Urteil des BGH vom 07.05.2013, IX ZR 151/12

Aktenzeichen: IX ZR 151/12

Leitsatzentscheidung

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

IX ZR 151/12

Verkündet am: 7. Mai 2013 Preuß Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: ja

BGHR: ja

InsO § 174 Abs. 2, § 175 Abs. 2, § 287 Abs. 2 Satz 1, § 302 Nr. 1

Von der Erteilung der Restschuldbefreiung sind Forderungen aus vorsätzlicher unerlaubter Handlung nur dann ausgenommen, wenn die Anmeldung der Forderung und

des Rechtsgrundes zur Tabelle spätestens bis zum Ablauf der sechsjährigen Abtretungsfrist erfolgt ist.

BGH, Urteil vom 7. Mai 2013 - IX ZR 151/12 - OLG Koblenz LG Koblenz

Der IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 7. Mai 2013 durch die Richter Vill und Raebel, die Richterin Lohmann, den

Richter Dr. Pape und die Richterin Möhring

für Recht erkannt:

Die Revision gegen das Urteil des 1. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Koblenz vom 31. Mai 2012 wird auf Kosten der Klägerin

zurückgewiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

1Die Klägerin meldete in dem am 1. Oktober 2002 eröffneten Insolvenzverfahren über das Vermögen des beklagten Einzelkaufmanns im Dezember

2002 offene Sozialversicherungsbeiträge und Säumniszuschläge an, die in Höhe von 55.314,52 unter laufender Nummer 2 zur Tabelle festgestellt wurden.

Mit Schreiben vom 19. Januar 2010 meldete sie hiervon nachträglich

13.737,21 Arbeitnehmeranteile zur Sozialversicherung mit dem Rechtsgrund

der vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung an, weil der Beklagte diese

Anteile in den Monaten April bis Juni 2002 nicht abgeführt habe, obwohl er in

der gleichen Zeit anderweitige Forderungen in mindestens dieser Höhe bezahlte. Der Insolvenzverwalter teilte dem Insolvenzgericht diese nachträgliche Anmeldung mit und beantragte einen besonderen Termin zu ihrer Prüfung. Mit

Beschluss vom 3. September 2010 wurde der Prüfungstermin auf den

25. Oktober 2010 bestimmt, der Beklagte aber nicht über sein Widerspruchsrecht belehrt.

2Ebenfalls mit Beschluss vom 3. September 2010 gewährte das Insolvenzgericht dem Beklagten die Restschuldbefreiung. Danach wurde das Insolvenzverfahren aufgehoben. Der zuständige Rechtspfleger teilte der Klägerin

mit, über die Restschuldbefreiung habe schon vor der Nachtragsanmeldung der

Klägerin entschieden werden können; es sei deshalb ungerecht, sie jetzt noch

zu berücksichtigen und zu prüfen.

3Die Klägerin verfolgt ihre Nachtragsanmeldung im Wege der Feststellungsklage weiter. Der Beklagte beruft sich demgegenüber auf die gewährte

Restschuldbefreiung. In den Tatsacheninstanzen ist die Klage ohne Erfolg geblieben. Dagegen wendet sich die Klägerin mit ihrer vom Berufungsgericht zugelassenen Revision.

Entscheidungsgründe:

4Die Revision ist unbegründet. Eine nachträgliche Anmeldung des Anspruchsgrundes der vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung konnte

nach Ablauf der sechsjährigen Abtretungszeit des § 287 Abs. 2 Satz 1 InsO

nicht mehr wirksam erfolgen.

I.

5Das Berufungsgericht ist der Einwendung des Beklagten gefolgt, der

Klageanspruch habe aufgrund der ihm erteilten Restschuldbefreiung seine

Durchsetzbarkeit verloren. Die Ausnahme des § 302 Nr. 1 InsO greife zugunsten der Klägerin nicht ein. Das Insolvenzgericht habe den Beklagten entgegen

§ 175 Abs. 2 InsO nicht auf sein Widerspruchsrecht hingewiesen. In dieser Verfahrenslage stehe die Insolvenzgläubigerin so, als habe sie den Widerspruch

des Schuldners gegen den angemeldeten Forderungsgrund der vorsätzlich unerlaubten Handlung nicht beseitigt. Der Beklagte sei in dieser Sache besonders

schutzbedürftig, weil er die Wohlverhaltensperiode erfolgreich durchlaufen habe. Der Gläubiger habe mit der Anmeldung des Forderungsgrundes der vorsätzlichen unerlaubten Handlung seine Obliegenheiten im Verfahren noch nicht

erfüllt. Habe er die Eintragung einer entsprechenden Feststellung in die Tabelle

nicht erwirkt, so könne er sich auch nach den Gesetzesmaterialien nicht mehr

darauf berufen, seine Forderung sei von der Restschuldbefreiung ausgenommen. Das sei auch der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes zu entnehmen. Die Klägerin müsse sich zudem vorhalten lassen, nicht gegen die unterbliebene Prüfung ihrer Nachtragsanmeldung erinnert zu haben.

II.

6Diese Ausführungen halten einer rechtlichen Überprüfung im Ergebnis

stand.

71. Die von der Klägerin erhobene Feststellungsklage 256 Abs. 1 ZPO)

ist zulässig.

8a) Vorliegend handelt es sich nicht um eine Feststellungsklage nach

§ 184 InsO.

9Hat ein Gläubiger eine Forderung aus einer vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung angemeldet, so kann der Schuldner gegen den Bestand

der Forderung oder beschränkt auf den Rechtsgrund der unerlaubten Handlung

Widerspruch einlegen. Verfährt der Schuldner in dieser Weise, kann der Gläubiger nach § 184 InsO Klage auf Feststellung der Forderung gegen den

Schuldner erheben (BGH, Urteil vom 18. Januar 2007 - IX ZR 176/05, ZInsO

2007, 265 Rn. 8 ff; vom 18. Dezember 2008 - IX ZR 124/08, ZInsO 2009, 278

Rn. 6 ff; vom 25. Juni 2009 - IX ZR 154/08, ZInsO 2009, 1494 Rn. 6; vom

16. Dezember 2010 - IX ZR 24/10, ZInsO 2011, 244 Rn. 9). Die Anmeldeobliegenheit nach § 174 Abs. 2 InsO und der Schuldnerwiderspruch nach § 175

Abs. 2 InsO öffnen den Weg zu einer Klage nach § 184 InsO (BGH, Urteil vom

18. Dezember 2008, aaO Rn. 12). Im Streitfall hat es die Klägerin jedoch versäumt, ihre Forderung so rechtzeitig unter dem Rechtsgrund der unerlaubten

Handlung anzumelden, dass eine Prüfung während des eröffneten Insolvenzverfahrens noch erfolgen konnte. Mithin ist für eine Feststellungsklage nach

§ 184 InsO kein Raum.

10b) Bei dieser Sachlage kommt hier nur eine allgemeine Feststellungsklage 256 Abs. 1 ZPO) in Betracht (vgl. BGH, Urteil vom 18. Mai 2006 - IX ZR

187/04, ZInsO 2006, 704 Rn. 10; vom 16. Dezember 2010, aaO Rn. 10). Hiervon sind die Vorinstanzen zutreffend ausgegangen.

11Ein rechtliches Interesse an einer alsbaldigen Feststellung des Bestehens oder Nichtbestehens eines Rechtsverhältnisses ist gegeben, wenn dem

Recht oder der Rechtslage des Klägers eine gegenwärtige Gefahr der Unsi-

cherheit droht und wenn das Urteil auf die Feststellungsklage geeignet ist, diese

Gefahr zu beseitigen (BGH, Urteil vom 22. Juni 1977 - VIII ZR 5/76, BGHZ 69,

144, 147). Ein Interesse für die Klage auf Feststellung eines Anspruchs aus

einer vorsätzlich unerlaubten Handlung liegt hier vor, weil damit geklärt werden

kann, ob der Klägerin die der Klage zugrunde liegende Forderung ungeachtet

der ursprünglich fehlenden Anmeldung des Rechtsgrundes der unerlaubten

Handlung noch nach Erteilung der Restschuldbefreiung gegenüber dem Beklagten verfolgen kann (vgl. BGH, Urteil vom 18. Mai 2006, aaO; vom 16. Dezember 2010, aaO Rn. 12).

122. Die Klage bleibt jedoch in der Sache ohne Erfolg. Infolge der erst nach

Ablauf der sechsjährigen Abtretungsfrist des § 287 Abs. 2 Satz 1 InsO erfolgten

Nachmeldung des Rechtsgrundes der vorsätzlich unerlaubten Handlung (zur

Zulässigkeit dieser Nachmeldung vgl. BGH, Urteil vom 17. Januar 2008 - IX ZR

220/06, ZInsO 2008, 325 Rn. 11 f) ist das Begehren auf Feststellung des

Rechtsgrundes der unerlaubten Handlung und damit der Durchsetzbarkeit der

Forderung nicht begründet. Die gegen den Beklagten verbliebenen Forderungen sind nach Gewährung der Restschuldbefreiung insgesamt zu "unvollkommenen Verbindlichkeiten" geworden, die weiterhin erfüllbar, aber nicht erzwingbar sind (BGH, Beschluss vom 25. September 2008 - IX ZB 205/06, ZInsO

2008, 1279 Rn. 11 mwN). Dies gilt mangels einer rechtzeitigen Anmeldung unter Angabe des Rechtsgrundes der unerlaubten Handlung 302 Nr. 1 InsO)

auch für die Forderung der Klägerin, die sie in Höhe von 13.737,21 nachträglich mit Schreiben vom 19. Januar 2010 mit dem Rechtsgrund der vorsätzlich

begangenen unerlaubten Handlung angemeldet hat (vgl. BGH, Urteil vom

16. Dezember 2010, aaO für den Fall der schuldlos unterbliebenen Anmeldung). Auf die Frage, ob die Privilegierung des § 302 Nr. 1 InsO bereits mit der

Anmeldung des Attributs zur Insolvenztabelle oder erst mit Feststellung zur Ta-

belle eintritt, kommt es im Streitfall nicht an. Ebenso ist - anders als der Beklagte meint - nicht maßgeblich, ob die Gläubigerin die "verspätete" Nachmeldung

der Privilegierung hinreichend entschuldigt hat und ob insoweit die Präklusionsvorschriften der Zivilprozessordnung anzuwenden sind. Mit Ablauf des 1. Oktober 2008 ist jedenfalls der letzte Zeitpunkt verstrichen, zu dem die Klägerin das

von ihr geltend gemachte Privileg hätte nachmelden können.

13a) Nach der amtlichen Begründung des Gesetzes zur Änderung der Insolvenzordnung und anderer Gesetze (InsOÄndG) vom 26. Oktober 2001

(BGBl. I S. 2710) war es der Wille des Gesetzgebers, dem Interesse des

Schuldners Rechnung zu tragen, möglichst frühzeitig darüber informiert zu werden, welche Forderungen nicht von einer Restschuldbefreiung erfasst werden

(BT-Drucks. 14/5680 S. 29 Nr. 20). Der Gesetzgeber hat deshalb § 302 Nr. 1

InsO dahingehend geändert, dass der Gläubiger eine ausgenommene Forderung aus vorsätzlich begangener unerlaubter Handlung nach Erteilung der

Restschuldbefreiung nur geltend machen kann, wenn er nach dem - durch das

InsOÄndG vom 26. Oktober 2001 neu eingefügten - § 174 Abs. 2 InsO bereits

bei der Anmeldung darauf hingewiesen hat, dass er der Auffassung ist, seiner

Forderung liege eine unerlaubte Handlung zugrunde. Diese Ergänzung soll dem

Schuldner die Möglichkeit geben, frühzeitig einzuschätzen, ob er sich einem

Insolvenzverfahren mit anschließender Restschuldbefreiung überhaupt unterwerfen will. Denn für den Schuldner würde es eine erhebliche Härte bedeuten,

wenn er nach erfolgreichem Durchlaufen der Wohlverhaltensperiode erfahren

würde, dass eine Forderung, die unter Umständen seine wesentliche Verbindlichkeit ausmacht, von einer Restschuldbefreiung nicht erfasst wird, weil ihr eine

vorsätzlich begangene unerlaubte Handlung zugrunde liegt (BT-Drucks.

14/5680 S. 27 Nr. 12). Dem Schutz des Schuldners soll ferner auch der auf Initiative des Rechtsausschusses durch das InsOÄndG neu eingefügte § 175

Abs. 2 InsO dienen, der es dem Gericht aufgibt, den Schuldner konkret auf die

Rechtsfolgen des § 302 Nr. 1 InsO und die Möglichkeit des Widerspruchs hinzuweisen, wenn ein Gläubiger eine Forderung aus einer vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung angemeldet hat. Diese Vorschrift sei Ausdruck der

besonderen Fürsorge gegenüber rechtlich wenig informierten Schuldnern, für

die das Insolvenzverfahren und die anschließende Restschuldbefreiung existenzielle Bedeutung habe. Habe ein Gläubiger bei der Anmeldung seiner Forderung Angaben zu einer vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung des

Schuldners gemacht und widerspreche der Schuldner nicht, so werde dieser

Rechtsgrund von der Rechtskraftwirkung der Tabelleneintragung 178 Abs. 3

InsO) erfasst. Damit wäre die Forderung von einer Restschuldbefreiung ausgeschlossen, ohne dass diese schwerwiegende Konsequenz dem Schuldner stets

bewusst sein würde (BT-Drucks. 14/6468 S. 17 f Nr. 4). Insgesamt ist aus der

Neufassung der § 174 Abs. 2, § 175 Abs. 2, § 302 Nr. 1 InsO abzuleiten, dass

es sich um Vorschriften handelt, welche der möglichst frühzeitigen Klärung der

Frage dienen, ob und welche gegen den Schuldner gerichteten Forderungen

von der Restschuldbefreiung ausgenommen sind, weil sie auf einer vorsätzlich

begangenen unerlaubten Handlung beruhen (BGH, Urteil vom 16. Dezember

2010, aaO Rn. 24; FK-InsO/Ahrens, 7. Aufl., § 302 Rn. 13; HK-InsO/

Landfermann, 6. Aufl. § 302 Rn. 4; MünchKomm-InsO/Stephan, 2. Aufl., § 302

Rn. 6; Pape in Pape/Uhländer, InsO, § 302 Rn. 4; Pape/Schaltke in Kübler/

Prütting/Bork, InsO, 2010, § 174 Rn. 74 ff; Uhlenbruck/Vallender, InsO,

13. Aufl., § 302 Rn. 13; Wenzel in Kübler/Prütting/Bork, InsO, 2012, § 302

Rn. 1b).

14b) Mit diesem anerkannten Zweck der Vorschriften ist es nicht zu vereinbaren, dass eine Nachmeldung des Privilegs der vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung auch dann noch zugelassen wird, wenn die sechsjährige Ab-

tretungsfrist bereits verstrichen ist und die Entscheidung des Insolvenzgerichts

über die Erteilung der Restschuldbefreiung ansteht. Die Zulassung von Nachmeldungen oder auch Neuanmeldungen von Forderungen, für die geltend gemacht wird, dass sie auf einer vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung

des Schuldners beruhen, würde bedeuten, dass der Schuldner zwar ungeachtet

des noch nicht aufgehobenen Insolvenzverfahrens einen Anspruch darauf hätte, dass unverzüglich über seinen Antrag auf Restschuldbefreiung entschieden

und sein pfändbarer Neuerwerb von der übrigen Masse separiert wird, solange

die Entscheidung über die Restschuldbefreiung nicht rechtskräftig ist (vgl. BGH,

Beschluss vom 3. Dezember 2009 - IX ZB 247/08, BGHZ 183, 258 Rn. 14, 20,

38 f). Gleichwohl müsste der Schuldner nach Ablauf der Abtretungsfrist noch

damit rechnen, dass Gläubiger, die ihre Forderung noch nicht angemeldet haben, diese noch mit dem Rechtsgrund der vorsätzlich begangenen unerlaubten

Handlung anmelden oder bei einer bereits vorher angemeldeten Forderung diesen Rechtsgrund nachträglich geltend machen. In Fällen, in denen die Restschuldbefreiung bereits erteilt, das Insolvenzverfahren aber noch nicht aufgehoben ist, bestünde jederzeit die Gefahr, dass die Restschuldbefreiung durch

die Nachmeldung oder Neuanmeldung von deliktischen Forderungen entwertet

wird. Dies ist weder mit dem Beschleunigungszweck der § 174 Abs. 2, § 175

Abs. 2, § 302 Nr. 1 InsO noch mit dem Gedanken der Rechtssicherheit und

Rechtsklarheit, der den Regelungen ebenfalls zugrunde liegt (HK-InsO/

Landfermann, aaO; MünchKomm-InsO/Stephan, aaO; Pape in Pape/Uhländer,

aaO; Uhlenbruck/Vallender, aaO), zu vereinbaren.

15aa) Der vom Gesetzgeber mit den Gesetzesänderungen angestrebte

Schutz des Schuldners (BT-Drucks. 14/5680 S. 27 f Nr. 12, S. 29 f Nr. 20; BT-

Drucks. 14/6468 S. 17 f Nr. 4) wäre unerreichbar, wenn Gläubiger die Voraussetzungen für die Feststellung ausgenommener Forderungen noch schaffen

könnten, obwohl die Zeit, innerhalb derer Versagungsgründe des § 290 Abs. 1

InsO geltend gemacht werden können (vgl. BGH, Beschluss vom 3. Dezember

2009, aaO Rn. 20 ff), bereits abgelaufen ist. Der Schuldner müsste bis zu der

von ihm nicht zu beeinflussenden Aufhebung des Insolvenzverfahrens befürchten, dass immer noch Forderungen (nach-)gemeldet werden, für die das Privileg der vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung in Anspruch genommen

wird. Rechtssicherheit gäbe es für ihn nicht. Umgekehrt könnten Gläubiger ungeachtet ihrer aus den § 174 Abs. 2, § 175 Abs. 2, § 302 Nr. 1 InsO zu entnehmenden Verpflichtung, ausgenommene Forderungen möglichst frühzeitig anzumelden (Pape/Schaltke in Kübler/Prütting/Bork, aaO, Rn. 75; Wenzel in Kübler/

Prütting/Bork, aaO Rn. 1b), die nachträgliche Anmeldung des Privilegs beliebig

verzögern, ohne eine Präklusion befürchten zu müssen.

16bb) Im Hinblick auf die anstehende Verfahrensverkürzung ab dem 1. Juli

2014 durch das Gesetz zur Verkürzung des Restschuldbefreiungsverfahrens

und zur Stärkung der Gläubigerrechte (vgl. den Regierungsentwurf, BT-Drucks.

17/11268 und BT-Drucks. 17/13535 mit den Beschlüssen des Rechtsausschusses) wäre Folge der Zulässigkeit von Nachmeldungen nach Erteilung der Restschuldbefreiung, dass Schuldner, welche die Kosten des Verfahrens und eine

Befriedigungsquote von 35 Prozent aufgebracht und deshalb vorzeitig die Restschuldbefreiung nach Ablauf von drei Jahren seit Eröffnung des Insolvenzverfahrens erlangt haben 300 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 InsO in der Ausschussfassung), trotzdem weiter mit der erstmaligen Geltendmachung ausgenommener

Forderungen rechnen müssten. Dies würde dem Ziel der Verkürzung, dem

Schuldner einen deutlichen Anreiz zu bieten, erhebliche Anstrengungen zu unternehmen, um seine Schulden abzubauen (vgl. die Begründung des Regierungsentwurfs BT-Drucks. 17/11268 S. 30 ff zu Nr. 29), massiv widersprechen.

Ein Schuldner, der damit rechnen muss, dass auch nach Erteilung der Restschuldbefreiung weiter Forderungen aus vorsätzlich begangener unerlaubter

Handlung an- oder nachgemeldet werden können, hat keinen deutlichen Anreiz,

sich für die Befriedigung seiner Gläubiger einzusetzen.

17c) Ein anerkennenswertes Interesse der Gläubiger, den Rechtsgrund der

unerlaubten Handlung auch nach Ablauf der Abtretungsfrist oder sogar Erteilung der Restschuldbefreiung noch anmelden zu können, besteht nicht. Ob die

unvollständige Anmeldung zu Beginn des Verfahrens auf einem Verschulden

des Gläubigers beruht, ist unerheblich (vgl. BGH, Urteil vom 16. Dezember

2010, aaO Rn. 19). Dies gilt auch für den vorliegenden Fall der Versäumung

des Ablaufs der Abtretungsfrist. Verfassungsrechtliche Bedenken bestehen

nicht.

18aa) Abgesehen von der Regelung des § 302 Nr. 1 InsO müssen Gläubiger auch sonst im Restschuldbefreiungsverfahren einen Rechtsverlust hinnehmen, sofern sie formellen Obliegenheiten nicht genügen. Anträge auf Versagung der Restschuldbefreiung im eröffneten Insolvenzverfahren müssen gemäß

§ 290 Abs. 1 InsO im Schlusstermin oder innerhalb einer an dessen Stelle bestimmten Frist gestellt werden. Ein nach dem Schlusstermin gestellter Antrag,

mit dem einer der Versagungsgründe des § 290 Abs. 1 Nr. 1 bis 6 InsO geltend

gemacht wird, ist unzulässig (BGH, Beschluss vom 23. Oktober 2008 - IX ZB

53/08, ZInsO 2008, 1272 Rn. 9; vom 12. Februar 2009 - IX ZB 158/08, ZInsO

2009, 684 Rn. 4; vom 3. Dezember 2009 - IX ZB 226/06, VuR 2010, 187 Rn. 2;

D. Fischer in Ahrens/Gehrlein/Ringstmeier, InsO, § 290 Rn. 7, 9; Pape in Pape/

Uhländer, aaO § 290 Rn. 15, 18). Dies gilt auch dann, wenn der Gläubiger von

dem zur Begründung seines Antrags herangezogenen Fehlverhalten des

Schuldners erst nach dem Schlusstermin erfahren hat. Das Nachschieben einer

Begründung ist auch bei nachträglicher Kenntniserlangung unzulässig. Das Gericht darf die Versagung nicht von Amts wegen auf andere Gründe stützen als

die vom Antragsteller geltend gemachten (BGH, Beschluss vom 12. Februar

2009, aaO Rn. 6). Ebenso bleibt ein Versagungsantrag unberücksichtigt, wenn

es - gleich aus welchen Gründen - an einer Glaubhaftmachung des Versagungsgrundes im Schlusstermin fehlt; sie kann nicht in späteren Verfahrensabschnitten nachgeschoben werden (BGH, Beschluss vom 14. Mai 2009 - IX ZB

33/07, ZInsO 2009, 1317 Rn. 5).

19Im Hinblick auf diese Einschränkungen, die sich in der Wohlverhaltensphase mit der Beschränkung der Insolvenzgläubiger auf die Geltendmachung

der Obliegenheitspflichtverletzungen des § 295 InsO gemäß § 296 Abs. 1 InsO

fortsetzen, ist es unbedenklich, eine Präklusion anzunehmen, wenn der

Rechtsgrund der vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung nicht bis zum

Ablauf der Abtretungszeit angemeldet wird. Ein rechtlich schützenswertes Interesse der Gläubiger, das Privileg der vorsätzlich begangenen Handlung nach

diesem Zeitpunkt noch anmelden zu können, besteht nicht. Vielmehr wäre es

systemwidrig, entsprechende Anmeldungen auch nach Ablauf der Abtretungsfrist noch zuzulassen.

20bb) Auch verfassungsrechtlich ist der Ausschluss der Anmeldung nach

Ablauf der Abtretungsfrist bedenkenfrei. Der Gläubiger könnte bei regulärem

Ablauf des Verfahrens, bei dem nach wenigen Jahren das Insolvenzverfahren

aufgehoben wird und die Wohlverhaltensphase beginnt, keine Forderung mehr

anmelden und den Rechtsgrund der vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung nicht mehr nachmelden. Damit wären sowohl die Nachmeldung des Privilegs als auch die erstmalige Anmeldung einer Forderung aus vorsätzlich begangener unerlaubter Handlung ab dem Zeitpunkt der Aufhebung des Insol-

venzverfahrens ausgeschlossen. Wenn aufgrund besonderer Umstände, deren

Ursache für die hier zu entscheidende Frage nicht von Bedeutung ist, der Gläubiger die Chance erhält, die Forderung noch weit über den vom Gesetzgeber

als regulär angesehenen Zeitpunkt der Aufhebung des Verfahrens hinaus anzumelden, folgt aus der Zulassung der Nachmeldung bis zum Ablauf der Abtretungsfrist allenfalls eine Bevorteilung des Gläubigers. Einen Nachteil erleidet er

durch die Präklusion ab dem Zeitpunkt des Ablaufs der Abtretungszeit jedenfalls nicht. Von diesem Zeitpunkt an überwiegt das Interesse des Schuldners an

der frühzeitigen Klärung der Frage, ob und in welchem Umfang Forderungen

aus vorsätzlich begangener unerlaubter Handlung gegen ihn weiter geltend

gemacht werden können. Auf die Frage, ob die Restschuldbefreiung bereits

(rechtskräftig) erteilt wurde, kommt es dabei nicht an. Auch wenn die Erteilung

noch aussteht, sind aus Gründen der Rechtsklarheit und Rechtssicherheit Anmeldungen des Rechtsgrundes der vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung nicht mehr zulässig. Denn der Schuldner hat keinen Einfluss darauf, wann

das Insolvenzgericht nach Ablauf der Abtretungsfrist über die Restschuldbefreiung entscheidet.

21cc) Ob dem Schuldner später die Restschuldbefreiung erteilt oder versagt wird, ist nicht entscheidend. Kommt es zur Erteilung der Restschuldbefreiung, verliert die Forderung ihre Durchsetzbarkeit, weil sie nicht gemäß den Voraussetzungen des § 302 Nr. 1 InsO angemeldet worden ist. Wird dem Schuldner die Restschuldbefreiung versagt, kann die Forderung ungeachtet der Frage,

ob sie auf dem Rechtsgrund der vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung

beruht, weiterverfolgt werden. Die besondere Anmeldung des Privilegs hat für

die Durchsetzbarkeit keine Bedeutung. Die Präklusion wirkt sich nur dann aus,

wenn dem Schuldner die Restschuldbefreiung erteilt wird. Deshalb ist es sach-

gerecht, dass ausgenommene Forderungen zumindest ab dem Ende der Abtretungsfrist nicht mehr angebracht werden können.

223. Im Streitfall ist die Nachmeldung des Rechtsgrunds der vorsätzlich

begangenen unerlaubten Handlung mehr als sieben Jahre und drei Monate

nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens erfolgt. Zu diesem Zeitpunkt war die

Abtretungszeit des § 287 Abs. 2 Satz 1 InsO schon mehr als ein Jahr und drei

Monate abgelaufen. Über die Erteilung der Restschuldbefreiung hätte längst

entschieden gewesen sein müssen (vgl. BGH, Beschluss vom 3. Dezember

2009 - IX ZB 247/08, BGHZ 183, 258). Die Gläubigerin war deshalb gehindert,

ihrer Forderungsanmeldung aus dem Jahr 2002 die Anmeldung des Rechtsgrunds der vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung für einen Teil der

Forderungen nachzuschieben. Die Anberaumung eines Termins zur Nachprüfung 177 Abs. 1 InsO) hätte nicht erfolgen dürfen. Einer Belehrung des

Schuldners gemäß § 175 Abs. 2 InsO bedurfte es nicht, weil die Nachmeldung

von vornherein zurückzuweisen war. Die fehlende Durchführung des Nachprüfungstermins am 20. Oktober 2010 ist ebenso unerheblich wie die unterlassene

Erinnerung der Klägerin an die Nachprüfung ihrer Forderung, die zu keinem

anderen Ergebnis hätte führen können.

Vill Raebel Lohmann

Pape Möhring

Vorinstanzen:

LG Koblenz, Entscheidung vom 09.06.2011 - 3 O 512/10 -

OLG Koblenz, Entscheidung vom 31.05.2012 - 1 U 861/11 -

Letze Urteile des Bundesgerichtshofs

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

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