Urteil des BGH, Az. 4 StR 251/14

BGH: gefährdung, fremder, sicherheit, leib, anschluss, gefahr, gesamtstrafe, zeitwert, überprüfung, freispruch
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
4 S t R 2 5 1 / 1 4
vom
9. September 2014
in der Strafsache
gegen
1.
2.
wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr u.a.
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Der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des Generalbun-
desanwalts und der Beschwerdeführer am 9. September 2014 gemäß § 349
Abs. 2 und 4 StPO beschlossen:
1. Auf die Revisionen der Angeklagten wird das Urteil des
Landgerichts Essen vom 21. Januar 2014, soweit es diese
Angeklagten betrifft, aufgehoben,
a) soweit der Angeklagte Mo. O. wegen
gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in zwei Fäl-
len (Fälle II. 1 und II. 7 der Urteilsgründe) und der Ange-
klagte J. O. wegen gefährlichen Eingriffs in den
Straßenverkehr in fünf Fällen (Fälle II. 4, 5, 6, 8 und 10
der Urteilsgründe) verurteilt worden ist,
b) in den Aussprüchen über die Gesamtstrafen.
Die Feststellungen mit Ausnahme derjenigen zur konkreten
Gefährdung fremder Sachen von bedeutendem Wert bleiben
aufrechterhalten.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhand-
lung und Entscheidung, auch über die Kosten der Rechtsmit-
tel, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurück-
verwiesen.
2. Die weiter gehenden Revisionen werden verworfen.
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Gründe:
Das Landgericht hat die Angeklagten jeweils zu einer Gesamtfreiheits-
strafe von drei Jahren verurteilt, den Angeklagten Mo. O. un-
ter Freispruch im Übrigen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in
zwei Fällen, wegen Sachbeschädigung und wegen Betruges in vier Fällen, wo-
bei es in einem Fall beim Versuch blieb, den Angeklagten J. O. we-
gen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und wegen Betruges in jeweils
fünf Fällen.
Die Revisionen der Angeklagten, mit denen sie die Verletzung materiel-
len Rechts rügen, haben den aus der Beschlussformel ersichtlichen Teilerfolg;
die weiter gehenden Rechtsmittel sind unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2
StPO.
I.
Die vom Angeklagten J. O. erhobene, nicht näher ausgeführte
Verfahrensrüge ist unzulässig (§ 344 Abs. 2 Satz 2 StPO).
II.
1. Die Überprüfung des angefochtenen Urteils auf Grund der von beiden
Angeklagten geltend gemachten sachlich-rechtlichen Beanstandungen führt zur
Aufhebung des angefochtenen Urteils, soweit das Landgericht sie wegen ge-
fährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verurteilt hat. Die bisherigen, zu den
einzelnen Taten getroffenen Feststellungen belegen nicht hinreichend, dass ihr
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Fehlverhalten eine konkrete Gefährdung der in § 315b Abs. 1 StGB bezeichne-
ten Individualrechtsgüter zur Folge hatte.
a) Nach ständiger Rechtsprechung des Senats liegt ein vollendeter
gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr im Sinne des § 315b Abs. 1 StGB
erst dann vor, wenn durch eine der in § 315b Abs. 1 Nr. 1 bis 3 StGB genann-
ten Tathandlungen eine Beeinträchtigung der Sicherheit des Straßenverkehrs
herbeigeführt worden ist und sich diese abstrakte Gefahrenlage zu einer
konkreten Gefährdung von Leib und Leben eines anderen Menschen oder
fremder Sachen von bedeutendem Wert verdichtet hat (Senatsurteil vom
4. Dezember 2002
– 4 StR 103/02, BGHSt 48, 119, 122; Senatsbeschlüsse
vom 25. April 2012
– 4 StR 667/11, NStZ 2012, 700, 701 und vom 18. Juni
2013
– 4 StR 145/13, Rn. 7; SSW-StGB/Ernemann, 2. Aufl., § 315b Rn. 5, 17).
Die Annahme einer solchen, über die abstrakte Beeinträchtigung der Sicherheit
des Straßenverkehrs hinausgehende konkrete Gefährdung wird im angefochte-
nen Urteil in keinem der betreffenden Fälle belegt.
b) Die Angeklagten führten nach den Feststellungen des Landgerichts
als Fahrer verschiedener Kraftfahrzeuge absichtlich insgesamt neun Verkehrs-
unfälle herbei und machten im Anschluss gegenüber den gegnerischen Haft-
pflichtversicherungen unberechtigte Schadensersatzansprüche geltend, um
sich dadurch eine nicht nur vorübergehende und nicht ganz unerhebliche Ein-
nahmequelle zu verschaffen. Zum Beleg der Voraussetzungen des gefährlichen
Eingriffs in den Straßenverkehr in insgesamt sieben Fällen teilt die Strafkammer
in den Urteilsgründen den jeweiligen Anschaffungs- bzw. Zeitwert des Fahr-
zeugs des Unfallgegners sowie, aufgeschlüsselt nach einzelnen Schadensposi-
tionen, die Beträge mit, die die Angeklagten mit Anwaltsschreiben bei den geg-
nerischen Haftpflichtversicherungen geltend machten und welche Summen sie
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letztlich ausgezahlt erhielten. Daraus sowie aus den Feststellungen zum jewei-
ligen Unfallhergang folgert das Landgericht, in den betreffenden Fällen seien
schon deshalb fremde Sachen von bedeutendem Wert, nämlich in der vom
Senat in ständiger Rechtsprechung angenommenen Mindesthöhe von 750,00
(vgl. dazu Senatsbeschluss vom 28. September 2010
– 4 StR 245/10, BGHR
StGB § 315b Abs. 1 Gefährdung 5) gefährdet worden, weil es im Zuge der je-
weiligen Vorfälle tatsächlich zu Kollisionen zwischen den beteiligten Kraftfahr-
zeugen gekommen sei. Feststellungen zu den jeweils konkret eingetretenen
Fremdschäden werden in den Urteilsgründen indes nicht mitgeteilt. Diese und
die konkrete Gefahr weiterer Schäden lassen sich auch dem Gesamtzusam-
menhang der Schilderung der jeweiligen Kollisionen und dem jeweils mitgeteil-
ten Schadensbild nicht hinreichend sicher entnehmen. Die Sache bedarf daher
insoweit neuer Prüfung durch den Tatrichter, der auch über die Gesamtstrafe
neu zu befinden haben wird. Da sich der durchgreifende Rechtsfehler auf die
Feststellungen zur konkreten Gefährdung fremder Sachen von bedeutendem
Wert beschränkt, hat der Senat die übrigen Urteilsfeststellungen aufrecht erhal-
ten.
2. Den weiter gehenden Rechtsmitteln bleibt der Erfolg aus den Gründen
der Antragsschriften des Generalbundesanwalts vom 4. Juli 2014 versagt.
Der Senat bemerkt insoweit lediglich ergänzend, dass in der strafschär-
fenden Berücksichtigung der Vorverurteilung vom 26. November 1998 hinsicht-
lich des Angeklagten Mo. O. entgegen der Auffassung des
Generalbundesanwalts kein Verstoß gegen § 46 Abs. 1 Nr. 4 BZRG liegt: Ge-
mäß § 46 Abs. 3 BZRG verlängert sich die Frist von 15 Jahren um die Dauer
der durch das damalige Urteil des Landgerichts Essen Freiheits-
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strafe von zwei Jahren und neun Monaten (vgl. Senatsbeschluss vom 27. April
1999
– 4 StR 125/99, BGHR BZRG § 46 Abs. 1 Tilgungsfrist 2).
Sost-Scheible
Cierniak
Franke
Bender
Quentin