Urteil des BGH, Az. VII ZR 68/05

Leitsatzentscheidung
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
VERSÄUMNISURTEIL
VII ZR 68/05 Verkündet
am:
13. Juli 2006
Heinzelmann,
Justizangestellte
als
Urkundsbeamtin
der
Geschäftsstelle
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk: ja
BGHZ: nein
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VOB/B § 14 Nr. 1
Hat der Auftragnehmer bei einem gekündigten Pauschalpreisvertrag prüfbar abge-
rechnet, muss das Gericht in die Sachprüfung eintreten, ob und in welcher Höhe
die geltend gemachte Werklohnforderung berechtigt ist. Dabei ist auch eine vom
Auftragnehmer nachträglich erstellte Kalkulation auf ihre sachliche Richtigkeit zu
überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Bei der Ermittlung des dem Auf-
tragnehmer zustehenden Werklohns ist § 287 ZPO anwendbar.
BGH, Versäumnisurteil vom 13. Juli 2006 - VII ZR 68/05 - OLG Brandenburg
LG Potsdam
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Der VII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 13. Juli 2006 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Dressler, die Richter
Dr. Wiebel, Prof. Dr. Kniffka, Bauner und die Richterin Safari Chabestari
für Recht erkannt:
Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil des 4. Zivilsenats des
Brandenburgischen Oberlandesgerichts vom 9. Februar 2005 auf-
gehoben.
Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch
über die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurück-
verwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand:
Die Klägerin verlangt nach Kündigung eines Pauschalpreisvertrags
Werklohn für erbrachte Leistungen und die Eintragung einer Bauhandwerkersi-
cherungshypothek.
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Im Februar und März 1999 beauftragten die Beklagten die Klägerin mit
der Erstellung eines Einfamilienhauses zu einem Gesamtpauschalpreis ein-
schließlich Zusatzleistungen von 351.320 DM (179.627,06 €) brutto. Die Gel-
tung der VOB/B war vereinbart. Nachdem die Klägerin einen Teil der Leistun-
gen erbracht hatte, kündigten die Beklagten den Vertrag fristlos.
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Die Klägerin hat 60.233,51 € eingeklagt und weiter begehrt, die Beklag-
ten zu verurteilen, die Eintragung einer Bauhandwerkersicherungshypothek in
dieser Höhe zu bewilligen. Während des Verfahrens ist ein Antrag der Klägerin
auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens mangels Masse abgewiesen worden.
Die Klägerin wurde wegen Vermögenslosigkeit im Handelsregister gelöscht. Ihr
ehemaliger Geschäftsführer wurde durch Gerichtsbeschluss zum Liquidator
bestellt. Das Landgericht hat der Klage in Höhe von 41.355,47 € stattgegeben.
Auf die Berufung der Beklagten hat das Berufungsgericht die Klage abgewie-
sen. Mit der vom Senat zugelassenen Revision verfolgt die Klägerin ihre An-
sprüche in Höhe von 38.799,01 € weiter.
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Entscheidungsgründe:
Die zulässige Revision der vom Berufungsgericht zutreffend für partei-
und prozessfähig erachteten Klägerin hat Erfolg. Sie führt zur Aufhebung des
Berufungsurteils und zur Zurückverweisung der Sache an das Berufungsge-
richt.
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Die Beurteilung richtet sich nach den bis zum 31. Dezember 2001 gel-
tenden Gesetzen (Art. 229 § 5 Satz 1 EGBGB).
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I.
Das Berufungsgericht führt aus, die Schlussrechnung der Klägerin sei
prüfbar und entspreche den Anforderungen, die an die Abrechnung eines ge-
kündigten Pauschalpreisvertrags zu stellen seien. Nach dem Ergebnis der Be-
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weisaufnahme sei jedoch davon auszugehen, dass sie inhaltlich nicht richtig
sei. Die inhaltliche Richtigkeit setze unter anderem voraus, dass die kalkulatori-
schen Bewertungsansätze hinsichtlich der erbrachten und der nicht erbrachten
Leistungen plausibel seien. Verschiebungen zu Lasten des Auftraggebers durch
eine nachträgliche höhere Bewertung der erbrachten Leistungen müssten aus-
geschlossen werden können. Diesen Beweis der Plausibilität habe die Klägerin
nicht geführt. Nach ihrer Kalkulation seien die erbrachten Leistungen mit
44,45 % der Gesamtbaukosten zu bewerten, wobei von der Grundausstattung
des Hauses ohne Zusatzleistungen auszugehen sei. Üblich seien jedoch für
vergleichbare Leistungen nur durchschnittlich 35,04 %. Eine dem niedrigeren,
üblichen Wert entsprechende Vergütung könne nicht zugesprochen werden.
Die Klage sei vielmehr insgesamt abzuweisen. Denn die der Klägerin zuste-
hende vertragliche Vergütung lasse sich nur auf der Grundlage einer plausiblen
Kalkulation ermitteln. Die nicht plausible Schlussrechnung sei auch keine
Grundlage für eine Schätzung nach § 287 ZPO. Es habe kein Anlass bestan-
den, der Klägerin Gelegenheit zu ergänzendem Vortrag zu geben. Die Beden-
ken gegen die Plausibilität der Schlussrechnung seien für die Klägerin erkenn-
bar gewesen.
II.
Das hält der rechtlichen Nachprüfung nicht stand. Die Erwägungen des
Berufungsgerichts rechtfertigen die Klageabweisung nicht.
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1. Die Ansicht des Berufungsgerichts, die Klage sei wegen fehlender
Plausibilität der Schlussrechnung der Klägerin insgesamt abzuweisen, ist
rechtsfehlerhaft.
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Hat bei einem gekündigten Pauschalpreisvertrag der Auftragnehmer
prüfbar abgerechnet, muss das Gericht in die Sachprüfung eintreten, ob und in
welcher Höhe die geltend gemachte Werklohnforderung berechtigt ist. Hat der
Auftraggeber die Richtigkeit der Schlussrechnung bestritten, ist hierüber Beweis
zu erheben (st. Rspr.; z.B. BGH, Urteil vom 25. November 2004 - VII ZR
394/02, BauR 2005, 385, 386 = NZBau 2005, 147 = ZfBR 2005, 252). Feststel-
lungen zur Höhe der dem Auftragnehmer zustehenden Vergütung sind, soweit
möglich, auch dann zu treffen, wenn sich die Unrichtigkeit seiner Schlussrech-
nung daraus ergibt, dass der Auftragnehmer die kalkulatorischen Ansätze hin-
sichtlich der erbrachten Leistungen nachträglich zu hoch bewertet und so den
Vergütungsanteil für die erbrachten Leistungen zum Nachteil des Auftraggebers
zu Unrecht erhöht. Derartige Verschiebungen machen eine Schlussrechnung
nicht insgesamt "unplausibel" und rechtfertigen nicht ohne weitere Feststellun-
gen eine Klageabweisung. Auch insoweit kann und muss die nachträgliche Kal-
kulation auf ihre sachliche Richtigkeit überprüft werden (vgl. BGH, Urteil vom
22. Mai 2003 - VII ZR 143/02, BauR 2003, 1207, 1208 = NZBau 2003, 497
= ZfBR 2003, 567).
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2. Ebenfalls unzutreffend ist die nicht näher begründete Ansicht des Be-
rufungsgerichts, die Schlussrechnung der Klägerin sei keine ausreichende
Grundlage für eine Schätzung nach § 287 ZPO. Gerade dann, wenn der Auf-
tragnehmer nach Kündigung eines Pauschalpreisvertrags die erbrachten Leis-
tungen prüfbar, aber sachlich fehlerhaft abgerechnet hat, gibt § 287 ZPO dem
Gericht die Möglichkeit, den dem Auftragnehmer zustehenden Werklohn durch
Schätzung zu ermitteln (BGH, Urteile vom 13. Mai 2004 - VII ZR 424/02, BauR
2004, 1441, 1442 = NZBau 2004, 549 = ZfBR 2004, 687 und vom 8. Dezember
2005 - VII ZR 50/04, BauR 2006, 517, 519 = NZBau 2006, 179 = ZfBR 2006,
239). Die Klägerin hat ein Aufmaß vorgelegt und ihre Kalkulation offen gelegt,
die von einem gerichtlichen Sachverständigen überprüft worden ist. Ausrei-
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chende Grundlagen für eine Schätzung nach § 287 ZPO, soweit eine solche
erforderlich sein sollte, liegen damit vor.
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3. Die Revision beanstandet ferner zu Recht, dass das Berufungsgericht
seiner richterlichen Hinweispflicht nach § 139 ZPO nicht hinreichend nachge-
kommen ist. Das Gericht erfüllt seine Hinweispflicht nicht, indem es allgemeine
oder pauschale Hinweise erteilt. Vielmehr muss es die Parteien auf fehlenden
Sachvortrag, den es als entscheidungserheblich ansieht, unmissverständlich
hinweisen und ihnen die Möglichkeit eröffnen, ihren Vortrag sachdienlich zu
ergänzen. Es muss darauf hinwirken, dass sich die Parteien über erhebliche
Tatsachen vollständig erklären und ungenügende Angaben zu den geltend ge-
machten Tatsachen ergänzen (BGH, Urteil vom 11. Februar 1999 - VII ZR
399/97, BGHZ 140, 365; Urteil vom 22. September 2005 - VII ZR 34/04, BauR
2005, 1918, 1920 = NJW 2006, 60, zur Veröffentlichung in BGHZ bestimmt;
Beschluss vom 8. Dezember 2005 - VII ZR 67/05, BauR 2006, 558 = NZBau
2006, 240).
Dieser Hinweispflicht hat das Berufungsgericht nicht genügt. Das Land-
gericht hat die Kalkulation der Klägerin als plausibel angesehen und als Ab-
rechnungsgrundlage anerkannt. Bedenken gegen diese Beurteilung lassen sich
den Beschlüssen des Berufungsgerichts vom 16. Juni und 6. September 2004,
auf die es sich beruft, nicht entnehmen. Mit ihnen wurde dem gerichtlichen
Sachverständigen aufgegeben, sein vor dem Landgericht erstattetes Gutachten
zur Angemessenheit der Kalkulation der Klägerin in einigen Punkten zu ergän-
zen. Erst in der mündlichen Verhandlung vom 19. Januar 2005 wurde nach An-
hörung des Sachverständigen pauschal darauf hingewiesen, dass sich die "Un-
plausibilität der Kalkulation der Klägerin" herausgestellt habe und "die Schlüs-
sigkeit der Berechnung der Klageforderung insgesamt als nicht mehr gegeben"
erachtet werde. Im Anschluss daran wurde Termin zur Verkündung einer Ent-
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scheidung, bei der es sich dann um das Berufungsurteil handelte, bestimmt,
ohne der Klägerin Gelegenheit zur Ergänzung ihres Vortrags zu geben.
Dressler Wiebel Kniffka
Bauner Safari Chabestari
Vorinstanzen:
LG Potsdam, Entscheidung vom 07.11.2003 - 10 O 378/99 -
OLG Brandenburg, Entscheidung vom 09.02.2005 - 4 U 190/03 -