Urteil des BGH, Az. I ZB 61/12

Leitsatzentscheidung
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
I ZB 61/12
vom
11. April 2013
in der Zwangsvollstreckungssache
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
nein
BGHR:
ja
ZPO §§ 766, 885 Abs. 1
a) Ein Vollstreckungstitel, durch den der Schuldner zur Räumung eines Hau-
ses verurteilt worden ist, bei dem ein Raum aufgrund eines Durchbruchs ei-
nen Teil des Nachbarhauses mitumfasst, ist nicht unbestimmt, wenn der
Gerichtsvollzieher mit allgemein zugänglichen Hilfsmitteln (etwa Bauplänen)
und unter Heranziehung von sachkundigen Hilfspersonen klären kann, was
zu dem zu räumenden Haus gehört.
b) Der Schuldner kann im Verfahren der Vollstreckungserinnerung nach § 766
ZPO nicht den Einwand erheben, ein Titel zur Räumung eines Hauses sei
eine Verurteilung zu einer nach Art. 13 GG unzulässigen Teilräumung der
Wohnung.
BGH, Beschluss vom 11. April 2013 - I ZB 61/12 - LG Koblenz
AG Sinzig
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Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 11. April 2013 durch den
Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Bornkamm und die Richter Pokrant, Prof.
Dr. Büscher, Dr. Koch und Dr. Löffler
beschlossen:
Die Rechtsbeschwerde der Schuldner gegen den Beschluss der
2. Zivilkammer des Landgerichts Koblenz vom 16. August 2012
wird zurückgewiesen.
Die Kosten des Rechtsbeschwerdeverfahrens tragen die Schuld-
ner jeweils zur Hälfte.
Der Wert des Rechtsbeschwerdeverfahrens wird auf 19.200
festgesetzt.
Gründe:
I. Die Schuldner hatten das Hausgrundstück U.-Straße 6 in Bad B. zu-
sammen mit Räumlichkeiten im Erdgeschoss des Nachbarhauses U.-Straße 4
vom Gläubiger gemietet. Die Häuser sind im Erdgeschoss verbunden; im
Wohnzimmer des Hauses U.-Straße 6 befindet sich ein Durchbruch zum Haus
U.-Straße 4.
Die Schuldner sind rechtskräftig verurteilt, das Einfamilienhaus U.-
Straße 6 in Bad B. einschließlich Garage, Kellerraum und Garten zu räumen
und an den Gläubiger herauszugeben.
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Aufgrund eines Zwangsvollstreckungsauftrags des Gläubigers hat die
Gerichtsvollzieherin Termin zur Räumung des Hauses angesetzt. Dagegen ha-
ben die Schuldner Erinnerung eingelegt, mit der sie geltend gemacht haben, die
Räumung allein des Anwesens U.-Straße 6 liefe auf eine unzulässige Teilräu-
mung hinaus. Zudem nutze ihr volljähriger Sohn, der im Obergeschoss des
Hauses U.-Straße 4 wohne, die Küche des Hauses U.-Straße 6 mit.
Das Amtsgericht Sinzig hat auf die Erinnerung der Schuldner die
Zwangsräumung für unzulässig erklärt. Auf die sofortige Beschwerde des Gläu-
bigers hat das Landgericht Koblenz den Beschluss des Amtsgerichts Sinzig
aufgehoben und die Erinnerung der Schuldner zurückgewiesen.
Dagegen richtet sich die vom Beschwerdegericht zugelassene Rechts-
beschwerde der Schuldner.
II. Das Beschwerdegericht hat angenommen, dass die Zwangsräumung
des Einfamilienhauses U.-Straße 6 in Bad B. aufgrund des Vollstreckungstitels
nach § 885 ZPO zulässig ist. Zur Begründung hat es ausgeführt:
Auch wenn der Termin zur Zwangsräumung am 7. Mai 2012 zwischen-
zeitlich verstrichen sei, bestehe ein Rechtsschutzbedürfnis für eine Entschei-
dung im Beschwerdeverfahren, weil die Räumung des Hauses noch nicht
durchgeführt sei. Ein Mitbesitz des volljährigen Sohns der Schuldner an den
Räumen des Hauses U.-Straße 6 sei nicht festgestellt. Der Vollstreckungstitel
sei auch inhaltlich klar und unmissverständlich. Die Gerichtsvollzieherin könne
ohne weiteres auch im Erdgeschoss der Häuser U.-Straße 4 und 6 die Räume
feststellen, die vom Vollstreckungstitel erfasst seien.
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III. Die gemäß § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO statthafte Rechtsbe-
schwerde ist zulässig (§ 575 ZPO). In der Sache hat sie keinen Erfolg.
1. Die Erinnerung der Schuldner ist nach § 766 ZPO zulässig. Den
Schuldnern fehlt nicht das für die Erinnerung erforderliche Rechtsschutzbedürf-
nis. Der Umstand, dass der Termin zur Zwangsräumung vom 7. Mai 2012 ver-
strichen ist, macht die Erinnerung nicht unzulässig. Das Rechtsschutzbedürfnis
für die Erinnerung nach § 766 ZPO gegen Maßnahmen des Gerichtsvollziehers
nach § 885 Abs. 1 ZPO besteht regelmäßig solange, bis die Zwangsvollstre-
ckung beendet ist (vgl. BGH, Beschluss vom 21. Dezember 2004
- IXa ZB 324/03, MDR 2005, 648; Beschluss vom 15. Oktober 2009
- VII ZB 1/09, NJW-RR 2010, 785 Rn. 9 und 10). Im vorliegenden Fall ist die
Zwangsvollstreckung noch nicht beendet, weil die Schuldner das Hausgrund-
stück U.-Straße 6 noch nicht geräumt haben und - je nach Ausgang des vorlie-
genden Verfahrens - mit der Anberaumung eines neuen Räumungstermins
durch die Gerichtsvollzieherin rechnen müssen.
Das Rechtsschutzbedürfnis fehlt vorliegend auch nicht deshalb, weil die
Schuldner ausschließlich Verstöße gegen das Vollstreckungsrecht geltend ma-
chen, die Rechte Dritter betreffen. Die Schuldner berufen sich auf eine Unbe-
stimmtheit des Vollstreckungstitels. Damit stützen sie die Erinnerung auf einen
Verstoß gegen das Vollstreckungsrecht, der sie selbst beschwert.
2. Die Erinnerung ist jedoch unbegründet.
a) Die Rechtsbeschwerde rügt ohne Erfolg, das Beschwerdegericht sei
zu Unrecht davon ausgegangen, der volljährige Sohn der Schuldner habe kei-
nen Mitbesitz an den Räumen des Hauses U.-Straße 6. Das Obergeschoss des
Hauses U.-Straße 4, das der Sohn der Schuldner angemietet habe, verfüge
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weder über ein Wohnzimmer noch eine Küche. Da das Obergeschoss des
Hauses nicht vom Erdgeschoss getrennt sei, hätten die Schuldner dem Sohn
den Mitbesitz auch an dem Wohnzimmer der Häuser U.-Straße 4 und 6 und
den übrigen Räumen des Hauses U.-Straße 6 eingeräumt.
Mit der Erinnerung können die Schuldner nur Verstöße gegen das Voll-
streckungsrecht geltend machen, die sie selbst beschweren. Daran fehlt es,
wenn die Schuldner eine Beeinträchtigung durch die Herausgabevollstreckung
aus dem Recht eines Dritten ableiten (vgl. BGH, Beschluss vom 13. August
2009 - I ZB 91/08, NJW-RR 2010, 281 Rn. 9). Das ist der Fall, weil die Schuld-
ner sich auf den Mitbesitz eines an dem vorliegenden Verfahren nicht beteilig-
ten Dritten berufen.
b) Das Beschwerdegericht hat zu Recht angenommen, der Vollstre-
ckungstitel sei hinreichend bestimmt. Es gebe keine Zweifel, dass alle Räume
innerhalb des Hauses U.-Straße 6 zu räumen seien. Diese Räume könne die
Gerichtsvollzieherin ohne weiteres bestimmen. Daran sei sie auch nicht da-
durch gehindert, dass im Erdgeschoss des Wohnzimmers des Hauses U.-Stra-
ße 6 ein Durchbruch zu einem Raum des Hauses U.-Straße 4 bestehe.
Die Rechtsbeschwerde macht dagegen geltend, es bestehe nicht ledig-
lich ein Durchbruch zwischen den Häusern U.-Straße 4 und 6. Vielmehr sei das
Wohnzimmer des Hauses U.-Straße 6 von dem weiteren Raum im Erdgeschoss
des Hauses U.-Straße 4 räumlich nicht getrennt. Die räumliche Trennung fehle
auch bei dem Wintergarten und einer Terrasse im ersten Obergeschoss der
Häuser. Die Stromversorgung der Häuser sei ebenfalls nicht getrennt. Diese
Angriffe verhelfen der Rechtsbeschwerde nicht zum Erfolg.
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Allerdings kann mit der Erinnerung nach § 766 ZPO geltend gemacht
werden, der Tenor eines Vollstreckungstitels sei derart unbestimmt, dass er
keinen vollstreckbaren Inhalt habe (vgl. BGH, Beschluss vom 4. Dezember
2008 - I ZB 120/05, NJW-RR 2009, 445 Rn. 9; OLG Frankfurt, OLGR 1998,
132, 134; LAG Köln, Urteil vom 26. März 2004 - 4 Sa 1393/03, juris Rn. 4;
Wieczorek/Schütze/Salzmann, ZPO, 3. Aufl., § 766 Rn. 43; Zöller/Stöber, ZPO,
29. Aufl., § 766 Rn. 15). Ein Titel, dessen Inhalt auch durch Auslegung vom
Vollstreckungsorgan nicht ermittelt werden kann, kann nicht Grundlage von
Zwangsvollstreckungsmaßnahmen sein (vgl. OLG Hamm, MDR 1983, 849). In
einem solchen Fall muss der Gläubiger die Reichweite des Titels durch eine
Feststellungsklage klären (vgl. BGH, Urteil vom 25. September 1972
- VIII ZR 81/71, NJW 1972, 2268).
Der vorliegende Vollstreckungstitel ist hinreichend bestimmt. Die Schuld-
ner sind verurteilt worden, das Einfamilienhaus U.-Straße 6 in Bad B. ein-
schließlich Garage, Keller und Garten zu räumen und an den Gläubiger heraus-
zugeben. Soweit sich Unklarheiten ergeben, welche Teile der Räumlichkeiten
und Bauteile zu dem zu räumenden Grundstück U.-Straße 6 gehören, muss der
Gerichtsvollzieher als Vollstreckungsorgan klären, welche Gebäudeteile dem
Hausgrundstück zuzuordnen sind. Sollte dies anhand der Örtlichkeiten nicht
ohne weiteres möglich sein, muss der Gerichtsvollzieher sich mit allgemein zu-
gänglichen Hilfsmitteln - etwa Bauplänen - vergewissern, welche Räumlichkei-
ten und Flächen zum Gebäude U.-Straße 6 gehören. Kann der Gerichtsvollzie-
her ohne sachkundige Unterstützung die Frage nicht klären, muss er, wie sonst
auch bei der Räumung selbst, Hilfspersonen hinzuziehen. Anhaltspunkte dafür,
dass es dem Vollstreckungsorgan danach nicht möglich ist, den Umfang des zu
räumenden Hauses genau zu bestimmen, bestehen nicht. Auch die nach dem
Vortrag der Schuldner bestehende gemeinsame Stromversorgung der Häuser
macht den Vollstreckungstitel nicht unbestimmt.
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c) Anders als die Rechtsbeschwerde meint, ist mit der Einweisung des
Gläubigers in den Besitz am Haus U.-Straße 6 auch keine unzulässige Einräu-
mung von Mitbesitz am Haus U.-Straße 4 verbunden. Die Einweisung in den
Besitz des Hauses U.-Straße 6 ist auf die zu diesem Gebäude gehörenden
Räume und Flächen beschränkt, deren genaue Zuordnung die Gerichtsvollzie-
herin zu klären hat. Dass eine derartige Beschränkung rechtlich und tatsächlich
möglich ist, zeigt die Vorschrift des § 865 BGB über den Teilbesitz.
d) Die Rechtsbeschwerde rügt ohne Erfolg, eine Zwangsräumung des
Hauses U.-Straße 6 sei mit Art. 13 GG unvereinbar. Durch dieses Grundrecht
werde der angemietete Wohnraum als Privatsphäre vor dem Eingriff Dritter,
auch des Eigentümers, geschützt. Der Schutz des Mieters an den Mieträumen
als Ort seines Lebensmittelpunkts ginge ins Leere, wenn er einen räumlich nicht
abgetrennten Teil weiter nutzen dürfe, den übrigen Teil aber herausgeben müs-
se.
Mit diesem Angriff ist die Rechtsbeschwerde im Verfahren der Erinne-
rung nach § 766 ZPO ausgeschlossen. Mit der Erinnerung können nur Anträge,
Einwendungen und Erinnerungen geltend gemacht werden, die die Art und
Weise der Zwangsvollstreckung oder das bei ihr vom Gerichtsvollzieher zu be-
obachtende Verfahren betreffen. Dagegen können mit der Erinnerung keine
materiell-rechtlichen Einwendungen gegen den durch den Vollstreckungstitel
rechtskräftig zuerkannten Anspruch geltend gemacht werden (vgl. BGH, Be-
schluss vom 7. Mai 2009 - V ZB 180/08, JurBüro 2009, 442 Rn. 8; BGH,
NJW-RR 2010, 281 Rn. 13). Die Vollstreckungsorgane sind wegen der Tren-
nung von Erkenntnis- und Vollstreckungsverfahren nicht befugt, den Vollstre-
ckungstitel einer materiell-rechtlichen Überprüfung zu unterziehen (vgl. BGH,
Urteil vom 18. November 1993 - IX ZR 244/92, NJW 1994, 460, 461; vgl. auch
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BGH, Beschluss vom 16. April 2009 - VII ZB 62/08, NJW 2009, 1887 Rn. 14).
Die Prüfung, ob dem Gläubiger als Vermieter ein Räumungsanspruch be-
schränkt auf das Haus U.-Straße 6 zusteht oder der Räumungsanspruch nur
einheitlich für den gesamten, auch das Erdgeschoss des Hauses U.-Straße 4
umfassenden Mietgegenstand geltend gemacht werden kann, setzt eine umfas-
sende materiell-rechtliche Würdigung voraus, die nicht von den Vollstreckungs-
organen vorzunehmen ist.
IV. Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 Abs. 1, § 100 Abs. 1 ZPO.
Bornkamm
Pokrant
Büscher
Koch
Löffler
Vorinstanzen:
AG Sinzig, Entscheidung vom 30.05.2012 - 6 M 916/12 -
LG Koblenz, Entscheidung vom 16.08.2012 - 2 T 377/12 -
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