Urteil des BGH vom 31.08.2010, VIII ZB 13/10

Aktenzeichen: VIII ZB 13/10

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BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

VIII ZB 13/10

vom

31. August 2010

in dem Rechtsstreit

Der VIII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 31. August 2010 durch den

Vorsitzenden Richter Ball, den Richter Dr. Frellesen, die Richterin Dr. Hessel

und die Richter Dr. Achilles und Dr. Schneider

beschlossen:

Auf die Rechtsbeschwerde der Klägerin wird der Beschluss der

2. Zivilkammer des Landgerichts Schweinfurt vom 17. Dezember

2009 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Entscheidung, auch über die Kosten

des Rechtsbeschwerdeverfahrens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Gerichtskosten für das Rechtsbeschwerdeverfahren werden nicht

erhoben.

Beschwerdewert: 2.150,57 €.

Gründe:

I.

1Die Beklagten waren von April 2004 bis Juni 2007 Mieter einer Wohnung

der Klägerin in M. . Aus den von ihr erstellten Nebenkostenabrechnungen für die Jahre 2005 bis 2007 beansprucht die Klägerin von den Beklagten unter Berücksichtigung der von diesen geleisteten Vorauszahlungen eine

Nachzahlung in Höhe von insgesamt 2.150,57 nebst Zinsen. Die Beklagten

haben zum einen die in diesen Abrechnungen enthaltenen Kosten für "Heizung/Wasser" wegen der darin nach ihrer Auffassung unzulässig abgerechne-

ten Kosten eines Wärmecontracting und zum anderen die darin angesetzten

Hausmeisterkosten beanstandet. Das Amtsgericht hat nach Beweiserhebung

zum Anfall der Hausmeisterkosten, obwohl es diese danach als an sich berechtigt angesehen hat, die Klage abgewiesen und zur Begründung ausgeführt,

dass es hinsichtlich der geltend gemachten Wärmelieferungskosten an der erforderlichen mietvertraglichen Vereinbarung zu einer Umlagefähigkeit der für

das Wärmecontracting angesetzten Kosten fehle. Damit sei zugleich unklar,

welche umlegbaren Heizkosten die Klägerin überhaupt von den Beklagten verlangen könne. Dass demgegenüber der Anfall der geltend gemachten Hausmeisterkosten bewiesen sei, könne die Klageforderung nicht rechtfertigen, weil

die Heizkosten mangels Ausgrenzbarkeit der darin enthaltenen Kosten des

Wärmecontractings insgesamt abzusetzen seien. Da die geleisteten Vorauszahlungen die geschuldeten Hausmeisterkosten um ein Vielfaches überstiegen

und die Heizkosten gemäß § 556 Abs. 3 Satz 2 und 3 BGB nicht mehr nachberechnet werden könnten, sei die Klage bereits endgültig unbegründet.

Ihre hiergegen eingelegte Berufung hat die Klägerin damit begründet, 2

dass das Amtsgericht in dem Mietvertrag der Parteien zu Unrecht keine Grundlage für die Umlage der Kosten des Wärmecontractings gesehen habe. Die Umlagefähigkeit dieser Kosten lasse sich vielmehr auf zwei im Einzelnen näher

bezeichnete Bestimmungen des Mietvertrages stützen. Zudem habe das Amtsgericht einen von ihr angetretenen Zeugenbeweis übergangen, wonach sie den

Beklagten bei Abschluss des Mietvertrages im Zusammenhang mit den umzulegenden Kosten ausdrücklich mitgeteilt habe, dass ihre Wohnung hinsichtlich

der Wärmelieferung und der Warmwasserversorgung über einen Wärmecontractor versorgt werde.

Das Landgericht hat die Berufung der Klägerin als unzulässig verworfen, 3

weil ihr Berufungsantrag unschlüssig sei. Zwar hätten die Beklagten die betreffenden Nebenkostenabrechnungen nur hinsichtlich der Positionen "Versorgung

mit Warmwasser und Wärme" und "Hausmeisterkosten" angegriffen. Die geltend gemachte Klageforderung werde demgegenüber auf Nebenkostenabrechnungen gestützt, die nicht nur die genannten Kosten, sondern darüber hinaus

auch weitere Hausnebenkosten erfassten. Das Amtsgericht habe die Klage in

vollem Umfang und damit auch hinsichtlich der unstreitigen Nebenkostenpositionen abgewiesen. Insoweit habe die Klägerin sich in ihrer Berufungsbegründung mit diesen Nebenkosten jedoch nicht befasst und die Abweisung der Klage insoweit nicht gerügt. Die Berufung sei daher allenfalls insoweit erfolgversprechend, als Wärmelieferungskosten den Beklagten aufzuerlegen wären. Der

Berufungsantrag beziffere jedoch nicht im Einzelnen die nachzuzahlenden

Wärmelieferungskosten für die in Rede stehenden Jahre und genüge daher

nicht den Bestimmtheitsanforderungen, die erforderlich seien, um dem Gericht

unter Berücksichtigung der Anfechtungsgründe eine Entscheidung in der Sache

möglich zu machen.

II.

4

1. Die Rechtsbeschwerde ist gemäß § 574 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, § 522 5

Abs. 1 Satz 4 ZPO statthaft. Sie ist auch gemäß § 574 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 2 ZPO

zulässig. Zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung ist eine Entscheidung des Rechtsbeschwerdegerichts erforderlich, weil die angefochtene Entscheidung gemäß den nachstehenden Ausführungen das Verfahrensgrundrecht

der Klägerin auf wirkungsvollen Rechtsschutz (Art. 2 GG i.V.m. dem Rechtsstaatsprinzip) verletzt und darauf beruht.

2. Die Rechtsbeschwerde ist begründet. 6

a) Die Berufungsbegründung muss nach § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ZPO

7 Die Rechtsbeschwerde hat Erfolg.

die Erklärung enthalten, inwieweit das erstinstanzliche Urteil angefochten wird

und welche Abänderungen beantragt werden. Außerdem muss die Berufungsbegründung nach § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO die Umstände bezeichnen,

aus denen sich nach Ansicht des Berufungsklägers die Rechtsverletzung und

deren Erheblichkeit für die angefochtene Entscheidung ergibt. Den in Nr. 1 dieser Bestimmung bezeichneten Anforderungen ist genügt, wenn die Begründungsschrift ihrem gesamten Inhalt nach eindeutig erkennen lässt, in welchem

Umfang das Urteil der ersten Instanz angefochten werden soll (BGH, Beschluss

vom 15. Dezember 2009 - XI ZB 36/09, WM 2010, 434 Rn. 9 mwN). Die in Nr. 2

dieser Bestimmung bezeichneten Anforderungen sind gewahrt, wenn die Berufungsbegründung erkennen lässt, aus welchen tatsächlichen und rechtlichen

Gründen der Berufungskläger das angefochtene Urteil für unrichtig hält und zur

Darlegung der Fehlerhaftigkeit die Umstände mitteilt, die das Urteil aus Sicht

des Rechtsmittelführers in Frage stellen. Ob die von ihm erhobenen Rügen

schlüssig oder auch nur vertretbar sind, ist ohne Belang (Senatsbeschluss vom

21. Mai 2003 - VIII ZB 133/02, NJW-RR 2003, 1580 unter II 3 b aa mwN; BGH,

Beschluss vom 1. Oktober 2009 - VII ZB 43/09, BauR 2010, 248 Rn. 5).

8b) Diese Anforderungen hat das Berufungsgericht grundlegend verkannt

und dadurch der Klägerin den Zugang zur Rechtsmittelinstanz in unzumutbarer,

aus Sachgründen nicht zu rechtfertigender Weise erschwert. Es hat bereits

nicht gesehen, dass das Amtsgericht, nachdem dieses die Abrechnungsposition

"Heizung/Wasser" wegen der darin in nicht abgrenzbarer Form enthaltenen

Kosten des nach seiner Auffassung nicht umlagefähigen Wärmecontractings für

nicht begründet erachtet hat, die Klage allein deshalb abgewiesen hat, weil die

verbleibende Abrechnungsposition der Hausmeisterkosten - mit den weiteren

unstreitigen Abrechnungspositionen hat sich das Amtsgericht nicht befasst - die

Höhe der geleisteten Vorauszahlungen nicht erreiche. Bei dieser Sachlage bestand für die Klägerin kein Anlass, auf die vom Amtsgericht für begründet erachteten Abrechnungsposition der Hausmeisterkosten oder die weiteren, in der

Abrechnung ebenfalls enthaltenen Abrechnungspositionen Feuer-, Leitungswasser-, Sturm- und Haftpflichtversicherungen, Miete Sat-Anschluss, Grundsteuer, Müllabfuhr und Allgemeinstrom, die das Amtsgericht überhaupt nicht

behandelt hat, einzugehen, zumal angesichts des Umfangs der Abrechnungsposition "Heizung/Wasser" auch deren Einrechnung zu keinem anderen Ergebnis geführt hätte. Denn es ist selbstverständlich, dass der Berufungskläger weder ihm günstige Teile des Urteils noch weitere, die abweisende Entscheidung

möglicherweise auch stützende, zur Begründung der angefochtenen Entscheidung aber nicht angeführte Umstände angreifen muss (BGH, Urteil vom

14. November 2005 - II ZR 16/04, NJW-RR 2006, 499 Rn. 9).

9Die Klägerin brauchte deshalb, um den Anforderungen des § 520 Abs. 3

Satz 2 Nr. 1 und 2 ZPO zu genügen, nur die ihr nachteilige Auffassung des

Amtsgerichts anzugreifen, aus dem Mietvertrag sei eine Erstattungsfähigkeit

der Kosten für das Wärmecontracting nicht herleitbar. Denn auf diese Weise

wäre die einzig bestehende Unklarheit hinsichtlich der Abrechnungsposition

"Heizung/Wasser" ausgeräumt worden und die Klägerin wäre angesichts des

Umstandes, dass die Berechtigung aller anderen Positionen unstreitig oder

nach Auffassung des Amtsgerichts erwiesen war, aus ihrer Sicht über die von

ihr erstrebte Erstattungsfähigkeit der Position "Heizung/Wasser" nach Abzug

der geleisteten Vorauszahlungen zu einer Begründetheit der geltend gemachten Nachzahlungsbeträge insgesamt gelangt.

103. Der angefochtene Beschluss ist daher aufzuheben, und die Sache ist

zur erneuten Entscheidung an das Berufungsgericht zurückzuverweisen 577

Abs. 4 Satz 1 ZPO). Dabei hat der Senat von § 21 Abs. 1 Satz 1 GKG

Gebrauch gemacht.

Ball Dr. Frellesen Dr. Hessel

Dr. Achilles Dr. Schneider

Vorinstanzen:

AG Bad Neustadt, Entscheidung vom 28.07.2009 - 1 C 140/08 -

LG Schweinfurt, Entscheidung vom 17.12.2009 - 24 S 61/09 -

Letze Urteile des Bundesgerichtshofs

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

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2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

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