011 einige etwa 50-60 Jahre alte

Pappeln standen. Der Kläger stellte in den Abendstunden des 12. Juni 2011

seinen Pkw auf einem der Parkplätze in der Nähe der Pappeln ab. Am 13. Juni

2011 stellte er morgens Schäden an seinem Fahrzeug fest; von einer der Pappeln war ein grün belaubter Ast auf das Auto gefallen.

3Die Klage auf Schadensersatz hat das Landgericht abgewiesen. Auf die

Berufung des Klägers hat das Oberlandesgericht die Klage unter Berücksichtigung eines Mitverschuldens des Klägers von einem Drittel dem Grunde nach

für gerechtfertigt erklärt. Hiergegen richtet sich die vom Berufungsgericht zugelassene Revision der Beklagten.

Entscheidungsgründe

4Die zulässige Revision führt zur Aufhebung des Berufungsurteils und zur

Wiederherstellung der landgerichtlichen Entscheidung.

I.

5Nach Auffassung des Berufungsgerichts hat die beklagte Stadt ihre - in

Thüringen hoheitlich ausgestaltete - Straßenverkehrssicherungspflicht verletzt

(vgl. § 10 Abs. 1 Satz 1, § 43 Abs. 1 ThürStrG). Anknüpfungspunkt sei insoweit

allerdings nicht eine Verletzung der Pflicht zur regelmäßigen sorgfältigen

Baumkontrolle. Die Beklagte habe keine Anzeichen für eine Erkrankung oder

Vermorschung der Pappel übersehen; diese sei vielmehr gesund gewesen. Jedoch könnten auch gesunde Bäume eine Gefahr darstellen. Die Pappel gehöre

zu den für natürliche Astbrüche anfälligen Baumarten. Sie stelle, da sie dazu

neige, auch im gesunden Zustand Äste abzuwerfen, eine verkehrssicherungsrechtlich relevante ständige Gefahrenquelle dar. Zudem sei es in der Vergangenheit wiederholt - wenn auch ohne Schäden - zu Astabbrüchen gekommen.

Die Beklagte habe deshalb selbst in einem Schreiben vom 13. September 2010

an einen in der K. Straße wohnhaften Anlieger davon gesprochen, dass

zwar die Standfestigkeit bei allen Pappeln gegeben sei, es aber trotzdem aus

artspezifischen Gründen zu Astabbrüchen kommen könne, weshalb die Bäume

sukzessive entfernt werden müssten. Zwar möge es sein, dass der Beklagten

damals ein sofortiges Fällen aller Pappeln aus haushälterischen Gründen unmöglich gewesen sei und ihr dies unter Zumutbarkeitsgesichtspunkten deshalb

zunächst noch nicht hätte abverlangt werden können. Die sofortige Ergreifung

niederschwelligerer Maßnahmen - wie die Sperrung der Parkflächen oder zumindest die Aufstellung einer auf die Astbruchgefahr aufmerksam machenden

Warntafel - sei aber unumgänglich gewesen. Im vorliegenden Fall gehe es nicht

um die bei jeder Baumart bestehende Gefahr, dass bei ungünstigen Verhältnissen (starke Windbelastung u.ä.) auch ein belaubter und gesunder Ast abbrechen könne. Dies sei ein hinzunehmendes allgemeines Lebensrisiko und zwar

auch dann, wenn der Baum an einer öffentlichen Parkfläche stehe. Bei einer

Baumart wie der Pappel, bei der artspezifisch ein ungleich höheres Risiko von

Abwürfen gesunder Äste bestehe, sei indessen auf beziehungsweise an öffentlichen Parkflächen, also an Verkehrsflächen, auf denen Fahrzeuge auch für

längere Zeit abgestellt und sich regelmäßig Menschen zum Ein- und Aussteigen

bewegen würden, die Grenze des zu tolerierenden naturgebundenen Lebensrisikos überschritten. An solchen Orten seien Pappeln zu gefährlich; die Vermei-

dung von Sach- und Personenschäden müsse Vorrang haben. Mit besonderem

Blick darauf, dass die Parkplätze nicht nur für die Anwohner der umliegenden

Häuser, sondern auch für Ortsfremde zur Nutzung offen gestanden hätten, sei

jedenfalls ein deutlicher Warnhinweis auf die jederzeit bestehende Astbruchgefahr das der Beklagten abzuverlangende Minimum an Gefahrverhütung gewesen. Den Kläger treffe jedoch ein Mitverschulden. Er müsse ebenso wie die

anderen Anwohner - z.B. sein Großvater, der Zeuge F. , oder die Zeugin

B. - Kenntnis von den Astabwürfen in der Vergangenheit gehabt haben.

Es liege auf der Hand, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen sei, bis ein Ast

ein unter den Pappeln geparktes Fahrzeug beschädigen werde. Deshalb habe

der Kläger die eigenübliche Sorgfalt fahrlässig verletzt, als er sein Fahrzeug

über Nacht in der Gefahrenzone abgestellt habe.

II.

6Dies hält der rechtlichen Nachprüfung nicht stand.

71. Nach der ständigen Senatsrechtsprechung (vgl. nur Urteile vom 21. Dezember 1961 - III ZR 192/60, LM Nr. 3 zu RNatSchG; vom 21. Januar 1965

- III ZR 217/63, VersR 1965, 475, 476 und vom 4. März 2004 - III ZR 225/03,

NJW 2004, 1381; s. auch BGH, Urteil vom 30. Oktober 1973 - VI ZR 115/72,

VersR 1974, 88, 89 f) erstreckt sich die Straßenverkehrssicherungspflicht auch

auf den Schutz vor Gefahren durch Bäume. Der Verkehrssicherungspflichtige

muss daher Bäume oder Teile von ihnen entfernen, die den Verkehr konkret

gefährden, insbesondere wenn sie nicht mehr standsicher sind oder herabzustürzen drohen. Allerdings stellt jeder Baum an einer Straße oder an einem öffentlichen Parkplatz eine mögliche Gefahr dar. Einerseits können auch völlig

gesunde Bäume vom Sturm, selbst bei nicht außergewöhnlicher Windstärke,

entwurzelt oder geknickt oder Teile von ihnen abgebrochen werden; auch

Schneeauflage oder starker Regen können zum Absturz selbst von größeren

Ästen führen. Andererseits ist die Erkrankung oder Vermorschung eines Baums

von außen nicht immer erkennbar. Das gebietet aber nicht die Entfernung aller

Bäume aus der Nähe von Straßen und öffentlichen Parkplätzen oder eine besonders gründliche Untersuchung jedes einzelnen Baums. Der Umfang der

notwendigen Überwachung und Sicherung kann nicht an dem gemessen werden, was zur Beseitigung jeder Gefahr erforderlich ist; es ist unmöglich, den

Verkehr völlig risikolos zu gestalten. Dieser muss gewisse Gefahren, die nicht

durch menschliches Handeln entstehen, sondern auf Gegebenheiten der Natur

selbst beruhen, als unvermeidlich hinnehmen. Die Behörden genügen daher

ihrer Sicherungs- und Überwachungspflicht, wenn sie - außer der stets gebotenen regelmäßigen Beobachtung auf trockenes Laub, dürre Äste, Beschädigungen oder Frostrisse - eine eingehende Untersuchung dort vornehmen, wo besondere Umstände - wie das Alter des Baums, sein Erhaltungszustand, die Eigenart seiner Stellung oder sein statischer Aufbau oder ähnliches - sie dem

Einsichtigen angezeigt erscheinen lassen (vgl. Senat aaO).

8Ihre diesbezüglichen Pflichten hat die Beklagte, die im Sommer 2010 und

im Winter 2010/2011 eine Baumkontrolle durchgeführt hat, nicht verletzt. Die

streitgegenständliche Pappel und der den Schaden verursachende Ast waren

vor dem Schadensfall gesund. Dies hat das Berufungsgericht zutreffend festgestellt; der Kläger erhebt insoweit auch keine Revisionsgegenrüge.

92. Ob - über die Grundsätze der bisherigen Senatsrechtsprechung hinaus -

bei gesunden Bäumen, bei denen wie bei der hier in Rede stehenden Pappel

oder wie bei anderen Weichhölzern (z.B. Weiden, vgl. OLG Düsseldorf VersR

1997, 463, 464; Kastanien, vgl. OLG Hamm VersR 1997, 1148, 1149 und OLG

Koblenz NZV 1998, 378; Götterbäume, vgl. OLG Karlsruhe VersR 2011, 925,

926) ein erhöhtes Risiko besteht, dass auch im gesunden Zustand Äste abbrechen, der Verkehrssicherungspflichtige Schutzmaßnahmen ergreifen muss, ist

umstritten.

10Teilweise wird die Auffassung vertreten, Pappeln seien als "Gefahrenbäume" im Bereich von Parkplätzen grundsätzlich zu entfernen (vgl. OLG Saarbrücken, VersR 2011, 926, 927); zumindest seien sämtliche in die Verkehrsfläche hineinragenden Äste zu beseitigen oder die Fläche unter den Bäumen für

den Verkehr zu sperren (vgl. OLG Köln, VersR 1994, 1489; siehe auch Hötzel,

AgrarR 1998, 163, 165 ff; Wittek, AUR 2011, 10 f).

11Überwiegend wird demgegenüber in der Rechtsprechung (vgl. OLG

Hamm, VersR 1997, 1148, 1149 und NuR 1999, 538, 539; OLG Koblenz, NZV

1998, 378, VersR 1998, 865 und OLGR 2001, 286, 287 f; OLG Karlsruhe VersR

2011, 925, 926; siehe auch OLG München DAR 1985, 25, 26; OLG Düsseldorf

NJW-RR 1995, 726, 727 und VersR 1997, 463, 464; OLG Naumburg - 1 U

81/12, n.v. S. 3) und im Schrifttum (vgl. Breloer, NZV 1998, 378 f; Edenfeld,

VersR 2002, 272, 277 f; Burmann, NZV 2003, 20, 22; Schneider VersR 2007,

743, 747; Hilsberg, VersR 2011, 928 f) die Meinung vertreten, dass ein natürlicher Astbruch, für den vorher keine besonderen Anzeichen bestanden haben,

auch bei hierfür anfälligeren Baumarten grundsätzlich zu den naturgebundenen

und daher hinzunehmenden Lebensrisiken gehöre.

123. Letzterer Auffassung schließt sich der Senat an. Der Verkehr muss gewisse Gefahren, die auf Gegebenheiten der Natur selbst beruhen, als unvermeidlich hinnehmen. Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Die Verkehrssicherungspflicht verlangt es insoweit nicht, gesunde, nur naturbedingt vergleichsweise bruchgefährdetere Baumarten an Straßen oder Parkplätzen zu beseitigen

oder zumindest sämtliche in den öffentlichen Verkehrsraum hineinragenden

Baumteile abzuschneiden. Gehören damit aber die Folgen eines natürlichen

Astabbruchs grundsätzlich zum allgemeinen Lebensrisiko, bedarf es auch keiner niederschwelligerer Maßnahmen, wie der Absperrung des Luftraums unter

Pappeln oder der Aufstellung von Warnschildern. Entsprechende Vorgaben ließen sich im Übrigen auch nicht, wie das Berufungsgericht meint, auf Parkplätze

beschränken. Der Senat vermag die Auffassung des Berufungsgerichts nicht

zu teilen, wonach sich die Gefahrenlage auf Parkplätzen grundlegend anders

- nämlich gravierender - als auf Straßen darstelle, weil ein geparktes Auto sich

zeitlich länger in der Gefahrenzone aufhalte als ein auf einer Straße mit entsprechendem Baumbestand fahrendes Auto und weil auf Parkplätzen Gefahren

für ein- und aussteigende Personen bestünden. Abgesehen davon, dass im

fließenden Verkehr im Allgemeinen deutlich mehr Fahrzeuge (einschließlich der

darin sitzenden Personen) in den Gefahrenbereich gelangen, ist beim Absturz

von Baumteilen auf ein fahrendes Fahrzeug die Gefahr von erheblichen Sachund Personenschäden noch größer als bei Astabbrüchen auf abgestellte Fahrzeuge. Insoweit stellt die Gefahrenlage kein geeignetes Differenzierungskriterium zur Ableitung erhöhter Sorgfaltsanforderungen für Parkplätze dar. Vielmehr

würde die Einstufung von Pappeln und gleichartigen Weichhölzern als im Verkehrsinteresse grundsätzlich zu beseitigende Gefahrenquellen dazu führen,

dass entweder jeder dieser Bäume, soweit er sich im Einflussbereich auf Personen oder Sachen befindet, entfernt oder der gesamte Einflussbereich räumlich abgesperrt oder jeweils ein Warnschild aufgestellt werden muss. Dies über-

spannt nach Auffassung des Senats die Anforderungen an die Verkehrssicherungspflicht.

134. a) An dieser Bewertung ändert der Umstand nichts, dass nach den Feststellungen des Berufungsgerichts bereits in den Jahren vor dem Schadensfall

Äste, ohne Schäden anzurichten, von einzelnen Pappeln abgefallen sind. Zunächst fehlt es schon - wie die Revision zu Recht anmerkt - an näheren Feststellungen des Berufungsgerichts zur Art der früheren Astabwürfe, also insbesondere dazu, ob es zu diesen Abbrüchen - wie es die Aussage des Zeugen

F. nahelegt - vor allem bei stürmischem Wetter gekommen ist. Um Sturmschäden geht es hier aber nicht, abgesehen davon, dass diese bei gesunden

Bäumen grundsätzlich zum allgemeinen Lebensrisiko gehören. Selbst wenn

sich aber das streitgegenständliche naturgegebene Risiko in der Vergangenheit

bereits verwirklicht haben sollte, hätte dies nicht zur Folge gehabt, dass es von

diesem Zeitpunkt an nicht mehr zum Lebensrisiko gehört hätte, sondern nunmehr weitergehende verkehrssichernde Maßnahmen vorzunehmen gewesen

wären.

14b) Entgegen der Auffassung des Klägers ist auch nicht im Hinblick auf

das Schreiben der Beklagten vom 13. September 2010 von einer "Selbstbindung der Verwaltung" auszugehen, sodass sich die Beklagte an der "von ihr

selbst statuierten und konkretisierten Verkehrssicherungspflicht festhalten lassen muss". Der Umstand, dass die Beklagte - überobligationsmäßig - den Entschluss gefasst hatte, die Pappeln im Zuge einer Überplanung der gesamten

Grünflächen zu entfernen, spielt für die ausschließlich nach objektiven Gegebenheiten zu bestimmende Frage der Verkehrssicherungspflicht keine Rolle.

Schlick Herrmann Seiters

Remmert Reiter

Vorinstanzen:

LG Meiningen, Entscheidung vom 17.09.2012 - 3 O 1031/11 -

OLG Jena, Entscheidung vom 30.07.2013 - 4 U 847/12 -

Letze Urteile des Bundesgerichtshofs

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

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