Urteil des BGH vom 21.07.2005, VII ZB 39/05

Entschieden
21.07.2005
Schlagworte
Zpo, Durchführung, Antrag, Rücknahme, Klagerücknahme, Erklärung, Umstand, Interesse, Abgabe, Beendigung
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BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

VII ZB 39/05

vom

21. Juli 2005

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: nein

ZPO § 696 Abs. 4; § 269 Abs. 3

§ 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO findet nicht entsprechend Anwendung, wenn der Kläger

nach Abschluß des Mahnverfahrens und Abgabe des Verfahrens an das Streitgericht

den Antrag auf Durchführung des streitigen Verfahrens zurücknimmt.

BGH, Beschluß vom 21. Juli 2005 - VII ZB 39/05 - LG Karlsruhe

AG Karlsruhe

Der VII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 21. Juli 2005 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Dressler, die Richter Dr. Haß, Dr. Wiebel, Prof. Dr. Kniffka

und die Richterin Safari Chabestari

beschlossen:

Die Rechtsbeschwerde des Beklagten gegen den Beschluß der

9. Zivilkammer des Landgerichts Karlsruhe vom 13. Dezember

2004 wird auf seine Kosten zurückgewiesen.

Beschwerdewert: bis 600

Gründe:

I.

Der Beklagte wendet sich gegen die Zurückweisung seines Antrags, der

Klägerin die Kosten des Rechtsstreits aufzuerlegen, nachdem diese den Antrag

auf Durchführung des streitigen Verfahrens nach Abgabe des Mahnverfahrens

an das Streitgericht zurückgenommen hat.

Die Klägerin hat gegen den Beklagten einen Mahnbescheid über

3.483,18 erwirkt, gegen den der Beklagte rechtzeitig Widerspruch erhoben

hat. Auf Antrag der Klägerin ist das Verfahren nach Einzahlung des Gerichtskostenvorschusses an das für das Streitverfahren zuständige Amtsgericht abgegeben worden. Nachdem die Klägerin aufgefordert worden war, den An-

spruch zu begründen, hat sie den Antrag auf Durchführung des streitigen Verfahrens zurückgenommen und um Erstattung der nicht verbrauchten Gerichtskosten gebeten.

Auf Antrag des Beklagten hat das Amtsgericht der Klägerin die Kosten

des Rechtsstreits auferlegt. Das Beschwerdegericht hat den Beschluß des

Amtsgerichts aufgehoben und den Kostenantrag des Beklagten zurückgewiesen. Mit der zugelassenen Rechtsbeschwerde verfolgt der Beklagte seinen Antrag weiter, der Klägerin die Kosten des Rechtsstreits aufzuerlegen.

II.

Die gemäß § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO statthafte und im übrigen zulässige Rechtsbeschwerde ist nicht begründet.

1. Das Beschwerdegericht ist der Ansicht, die Kostenregelung des § 269

Abs. 3 Satz 2 ZPO sei auf die Rücknahme des Antrags auf Durchführung des

streitigen Verfahrens nicht entsprechend anwendbar. Der Wegfall von Rechtshängigkeit und Anhängigkeit des Rechtsstreits bei Klagerücknahme stehe dem

bloßen Wegfall der Rechtshängigkeit bei Rücknahme des Streitantrags nicht

gleich. Für die entsprechende Anwendung des § 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO bestehe kein Anlaß, weil es dem Beklagten offen stehe, selbst einen Antrag auf

Durchführung des streitigen Verfahrens zu stellen und eine Kostenentscheidung

herbeizuführen. Der Umstand, daß er hierdurch hinsichtlich der Gerichtsgebühren zum Kostenschuldner werde, rechtfertige sich aus seinem auf den Erlaß

einer ihm günstigen Kostengrundentscheidung gerichteten Rechtsschutzbegehren.

2. Hiergegen wendet sich die Rechtsbeschwerde ohne Erfolg.

Zu Recht geht das Beschwerdegericht davon aus, daß die Vorschrift des

§ 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO nicht entsprechend Anwendung findet, wenn der Kläger nach Abschluß des Mahnverfahrens und Abgabe des Verfahrens an das

Streitgericht den Antrag auf Durchführung des streitigen Verfahrens gemäß

§ 696 Abs. 4 ZPO zurücknimmt.

a) Ob in diesem Fall dem Kläger die Kosten des Rechtsstreits in entsprechender Anwendung des § 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO aufzuerlegen sind, wird in

der instanzgerichtlichen Rechtsprechung und im Schrifttum unterschiedlich beurteilt (vgl. für die entsprechende Anwendung von § 269 ZPO: OLG München,

MDR 1992, 187; KG, NJW-RR 1993, 1472; LG Dortmund, NJW-RR 2001, 1438;

LG Frankfurt am Main, NJW-RR 1988, 1021; Stein/Jonas-Schlosser, ZPO,

21. Aufl., § 696 Rn. 2; Musielak-Voit, ZPO, 4. Aufl., § 696 Rn. 5;

Wieczorek/Schütze-Olzen, ZPO, 3. Aufl., § 696 Rn. 41; dagegen: OLG Stuttgart, MDR 2000, 791; LG Kaiserslautern, MDR 1994, 417; Zöller-Vollkommer,

ZPO, 25. Aufl., § 696 Rn. 2; Thomas/Putzo-Hüßtege, ZPO, 26. Aufl., § 696

Rn. 20; Fischer, MDR 1994, 124, 125).

b) Die Zurücknahme des Antrags auf Durchführung des streitigen Verfahrens steht der Klagerücknahme nicht gleich. Durch die Zurücknahme dieses

Antrags wird der Rechtsstreit nicht wie durch die Zurücknahme der Klage endgültig beendet (OLG Stuttgart, MDR 2000, 791; LG Kaiserslautern, MDR 1994,

417; Zöller-Vollkommer, ZPO, 25. Aufl., § 696 Rn. 2; Thomas/Putzo-Hüßtege,

ZPO, 26. Aufl., § 696 Rn. 20). Gemäß § 696 Abs. 4 Satz 3 ZPO entfällt lediglich

die Rechtshängigkeit. Das Verfahren bleibt als Mahnverfahren bei dem Gericht

anhängig, bei dem es sich zum Zeitpunkt der Rücknahme befindet. Das Verfahren kommt zum Stillstand. Beide Parteien können die Fortführung des Rechtsstreits herbeiführen, indem sie erneut die Durchführung des streitigen Verfahrens beantragen (OLG Stuttgart, MDR 2000, 791; OLG Düsseldorf, MDR 1981,

766; Zöller-Vollkommer, ZPO, 25. Aufl., § 696 Rn. 2; Münch-Komm-Holch,

ZPO, 2. Aufl., § 696 Rn. 28; Musielak-Voit, ZPO, 4. Aufl., § 696 Rn. 5;

Wieczorek/Schütze-Olzen, ZPO, 3. Aufl., § 696 Rn. 37). Die Zurücknahme der

Klage beseitigt demgegenüber sowohl die Rechtshängigkeit als auch die Anhängigkeit des Rechtsstreits. Dieser ist infolge der Klagerücknahme endgültig

beendet.

c) Bei dieser Sachlage kann die entsprechende Anwendung des § 269

Abs. 3 Satz 2 ZPO nicht mit dem Zweck des § 696 Abs. 4 ZPO, eine einfache

und Kosten sparende Erledigung des Rechtsstreits zu ermöglichen, und dem

Interesse der Parteien an der Beendigung des Verfahrens begründet werden

(vgl. KG NJW-RR 1993, 1472; LG Dortmund, NJW-RR 2001, 1438; LG Frankfurt am Main, NJW-RR 1988, 1021).

(1) Der Umstand, daß die Zurücknahme des Streitantrags wie die Klagerücknahme die Ermäßigung der Gerichtsgebühren zur Folge hat (vgl. GKV

Nr. 1211), rechtfertigt es nicht, eine abschließende Kostenentscheidung zu treffen, da das Verfahren als Mahnverfahren anhängig bleibt. Allein auf prozeßökonomische Erwägungen kann eine abschließende Kostenentscheidung im

Rahmen eines noch anhängigen Verfahrens nicht gestützt werden.

(2) Mit der Zurücknahme des Streitantrags bringt der Kläger zudem nicht,

wie mit der Zurücknahme der Klage, eindeutig sein Interesse an einer endgültigen Beendigung des Rechtsstreits zum Ausdruck. Er kann aus anderen Gründen von der Durchführung des streitigen Verfahrens Abstand nehmen wollen,

etwa weil der Beklagte Zahlung zugesagt hat oder Vergleichsverhandlungen

geführt werden sollen. Die auf Rücknahme des Streitantrags gerichtete Prozeßerklärung des Klägers darf der Beklagte daher nicht ohne weiteres dahin verstehen, daß das Verfahren endgültig beendet werden soll. Das Interesse des

Beklagten daran, in diesem Fall unmittelbar eine Kostengrundentscheidung zu

Lasten des Klägers zu erhalten, ist nicht schutzwürdig.

d) Bei einer entsprechenden Anwendung des § 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO

bestünde zudem die Gefahr, daß nach Wiederaufnahme des streitigen Verfahrens eine Kostenentscheidung zu treffen ist, die von der vorher ergangenen

Kostenentscheidung nach abweicht. Sofern die Beschwerdefrist abgelaufen ist,

kann die Kostenentscheidung, die auf der Grundlage des § 269 Abs. 3 Satz 2

ZPO getroffen worden ist, nachträglich nicht mehr korrigiert werden. (OLG

Stuttgart, MDR 2000, 791; LG Kaiserslautern, MDR 1994, 417; Fischer,

MDR 1994, 124, 125). Dieser Gefahr sich widersprechender Kostenentscheidungen kann nicht dadurch begegnet werden, daß dem Kläger im Falle der Zurücknahme des Antrags auf Durchführung des streitigen Verfahrens lediglich

die Kosten auferlegt werden, die wegen des dadurch entfallenden streitigen

Verfahrens entstanden sind (vgl. Musielak-Voit, ZPO, 4. Aufl., § 696 Rn. 5;

Wolff, NJW 2003, 553, 558). Für das vom Kläger ursprünglich beantragte streitige Verfahren entstehen auf Seiten des Beklagten keine abgrenzbaren Kosten,

über die gesondert entschieden werden könnte. Die bereits angefallene Prozeßgebühr entsteht, sofern nicht der frühere Auftrag seit mehr als zwei Jahren

erledigt ist 13 Abs. 5 BRAGO), nicht erneut, wenn der Rechtsstreit auf Antrag

einer der Parteien fortgeführt wird. Sie ist Teil der Kosten, über die nach Abschluß des Rechtsstreits einheitlich zu entscheiden ist.

e) Für eine entsprechende Anwendung des § 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO besteht im übrigen kein Bedürfnis. Der Beklagte ist ausreichend dadurch geschützt, daß er selbst die Durchführung des streitigen Verfahrens beantragen

und damit eine Entscheidung über die im Verfahren entstandenen Kosten herbeiführen kann (vgl. OLG Stuttgart, MDR 2000, 791; OLG Braunschweig,

OLGR Braunschweig 2000, 222). Dem Beklagten ist es zumutbar, einen Antrag

auf Durchführung des streitigen Verfahrens zu stellen, wenn er eine Entscheidung über die ihm im Prozeß entstandenen Kosten erstrebt.

(1) Die Situation des Beklagten nach Rücknahme des Streitantrags ist

mit derjenigen vergleichbar, die besteht, wenn der Kläger den im Mahnbescheid

gestellten Anspruch nicht begründet oder das Verfahren aus anderen Gründen

nicht weiter betreibt. In diesen Fällen ist der Beklagte, wenn er eine Entscheidung über die ihm entstandenen Verfahrenskosten erreichen will, ebenfalls

gehalten, durch einen Antrag auf Terminsbestimmung die Fortführung des Verfahrens zu veranlassen, um eine Entscheidung des Gerichts in der Sache und

über die Kosten herbeizuführen.

(2) Der Umstand, daß der Beklagte gemäß § 49 Satz 1 GKG a.F. nach

Beantragung des streitigen Verfahrens für die entstehenden Gerichtsgebühren

haftet, macht das Betreiben des streitigen Verfahrens für ihn nicht unzumutbar.

Der Beklagte haftet für die Gerichtsgebühren, sofern nach Abschluß des Verfahrens eine Kostenentscheidung zu seinen Gunsten ergeht, nur subsidiär 58

Abs. 2 GKG a.F.). Die Kostenhaftung des Beklagten rechtfertigt sich im übrigen,

wie das Beschwerdegericht zutreffend ausführt, aufgrund des mit dem Antrag

verfolgten Rechtsschutzinteresses an einer ihm günstigen Kostenentscheidung.

f) § 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO ist auf die Rücknahme des Streitantrags gemäß § 696 Abs. 4 ZPO auch nicht entsprechend anzuwenden, wenn der Kläger

den Rechtsstreit durch Zurücknahme des Streitantrags nicht nur vorübergehend

zum Ruhen bringen, sondern endgültig beenden will (in diesem Sinne differenzierend: OLG München, OLGR München 2000, 229; MDR 1992, 187; KG,

NJW-RR 1993, 1472; LG Frankfurt am Main, NJW-RR 1988, 1021;

Wieczorek/Schütze-Olzen, ZPO, 3. Aufl., § 696 Rn. 41).

(1) Die Zurücknahme des Streitantrags ist als Prozeßerklärung bedingungsfeindlich. Ihre Rechtsfolgen bestimmen sich nicht danach, welche Motive

des Erklärenden ihr im Einzelfall zugrunde liegen. Nur wenn hinreichende Anhaltspunkte dafür bestehen, daß der Kläger nicht lediglich den Antrag auf

Durchführung des streitigen Verfahrens, sondern zugleich die Klage zurücknehmen will, kann die Erklärung, den Streitantrag zurückzunehmen, auch als

Klagerücknahme ausgelegt werden. Auf diese findet § 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO

dann unmittelbar Anwendung (vgl. OLG München, AnwBl. 1984, 371).

(2) Das Beschwerdegericht hat die Erklärung der Klägerin, den Antrag

auf Durchführung des streitigen Verfahrens zurückzunehmen und die nicht verbrauchten Gerichtskosten zu erstatten, rechtsfehlerfrei nicht als Klagerücknahme ausgelegt. Nach den Feststellungen des Beschwerdegerichts bestehen keine Anhaltspunkte dafür, daß die Klägerin das Verfahren endgültig beenden

wollte.

3. Die Kostenentscheidung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO.

Dressler Haß Wiebel

Kniffka Safari Chabestari

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Anmerkungen zum Urteil