Urteil des BGH vom 24.10.2001, VI ZR 419/01

Entschieden
24.10.2001
Schlagworte
Wiedereinsetzung in den vorigen stand, Einhaltung der frist, Zpo, Datum, Revisionsfrist, Rechtsmittelfrist, Ehefrau, Frist, Zustellung, Anweisung
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BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

VI ZR 419/01

vom

17. September 2002

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: nein

ZPO § 212 a a.F., § 233 Fb, Fd

Wenn ein Rechtsanwalt, der ein Empfangsbekenntnis über eine Urteilszustellung

unterzeichnet und zurückgegeben hat, ohne das Datum der Zustellung in den Handakten vermerkt zu haben, seine Bürokraft nur mündlich anweist, eine Rechtsmittelfrist

einzutragen, genügt er seiner Sorgfaltspflicht nur dann, wenn in seiner Kanzlei ausreichende organisatorische Vorkehrungen dagegen getroffen sind, daß die Anweisung in Vergessenheit gerät und die konkrete Fristeintragung unterbleibt.

BGH, Beschl. vom 17. September 2002 - VI ZR 419/01 - OLG Karlsruhe LG Heidelberg

Der VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 17. September 2002 durch

die Vorsitzende Richterin Dr. Müller und die Richter Dr. Greiner, Wellner, Pauge

und Stöhr

beschlossen:

Der Antrag des Klägers auf Wiedereinsetzung in den vorigen

Stand gegen die Versäumung der Revisionsfrist wird zurückgewiesen.

Die Revision des Klägers gegen das Urteil des 7. Zivilsenats des

Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 24. Oktober 2001 wird als

unzulässig verworfen.

Der Kläger trägt die Kosten des Revisionsverfahrens.

Gegenstandswert: 42.033,54

Gründe:

I.

Der Kläger, der Alleinerbe seiner am 28. Dezember 1995 verstorbenen

Ehefrau ist, hatte von den Beklagten aus übergegangenem Recht Schadensersatz und ein Schmerzensgeld wegen fehlerhafter ärztlicher Behandlung seiner

Ehefrau begehrt. Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Mit Urteil vom

24. Oktober 2001 hat das Oberlandesgericht die Berufung des Klägers zurückgewiesen. Das Berufungsurteil ist seinem zweitinstanzlichen Prozeßbevoll-

mächtigten am 31. Oktober 2001 zugestellt worden. Mit Schreiben vom

21. November 2001 erteilte dieser den Auftrag, gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Revision einzulegen. Der Auftrag ging am 22. November 2001 zusammen mit einer Kopie der (zweiten) Ausfertigung des Berufungsurteils, die

einen Eingangsstempel vom 9. November 2001 aufwies, bei der Revisionsanwältin ein. Die Revisionsschrift vom 6. Dezember 2001 ging am selben Tage

beim Bundesgerichtshof ein. Die Senatsvorsitzende verlängerte antragsgemäß

die Frist zur Revisionsbegründung bis zum 8. Mai 2002. Nach Eingang der Revisionsbegründung am 17. April 2002 wies der Berichterstatter mit Verfügung

vom 26. Juni 2002, der Revisionsanwältin zugegangen am 27. Juni 2002, darauf hin, daß die Zustellung des Berufungsurteils laut Empfangsbekenntnis am

31. Oktober 2001 erfolgt sei.

Mit Schriftsatz vom 10. Juli 2002 begehrt der Kläger unter Bezugnahme

auf die Revisionsschrift vom 6. Dezember 2001 und die Revisionsbegründung

vom 9. April 2002 Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Revisionsfrist. Die Revisionsanwältin habe aufgrund der eingereichten Unterlagen keinen Anlaß zu Zweifeln an der richtigen Berechnung der Revisionsfrist gehabt. Im Büro des Berufungsanwalts sei dessen für ihn als Angestellte tätige Ehefrau mit der Kontrolle und Überwachung der Frist beauftragt

gewesen. Nach Zustellung des Berufungsurteils habe er seine Ehefrau angewiesen, die Revisionsfrist im Terminkalender zu notieren. Versehentlich habe

seine Ehefrau weder die Rechtsmittelfrist noch eine Vorfrist eingetragen und

auch keinen Vermerk in die Handakte aufgenommen. Die Urteilsausfertigung

habe sie im Original an den Kläger weitergeleitet, ohne für die Akte eine Kopie

zu fertigen. Als am 9. November 2001 eine zweite Ausfertigung des Berufungsurteils eingegangen sei, habe die Ehefrau des Berufungsanwalts von sich aus

die Revisionsfrist für den 10. Dezember 2001 und die Vorfrist auf den

3. Dezember 2001 eingetragen. Der Berufungsanwalt selbst habe diesen

Posteingang nicht weiter beachtet, weil diese (zweite) Urteilsausfertigung ohne

Empfangsbekenntnis eingegangen sei. Er habe sich an den im Terminkalender

fehlerhaft eingetragenen Fristen orientiert.

II.

Die Revision ist unzulässig und deshalb zu verwerfen 554 a Abs. 2

ZPO a.F., vgl. § 26 Nr. 7 EGZPO i.d.F. von Art. 3 des Gesetzes zur Reform des

Zivilprozesses vom 27. Juli 2001 - BGBl. I S. 1887). Sie ist erst am 6. Dezember 2001 und damit nicht innerhalb der gesetzlichen Frist von einem Monat

ab Zustellung des Berufungsurteils 552 ZPO a.F.) am 31. Oktober 2001 eingelegt worden.

Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Revisionsfrist kann dem Kläger nicht gewährt werden. Der Antrag ist zwar zulässig

und insbesondere innerhalb der Frist des § 234 Abs. 1 und 2 ZPO eingegangen. Er erweist sich jedoch als unbegründet.

1. Nach § 233 ZPO ist Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu gewähren, wenn eine Partei ohne ihr Verschulden an der Einhaltung der Frist gehindert war. Daran fehlt es hier. Die Versäumung der Revisionsfrist beruht auf einem Verschulden des zweitinstanzlichen Prozeßbevollmächtigten, das sich der

Kläger nach § 85 Abs. 2 ZPO zurechnen lassen muß.

Wie der Kläger selbst vorträgt, ist es zur Fristversäumung gekommen,

weil der mit der Revisionseinlegung beauftragten Rechtsanwältin nicht das richtige Zustellungsdatum mitgeteilt worden ist. Dazu sei es gekommen, weil der

Berufungsanwalt angenommen habe, seine Anweisung, den Fristablauf im

Terminkalender und in der Handakte einzutragen, sei richtig ausgeführt worden.

Damit hat der Berufungsanwalt seiner Sorgfaltspflicht indessen nicht genügt.

a) Die ordnungsgemäße und insbesondere fristgerechte Erteilung des

Rechtsmittelauftrags machte es nämlich erforderlich, das für den Lauf der

Rechtsmittelfrist maßgebliche Datum der Urteilszustellung in einer jeden Zweifel

ausschließenden Weise zu ermitteln (vgl. Senatsbeschluß vom 7. März 1995

- VI ZB 3/95 - VersR 1995, 931, 932; BGH, Beschluß vom 10. Oktober 1991

- VII ZB 4/91 - NJW 1992, 574; Beschluß vom 28. Oktober 1993 - VII ZB 16/93 -

VersR 1994, 873, 874; Beschluß vom 7. Dezember 1993 - XI ZR 207/93 -

VersR 1994, 956). Da es für den Fristbeginn im Falle einer Zustellung gem.

§ 212 a ZPO a.F. darauf ankommt, wann der Rechtsanwalt das Empfangsbekenntnis unterzeichnet hat, bedarf es darüber eines besonderen Vermerks (Senatsbeschluß vom 16. April 1996 - VI ZR 362/95 - NJW 1996, 1968, 1969). Um

zu gewährleisten, daß ein solcher Vermerk angefertigt wird und das maßgebende Datum zutreffend wiedergibt, darf der Rechtsanwalt nach ständiger

Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs das Empfangsbekenntnis über eine

Urteilszustellung erst unterzeichnen und zurückgeben, wenn in den Handakten

die Rechtsmittelfrist festgehalten und vermerkt ist, daß die Frist im Fristenkalender notiert worden ist (Senatsbeschluß vom 26. März 1996 - VI ZB 1,2/96 -

NJW 1996, 1900, 1901; vgl. BGH, Beschluß vom 30. November 1994 - XII ZB

197/94 - BGHR ZPO § 233 - Empfangsbekenntnis 1 m.w.N.). Dieses Sorgfaltsgebot hat der Berufungsanwalt verletzt, als er am 31. Oktober 2001 das Empfangsbekenntnis unterzeichnet und zurückgegeben hat, ohne zuvor die Notierung der Rechtsmittelfrist sichergestellt zu haben. Ihn trifft ein Organisationsverschulden, weil er keine Vorkehrungen dagegen getroffen hat, daß die Ausführung der Anweisung unterblieb. Nach Aktenlage ist davon auszugehen, daß

die Anweisung hier in mündlicher Form erfolgt ist. Ob und gegebenenfalls auf

welche Weise im Büro des Berufungsanwalts die Ausführung mündlich erteilter

Anweisungen kontrolliert wurde, ist nicht dargelegt. Zwar braucht ein Rechtsanwalt grundsätzlich nicht die Erledigung jeder konkreten Einzelanweisung zu

überwachen. Im allgemeinen darf er vielmehr darauf vertrauen, daß eine sonst

zuverlässige Büroangestellte auch mündliche Anweisungen richtig befolgt (vgl.

Senatsurteil vom 6. Oktober 1987 - VI ZR 43/87 - VersR 1988, 185 f.). Wenn

aber ein so wichtiger Vorgang wie die Notierung einer Rechtsmittelfrist nur

mündlich vermittelt wird, müssen in der Rechtsanwaltskanzlei ausreichende

organisatorische Vorkehrungen dagegen getroffen sein, daß die Anweisung in

Vergessenheit gerät und die konkrete Fristeintragung unterbleibt (BAGE 78,

184, 186). Das Fehlen jeder Sicherung bedeutet einen entscheidenden Organisationsmangel (BGH, Beschluß vom 10. Oktober 1991 - VII ZB 4/91 - aaO).

Dieser bleibt nicht deswegen folgenlos, weil der Berufungsanwalt hier eine Einzelanweisung erteilt hat, deren Befolgung die durch das Organisationsverschulden geschaffene Gefahrenlage noch rechtzeitig beseitigt hätte (vgl. BGH,

Beschluß vom 9. Januar 2001 - VIII ZB 26/00 - NJW-RR 2001, 782, 783). Soweit der Bundesgerichtshof an anderer Stelle (vgl. Beschlüsse vom 18. März

1998 - XII ZB 180/96 - NJW-RR 1998, 1360, 1361 und vom 6. Juli 2000 - VII ZB

4/00 - NJW 2000, 2823) ausgeführt hat, auf allgemeine organisatorische Vorkehrungen eines Rechtsanwalts komme es nicht an, wenn konkrete Anweisungen erteilt worden seien, deren Befolgung die Fristwahrung sichergestellt hätte,

lagen diesen Entscheidungen anders gelagerte Sachverhalte zugrunde.

b) Die Anfertigung eines Vermerks über das Datum der Unterzeichnung

des Empfangsbekenntnisses ist auch dann notwendig, wenn die Anweisung

besteht, eine mit einem Eingangsstempel versehene Urteilsausfertigung zu den

Handakten zu nehmen, denn ein solcher Stempel besagt für den Zeitpunkt der

Zustellung nichts. Sein Datum braucht, wie der Bundesgerichtshof wiederholt

ausgesprochen hat, nicht mit dem allein maßgeblichen Datum übereinzustimmen, unter dem der Anwalt das Empfangsbekenntnis gem. § 212 a ZPO a.F.

unterzeichnet hat (BGH, Beschluß vom 13. März 1991 - XII ZB 22/91 - VersR

1992, 118, 119 m.w.N.).

c) Das Versäumnis des Berufungsanwalts war für die Versäumung ursächlich, denn wenn er das Empfangsbekenntnis erst nach Anfertigung eines

Vermerks über das Datum der Unterzeichnung zurückgegeben hätte, wäre der

Revisionsanwältin nicht ein falsches Zustellungsdatum mitgeteilt worden. Vielmehr ist davon auszugehen, daß ihr das in dem Vermerk notierte und für den

Beginn der Rechtsmittelfrist maßgebende Datum genannt und die Revision

demgemäß rechtzeitig eingelegt worden wäre.

2. Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 Abs. 1 ZPO.

Müller Greiner Wellner

Pauge Stöhr

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Anmerkungen zum Urteil