Urteil des BGH vom 20.07.2010, XI ZR 562/07

Entschieden
20.07.2010
Schlagworte
Schlüssiges verhalten, Agb, Genehmigung, Bank, Schuldner, Kunde, Frist, Hamburg, Verhalten, Kenntnis
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BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

VERSÄUMNISURTEIL

XI ZR 562/07 Verkündet am: 26. Oktober 2010 Weber, Justizamtsinspektorin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: nein

BGHR: ja

BGB § 684 Satz 2

a) Zur Frage der konkludenten Genehmigung einer Einzugsermächtigungslastschrift (im Anschluss an das Senatsurteil vom 20. Juli 2010 - XI ZR 236/07, WM 2010, 1546, zur Veröffentlichung in BGHZ vorgesehen).

b) Stellt ein Schuldner in Kenntnis von Abbuchungen, die im Einzugsermächtigungsverfahren erfolgen, durch konkrete Einzahlungen oder Überweisungen erst ausreichende Kontodeckung sicher, ohne die die kontoführende Bank die Lastschriften nicht ausgeführt hätte, so kann dies für eine Genehmigung der betreffenden Lastschriften durch schlüssiges Verhalten sprechen, wenn die Bank dadurch die Überzeugung gewinnen durfte, die Lastschriftbuchungen würden Bestand haben.

BGH, Versäumnisurteil vom 26. Oktober 2010 - XI ZR 562/07 - OLG Hamburg LG Hamburg

Der XI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 26. Oktober 2010 durch den Vorsitzenden Richter Wiechers und die

Richter Dr. Ellenberger, Maihold, Dr. Matthias und Pamp

für Recht erkannt:

Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 11. Zivilsenats

des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg vom

14. November 2007 aufgehoben.

Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch

über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

Der Kläger begehrt als Insolvenzverwalter über das Vermögen der 1

y. oHG (im Folgenden: Schuldnerin) von der beklagten Bank

die Auszahlung von Beträgen, die im vierten Quartal 2005 im Wege des Einzugsermächtigungsverfahrens von dem Girokonto der Schuldnerin abgebucht

worden sind.

Die Schuldnerin unterhielt bei der Beklagten ein Girokonto, für das 2

Rechnungsabschlüsse jeweils zum Ende eines Kalenderquartals vereinbart wa-

ren. Nach Nr. 7 Abs. 4 der für diesen Girovertrag geltenden damaligen Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Beklagten (im Folgenden: AGB) mussten

vom Kunden Einwendungen gegen einen Rechnungsabschluss spätestens vor

Ablauf von sechs Wochen nach dessen Zugang schriftlich erhoben werden.

Andernfalls galt der Rechnungsabschluss als genehmigt. Nach Nr. 7 Abs. 5

Satz 1 AGB war der Kunde weiter gehalten, "Einwendungen gegen Belastungen aus Einzugsermächtigungs-Lastschriften unverzüglich zu erheben". Die

Genehmigung einer Belastungsbuchung galt nach Nr. 7 Abs. 5 Satz 3 AGB

"spätestens dann als erteilt, wenn der Kunde nicht vor Ablauf von sechs Wochen nach Zugang des Rechnungsabschlusses, in dessen Saldo die Belastungsbuchung enthalten ist, Einwendungen gegen diese erhebt". Der Kunde

war schließlich nach Nr. 11 Abs. 4 AGB verpflichtet, "Kontoauszüge ... auf ihre

Richtigkeit und Vollständigkeit unverzüglich zu überprüfen und etwaige Einwendungen unverzüglich zu erheben".

3Der Rechnungsabschluss für das vierte Quartal 2005 lag der Schuldnerin

am 2. Januar 2006 vor. Sie widersprach weder den darin enthaltenen Buchungen noch einem der von ihr nahezu täglich abgerufenen Tagesauszüge. Mit

Beschluss vom 13. Januar 2006 wurde der Kläger von dem Insolvenzgericht

H. zum vorläufigen Insolvenzverwalter mit Zustimmungsvorbehalt über

das Vermögen der Schuldnerin bestellt. Er forderte die Beklagte am 16. Januar

2006 auf, keine Verfügungen über das Girokonto der Schuldnerin, das am folgenden Tag ein Guthaben von 11,33 aufwies, zuzulassen. Am 7. Februar

2006 widersprach er pauschal sämtlichen im Einzugsermächtigungsverfahren

vorgenommenen Belastungsbuchungen seit dem 1. Oktober 2005. Diesen lagen sämtlich von der Schuldnerin erteilte Einziehungsermächtigungen und

sachlich unstreitige Lieferantenforderungen zugrunde. Am 9. März 2006 begehrte der Kläger, der inzwischen mit Eröffnung der Insolvenz am 27. Februar

2006 zum Insolvenzverwalter bestellt worden war, zugunsten eines von ihm

angegebenen Anderkontos die Erstattung sämtlicher Beträge, die seit dem

1. Oktober 2005 im Einziehungsermächtigungsverfahren von dem Girokonto

der Schuldnerin abgebucht worden waren. Die Beklagte überwies Teilbeträge

auf dieses Konto, verweigerte jedoch die Rückbuchung in Höhe von

40.666,72 €, da sie insoweit wegen Ablaufs der nach dem Lastschriftabkommen

zwischen den beteiligten Banken geltenden Frist die jeweiligen Gläubigerbanken nicht mehr belasten konnte.

Der Kläger hat die Beklagte auf Zahlung des vorgenannten Betrags 4

nebst Zinsen in Anspruch genommen.

5Das Landgericht hat der Klage in vollem Umfang stattgegeben. Die Berufung der Beklagten ist erfolglos geblieben. Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt die Beklagte ihren Klageabweisungsantrag weiter.

Entscheidungsgründe:

Die Zulassung der Revision wegen grundsätzlicher Bedeutung der Sache 6

ist auch dann wirksam, wenn sie - wie hier - durch den Einzelrichter des Berufungsgerichts ausgesprochen wird (BGH, Urteil vom 16. Juli 2003 - VIII ZR

286/02, NJW 2003, 2900 f.). Die auch im Übrigen zulässige Revision ist begründet. Sie führt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur Zurückverweisung des Rechtsstreits an das Berufungsgericht.

Da der Kläger in der mündlichen Verhandlung trotz rechtzeitiger Ladung 7

zum Termin nicht vertreten war, war über die Revision der Beklagten durch

Versäumnisurteil zu entscheiden. Das Urteil ist jedoch keine Folge der Säum-

nis, sondern beruht auf einer Sachprüfung (vgl. BGH, Urteil vom 4. April 1962

- V ZR 110/60, BGHZ 37, 79, 81 f.).

I.

8Das Berufungsgericht hat zur Begründung seiner Entscheidung im Wesentlichen ausgeführt:

9Der Kläger habe den Lastschriftbuchungen aus dem vierten Quartal 2005

am 7. Februar 2006 wirksam widersprochen, da die Widerspruchsfrist

nach Nr. 7 Abs. 4 AGB zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgelaufen sei. Eine

frühere konkludente Genehmigung durch Hinnahme der die Einzelbuchungen

ausweisenden Kontoauszüge komme nicht in Betracht, da die AGB keinen

Raum für konkludente, vor dem in Nr. 7 Abs. 5 Satz 3 dieser Bedingungen genannten Zeitpunkt liegende Genehmigungen ließen. Deswegen komme es nicht

entscheidend darauf an, ob in Entgegennahme und Kenntnisnahme von Kontoauszügen eine Genehmigung liegen könne. Soweit die AGB auf die Unverzüglichkeit der Prüfung und Geltendmachung von Unrichtigkeiten durch den Kunden abstellten, seien diese Regelungen widersprüchlich und deswegen gemäß

§ 305c Abs. 2 BGB zu Lasten der Beklagten auszulegen. Obgleich unstreitig

anerkennenswerte Einwendungen gegen die Forderungen nicht bestünden,

habe der Kläger sein Widerrufsrecht nicht rechtsmissbräuchlich ausgeübt. Die

Rechte eines Insolvenzverwalters gingen insoweit weiter als die des Schuldners. Da die zugrundeliegenden Forderungen der Gläubiger noch nicht vollständig erfüllt worden seien, habe es sich um ungesicherte Insolvenzforderungen gehandelt, die nicht bevorzugt befriedigt werden dürften.

II.

10Diese Ausführungen halten rechtlicher Überprüfung in einem entscheidenden Punkt nicht stand. Die Begründung, mit der das Berufungsgericht eine

konkludente Genehmigung der im vierten Quartal 2005 erfolgten Lastschriftbuchungen durch die Schuldnerin abgelehnt hat, ist nicht frei von Rechtsfehlern.

111. Das Berufungsgericht geht rechtlich zutreffend davon aus, dass auf

Grundlage der für die streitigen Lastschriften geltenden Genehmigungstheorie

(grundlegend Senat, Urteile vom 14. Februar 1989 - XI ZR 141/88, WM 1989,

520, 521, vom 11. April 2006 - XI ZR 220/05, BGHZ 167, 171 Rn. 12 ff. und zuletzt vom 20. Juli 2010 - XI ZR 236/07, WM 2010, 1546 Rn. 10 f., zur Veröffentlichung in BGHZ vorgesehen) die im Einzugsermächtigungsverfahren erfolgten

Lastschriftbuchungen nicht insolvenzfest waren. Wenngleich ein vorläufiger Insolvenzverwalter mit Zustimmungsvorbehalt Belastungsbuchungen nicht aus

eigenem Recht genehmigen kann, so ist er doch in der Lage, die Genehmigung

des Schuldners und den Eintritt der Genehmigungsfiktion zu verhindern, indem

er - wie der Kläger am 7. Februar 2006 - solchen Belastungsbuchungen widerspricht (BGH, Urteile vom 25. Oktober 2007 - IX ZR 217/06, BGHZ 174, 84

Rn. 19 und Rn. 24, vom 29. Mai 2008 - IX ZR 42/07, WM 2008, 1327 Rn. 9,

vom 10. Juni 2008 - XI ZR 283/07, BGHZ 177, 69 Rn. 38 und vom 20. Juli 2010

- XI ZR 236/07, WM 2010, 1546 Rn. 11).

122. Weiter zutreffend hat das Berufungsgericht untersucht, ob bereits die

Schuldnerin die zunächst unberechtigten Belastungen ihres Kontos genehmigt

hat. Wenn für die streitigen Belastungsbuchungen vor Anordnung des Zustimmungsvorbehalts 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 Fall 2 InsO) am 13. Januar 2006 von

der Schuldnerin Genehmigungen erteilt worden sein sollten, wäre der vom Kläger am 7. Februar 2006 erklärte Widerspruch wirkungslos. Allerdings hält die

Begründung, mit der das Berufungsgericht eine Genehmigung der Schuldnerin

durch schlüssiges Verhalten abgelehnt hat, revisionsrechtlicher Prüfung nicht

stand.

13a) Von der Revision nicht angegriffen hat das Berufungsgericht rechtsfehlerfrei eine fingierte Genehmigung gemäß Nr. 7 Abs. 5 Satz 3 AGB, die nach

den unangegriffenen Feststellungen des Berufungsgerichts in den Girovertrag

zwischen Schuldnerin und Beklagter einbezogen waren, abgelehnt. Der Kläger

hat nämlich den Eintritt einer Genehmigungsfiktion für die im vierten Quartal

2005 erfolgten Belastungsbuchungen, die in dem vereinbarungsgemäß zum

Quartalsende am 31. Dezember 2005 erstellten Rechnungsabschluss enthalten

waren, durch seinen am 7. Februar 2006 gegenüber der Beklagten umfassend

erklärten Widerspruch verhindert. Zu diesem Zeitpunkt waren seit Zugang des

Rechnungsabschlusses am 2. Januar 2006 noch keine sechs Wochen verstrichen.

b) Rechtsfehlerhaft ist jedoch das Berufungsgericht davon ausgegangen, 14

eine konkludente Genehmigung komme vor Ablauf der in Nr. 7 Abs. 5 Satz 3

AGB genannten Frist nicht in Betracht.

Der Senat kann die vom Berufungsgericht vorgenommene Auslegung 15

AGB uneingeschränkt überprüfen, da diese über den Bezirk eines Berufungsgerichts hinaus Verwendung finden (Senat, Urteile vom 21. April 2009

- XI ZR 78/08, BGHZ 180, 257 Rn. 11 und vom 13. April 2010 - XI ZR 197/09,

WM 2010, 933 Rn. 20, zur Veröffentlichung in BGHZ vorgesehen).

Die Auslegung von Nr. 7 Abs. 5 Satz 3 AGB durch das Berufungsgericht 16

ist bereits mit dem Wortlaut nicht zu vereinbaren. Danach gilt die Genehmigung

"spätestens" dann als erteilt, wenn der Kunde innerhalb der genannten Frist von

sechs Wochen keine Einwendungen erhoben hat. Die Regelung ordnet mithin

eine Höchstfrist an, nach deren Ablauf die Genehmigung der Lastschriftbuchung fingiert wird, und lässt die Möglichkeit einer früheren Genehmigung der

Lastschrift durch den Schuldner zu. Ebenso verlangt der Regelungszweck der

Klausel, den Kunden zu einer möglichst frühzeitigen Klärung des Bestands von

Lastschriften anzuhalten, eine Frist, die vom Schuldner bei Genehmigung von

Lastschriftbuchungen ohne weiteres unterschritten werden kann (siehe zu der

entsprechenden Klausel in den AGB-Banken aF bzw. AGB-Sparkassen aF: Senat, Urteil vom 20. Juli 2010 - XI ZR 236/07, WM 2010, 1546 Rn. 43; Bunte in

Schimansky/Bunte/Lwowski, Bankrechts-Handbuch, 3. Aufl., § 12 Rn. 31;

Casper in Derleder/Knops/Bamberger, Handbuch zum deutschen und europäischen Bankrecht, 2. Aufl., § 3 Rn. 38; Danco, ZBB 2002, 136, 138; Fuchs in

Ulmer/Brandner/Hensen, AGB-Recht, 10. Aufl., Anh. § 310 Rn. 96; Pamp in

Wolf/Lindacher/Pfeiffer, AGB-Recht, 5. Aufl., Rn. B 33).

17Das folgt insbesondere auch aus Nr. 7 Abs. 5 Satz 1 AGB, wonach der

Kunde Einwendungen gegen Belastungen aus Einzugsermächtigungs-

Lastschriften "unverzüglich" zu erheben hat. In Übereinstimmung damit ist der

Kontoinhaber nach Nr. 11 Abs. 4 AGB allgemein gehalten, Kontoauszüge laufend zu prüfen und Einwendungen "unverzüglich" geltend zu machen. Bei systematischem Verständnis dieser Klauseln besteht entgegen der Ansicht des

Berufungsgerichts nicht nur kein Widerspruch zu der Regelung in Nr. 7 Abs. 5

Satz 3 AGB; vielmehr belegen diese Klauseln zusätzlich, dass der Kontoinhaber bereits vor Ablauf der eine Genehmigungsfiktion auslösenden Frist die auf

Lastschriften beruhenden und in einem Kontoauszug aufgeführten Buchungen

laufend und zeitnah zu überprüfen hat. Sie wiederholen damit eine nach allgemeinem Verständnis bereits aufgrund der §§ 242, 254 BGB bestehende Obliegenheit des Bankkunden (vgl. Bunte in Schimansky/Bunte/Lwowski, Bankrechts-Handbuch, 3. Aufl., § 16 Rn. 28). Der Kontoinhaber kann deswegen nicht

erwarten, aus seinem Verhalten könnten vor Ablauf der Sechswochenfrist keine

Rechtsfolgen abgeleitet werden (Senat, Urteil vom 20. Juli 2010 - XI ZR 236/07,

WM 2010, 1546 Rn. 43).

III.

18Die angefochtene Entscheidung des Berufungsgerichts stellt sich nicht

aus anderen Gründen als richtig dar 561 ZPO). Auf Grundlage der bisher

getroffenen Feststellungen kann nicht beurteilt werden, ob die Schuldnerin die

streitigen Lastschriftbuchungen konkludent genehmigt hat.

1. Zwar spricht das Berufungsgericht in ergänzenden Erwägungen, auf 19

die es seine Entscheidung allerdings nicht stützt, zutreffend an, dass schlichtes

Schweigen des Kontoinhabers auf ihm zugegangene Kontoauszüge ohne Hinzutreten weiterer Umstände nicht als Genehmigung der darin enthaltenen Lastschriftbuchungen gewertet werden kann (siehe BGH, Urteile vom 24. Juni 1985

- II ZR 277/84, BGHZ 95, 103, 108, vom 6. Juni 2000 - XI ZR 258/99,

BGHZ 144, 349, 354 und vom 25. Oktober 2007 - IX ZR 217/06, BGHZ 174, 84

Rn. 33 mwN). Auch der Tatsache, dass die Schuldnerin in Kenntnis der Belastungsbuchungen ihr Konto bis zur Erklärung des Widerspruchs durch den Kläger weitergenutzt hat, hat das Berufungsgericht zu Recht keine für sich entscheidende Bedeutung zugemessen. Die kontoführende Bank kann allein aus

weiteren Kontodispositionen nicht entnehmen, der Kontoinhaber billige den um

die früheren Lastschriftbuchungen geminderten Kontostand (Senat, Urteil vom

20. Juli 2010 - XI ZR 236/07, WM 2010, 1546 Rn. 45, 47).

2. Jedoch schöpft das Berufungsgericht damit den von den Parteien zur 20

Frage einer konkludenten Genehmigung von Lastschriftbuchungen vorgetragenen Sachverhalt nicht aus. Feststellungen zu einer konkludent erklärten Ge-

nehmigung sind zwar als Ergebnis tatrichterlicher Auslegung im Revisionsverfahren nur beschränkt darauf überprüfbar, ob gesetzliche Auslegungsregeln,

anerkannte Auslegungsgrundsätze, Denkgesetze oder Verfahrensvorschriften

verletzt worden sind (BGH, Urteil vom 23. September 2009 - VIII ZR 300/08,

NJW 2010, 1133 Rn. 12 mwN). Zu untersuchen ist jedoch, ob alle erheblichen

Umstände umfassend gewürdigt worden sind (Senat, Urteil vom 13. Januar

2009 - XI ZR 66/08, WM 2009, 402 Rn. 25 mwN). Dieser Überprüfung halten

die Feststellungen des Berufungsgerichts nicht stand.

21a) Die Revision weist zu Recht auf den unbestrittenen Vortrag der Beklagten in der Klageerwiderung hin, dass es sich bei den Belastungsbuchungen

ausschließlich um Entgelt für die Leistungen von zwei Lieferanten der Schuldnerin, die C. GmbH & Co. KG und die O.

GmbH, gehandelt habe, die den Gewerbebetrieb der Schuldnerin

regelmäßig mit Waren versorgt hätten. Jedenfalls im unternehmerischen Geschäftsverkehr, in dem Lastschriftbuchungen von dem Kontoinhaber im Allgemeinen zeitnah nachvollzogen werden, kann bei regelmäßigen Lastschriften,

denen der Schuldner bislang nicht widersprochen hat, mit dessen Kenntnis von

einem neuen in der Höhe nicht wesentlich abweichenden Lastschrifteinzug

nach einer angemessenen Überlegungsfrist bei der kontoführenden Bank die

berechtigte Erwartung entstehen, auch diese Belastungsbuchungen sollten Bestand haben (vgl. Senat, Urteil vom 20. Juli 2010 - XI ZR 236/07, WM 2010,

1546 Rn. 48). Dies liegt jedenfalls dann nahe, wenn - wie hier von der Beklagten vorgetragen - den Lastschriftbuchungen ausschließlich Forderungen aus

laufender Geschäftsbeziehung zugrunde lagen und der Schuldner wiederholten,

erheblichen Kontobelastungen hieraus niemals zuvor widersprochen hat.

22b) Zudem hat die Beklagte in ihrem von dem Kläger zu den Akten gereichten Schreiben vom 18. April 2006 darauf hingewiesen, dass die einzelnen

Lastschriften in dem Zeitraum Oktober bis Dezember 2005 erst durch entsprechende Bareinzahlungen der Schuldnerin ermöglicht worden seien, weil die jeweiligen Lastschriften andernfalls nicht ausgeführt worden wären. Auch dies

könnte gegebenenfalls dafür sprechen, dass aus Sicht der Beklagten die betreffenden Lastschriften von der Schuldnerin nach Grund und Höhe durch schlüssiges Verhalten genehmigt worden sind.

23Stellt ein Schuldner in Kenntnis laufender Abbuchungen von Lieferanten

durch konkrete Einzahlungen oder Überweisungen erst ausreichende Kontodeckung sicher, ohne die die kontoführende Bank die Lastschriften nicht ausgeführt hätte, so kann dies für eine Genehmigung der einzelnen Lastschriften

sprechen (vgl. OLG München, ZInsO 2010, 87, 90 f.; Zuleger/Wegmann in

Beck/Depré, Praxis der Insolvenz, 2. Aufl., § 26 Rn. 46; siehe auch OLG Koblenz, WM 2010, 450, 453). Der Kontoinhaber will damit zur Sicherung der Fortführung seines Gewerbes ersichtlich eine Rückbuchung des jeweiligen Lastschriftbetrags mangels Deckung seines Kontos vermeiden. Sichert ein Kunde

jedoch durch zeitnahe Dispositionen die Einlösung ihm bekannter, laufender

Lastschriften, so kann das bei der kontoführenden Bank - jedenfalls nach Ablauf

einer angemessenen Prüfungsfrist - die berechtigte Überzeugung begründen,

der Schuldner wolle die jeweiligen Forderungen der Lieferanten uneingeschränkt erfüllen und die Lastschriftbuchungen würden deswegen Bestand haben.

IV.

24Das angefochtene Urteil ist daher aufzuheben 562 Abs. 1 ZPO). Da

die Sache nicht zur Entscheidung reif ist, ist sie zur weiteren Sachaufklärung an

das Berufungsgericht zurückzuverweisen 563 Abs. 1 Satz 1 BGB).

25Sofern es für die weitere Entscheidung auf Gegenansprüche der Beklagten ankommen sollte, weist der Senat darauf hin, dass entgegen der Ansicht

der Revision der Beklagten nach den bisher getroffenen Feststellungen aus

Nr. 7 Abs. 5 Satz 2 AGB kein Schadensersatzanspruch wegen Verstoßes gegen die Pflicht aus Nr. 7 Abs. 5 Satz 1 AGB zusteht.

26Die danach bestehende Pflicht des Kontoinhabers, Einwendungen gegen

Lastschriften unverzüglich zu erheben, ist allerdings nicht entfallen, weil - wie

das Berufungsgericht meint - insoweit Regelungen in den AGB widersprüchlich

wären. Die Klauseln in Nr. 11 Abs. 4 und Nr. 7 Abs. 5 AGB verpflichten vielmehr

übereinstimmend den Kontoinhaber, Einwendungen gegen Belastungsbuchungen unverzüglich zu erheben. Ebenso ist anerkannt, dass ein Verstoß des Kunden gegen diese Prüfungspflicht in beiden Fällen Schadensersatzansprüche

der kontoführenden Bank begründen kann (vgl. BGH, Urteile vom 29. Mai 1978

- II ZR 166/77, BGHZ 72, 9, 14 f., vom 29. Januar 1979 - II ZR 148/77,

BGHZ 73, 207, 211, vom 24. Juni 1985 - II ZR 277/84, BGHZ 95, 103, 108 f.,

vom 6. Juni 2000 - XI ZR 258/99, BGHZ 144, 349, 356 und vom 20. Juli 2010

- XI ZR 236/07, WM 2010, 1546 Rn. 54).

27Eine Pflichtverletzung der Schuldnerin kommt - entgegen der von der

Revision vertretenen Ansicht - im vorliegenden Fall jedoch nicht in Betracht,

weil sie selbst keinen - und damit auch keinen verspäteten - Lastschriftwiderspruch erhoben hat. Die Genehmigungsfiktion ist unterblieben, weil die Schuldnerin durch Anordnung des insolvenzrechtlichen Zustimmungsvorbehalts ihre

alleinige Verfügungsbefugnis verloren und der Kläger seine Zustimmung verweigert hat (vgl. Senat, Urteil vom 20. Juli 2010 - XI ZR 236/07, WM 2010, 1546

Rn. 54). Darin kann eine Pflichtverletzung der Schuldnerin nicht gesehen werden.

Wiechers Ellenberger Maihold

Matthias Pamp

Vorinstanzen:

LG Hamburg, Entscheidung vom 24.05.2007 - 334 O 11/07 -

OLG Hamburg, Entscheidung vom 14.11.2007 - 11 U 152/07 -

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Anmerkungen zum Urteil