Urteil des BGH vom 05.11.2013, XI ZR 14/13

Aktenzeichen: XI ZR 14/13

BGH: anleger, treu und glauben, rückzahlung, agio, eigentum, besitz, unterschlagung, entschädigung, auszahlung, untreue

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

XI ZR 14/13 Verkündet am: 5. November 2013 Herrwerth, Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Der XI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 5. November 2013 durch den Vorsitzenden Richter Wiechers, die Richter

Dr. Joeres, Dr. Grüneberg und Maihold sowie die Richterin Dr. Menges

für Recht erkannt:

Die Revision der Kläger zu 1), 2) und 4) gegen das Urteil des

9. Zivilsenats des Kammergerichts in Berlin vom 30. November

2012 wird zurückgewiesen.

Die Kosten des Revisionsverfahrens tragen die Kläger zu 1) und

2) zu jeweils 33% und der Kläger zu 4) zu 34%.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

1Die Kläger zu 1), 2) und 4) nehmen die beklagte Entschädigungseinrichtung der Wertpapierhandelsunternehmen auf Entschädigung nach dem Einlagensicherungs- und Anlegerentschädigungsgesetz (im Folgenden: EAEG) in

Anspruch. Zwischen den Parteien steht nur noch im Streit, ob die Beklagte von

ihr berechnete Handelsverluste in Abzug bringen durfte.

2Die Kläger zu 1) und 2) beteiligten sich im April 1995 und im August 2004

mit einem Anlagebetrag von insgesamt 51.036,16 einschließlich Agio an dem

Phoenix Managed Account (im Folgenden: PMA), einer von der Phoenix Kapitaldienst GmbH (im Folgenden: P. GmbH) im eigenen Namen und für gemeinsame Rechnung der Anleger verwalteten Kollektivanlage, deren Gegenstand

nach Nummer 1.4 der in den Geschäftsbesorgungsvertrag einbezogenen Allgemeinen Geschäftsbedingungen die Anlage der Kundengelder in "Termingeschäften (Futures und Optionen) für gemeinsame Rechnung zu Spekulationszwecken mit Vorrang von Stillhaltergeschäften" war.

3Der Kläger zu 4) beteiligte sich im Januar 1996 mit einem Anlagebetrag

von 21.678,76 einschließlich Agio an dem PMA.

4Die P. GmbH war bis Ende 1997 auf dem sogenannten Grauen Kapitalmarkt tätig. Ab dem 1. Januar 1998 wurde sie als Wertpapierhandelsbank eingestuft und der Aufsicht des Bundesaufsichtsamtes für den Wertpapierhandel

unterstellt. Bereits ab Mitte 1993 hatte die P. GmbH begonnen, die für den PMA

eingegangenen Verpflichtungen aus den Termingeschäften nicht mehr mit dem

aktuellen Marktwert, sondern mit "Null" zu bewerten, um eingetretene Verluste

zu verschleiern. Ab 1997 legte die P. GmbH nur noch einen geringen Teil der

von ihren Kunden vereinnahmten Gelder vertragsgemäß in Termingeschäften

an. Ein Großteil der Gelder wurde im Wege eines "Schneeballsystems" für Zahlungen an Altanleger und für die laufenden Geschäfts- und Betriebskosten verwendet. Auf diese Weise erhielten auch die Kläger zu 1) und 2) eine Auszahlung über 10.000 und der Kläger zu 4) eine solche über 8.000 €. Den Anlegern wurden monatliche Kontoauszüge übermittelt, die den tatsächlichen Handelsverlauf nicht widerspiegelten.

5Im März 2005 untersagte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht der P. GmbH den weiteren Geschäftsbetrieb und stellte am 15. März

2005 den Entschädigungsfall fest. Am 1. Juli 2005 wurde über das Vermögen

der P. GmbH das Insolvenzverfahren eröffnet.

6Die Beklagte ermittelte auf der Grundlage der von ihr überprüften Berechnungen des Insolvenzverwalters ausgehend vom rekonstruierten, tatsächlichen Handelsverlauf des PMA für jeden Anleger den Verlauf und Endstand seiner Anlage. Für die Konten der Kläger zu 1) und 2) ergab sich so unter Abzug

der Handelsverluste zum 31. März 2005 ein Endbetrag von insgesamt

34.102,70 und für das Konto des Klägers zu 4) ein Endbetrag von

10.124,79 €.

7Mit der Klage verlangen die Kläger zu 1) und 2) von der Beklagten die

Zahlung von 90% ihrer Anlagesumme ohne Agio nebst Rechtshängigkeitszinsen abzüglich der Auszahlung und der von der Beklagten bereits erbrachten

Teilentschädigungen, d.h. insgesamt 12.356,19 €; der Kläger zu 4) begehrt

dementsprechend die Zahlung von 6.000,03 nebst Rechtshängigkeitszinsen.

Sie meinen, dass die Handelsverluste nicht hätten abgezogen werden dürfen.

8Das Landgericht hat der Klage in vollem Umfang stattgegeben. Auf die

Berufung der Beklagten hat das Berufungsgericht ­ entsprechend den von ihr in

erster Instanz abgegebenen Anerkenntnissen ­ die Klage der Kläger zu 1) und

2) nur in Höhe von 8.532,32 nebst Zinsen und die Klage des Klägers zu 4) nur

in Höhe von 4.064,55 nebst Zinsen für begründet erachtet und sie im Übrigen

abgewiesen. Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision begehren

die Kläger die Wiederherstellung des landgerichtlichen Urteils.

Entscheidungsgründe:

9Die Revision ist unbegründet.

I.

10Das Berufungsgericht hat zur Begründung seiner Entscheidung, soweit

für das Revisionsverfahren von Interesse, im Wesentlichen ausgeführt:

11Den Klägern stehe gegen die Beklagte ein Entschädigungsanspruch aus

§ 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 EAEG nur in der zuerkannten Höhe zu. Dieser bemesse

sich im Ausgangspunkt zwar nach der Höhe des gegen die P. GmbH bestehenden Anspruchs aus § 675 Abs. 1, § 667 BGB auf Rückzahlung aller für den

PMA eingezahlten Gelder ohne Agio sowie aller tatsächlich erzielten Gewinne;

Verluste aus der Anlage seien aber abzuziehen, soweit diese nicht durch Unterschlagung oder Veruntreuung entstanden seien. Der Herausgabeanspruch

umfasse nicht die Mittel, die in Ausführung des Auftrags ­ hier: zur Investition in

Termingeschäfte ­ verbraucht worden und nicht mehr vorhanden seien. Diese

Sichtweise stimme mit dem Schutzzweck des Einlagensicherungs- und Anlegerentschädigungsgesetzes überein. Danach würden nur solche Ansprüche

geschützt, die sich unmittelbar auf die Verschaffung von Rechten, Besitz oder

Eigentum an Geldern oder Wertpapieren richteten, wozu auch Ansprüche wegen der Verletzung vertraglicher Pflichten gehörten, durch die ­ wie etwa im Fall

der Unterschlagung oder Untreue ­ die Ansprüche des Kunden auf die Verschaffung von Rechten, Besitz oder Eigentum an Geldern oder Wertpapieren

vereitelt würden. Seien die Kundengelder dagegen vertragsgemäß verwendet

worden, könnten derartige Ansprüche nicht beeinträchtigt worden sein, auch

wenn die Anlage zu Verlusten geführt habe.

12Danach ergebe sich auf der Grundlage der Berechnung der Beklagten

für die Kläger zu 1) und 2) ein noch offener Entschädigungsanspruch in Höhe

von 8.532,32 und für den Kläger zu 4) ein solcher in Höhe von weniger als

dem von der Beklagten anerkannten Betrag von 4.064,55 €, nämlich in Höhe

von 3.905,85 €. Soweit die Klägerseite die Berechnung der Beklagten in Frage

stelle, sei dies unbeachtlich. Die Klägerseite trage die Darlegungs- und Beweislast für Höhe und Umfang des geltend gemachten Entschädigungsanspruchs.

Hierzu genüge nicht die bloße Darlegung der einzelnen Ein- und Auszahlungen.

Vielmehr müsste sie im Falle des Bestreitens durch die Beklagte die Entwicklung der Anlage mit allen Gewinnen und Verlusten darlegen und beweisen. Bei

der Bestimmung der Handelsverluste gehe es um die Bestimmung der Höhe

der dem Anleger gegenüber dem Institut zustehenden Forderung und nicht etwa um eine Aufrechnungsforderung des Instituts im Sinne des § 4 Abs. 1 Satz 1

EAEG, hinsichtlich derer die Beklagte darlegungs- und beweispflichtig wäre.

Etwas anderes ergebe sich auch nicht aus § 667 BGB, wonach der Auftragnehmer die Darlegungs- und Beweislast für die Verwendung der erhaltenen

Einlagen tragen würde. Diese Beweislastgrundsätze seien auf den Entschädigungsanspruch nach § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 EAEG nicht anwendbar, weil es

sich dabei um einen selbständigen gesetzlichen Anspruch handele, dessen

Voraussetzungen und Umfang eigenständig geregelt seien. Des Weiteren

komme auch eine Beweislastumkehr nicht in Betracht, weil die Beklagte dem

Beweis der tatsächlichen Handelsverläufe nicht näher stehe als die Klägerseite.

Die Beklagte treffe allenfalls eine sekundäre Darlegungslast, der sie vorliegend

mit ihren konkreten Berechnungen nachgekommen sei. Diesem Vorbringen sei

die Klägerseite nicht genügend entgegengetreten. Dies gelte insbesondere,

soweit die Klägerseite in Abrede stelle, dass Handelsverluste durch eine vereinbarungsgemäße Handelstätigkeit der P. GmbH mit den Mitteln des PMA

überhaupt entstanden seien. Substantiierten Vortrag dazu sei die Klägerseite

schuldig geblieben. Im Übrigen beschränke sie sich auf die Rechtsmeinung,

Handelsverluste seien nicht zu berücksichtigen. Soweit die Klägerseite vorbringe, der Beklagten hätten nicht alle Kontoauszüge und Daten vorgelegen, sei

dies mangels Benennung konkreter Unterlagen unsubstantiiert.

II.

13

Revision zurückzuweisen ist. Das Berufungsgericht hat bei der Bemessung des

Entschädigungsanspruchs der Klägerseite aus § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 EAEG zu

Recht die von der Beklagten berechneten Handelsverluste anspruchsmindernd

berücksichtigt.

141. Die P. GmbH, ein unter anderem mit Finanzkommissionsgeschäften

befasstes Kreditinstitut 1 Abs. 1 Satz 2 Nr. 4 KWG), war nach den Feststellungen des Berufungsgerichts ein der beklagten Entschädigungseinrichtung

zugeordnetes Institut 1 Abs. 1 Nr. 2, § 6 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 EAEG). Den Eintritt des Entschädigungsfalles hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht gemäß § 1 Abs. 5, § 5 Abs. 1 EAEG festgestellt.

152. Das Berufungsgericht hat rechtsfehlerfrei eine Verbindlichkeit der

P. GmbH gegenüber der Klägerseite aus Wertpapiergeschäften bejaht.

16a) Zwischen der Klägerseite und der P. GmbH ist ein Geschäftsbesorgungsvertrag über die Anschaffung und die Veräußerung von Finanzinstrumenten (hier: Derivate, § 1 Abs. 11 Sätze 1 und 4 KWG) im eigenen Namen für

fremde Rechnung geschlossen worden. Dabei handelt es sich ­ wie der Senat

mit Urteil vom 20. September 2011 (XI ZR 434/10, BGHZ 191, 95 Rn. 15 ff.) im

Einzelnen begründet hat ­ um Finanzkommissionsgeschäfte im Sinne des § 1

Abs. 1 Satz 2 Nr. 4 KWG und somit um Wertpapiergeschäfte nach § 1 Abs. 3

EAEG.

17 Diese Beurteilung hält revisionsrechtlicher Prüfung stand, so dass die

b) Es bestand auch eine Verbindlichkeit der P. GmbH gegenüber der

Klägerseite aus dem Geschäftsbesorgungsvertrag.

18Gemäß § 1 Abs. 4 Satz 1 EAEG in der hier maßgeblichen Fassung des

Gesetzes vom 21. Juni 2002 (BGBl. I S. 2010; vgl. hierzu Senatsurteil vom

23. November 2010 ­ XI ZR 26/10, BGHZ 187, 327 Rn. 15) sind Verbindlichkeiten aus Wertpapiergeschäften Verpflichtungen eines Instituts zur Rückzahlung

von Geldern, die Anlegern aus Wertpapiergeschäften geschuldet werden oder

gehören und die für deren Rechnung im Zusammenhang mit Wertpapiergeschäften gehalten werden. Wie der Senat mit Urteil vom 23. November 2010

(XI ZR 26/10, BGHZ 187, 327 Rn. 14 ff.) entschieden und im Einzelnen begründet hat, wird von dieser Vorschrift auch der von der Klägerseite gegen die

P. GmbH geltend gemachte Anspruch auf Rückzahlung der von ihr eingezahlten Gelder, der seine Grundlage in § 675 Abs. 1, § 667 Fall 1 BGB hat, erfasst.

Denn bei den vertragswidrig verwendeten Anlagegeldern handelt es sich um

Gelder, die dem Anleger gehören und für dessen Rechnung im Zusammenhang

mit Wertpapiergeschäften gehalten werden. Das Einlagensicherungs- und Anlegerentschädigungsgesetz bezweckt gerade auch den Schutz des Anlegers

vor solchen Vertragsverletzungen eines Instituts, die den Anspruch des Kunden

auf Rückzahlung der eingezahlten, aber vertragswidrig verwendeten Gelder

vereiteln (Senatsurteil vom 23. November 2010, aaO, Rn. 28).

193. Entgegen der Auffassung der Revision umfasst der Entschädigungsanspruch ­ wie das Berufungsgericht zutreffend angenommen hat ­ nicht die

von der Beklagten berechneten, tatsächlichen Handelsverluste.

20Gemäß § 1 Abs. 4 Satz 1 EAEG sind Verbindlichkeiten aus Wertpapiergeschäften, wie bereits erwähnt, Verpflichtungen eines Instituts auf Rückzahlung von Geldern, die Anlegern aus Wertpapiergeschäften geschuldet werden

oder gehören und die für deren Rechnung im Zusammenhang mit Wertpapiergeschäften gehalten werden. Handelsverluste, die aufgrund einer vertragsgemäßen Anlage der Gelder entstanden sind, werden davon nicht erfasst.

21a) Dies ergibt sich allerdings, anders als das Berufungsgericht meint,

nicht bereits unmittelbar aus dem ­ dem Entschädigungsanspruch aus § 3

Abs. 1, § 4 Abs. 1 EAEG zugrundeliegenden ­ Herausgabeanspruch des einzelnen Anlegers gegen die P. GmbH aus § 675 Abs. 1, § 667 Fall 1 BGB. Danach wird der Beauftragte oder Geschäftsbesorger zwar grundsätzlich von der

Verpflichtung, zur Auftragsausführung erhaltene Gelder wieder zurückzuzahlen,

frei, wenn er diese auftragsgemäß weitergeleitet oder bestimmungsgemäß verbraucht hat (vgl. BGH, Urteile vom 10. Oktober 1996 ­ III ZR 205/95, NJW 1997,

47, 49, vom 4. Oktober 2001 ­ III ZR 290/00, BGHReport 2002, 71 und vom

30. Oktober 2003 ­ III ZR 344/02, WM 2003, 2382, 2383). Dies ist hier aber

nach der Rechtsprechung des IX. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs ausnahmsweise nicht der Fall, weil die Anleger der P. GmbH bzw. dem Insolvenzverwalter über deren Vermögen entgegenhalten können, dass wegen des Vorgehens der P. GmbH, in betrügerischer Weise neue Anleger zu werben und

ihre vertraglichen Verpflichtungen entsprechend ihrer vorgefassten Absicht grob

zu verletzen, ihr Anspruch auf Rückzahlung der Einlage nach dem Grundsatz

von Treu und Glauben 242 BGB) nicht um die Verluste aus den wenigen

noch getätigten Anlagegeschäften vermindert werden darf (vgl. BGH, Urteile

vom 9. Dezember 2010 ­ IX ZR 60/10, WM 2011, 364 Rn. 15, vom 10. Februar

2011 ­ IX ZR 18/10, WM 2011, 659 Rn. 14 und vom 22. September 2011

­ IX ZR 209/10, WM 2011, 2237 Rn. 19). Dieser Einwand steht der Klägerseite

indes gegenüber der Beklagten ­ entgegen der Auffassung der Revision ­ im

Rahmen des Entschädigungsanspruchs aus § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 EAEG nicht

zu.

22b) Nach dem Schutzzweck des Einlagensicherungs- und Anlegerentschädigungsgesetzes sind im Rahmen der bestimmungsgemäßen Verwendung

der Anlegergelder tatsächlich angefallene Handelsverluste bei der Bemessung

des Entschädigungsanspruchs aus § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 EAEG zu berücksichtigen.

23Nach der Gesetzesbegründung zur bis zum 30. Juni 2002 geltenden

Fassung des § 1 Abs. 4 EAEG sollen in den Schutzbereich der Norm nur solche

Verpflichtungen aus Wertpapiergeschäften fallen, die zu den vertraglichen

Hauptleistungspflichten gehören, nicht dagegen beispielsweise Schadensersatzansprüche aus Beratungsfehlern (BT-Drucks. 13/10188, S. 16). Mit der

Neufassung des § 1 Abs. 4 EAEG durch das Vierte Finanzmarktförderungsgesetz vom 21. Juni 2002 (BGBl. I S. 2010) sollten nach dem Willen des Gesetzgebers im Wesentlichen redaktionelle Unklarheiten des Normtextes beseitigt

werden (vgl. BT-Drucks. 14/8017, S. 69 f.), die den Schutzbereich der Vorschrift

unberührt gelassen, insbesondere nicht erweitert haben. Wenngleich die Unterscheidung zwischen Hauptleistungspflichten und Schadensersatzansprüchen

aus Beratungsfehlern im Hinblick darauf zweifelhaft ist, dass auch die Beratungsleistung eine vertragliche Hauptleistungspflicht darstellen kann, ist das

vom Gesetzgeber verfolgte Ziel klar. Geschützt werden nur solche Ansprüche

des Anlegers, die sich unmittelbar auf die Verschaffung von Rechten, Besitz

oder Eigentum an Geldern oder Wertpapieren richten. Dazu gehören auch Ansprüche wegen der Verletzung vertraglicher Pflichten, durch die ­ wie etwa im

Falle der Unterschlagung oder Untreue ­ die Ansprüche des Kunden auf die

Verschaffung von Rechten, Besitz oder Eigentum an Geldern oder Wertpapieren vereitelt werden (vgl. BGH, Urteile vom 23. November 2010 ­ XI ZR 26/10,

BGHZ 187, 327 Rn. 24 mwN und vom 25. Oktober 2011 ­ XI ZR 67/11, WM

2011, 2219 Rn. 27). Der Ersatz (tatsächlich) entgangenen Gewinns oder der

Ausgleich von Verlusten, die aufgrund einer fehlerhaften Anlagestrategie entstanden sind, unterfallen daher nicht dem Schutz des Einlagensicherungs- und

Anlegerentschädigungsgesetzes (Senatsurteil vom 23. November 2010 ­ XI ZR

26/10, aaO).

24Eine solche Eingrenzung des Schutzbereichs ist auch europarechtskonform. § 1 Abs. 4 Satz 1 EAEG beruht auf Art. 2 Abs. 2 der Richtlinie 97/9/EG

des Europäischen Parlaments und des Rates vom 3. März 1997 über Systeme

für die Entschädigung der Anleger (ABl. EG 1997 Nr. L 84 S. 22). Dieser bestimmt, dass dem Anleger Gelder zurückzuzahlen sind, die ihm geschuldet

werden oder gehören und für seine Rechnung im Zusammenhang mit Wertpapiergeschäften gehalten werden. Weiterhin gewährleistet diese Norm, dass

dem Anleger die Finanzinstrumente zurückgegeben werden, die diesem gehören und für seine Rechnung im Zusammenhang mit Wertpapiergeschäften gehalten, verwahrt oder verwaltet werden. Einen Anspruch des Anlegers auf Ausgleich von Handelsverlusten, die im Rahmen der bestimmungsgemäßen Verwendung der Anlegergelder entstanden sind, will die Richtlinie ­ was auch ihr

Erwägungsgrund 8 unterstreicht ­ nicht gewähren.

25Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts steht dem auch nicht

die Rechtsprechung des IX. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs entgegen, der

im Rahmen eines auf § 134 Abs. 1, § 143 Abs. 1 InsO gestützten Rückgewähranspruchs des Insolvenzverwalters über das Vermögen der P. GmbH gegen einen Anleger wegen der an diesen von der P. GmbH geleisteten Auszahlungen Handelsverluste nicht berücksichtigt (vgl. Urteile vom 9. Dezember 2010

­ IX ZR 60/10, WM 2011, 364 Rn. 15, vom 10. Februar 2011 ­ IX ZR 18/10, WM

2011, 659 Rn. 14 und vom 22. September 2011 ­ IX ZR 209/10, WM 2011,

2237 Rn. 19). Insoweit kommt es nämlich darauf an, ob die P. GmbH die Geltendmachung etwaiger Gegenpositionen verwirkt hat, weil der Insolvenzverwalter im Grundsatz voll in die ­ zivilrechtlich geprägte ­ Rechtsposition des

Schuldners einrückt. Dies ist dagegen in dem Verhältnis zwischen Entschädigungseinrichtung und Anleger bei der Bestimmung des Umfangs des Entschädigungsanspruchs aus § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 EAEG nicht der Fall. Dieser richtet

sich nach dem ­ oben umrissenen ­ Schutzzweck der Anlegerentschädigung,

der eine Entschädigung für tatsächlich erlittene Handels- oder Kursverluste

nicht vorsieht.

26c) Das Berufungsgericht hat schließlich ­ entgegen der Auffassung der

Revision ­ für die Bemessung der Handelsverluste auch zu Recht die Berechnung der Beklagten zugrundegelegt und das diesbezügliche (einfache) Bestreiten der Klägerseite für nicht ausreichend erachtet.

27aa) Gemäß § 4 Abs. 1 Satz 1 EAEG richtet sich der Entschädigungsanspruch des Anlegers nach Höhe und Umfang der ihm gegenüber bestehenden

Verbindlichkeiten aus Wertpapiergeschäften unter Berücksichtigung etwaiger

Aufrechnungs- und Zurückbehaltungsrechte des Instituts. Die Bemessung des

Entschädigungsanspruchs erfolgt danach in zwei Schritten. Zunächst sind Höhe

und Umfang der Verbindlichkeiten aus Wertpapiergeschäften festzustellen. Diese umfassen nach § 1 Abs. 4 Satz 1 EAEG die Verpflichtungen des Instituts auf

Rückzahlung von Geldern, die Anlegern aus Wertpapiergeschäften geschuldet

werden oder gehören und die für deren Rechnung im Zusammenhang mit

Wertpapiergeschäften gehalten werden. Sodann sind etwaige Aufrechnungsund Zurückbehaltungsrechte des Instituts zu klären und gegebenenfalls nach

allgemeinen Grundsätzen dem Entschädigungsanspruch gegenüberzustellen.

28Nach den allgemeinen Grundsätzen zur Darlegungs- und Beweislast hat

der Anleger die Höhe des von ihm geltend gemachten Entschädigungsanspruchs darzulegen und gegebenenfalls zu beweisen, während die Entschädigungseinrichtung zu etwaigen Aufrechnungs- und Zurückbehaltungsrechten des

Instituts vortragen muss (vgl. hierzu BGH, Urteile vom 23. November 2010

­ XI ZR 26/10, BGHZ 187, 327 Rn. 32 und vom 25. Oktober 2011 ­ XI ZR 67/11,

WM 2011, 2219 Rn. 22). Dabei kann sich der Anleger zunächst auf die Darstellung der von ihm erbrachten Einzahlungen (ohne Agio) und der an ihn geleiste-

ten Auszahlungen beschränken. Verlangt er darüber hinaus die Auszahlung

tatsächlich erzielter Gewinne, muss er auch diese darlegen. Dagegen muss er

zu etwaigen Verlusten ­ soweit deren Entstehung ihm wie hier verschwiegen

worden ist ­ keinen Vortrag halten. Dies ist dann Sache der Entschädigungseinrichtung, zu deren Aufgaben es nach § 5 Abs. 4 Satz 1 EAEG gehört, die angemeldeten Ansprüche zu prüfen; zu diesem Zweck stehen ihr die in § 5 Abs. 2,

§ 9 Abs. 2 EAEG genannten Ermittlungsbefugnisse zu (vgl. hierzu BGH, Urteil

vom 20. September 2011 ­ XI ZR 434/10, BGHZ 191, 95 Rn. 55 ff.). Hat die

Entschädigungseinrichtung unter Ausschöpfung der ihr zur Verfügung stehenden Ermittlungsmöglichkeiten die dem einzelnen Anleger zustehende Entschädigungssumme detailliert und nachvollziehbar berechnet, ist es dem Anleger

zwar unbenommen, diese Berechnung anzugreifen. Ihm kommt insoweit aber

gemäß § 138 Abs. 2 ZPO eine gesteigerte Darlegungslast zu, so dass ein bloß

einfaches oder nur pauschal auf das gesamte Rechenwerk bezogenes Bestreiten unbeachtlich ist. Denn die Entschädigungseinrichtung steht gleichermaßen

wie der Anleger außerhalb des darzulegenden Geschehensablaufs und hat zu

Beginn des Entschädigungsverfahrens keine nähere Kenntnis von den maßgebenden Tatsachen (vgl. BGH, Urteil vom 11. Juli 1989 ­ XI ZR 59/88, juris

Rn. 23 f. mwN, in WM 1990, 343 nicht abgedruckt). Für eine Zurechnung der

Kenntnis des Instituts fehlt es an einer Rechtsgrundlage; die Entschädigungseinrichtung steht ­ aus Sicht der Anleger ­ auch nicht "in dessen Lager". Bei

dieser Sachlage muss der Anleger den nachprüfungsfähigen Vortrag der Entschädigungseinrichtung zur Höhe der Handelsverluste substantiiert bestreiten,

wenn er ihm entgegentreten will.

29bb) Nach diesen Maßgaben hat das Berufungsgericht das Bestreiten der

Klägerseite zu Recht als unerheblich angesehen und deshalb der Ermittlung der

Entschädigungshöhe die Berechnung der Beklagten zugrundegelegt.

30Nach den nicht angegriffenen Feststellungen des Berufungsgerichts hat

die Beklagte die gesamte Handelstätigkeit der P. GmbH im Zusammenhang mit

dem PMA aufgeklärt und im Einzelnen nachvollzogen. Hierzu hat sie die Unterlagen des Insolvenzverwalters ausgewertet und sachlich wie rechnerisch überprüft. Auf diese Weise hat die Beklagte Gewinne und Verluste des PMA in den

einzelnen Handelsperioden ermittelt und auf dieser Grundlage die Kontenverläufe der einzelnen Anleger nachgezeichnet. Diese konkreten Berechnungen

hat die Klägerseite nicht substantiiert bestritten. Sie hat insbesondere nicht aufgezeigt, welche konkreten Positionen in den Berechnungen fehlerhaft sein sollen. Im Übrigen hat sich das Berufungsgericht mit den Einwendungen der Klägerseite auseinandergesetzt, ohne dass die Revision insoweit einen Rechtsoder Verfahrensfehler dartut oder ein solcher aus anderen Gründen erkennbar

ist. Die Revision stellt lediglich noch in Frage, dass die vereinnahmten Gelder

vertragsgemäß in Termingeschäfte angelegt worden seien; dieser nur pauschale Vortrag genügt indes den Anforderungen an die der Klägerseite obliegende

gesteigerte Darlegungslast nicht.

Wiechers Joeres Grüneberg

Maihold Menges

Vorinstanzen:

LG Berlin, Entscheidung vom 15.03.2012 - 12 O 111/11 -

KG Berlin, Entscheidung vom 30.11.2012 - 9 U 92/12 -

Letze Urteile des Bundesgerichtshofs

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

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