Urteil des BGH vom 11.11.1981, XII ZR 4/04

Aktenzeichen: XII ZR 4/04

Leitsatzentscheidung

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

XII ZR 4/04 Verkündet am: 15. Februar 2006 Küpferle, Justizamtsinspektorin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

in der Familiensache

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: nein

BGHR: ja

BGB § 1613 Abs. 2 Nr. 1

a) Sonderbedarf als unregelmäßiger außergewöhnlich hoher Bedarf liegt nur

dann vor, wenn der Bedarf nicht mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehen war

und deshalb bei der Bemessung der laufenden Unterhaltsrente nicht berücksichtigt werden konnte (Fortführung der Senatsurteile vom 11. November

1981 - IVb ZR 608/80 - FamRZ 1982, 145 und vom 11. April 2001 - XII ZR

152/99 - FamRZ 2001, 1603).

b) Die Kosten für eine Konfirmation sind spätestens mit Beginn des Konfirmandenunterrichts absehbar und deswegen nicht überraschend i.S. von § 1613

Abs. 2 Nr. 1 BGB.

BGH, Urteil vom 15. Februar 2006 - XII ZR 4/04 - OLG Bremen AG Bremerhaven

Der XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 15. Februar 2005 durch die Vorsitzende Richterin Dr. Hahne und die Richter Sprick, Weber-Monecke, Prof. Dr. Wagenitz und Dose

für Recht erkannt:

Auf die Rechtsmittel des Beklagten wird das Urteil des

4. Zivilsenats des Hanseatischen Oberlandesgerichts in Bremen

als Senat für Familiensachen vom 28. November 2003 aufgehoben und das Urteil des Amtsgerichts - Familiengericht - Bremerhaven vom 5. Juni 2003 abgeändert und wie folgt neu gefasst:

Die Klage wird abgewiesen.

Von den Gerichtskosten und den außergerichtlichen Kosten des

Beklagten haben der Kläger zu 1) 7/10 und der Kläger zu 2) 3/10

zu tragen. Die außergerichtlichen Kosten der Kläger tragen diese

selbst.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

1Die Kläger sind Kinder des Beklagten aus dessen geschiedener Ehe. Sie

begehren von ihrem Vater neben dem titulierten Barunterhalt Sonderbedarf. Der

Kläger zu 1 verlangt Erstattung der Kosten seiner Konfirmationsfeier im Jahre

2000 in Höhe von 361 €; der Kläger zu 2 macht die Kosten einer Konfirmandenfahrt im Jahre 2001 in Höhe von 150 geltend.

2Der Beklagte hatte seine laufende Unterhaltspflicht gegenüber den Klägern durch Jugendamtsurkunden vom 30. November 1999 anerkannt; danach

schuldete er jedem Kläger zuletzt bis Juni 2001 Unterhalt in Höhe von monatlich 528 DM (= 269,96 €). Mit Jugendamtsurkunden vom 17. Juli 2001 erkannte

er an, den Klägern in Abänderung der früheren Urkunden ab Juli 2001 jeweils

128 % des Regelbetrages abzüglich anrechnungsfähigen Kindergeldes gemäß

§ 1612 b Abs. 5 BGB zu schulden. Der geschuldete Tabellenbetrag belief sich

auf monatlich 672 DM; nach teilweisem Abzug des hälftigen Kindergeldes zahlte er den Klägern monatlich jeweils 574 DM (= 293,48 €).

3Die Kläger hatten neben den jetzt noch rechtshängigen Forderungen zunächst Erstattung diverser Beträge als Sonderbedarf begehrt. Nachdem ihnen

das Oberlandesgericht, veröffentlicht in OLGR Bremen 2003, 61, in dem noch

rechtshängigen Umfang Prozesskostenhilfe bewilligt hatte, haben sie in diesem

Umfang Klage erhoben.

4Das Amtsgericht hat der Klage in vollem Umfang stattgegeben. Die Berufung des Beklagten blieb erfolglos. Dagegen richtet sich die vom Berufungsgericht zugelassene Revision des Beklagten, mit der er vollständige Klagabweisung begehrt.

Entscheidungsgründe:

5Die Revision ist begründet und führt zur Abweisung der Klage.

I.

6Das Berufungsgericht hat die im Zusammenhang mit den Konfirmationen

der Kläger stehenden Kosten als Sonderbedarf angesehen, für den der Beklagte neben seiner laufenden Barunterhaltspflicht voll hafte. Die Vorhersehbarkeit

und Planbarkeit dieser Kosten seien als formale Abgrenzungskriterien zwischen

Sonderbedarf und laufendem Unterhalt ungeeignet. Damit werde nicht ausreichend berücksichtigt, dass auch bei vorausschauender Planung vom laufenden

Unterhalt meist keine nennenswerten Rücklagen gebildet werden könnten, weil

ohnehin der laufende Bedarf des Kindes nur knapp gedeckt sei. Dem Gesichtspunkt der Rechtssicherheit für den Unterhaltspflichtigen werde im Rahmen der

weiteren Voraussetzungen des § 1613 Abs. 2 Nr. 1 BGB Genüge getan. Zwar

träfen die Aufwendungen für eine Konfirmation den betreuenden Elternteil nicht

überraschend, weil sie sich spätestens mit dem Beginn des Konfirmandenunterrichts in nicht unbeträchtlicher Höhe abzeichneten. Konkrete Angaben zur Höhe

seien in diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht möglich. Auch richte sich der

laufende Barunterhalt in erster Linie nicht nach der konkreten Bedarfssituation

des Kindes, sondern nach der Einkommenssituation der Eltern, wenngleich

dem "Gesichtspunkt des (Mindest-)Bedarfs" mit der Regelung des § 1612 b

Abs. 5 BGB in gewisser Weise Rechnung getragen sei. Für zusätzliche Ausgaben bleibe dennoch kaum Spielraum. Dieser müsse im Übrigen vorrangig für

die mit dem Schulbesuch zusammenhängenden Ausgaben und die üblichen

Kosten der Freizeitgestaltung des Kindes genutzt werden. Kosten der Konfirmation, die auf das Notwendige beschränkt blieben, seien deswegen als Sonderbedarf anzusehen, für den grundsätzlich auch der zum Naturalunterhalt verpflichtete Elternteil im Rahmen seiner Leistungsfähigkeit hafte. Auf die Frage,

ob und ab welcher Höhe des Barunterhalts es dem Unterhaltsberechtigten zumutbar sei, monatliche Rücklagen zu bilden, komme es nicht an, weil der Be-

klagte lediglich Barunterhalt zahle, der nur geringfügig über dem Regelbetrag

liege.

7Der Unterhaltsbedarf der Kläger sei auch nicht durch die den Konfirmanden zugewendeten Geldgeschenke gedeckt, weil der Schenkende mit seiner

Zuwendung nicht die Absicht verfolge, die unterhaltspflichtigen Eltern zu entlasten, und weil es dem unterhaltsberechtigten Kind auch nicht zumutbar sei, solche Geldgeschenke als Vermögensbestandteile für seinen Unterhalt einzusetzen.

II.

Die Entscheidung des Berufungsgerichts hält den Angriffen der Revision 8

nicht stand.

1. Nach § 1610 Abs. 1 BGB bestimmt sich das Maß des monatlich zu 9

gewährenden Unterhalts nach der Lebensstellung des Bedürftigen. Soweit der

Unterhaltsbedürftige selbst noch keine eigene Lebensstellung erlangt hat, wie

dies bei minderjährigen Kindern der Fall ist, leitet sie sich von derjenigen der

unterhaltspflichtigen Eltern ab. Damit bestimmt sich die Lebensstellung des

minderjährigen Kindes grundsätzlich nach den Einkommens- und Vermögensverhältnissen des barunterhaltspflichtigen Elternteils (Senatsurteil vom

6. Februar 2002 - XII ZR 20/00 - FamRZ 2002, 536, 537). Der nach Einkommensgruppen gestaffelte monatliche Tabellenunterhalt umfasst regelmäßig den

gesamten absehbaren Lebensbedarf 1610 Abs. 2 BGB). Hat das unterhaltsbedürftige Kind neben dem allgemeinen Lebensbedarf über einen längeren

Zeitraum einen zusätzlichen Bedarf, z.B. für krankheitsbedingte Kosten oder

den Besuch einer Privatschule, ist dieser als regelmäßiger Mehrbedarf schon

bei der Bemessung des laufenden Unterhalts zu berücksichtigen (Senatsurteil

vom 11. April 2001 - XII ZR 152/99 - FamRZ 2001, 1603, 1604 f.; Wendl/Scholz

Das Unterhaltsrecht in der familienrichterlichen Praxis 6. Aufl. § 2 Rdn. 133 ff.).

102. Ausnahmsweise kann der Unterhaltsberechtigte neben dem laufenden

Barunterhalt - auch für die Vergangenheit - weiteren Unterhalt wegen eines unregelmäßigen außergewöhnlich hohen Bedarfs (Sonderbedarf) verlangen

1613 Abs. 2 Nr. 1 BGB). Nach der Rechtsprechung des Senats muss es sich

dabei um einen Bedarf handeln, der überraschend und der Höhe nach nicht

abschätzbar auftritt. Unregelmäßig i.S. von § 1613 Abs. 2 Nr. 1 BGB ist also nur

der Bedarf, der nicht mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehen war und deswegen

bei der Bemessung der laufenden Unterhaltsrente nicht berücksichtigt werden

konnte. Wann ein in diesem Sinne unregelmäßiger Bedarf zugleich außergewöhnlich hoch ist, lässt sich hingegen nicht nach allgemein gültigen Maßstäben

festlegen; vielmehr kommt es insoweit auf die Umstände des Einzelfalles an,

insbesondere auf die Höhe der laufenden Unterhaltsrente und die sonstigen

Einkünfte des Berechtigten, auf den Lebenszuschnitt der Beteiligten sowie auf

den Anlass und den Umfang der besonderen Aufwendungen. Letztlich richtet

sich die Frage, ob ein Bedarf außergewöhnlich hoch ist, danach, ob und inwieweit dem Berechtigten, wenn der Verpflichtete an sich leistungsfähig ist, bei

einer Gesamtbetrachtung zugemutet werden kann, den Bedarf selbst zu

bestreiten (Senatsurteile vom 11. April 2001 aaO, 1605 a.E.; vom 8. Februar

1984 - IVb ZR 52/82 - FamRZ 1984, 470, 472 unter II 2 b, bb; vom 6. Oktober

1982 - IVb ZR 307/81 - FamRZ 1983, 29, 30 und vom 11. November 1981

- IVb ZR 608/80 - FamRZ 1982, 145, 146 f.).

113. Welche Kosten schließlich im Einzelfall Sonderbedarf bilden und ob

nach diesen Maßstäben neben dem laufenden Barunterhalt auch die Kosten für

eine Konfirmation als Sonderbedarf im Sinne des § 1613 Abs. 2 Nr. 1 BGB geschuldet sind, ist umstritten.

12a) Teile in Rechtsprechung und Literatur sehen die Kosten einer Konfirmation oder Kommunion schon deswegen nicht als Sonderbedarf an, weil diese

langfristig vorhersehbar und damit nicht unregelmäßig im Sinne der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs seien. Unregelmäßig im Sinne des § 1613

Abs. 2 Nr. 1 BGB sei nur der Bedarf, der nicht mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehen sei und deswegen bei der Bemessung der laufenden Unterhaltsrente

nicht berücksichtigt werden könne (OLG Braunschweig OLGR 1994, 305; OLG

Hamm [2. Senat für Familiensachen] FamRZ 1993, 995; OLG München OLGR

1992, 59; OLG Hamm [5. Senat für Familiensachen] FamRZ 1991, 1352; differenzierend OLG Karlsruhe [16. Senat für Familiensachen] FamRZ 1991, 1351;

OLG Hamm [3. Senat für Familiensachen] FamRZ 1991, 857; OLG Hamm

[6. Senat für Familiensachen] FamRZ 1991, 110; OLG Hamm [9. Senat für Familiensachen] FamRZ 1990, 556; OLG Hamm [10. Senat für Familiensachen]

FamRZ 1989, 311; KG [18. Zivilsenat] FamRZ 1987, 306; OLG Stuttgart

FamRZ 1982, 1114; Göppinger/Wax/Kodal Unterhaltsrecht 8. Aufl. Rdn. 241 ff.,

246; Schwab/Borth Handbuch des Scheidungsrechts 5. Aufl. Teil IV Rdn. 132 f.

und Palandt/Diederichsen BGB 65. Aufl. § 1613 Rdn. 21).

13b) Demgegenüber ist die wohl überwiegende Auffassung in Rechtsprechung und Literatur der Meinung, die Vorhersehbarkeit sei in solchen Fällen als

einziges Abgrenzungskriterium zum monatlich geschuldeten Unterhalt und insbesondere zum Mehrbedarf nicht geeignet. Selbst wenn besondere Kosten längerfristig vorhersehbar seien, scheide ein Sonderbedarf nur dann aus, wenn der

Unterhaltsberechtigte auf der Grundlage des ihm gezahlten Barunterhalts in der

Lage sei, den später benötigten Betrag selbst anzusparen, und wenn ihm dieses im Hinblick auf die gesamten Verhältnisse auch zumutbar sei (OLG

Schleswig FamRZ 2005, 1277; OLG Bremen OLGR 2003, 61; KG [19. Senat für

Familiensachen] FamRZ 2003, 1584; OLG Köln FF 2002, 170; OLG Karlsruhe

[5. Senat für Familiensachen] FamRZ 2000, 1046; OLG Dresden OLGR 2000,

96; OLG Karlsruhe [2. Senat für Familiensachen] FamRZ 1991, 1349; OLG Celle NJW-RR 1991, 201; OLG Düsseldorf FamRZ 1990, 1144; OLG Frankfurt

FamRZ 1988, 100; Wendl/Scholz aaO § 6 Rdn. 3 f., 16; Weinreich/Klein Familienrecht 2. Aufl. § 1613 BGB Rdn. 51; Kalthoener/Büttner/Niepmann Die Rechtsprechung zur Höhe des Unterhalts 9. Aufl. Rdn. 280, 283; FA-FamR/Gerhardt

5. Aufl. 6. Kap. Rdn. 190 f.; Luthin/Schumacher Handbuch des Unterhaltsrechts

10. Aufl. Rdn. 3051 f.; Eschenbruch/Wohlgemuth Der Unterhaltsprozess 3. Aufl.

Rdn. 3044, 3046; Johannsen/Henrich/Graba Eherecht 4. Aufl. § 1613 BGB

Rdn. 11 f. und Scholz/Stein Praxishandbuch Familienrecht Stand: September

2005 Teil K Rdn. 202, 210).

Von den Vertretern dieser Auffassung wird teilweise schon die in der 14

Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs für einen Sonderbedarf geforderte

Voraussetzung eines überraschend eingetretenen zusätzlichen Bedarfs in Frage gestellt. Nach dem Wortlaut des Gesetzes sei lediglich ein unregelmäßiger

außergewöhnlich hoher Bedarf erforderlich; eine weitere Voraussetzung, wonach der Bedarf nicht mit Wahrscheinlichkeit voraussehbar sein dürfe und deswegen bei der Bemessung der laufenden Unterhaltsrente nicht berücksichtigt

werden könne, sei dem Gesetz nicht zu entnehmen (OLG Karlsruhe FamRZ

1997, 967, 968; Eschenbruch/Wohlgemuth aaO Rdn. 3044).

Überwiegend wird insoweit allerdings die Auffassung vertreten, die in der 15

Rechtsprechung des Senats verlangte fehlende Voraussehbarkeit des zusätzlichen Bedarfs könne nicht unabhängig von dem Zweck dieses Kriteriums beurteilt werden. Denn die Vorhersehbarkeit solle in Ausfüllung des Begriffes "unregelmäßiger Bedarf" verhindern, dass als Sonderbedarf ein Betrag anerkannt

werde, der bereits bei der Bemessung des laufenden Unterhalts hätte Berücksichtigung finden können. Das sei aber nur dann der Fall, wenn Unterhalt in

einem Umfang gezahlt werde, der die Bildung einer Rücklage über einen längeren Zeitraum ermögliche, um die - absehbaren - Kosten etwa einer Konfirmation

abzudecken (OLG Schleswig FamRZ 2005, 1277; Wendl/Scholz aaO Rdn. 3 f.).

16c) Der Senat schließt sich der zuerst genannten Auffassung an. Ein Anspruch auf Sonderbedarf scheidet schon dann aus, wenn die zusätzlichen Kosten mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehen waren und deswegen bei der Bemessung der laufenden Unterhaltsrente - ggf. als Mehrbedarf - berücksichtigt

werden konnten.

17§ 1613 Abs. 1 BGB räumt dem Schutz des Schuldners vor Ansprüchen,

mit deren Geltendmachung er nicht mehr rechnen musste, Vorrang vor den Interessen des Unterhaltsgläubigers ein, der seinen Bedarf vorausschauend kalkulieren kann (Göppinger/Wax/Kodal aaO Rdn. 241). Für die Vergangenheit

kann der Unterhaltsberechtigte deswegen regelmäßig nur von dem Zeitpunkt an

Unterhalt verlangen, in welchem der Unterhaltsverpflichtete zur Auskunft über

seine Vermögensverhältnisse aufgefordert war oder er sich im Zahlungsverzug

befand. Ohne diese Einschränkung kann der Unterhaltsberechtigte rückwirkend

für die Dauer eines Jahres lediglich Erfüllung wegen eines unregelmäßigen außergewöhnlich hohen Bedarfs verlangen 1613 Abs. 2 Nr. 1 BGB). Nach dem

Sinn der gesetzlichen Regelung gewinnt in solchen Fällen das Interesse des

Unterhaltsgläubigers Vorrang vor dem Vertrauen des Unterhaltsschuldners,

nicht mehr in Anspruch genommen zu werden. Denn der Gläubiger kann einen

solchen unregelmäßig auftretenden Bedarf nicht vorausschauend kalkulieren

und - wie den laufenden Unterhalt oder seinen Anspruch auf Auskunftserteilung - frühzeitig geltend machen. Der Senat hält deswegen daran fest, dass

unregelmäßig im Sinne des § 1613 Abs. 2 Nr. 1 BGB nur der Bedarf ist, der

nicht mit Wahrscheinlichkeit voraussehbar war und deswegen bei der Bemessung der laufenden Unterhaltsrente nicht berücksichtigt werden konnte (Senatsurteile vom 11. April 2001 aaO; vom 9. Februar 1994 aaO; vom 6. Oktober

1982 aaO und vom 11. November 1981 aaO; vgl. auch BT-Drucks. V/2370

S. 42).

18Der gesetzlich nur unter engen Voraussetzungen geschuldete Sonderbedarf kann von dem regelmäßig geschuldeten Barbedarf, einschließlich eines

eventuellen Mehrbedarfs, auch nicht nach den Einkommensverhältnissen im

Einzelfall abgegrenzt werden. Soweit die Gegenmeinung auch einen langfristig

absehbaren zusätzlichen Bedarf als Sonderbedarf einstuft, sofern der Unterhaltsgläubiger nicht in der Lage ist, die betreffenden Kosten von seinen laufenden Einkünften abzudecken, überzeugt dieses nicht. Denn neben dem monatlich geschuldeten Barunterhalt 1612 Abs. 1 und 3 BGB), der regelmäßig den

gesamten Lebensbedarf umfasst 1610 Abs. 2 BGB), steht dem Unterhaltsgläubiger nur ausnahmsweise ein weitergehender Anspruch wegen eines unregelmäßigen und nicht mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehenden außergewöhnlich hohen Bedarfs (Sonderbedarf) zu (Weinreich/Klein aaO § 1613 Rdn. 52).

Das ergibt sich aus dem Sinn der gesetzlichen Regelung, die sich darauf beschränkt, eine rückwirkende Geltendmachung eines überraschend entstandenen außergewöhnlich hohen Bedarfs zu ermöglichen. Selbst ein außergewöhnlich hoher Bedarf steht dem Unterhaltsgläubiger deswegen neben dem laufenden Unterhalt dann nicht als Sonderbedarf zu, wenn er mit Wahrscheinlichkeit

voraussehbar war und der Gläubiger sich deswegen darauf einstellen konnte

(Senatsurteil vom 11. November 1981 aaO, 146). Das ist dem Unterhaltsgläubiger bei einem voraussehbaren Bedarf aber stets möglich.

19Handelt es sich nicht um außergewöhnlich hohe Kosten, scheidet ein zusätzlich geschuldeter Sonderbedarf schon deswegen aus. Übersteigt der zu-

sätzliche Bedarf hingegen diese Grenze, ist der Unterhaltsgläubiger zunächst

gehalten, diesen durch Bildung von Rücklagen aus seinem laufenden Unterhalt

zu decken. Selbst wenn die laufenden Unterhaltsleistungen eine solche Rücklage ausnahmsweise nicht ermöglichen, etwa weil sie nur den notwendigen Lebensbedarf abdecken, kann dieses den Charakter des zusätzlich aufgetretenen

Bedarfs als langfristig absehbarer Unterhaltsbedarf nicht ändern. Auch in solchen Fällen kann der Unterhaltsberechtigte den mit Wahrscheinlichkeit voraussehbaren zusätzlichen Bedarf also nicht als Sonderbedarf verlangen (Senatsurteil vom 11. April 2001 aaO, 1604 f.; vgl. auch Wendl/Scholz aaO § 2 Rdn. 133

ff., 317 ff.).

4. Die Kosten des Klägers zu 1 für seine Konfirmation im Jahre 2000 und 20

die Kosten des Klägers zu 2 für dessen Konfirmandenfahrt im Jahre 2001 bilden deswegen jedenfalls keinen Sonderbedarf nach § 1613 Abs. 2 Nr. 1 BGB.

Diese Kosten sind nicht überraschend entstanden, sondern waren spätestens

mit dem Beginn des Konfirmandenunterrichts absehbar.

21Letztlich kommt es deswegen nicht darauf an, ob die Kosten der Konfirmandenfahrt des Klägers zu 2 im Hinblick auf die Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Parteien überhaupt einen außergewöhnlich hohen Bedarf

darstellen. Ebenfalls dahinstehen kann, ob der Beklagte einen Sonderbedarf

allein schulden würde oder ob er - vorbehaltlich der Leistungsfähigkeit der die

Kläger betreuenden Mutter (Senatsurteil vom 12. November 2003 - XII ZR

111/01 - FamRZ 2004, 364) - dafür nur anteilig haftet (vgl. Wendl/Scholz aaO

§ 6 Rdn. 13; Scholz/Stein aaO Teil K Rdn. 206; Göppinger/Wax/Kodal aaO

Rdn. 259, 1547).

Weil die mit der Klage verfolgten Ansprüche keinen Sonderbedarf im 22

Sinne des § 1613 Abs. 2 Nr. 1 BGB bilden, sind sie nach § 1610 Abs. 2 BGB

vom laufenden Unterhalt abgedeckt. Die Klage war deswegen insgesamt abzuweisen.

Hahne Sprick Weber-Monecke

Wagenitz Dose

Vorinstanzen:

AG Bremerhaven, Entscheidung vom 05.06.2003 - 150 F 73/03 -

OLG Bremen, Entscheidung vom 28.11.2003 - 4 UF 34/03 -

Letze Urteile des Bundesgerichtshofs

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

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