Urteil des BGH, Az. 2 StR 258/07

BGH (dusche, hauptverhandlung, vernehmung, polizei, verurteilung, umfang, begründung, stpo, stgb, anklage)
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
2 StR 258/07
vom
4. Juli 2007
in der Strafsache
gegen
wegen sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Personen
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Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat auf Antrag des Generalbundes-
anwalts und nach Anhörung des Beschwerdeführers am 4. Juli 2007 gemäß
§ 349 Abs. 4 StPO beschlossen:
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts
Kassel vom 8. Februar 2007 mit den Feststellungen aufgehoben,
soweit er verurteilt worden ist.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung
und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an ei-
ne andere als Jugendkammer zuständige Strafkammer des Land-
gerichts zurückverwiesen.
Gründe:
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen sexuellen Missbrauchs wi-
derstandsunfähiger Personen zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und drei
Monaten verurteilt, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde. Im
Übrigen hat es den Angeklagten freigesprochen.
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Gegen die Verurteilung richtet sich die Revision des Angeklagten, mit der
er die Verletzung formellen und materiellen Rechtes rügt. Sein Rechtsmittel hat
mit der Sachrüge in vollem Umfang Erfolg (§ 349 Abs. 4 StPO); eines Einge-
hens auf die Verfahrensrügen bedarf es daher nicht.
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1. Nach den Feststellungen des Landgerichts übernachteten der Ange-
klagte und der am 2. August 1989 geborene Nebenkläger an einem nicht näher
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bestimmbaren Wochenende im August oder September 2003, jedenfalls nach
dem 2. August 2003, in einem Zelt. Als der Nebenkläger fest schlief, entkleidete
der Angeklagte sich selbst und den Nebenkläger, ohne dass dieser hiervon
aufwachte. Der Angeklagte nutzte den festen Schlaf des Nebenklägers aus, um
sich von diesem unbemerkt über ihn zu beugen und sich so auf ihn zu legen,
dass er sein Glied an dessen Bauch reiben konnte. Dies tat er so lange, bis er
durch die Reibung einen Samenerguss bekam. Das Ejakulat spritzte er dem in
diesem Moment noch schlafenden Nebenkläger auf den nackten Bauch. Erst
nach dem Samenerguss wurde der Nebenkläger wach und forderte den Ange-
klagten auf von ihm herunterzugehen. Am Abend des gleichen Tages duschte
der Nebenkläger in der Wohnung des Angeklagten. Der Angeklagte betrat
ebenfalls nackt die Dusche und schob sein erigiertes Glied von hinten zwischen
die Oberschenkel des Nebenklägers. Dieser schubste den Angeklagten weg,
der daraufhin die Dusche verließ.
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen des Vorfalls im Zelt nach
§ 179 StGB verurteilt und wegen des Geschehens in der Dusche freigespro-
chen.
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2. Das Urteil des Landgerichts war aufzuheben, soweit der Angeklagte
verurteilt worden ist. Die Beweiswürdigung leidet an durchgreifenden Rechts-
fehlern; sie ist insbesondere lückenhaft.
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Das Landgericht stützt seine Überzeugung von der Glaubwürdigkeit des
Nebenklägers u. a. auf die Konstanz seiner Aussagen bei der Polizei, der
Sachverständigen und in der Hauptverhandlung. Seine Angaben bei der Polizei
und bei der Sachverständigen werden aber in den Urteilsgründen nur unzuläng-
lich mitgeteilt, so dass dem Revisionsgericht eine Überprüfung der Konstanz
der Aussagen verwehrt ist. Eine umfassende Darlegung der Angaben des Ne-
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benklägers war jedenfalls im vorliegenden Fall geboten, da schon die mitgeteil-
ten Fragmente widersprüchlich sind, die Kammer selbst von Abweichungen
ausgeht und für den Vorfall in der Dusche die früheren Angaben des Nebenklä-
gers weitgehend für unglaubhaft erachtet. Mag man noch die Frage, ob der An-
geklagte ihm ein Taschentuch zum Abwischen des Spermas gegeben hat (poli-
zeiliche Vernehmung) oder ob er eigene Tempotaschentücher verwendete
(Hauptverhandlung) dem Randgeschehen zuordnen können, so betrifft die Fra-
ge, ob er den Pullover noch über dem Kopf hatte (Angaben bei der Sachver-
ständigen) oder nackt war (Hauptverhandlung) bereits das Kerngeschehen.
Denn die Frage, ob man jemanden ausziehen kann, ohne dass dieser auf-
wacht, hängt auch davon ab, was ausgezogen wird. Die Kammer hat in diesem
Zusammenhang versäumt darzulegen, welche Kleidungsstücke der Nebenklä-
ger anhatte, die ihm unbemerkt ausgezogen wurden. Auch hätte es nahe gele-
gen mitzuteilen, ob der Nebenkläger z. B. alkoholisiert war und warum er zu
einem Zeitpunkt noch so fest schlief, als zwei weitere Zeltinsassen schon auf-
gestanden waren und das Zelt verlassen hatten. Auch hätte dargelegt werden
müssen, warum der Nebenkläger nicht aufgewacht sein soll als der "mindestens
einen Kopf größere und auch deutlich kräftigere" (UA S. 7) Angeklagte sich auf
ihm bewegte. In diesem Zusammenhang wäre auch zu erörtern gewesen, ob -
wie in der Anklage vorgeworfen - der Nebenkläger sich dazu geäußert hat,
dass der Angeklagte ihn am Hals geküsst und ihm eine Stange Zigaretten ge-
geben hat, damit er nichts sagt. Bei näherer Darlegung der drei Aussagen hätte
dann geprüft werden können, ob nicht erhebliche Abweichungen im Kernge-
schehen vorliegen, die die Glaubwürdigkeit insgesamt erschüttern können.
Im Hinblick auf die Konstanz der Angaben des Nebenklägers hätte einer
näheren Erörterung bedurft, dass dieser, wie den Urteilsgründen zu entnehmen
ist, bei der polizeilichen Vernehmung noch angegeben hatte, der Vorfall in der
Dusche habe sich vor dem Geschehen im Zelt ereignet. Diese Abweichung zu
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den - den Feststellungen zu Grunde gelegten - Angaben in der Hauptverhand-
lung lässt sich nicht ohne Weiteres damit erklären, dass der Nebenkläger
grundsätzlich Schwierigkeiten bei der zeitlichen Einordnung hat und das Zeltge-
schehen auf Januar erinnerte. Denn die Frage, welcher - für ihn einschneidende
- Vorfall zuerst stattgefunden hat, ist einfacher zu beantworten.
Die Kammer weicht in ihrer Beurteilung der Glaubwürdigkeit der Schilde-
rungen des Nebenklägers zum Geschehen in der Dusche von der Einschätzung
der Sachverständigen ab (UA S. 16), die "keine hinreichende Glaubhaftigkeit"
sieht. Die Kammer teilt mit, dass die Sachverständige gleichwohl "die Glaubhaf-
tigkeit seiner anderen Angaben in seiner Gesamtheit" nicht verneint. Warum die
Sachverständige dieser Auffassung ist, wird nicht dargelegt. Wenn ein Zeuge
zu einem im Zusammenhang stehenden gewichtigen Geschehen ersichtlich die
Unwahrheit erzählt hat, bedarf es der nachvollziehbaren Begründung, weshalb
ihm gleichwohl für das weitere Geschehen die Glaubwürdigkeit zugebilligt wird.
Die eigene Begründung, die die Kammer hierfür - wohl abweichend von der
Sachverständigen - gibt, ist widersprüchlich, worauf auch der Generalbundes-
anwalt hinweist. Während die Kammer bezüglich des Vorfalls in der Dusche
davon ausgeht, dass der Angeklagte bei seiner polizeilichen Vernehmung über-
fordert war und eine "dramatische Ausschmückung" vorgenommen hat, ist sie
hinsichtlich des Vorfalls im Zelt von der Glaubwürdigkeit der Angaben des Ne-
benklägers überzeugt, da es ihm an den intellektuellen Fähigkeiten und Fanta-
sie fehle, so etwas auszudenken.
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Der Senat kann nicht ausschließen, dass auf der rechtsfehlerhaften Be-
weiswürdigung die Verurteilung des Angeklagten beruht.
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Rissing-van Saan Bode Rothfuß
Fischer Appl