Urteil des BGH vom 01.12.2005, I ZR 284/02

Aktenzeichen: I ZR 284/02

Leitsatzentscheidung

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

I ZR 284/02 Verkündet am: 1. Dezember 2005 Walz Justizamtsinspektor als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja BGHZ: nein BGHR: ja

ZPO § 286 G

Die Zahlung eines Teilbetrages auf eine geltend gemachte Schadensersatzforderung kann ein sog. Zeugnis des Schuldners wider sich selbst darstellen und somit zu einer Umkehr der Beweislast führen. Ein solches "Zeugnis gegen sich selbst" ist anzunehmen, wenn die Leistung den Zweck hat, dem Gläubiger Erfüllungsbereitschaft anzuzeigen, um diesen dadurch von Maßnahmen abzuhalten oder ihm den Beweis zu erleichtern.

BGH, Urt. v. 1. Dezember 2005 - I ZR 284/02 - OLG Frankfurt a.M. LG Darmstadt

Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 1. Dezember 2005 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Ullmann

und die Richter Dr. v. Ungern-Sternberg, Prof. Dr. Bornkamm, Pokrant und

Dr. Schaffert

für Recht erkannt:

Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 22. Zivilsenats

in Darmstadt des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main vom

15. Oktober 2002 aufgehoben.

Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch

über die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

Die Klägerin ist Transportversicherer der m. AG in N. 1

(im Folgenden: Versicherungsnehmerin). Sie nimmt die Beklagte, die einen Paketbeförderungsdienst betreibt, aus abgetretenem und übergegangenem

Recht ihrer Versicherungsnehmerin wegen Verlustes von Transportgut auf

Schadensersatz in Anspruch.

2Die Beklagte befördert für die Versicherungsnehmerin seit 1991 Elektronikartikel (Computerprozessoren, Notebooks etc.). Den hier in Rede stehenden

Verträgen lagen die Allgemeinen Beförderungsbedingungen der Beklagten

(Stand: Februar 1998) zugrunde, die unter anderem folgende Bestimmungen

enthielten:

"…

2. Transportierte Güter und Servicebeschränkungen

Sofern nicht schriftlich abweichend mit U. vereinbart, bietet U. den Transport von Gütern unter folgenden Einschränkungen an:

b) Die Wert- oder Haftungshöchstgrenze ist pro Paket einer Sendung auf den Gegenwert von 50.000 $ in der jeweiligen Landeswährung begrenzt, es sei denn, dies ist in der jeweils gültigen U. -Tariftabelle anders festgelegt.

10. Haftung

U. haftet bei Verschulden für nachgewiesene direkte Schäden bis zu einer Höhe von DM 1.000 pro Sendung in der Bundesrepublik Deutschland oder bis zu dem nach § 54 ADSp ermittelten Erstattungsbetrag, je nach dem, welcher Betrag höher ist, es sei denn, der Versender hat, wie im Folgenden beschrieben, einen höheren Wert angegeben.

Die Wert- und Haftungsgrenze wird angehoben durch die korrekte Deklaration des Wertes der Sendung . Diese Wertangabe gilt als Haftungsgrenze. Der Versender erklärt durch die Unterlassung der Wertangabe, dass sein Interesse an den Gütern die oben genannte Grundhaftung nicht übersteigt.

Vorstehende Haftungsbegrenzungen gelten nicht bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit von U. , seiner gesetzlichen Vertreter oder Erfüllungsgehilfen.

Sofern vom Versender nicht anders vorgeschrieben, kann U. die Wertzuschläge als Prämie für die Versicherung der Interessen des Versenders in seinem Namen an ein oder mehrere Versicherungsunternehmen weitergeben.

…"

3Die Klägerin begehrt Schadensersatz für insgesamt 24 Verlustfälle. Nach

ihrer Darstellung sollen die von ihrer Versicherungsnehmerin zwischen Oktober

1998 und Juli 1999 aufgegebenen Pakete im Gewahrsamsbereich der Beklagten abhanden gekommen sein. Die Versicherungsnehmerin hatte den Wert der

jeweiligen Sendung nicht deklariert, weshalb die Beklagte ihre Ersatzleistung

unter Berufung auf die Haftungsbeschränkungen in ihren Beförderungsbedingungen auf 1.000 DM je Verlustfall beschränkt hat.

4Die Klägerin hat behauptet, die Beklagte habe Gewahrsam an den verloren gegangenen Paketen erlangt. Sie hat die Ansicht vertreten, die Beklagte

hafte mangels ausreichender Schnittstellenkontrollen aufgrund qualifizierten

Verschuldens unbeschränkt. Ein Mitverschulden wegen der von der Versicherungsnehmerin unterlassenen Wertdeklarationen komme nicht in Betracht, da

die Beklagte für Wertpakete keine Beförderungsart mit höherem Schutz für die

ihr anvertrauten Güter anbiete. Die Beklagte befördere alle Sendungen einheitlich und ohne zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen bei einer Wertdeklaration.

5Die Klägerin hat beantragt,

die Beklagte zu verurteilen, an sie 76.856,42 DM (= 39.296,06 €)

nebst Zinsen zu zahlen.

6Die Beklagte ist der Klage entgegengetreten. Sie hat bestritten, an den in

Verlust geratenen Paketen Gewahrsam erlangt zu haben. Ihre Zahlung von

1.000 DM je Schadensfall sei lediglich aus Kulanz erfolgt. Ein qualifiziertes Verschulden könne ihr nicht angelastet werden, da sie über eine ausreichende Betriebsorganisation verfüge. Sie ist ferner der Ansicht, das Unterlassen einer

Wertangabe und die spätere Geltendmachung des vollen Warenwertes sei

rechtsmissbräuchlich. Da ihr die Möglichkeit genommen werde, eine der realen

Wertdeklaration entsprechende intensivere Kontrollmöglichkeit des Sendungsverlaufs auszuüben, handele die Versicherungsnehmerin treuwidrig, wenn sie

die Wertangabe unterlasse.

7Das Landgericht hat der Klage in Höhe von 15.244,86 nebst Zinsen

stattgegeben und sie im Übrigen wegen eines der Klägerin zuzurechnenden

Mitverschuldens an der Schadensentstehung von 60 % abgewiesen. Auf die

Berufung der Klägerin hat das Berufungsgericht die Beklagte unter Zurückweisung des weitergehenden Rechtsmittels zur Zahlung von 37.600,58 nebst

Zinsen verurteilt. Die Berufung der Beklagten ist erfolglos geblieben.

8Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision erstrebt die Beklagte weiterhin die vollständige Abweisung der Klage. Die Klägerin beantragt, die

Revision zurückzuweisen.

Entscheidungsgründe:

9I. Das Berufungsgericht hat der Klägerin aus abgetretenem 398 BGB)

und übergegangenem 67 Abs. 1 VVG) Recht ihrer Versicherungsnehmerin

einen Anspruch auf Schadensersatz gemäß § 461 Abs. 1, § 435 HGB i.V. mit

Ziff. 27.1 ADSp n.F., § 51b Satz 2 ADSp a.F. und Nr. 10 Abs. 5 der Beförderungsbedingungen der Beklagten in Höhe von 37.600,58 zuerkannt. Dazu hat

es ausgeführt:

10Die einzelnen zwischen der Beklagten und der Versicherungsnehmerin

geschlossenen Verträge seien als Speditionsverträge zu qualifizieren. Es sei

davon auszugehen, dass die Beklagte in allen von der Klägerin geltend gemachten Schadensfällen Gewahrsam am Transportgut erlangt habe mit der

Folge, dass der Verlust der streitgegenständlichen Paketstücke während des

Obhutszeitraums der Beklagten eingetreten sei.

11Der Beklagten falle ein qualifiziertes Verschulden i.S. von § 435 HGB zur

Last, da sie an ihren Umschlagstellen keine ausreichenden Eingangs- und Ausgangskontrollen durchführe. Die Versicherungsnehmerin habe hierauf auch

nicht verzichtet.

12Der von der Beklagten erhobene Einwand des Mitverschuldens sei unberechtigt. Ein Mitverschulden ergebe sich nicht aus der von der Versicherungsnehmerin unterlassenen Wertdeklaration. Denn die Beklagte habe nicht substantiiert dargelegt, dass sie im Falle einer Wertdeklaration sorgfältiger mit dem

Transportgut umgehe. Im Übrigen könne nicht davon ausgegangen werden,

dass die Versicherungsnehmerin von besonderen Sicherheitsvorkehrungen

Kenntnis gehabt habe.

13II. Die Revision der Beklagten hat Erfolg. Sie führt zur Aufhebung des Berufungsurteils und zur Zurückverweisung der Sache an das Berufungsgericht.

Denn das Berufungsgericht hat rechtsfehlerhaft ein Mitverschulden wegen unterlassener Wertdeklaration verneint.

141. Im Ergebnis zu Recht hat das Berufungsgericht die Voraussetzungen

für eine vertragliche Haftung der Beklagten bejaht.

15a) Die Haftung der Beklagten ergibt sich allerdings nicht aus § 461 Abs. 1

HGB. Die Beklagte ist von der Versicherungsnehmerin als Fixkostenspediteurin

i.S. von § 459 HGB beauftragt worden, so dass sich ihre Haftung nach den

§§ 425 ff. HGB und aufgrund vertraglicher Einbeziehung nach ihren Allgemeinen Beförderungsbedingungen beurteilt. Inhaltliche Unterschiede ergeben sich

daraus indes nicht.

16b) Entgegen der Auffassung der Revision hat das Berufungsgericht

rechtsfehlerfrei angenommen, dass die Beklagte Gewahrsam an den verloren

gegangenen Paketen erlangt hat. Es ist dabei zu Recht davon ausgegangen,

dass die Zahlung eines Teilbetrages ein sog. Zeugnis des Schuldners wider

sich selbst darstellen und somit zu einer Umkehr der Beweislast führen kann.

Ein solches "Zeugnis gegen sich selbst" ist dann anzunehmen, wenn die Leistung den Zweck hat, dem Gläubiger Erfüllungsbereitschaft anzuzeigen, um diesen dadurch von Maßnahmen abzuhalten oder ihm den Beweis zu erleichtern

(vgl. BGHZ 66, 250, 254 f.; Palandt/Sprau, BGB, 65. Aufl., § 781 Rdn. 6). Die

Auslegung des Verhaltens der Beklagten ist Tatfrage. Die Beurteilung des Beru-

fungsgerichts lässt keine Rechtsfehler erkennen. Insbesondere ist es nicht widersprüchlich, ein "Zeugnis gegen sich selbst" anzunehmen, auch wenn unterstellt wird, dass die Zahlung der Beklagten nur aus Kulanz erfolgt ist. Das Berufungsgericht hat insoweit zugrunde gelegt, dass gemäß Nr. 10 der Beförderungsbedingungen der Beklagten eine Ersatzleistung im Falle unterlassener

Wertdeklaration nur bei "Verschulden für nachgewiesene direkte Schäden" vorgesehen ist. Darauf hat das Berufungsgericht seine revisionsrechtlich nicht zu

beanstandende Annahme gestützt, durch die Zahlung der Haftungshöchstsumme habe die Beklagte gleichzeitig zum Ausdruck gebracht, dass sie den

Nachweis der einzelnen Schäden für erbracht halte und damit ein einseitiges

Anerkenntnis abgegeben habe, das zumindest zu einer Beweislastumkehr führe. Eine andere Beurteilung widerspreche auch der Lebenserfahrung.

17c) Da die Beklagte eine Ablieferung der in Empfang genommenen Pakete

nicht darlegen kann, ist das Berufungsgericht zutreffend davon ausgegangen,

dass diese im Gewahrsamsbereich der Beklagten in Verlust geraten sind.

18d) Mit Recht hat das Berufungsgericht auch angenommen, die Beklagte

hafte für die eingetretenen Schäden gemäß § 435 HGB unbeschränkt. Nach

den Feststellungen des Berufungsgerichts führt die Beklagte keine ausreichenden Schnittstellenkontrollen durch. Das begründet den Vorwurf des leichtfertigen Verhaltens (BGHZ 158, 322, 327 ff.; BGH, Urt. v. 17.6.2004 - I ZR 263/01,

TranspR 2004, 399, 401; Urt. v. 3.2.2005 - I ZR 276/02, TranspR 2005, 208,

209).

192. Die Revision wendet sich aber mit Erfolg gegen die weitere Annahme

des Berufungsgerichts, die Klägerin brauche sich das Unterlassen von Wertde-

klarationen nicht als mitwirkenden Schadensbeitrag ihrer Versicherungsnehmerin zurechnen zu lassen.

20a) Gemäß § 425 Abs. 2 HGB hängen die Verpflichtung zum Schadensersatz sowie der Umfang des zu leistenden Ersatzes davon ab, inwieweit bei der

Entstehung des Schadens ein Verhalten des Absenders mitgewirkt hat. Die

Vorschrift des § 425 Abs. 2 HGB greift den Rechtsgedanken des § 254 BGB auf

und fasst alle Fälle mitwirkenden Verhaltens des Ersatzberechtigten in einer

Vorschrift zusammen (Begründung zum Regierungsentwurf des Transportrechtsreformgesetzes, BT-Drucks. 13/8445, S. 60). Ein mitwirkender Schadensbeitrag des Versenders kann sich daraus ergeben, dass er eine Wertdeklaration unterlassen oder von einem Hinweis auf die Gefahr eines ungewöhnlich

hohen Schadens abgesehen hat. Die vom Senat zur Rechtslage vor dem Inkrafttreten des Transportrechtsreformgesetzes am 1. Juli 1998 zu § 254 Abs. 1,

Abs. 2 Satz 1 BGB ergangenen Entscheidungen sind ohne inhaltliche Änderungen auf § 425 Abs. 2 HGB übertragbar (BGH, Urt. v. 5.6.2003 - I ZR 234/00,

TranspR 2003, 467, 471).

21b) Das Berufungsgericht ist zutreffend davon ausgegangen, dass die Annahme, die Versicherungsnehmerin habe durch Unterlassen der Wertdeklarationen zu den geltend gemachten Schäden beigetragen, die Feststellung voraussetzt, dass die Beklagte bei richtiger Wertangabe ihre Sorgfaltspflichten besser

erfüllt hätte und es hierdurch zumindest zu einer Verringerung des Verlustrisikos gekommen wäre (BGH, Urt. v. 9.10.2003 - I ZR 275/00, TranspR 2004,

175, 177; Urt. v. 23.10.2003 - I ZR 55/01, TranspR 2004, 177, 179). Darlegungs- und beweispflichtig für die für wertdeklarierte Sendungen zusätzlich vorgesehenen Sicherheitsvorkehrungen ist der Frachtführer. Dem Berufungsge-

richt ist darin beizutreten, dass die Beklagte hierzu bislang nicht genügend vorgetragen hat.

22c) Die Revision beanstandet aber mit Recht, dass das Berufungsgericht

es unterlassen hat, die Beklagte hierauf gemäß § 139 Abs. 1 ZPO hinzuweisen.

23Die Hinweispflicht nach § 139 Abs. 1 ZPO erstreckt sich grundsätzlich

auch auf die fehlende Substantiierung des Vortrags (vgl. BGH, Urt. v. 22.4.1999

- I ZR 37/97, TranspR 1999, 353, 354 = VersR 2000, 78; Zöller/Greger, ZPO,

25. Aufl., § 139 Rdn. 17). Eine Hinweispflicht des Berufungsgerichts bestand im

vorliegenden Fall vor allem deshalb, weil die Beklagte in der ersten Instanz mit

ihrem Vortrag hinsichtlich des Mitverschuldenseinwands erfolgreich war. Es

kommt hinzu, dass zum Zeitpunkt der Verkündung des Berufungsurteils die

Rechtsprechung zum Mitverschulden noch im Fluss war und somit auch eine

anwaltlich vertretene Partei im Unklaren sein konnte, welcher Vortrag notwendig ist.

24Die Revision hat dargelegt, was die Beklagte nach Erhalt eines Hinweises auf die (noch) fehlende Substantiierung ihres Vortrags zusätzlich vorgebracht hätte. Der Beklagten ist daher im wiedereröffneten Berufungsverfahren

Gelegenheit zu geben, ihren Sachvortrag entsprechend zu ergänzen.

25d) Dem Berufungsgericht kann auch nicht in seiner Annahme beigetreten

werden, der Mitverschuldenseinwand scheitere jedenfalls daran, dass die Versicherungsnehmerin keine Kenntnis von Erfolg versprechenden weitergehenden Sicherheitsmaßnahmen der Beklagten bei korrekter Wertdeklaration gehabt

habe.

26aa) Das Berufungsgericht ist zwar davon ausgegangen, dass ein Versender in einen gemäß § 425 Abs. 2 HGB beachtlichen Selbstwiderspruch geraten kann, wenn er trotz Kenntnis, dass der Spediteur die Sendung bei zutreffender Wertangabe mit größerer Sorgfalt behandelt, von einer Wertdeklaration

absieht und bei Verlust gleichwohl vollen Schadensersatz verlangt (vgl. BGHZ

149, 337, 353; BGH, Urt. v. 15.11.2001 - I ZR 163/99, TranspR 2002, 452, 457;

Urt. v. 8.5.2003 - I ZR 234/02, TranspR 2003, 317, 318; BGH TranspR 2004,

399, 401). Es hat aber unbeachtet gelassen, dass es für ein gemäß § 425

Abs. 2 HGB zu berücksichtigendes Mitverschulden ausreichen kann, wenn der

Versender die sorgfältigere Behandlung von Wertpaketen durch den Spediteur

hätte kennen müssen. Denn gemäß § 425 Abs. 2 HGB ist ein Mitverschulden

bereits dann anzunehmen, wenn diejenige Sorgfalt außer Acht gelassen wird,

die ein ordentlicher und verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens anzuwenden pflegt (BGHZ 74, 25, 28; BGH, Urt. v. 17.11.2000

- VI ZR 313/99, NJW 2001, 149, 150, jeweils zu § 254 BGB; Koller, Transportrecht, 5. Aufl., § 425 HGB Rdn. 74; Soergel/Mertens, BGB, 12. Aufl., § 254

Rdn. 23). Von einem Kennenmüssen der Anwendung höherer Sorgfalt bei korrekter Wertangabe kann im Allgemeinen ausgegangen werden, wenn sich aus

den Beförderungsbedingungen des Transporteurs ergibt, dass er für diesen Fall

bei Verlust oder Beschädigung des Gutes höher haften will. Denn zur Vermeidung der versprochenen höheren Haftung werden erfahrungsgemäß höhere

Sicherheitsstandards gewählt.

27bb) Dem Versender wird durch Nr. 10 der Allgemeinen Beförderungsbedingungen der Beklagten die Kenntnis vermittelt, dass die Beklagte nur bei einer Wertdeklaration über die in Nr. 10 genannte Haftungshöchstgrenze hinaus

(1.000 DM oder Erstattungsbetrag nach § 54 ADSp a.F.) haften will. Bereits aus

der versprochenen Haftung bis zum deklarierten Wert ergibt sich, dass die Be-

klagte alles daran setzen wird, Haftungsrisiken möglichst auszuschließen. Diese Haftung ist von der Zahlung eines Wertzuschlags nach der Tariftabelle der

Beklagten abhängig. Die erhöhte Transportvergütung legt zusätzlich nahe, dass

die Beklagte ihren Geschäftsbetrieb darauf ausgerichtet hat, wertdeklarierte

Sendungen sorgfältiger zu behandeln. Dem steht nicht entgegen, dass Nr. 10

ihrer Allgemeinen Beförderungsbedingungen die Möglichkeit eröffnet, die Wertzuschläge als Prämie für eine Versicherung weiterzugeben. Ein verständiger

Versender, der die Möglichkeit der Versendung von Wertpaketen gegen höhere

Vergütung ebenso kennt wie die erhöhte Haftung der Beklagten in diesem Fall,

wird davon ausgehen, dass die Beklagte bei der Beförderung von Wertpaketen

erhöhte Sorgfalt aufwendet. Er wird zur Vermeidung eigenen Schadens den

Wert der Sendung deklarieren, wenn dieser den in den Beförderungsbedingungen des Spediteurs genannten Haftungshöchstbetrag überschreitet.

28cc) Danach kann ein zu berücksichtigendes Mitverschulden der Versicherungsnehmerin in Betracht kommen, wenn die Beklagte im wiedereröffneten

Berufungsverfahren hinreichend zu den für wertdeklarierte Sendungen zusätzlich vorgesehenen Sicherheitsvorkehrungen vorträgt und dieses Vorbringen

gegebenenfalls beweist.

293. Bei seiner erneuten Entscheidung wird das Berufungsgericht gegebenenfalls auch zu beachten haben, dass der Einwand des Mitverschuldens wegen unterlassener Wertdeklaration nicht bereits dann an der fehlenden Kausalität scheitert, wenn bei wertdeklarierten Sendungen ein Verlust nicht vollständig

ausgeschlossen werden kann (vgl. BGH TranspR 2004, 399, 401). Ein bei der

Entstehung des Schadens mitwirkendes Verschulden des Versenders kommt

vielmehr auch in Betracht, wenn bei wertdeklarierten Sendungen Lücken in den

Schnittstellenkontrollen verbleiben und nicht ausgeschlossen werden kann,

dass die Sendung gerade in diesem Bereich verloren gegangen ist und die Angabe des Werts der Ware daher deren Verlust nicht verhindert hätte (vgl. BGH

TranspR 2003, 317, 318).

304. Die Haftungsabwägung nach § 425 Abs. 2 HGB obliegt grundsätzlich

dem Tatrichter (vgl. BGHZ 149, 337, 355; BGH TranspR 2004, 399, 402, jeweils

zu § 254 BGB).

31Im Rahmen der Haftungsabwägung ist zu beachten, dass die Reichweite

des bei wertdeklarierten Sendungen gesicherten Bereichs einen für die Bemessung der Haftungsquote relevanten Gesichtspunkt darstellt: Je größer der gesicherte Bereich ist, desto größer ist auch der Anteil des Mitverschuldens des

Versenders, der durch das Unterlassen der Wertangabe den Transport der Ware außerhalb des gesicherten Bereichs veranlasst (BGH TranspR 2003, 317,

318; Urt. v. 19.5.2005 - I ZR 238/02, Umdruck S. 10).

32Ferner ist der Wert der transportierten, nicht wertdeklarierten Ware von

Bedeutung: Je höher der tatsächliche Wert der nicht wertdeklarierten Sendung

ist, desto gewichtiger ist der in dem Unterlassen der Wertdeklaration liegende

Schadensbeitrag. Denn je höher der Wert der zu transportierenden Sendung

ist, desto offensichtlicher ist es, dass die Beförderung des Gutes eine besonders sorgfältige Behandlung durch den Spediteur erfordert, und desto größer ist

das in dem Unterlassen der Wertdeklaration liegende Verschulden des Versenders gegen sich selbst.

33III. Danach war das Berufungsurteil auf die Revision der Beklagten aufzuheben und die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch über

die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückzuverweisen.

Ullmann v. Ungern-Sternberg Bornkamm

Pokrant Schaffert

Vorinstanzen:

LG Darmstadt, Entscheidung vom 18.04.2000 - 14 O 284/99 -

OLG Frankfurt in Darmstadt, Entscheidung vom 15.10.2002 - 22 U 81/00 -

Letze Urteile des Bundesgerichtshofs

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Urteil herunterladen
Informationen
Optionen
Sie suchen einen Anwalt?

Wir finden den passenden Anwalt für Sie! Nutzen Sie einfach unseren jusmeum-Vermittlungsservice!

Zum Vermittlungsservice