Urteil des BGH vom 22.11.2005, VI ZR 330/04

Entschieden
22.11.2005
Schlagworte
Rechtliches gehör, Wohnung, 1995, Sache, Zoll, Gefahr, Beurteilung, Verhandlung, Erkrankung, Arbeit
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BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

VI ZR 330/04

vom

22. November 2005

in dem Rechtsstreit

Der VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 22. November 2005 durch die

Vizepräsidentin Dr. Müller, den Richter Wellner, die Richterin Diederichsen sowie die Richter Stöhr und Zoll

beschlossen:

Auf die Nichtzulassungsbeschwerde des Klägers wird das Urteil

des 3. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Koblenz vom

30. November 2004 aufgehoben.

Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch

über die Kosten des Verfahrens der Nichtzulassungsbeschwerde,

an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Gegenstandswert: 21.042,01

Gründe:

11. Die Nichtzulassungsbeschwerde hat Erfolg und führt gemäß § 544

Abs. 7 ZPO zur Aufhebung des angegriffenen Urteils und zur Zurückverweisung

des Rechtsstreits an das Berufungsgericht. Die angefochtene Entscheidung

verletzt den Anspruch des Klägers auf rechtliches Gehör aus Art. 103 Abs. 1

GG.

22. Zu Recht rügt der Kläger, dass das Berufungsgericht bei seiner Feststellung, der Kläger habe es unterlassen, den eingetretenen Schaden zu min-

dern 254 Abs. 2 BGB), sein Verfahrensgrundrecht auf rechtliches Gehör verletzt hat.

3a) Das Berufungsgericht sieht ein Verschulden des Klägers gegen sich

selbst darin, dass er nach dem Wasserschaden vom April 1995 noch bis zum

11. Juli 1995 und dann wieder ab 1. Oktober 1995 in der schimmelpilzverseuchten Wohnung gelebt habe. Es sei auszuschließen, dass ihm das Anmieten einer

anderen Wohnung mangels finanzieller Mittel unmöglich gewesen wäre. Der

Kläger könne sich auch nicht darauf berufen, eine allergiegerechte Wohnung

sei nicht zu finden gewesen. Selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, bestehe kein Zweifel, dass zumindest eine nicht von Schimmelpilz befallene Wohnung erhältlich gewesen sei. Deshalb hat das Berufungsgericht dem Kläger ein

Schmerzensgeld nur für die Monate Juni und Juli 1995 zugesprochen.

4Der Kläger hat unter Beweisantritt vorgetragen, er habe versucht, eine

andere Wohnung zu erhalten. Er habe zahlreiche Annoncen geschaltet und sich

auf solche gemeldet. Eine Anmietung sei daran gescheitert, dass ein Großteil

der auf dem Wohnungsmarkt angebotenen Wohnungen im Überschwemmungsgebiet der Mosel gestanden und mit Schimmelpilz belastet gewesen sei.

Zudem sei es ihm aufgrund seiner begrenzten Einkünfte nicht gelungen, eine

allergiefreie Wohnung anzumieten. Seine Bemühungen hat er im Einzelnen

dargelegt.

5Die Begründung des Berufungsgerichts wird diesem Vortrag nicht gerecht und lässt nicht ersehen, dass es den Vortrag des Klägers vollständig berücksichtigt hat. Die Behauptungs- und Beweislast für die zur Anwendung des

§ 254 BGB führenden Umstände trägt nämlich grundsätzlich der Schädiger, der

damit seine Ersatzpflicht mindern oder beseitigen will. Dabei darf dem Schädiger allerdings nichts Unmögliches angesonnen werden. Er kann namentlich

beanspruchen, dass der Geschädigte an der Beweisführung mitwirkt, soweit es

sich um Umstände aus seiner Sphäre handelt (BGHZ 91, 243, 260). Dies bedeutet - wie bei der Aufnahme einer zumutbaren Arbeit oder Umschulung nach

einem Schadensereignis -, dass der Schädiger zwar die Voraussetzungen seines Einwandes aus § 254 Abs. 2 BGB beweisen, der Verletzte aber zunächst

seiner Darlegungslast genügen muss. Deshalb muss der Geschädigte zunächst

darlegen, was er unternommen hat, um seiner Schadensminderungspflicht zugenügen. Demgegenüber ist es Sache des Schädigers zu behaupten und zu

beweisen, dass der Verletzte entgegen seiner Darstellung seine Schadensminderungspflicht hätte erfüllen können (vgl. Senatsurteile vom 23. Januar 1979

- VI ZR 103/78 - VersR 1979, 424, 425 und vom 22. April 1997 - VI ZR 198/96 -

VersR 1997, 1158, 1160).

6Hier hat der Kläger seine Bemühungen um eine andere Wohnung ausreichend dargelegt. Das Berufungsgericht hätte deshalb eine Verletzung der

Schadensminderungspflicht nicht ohne weiteres annehmen dürfen. Vielmehr

hätten die Beklagten ihrerseits darlegen müssen, dass der Kläger entgegen

seiner Darstellung seine Schadensminderungspflicht hätte erfüllen können und

darüber wäre ggf. Beweis zu erheben gewesen.

7b) Desgleichen ist nicht ersichtlich, woraus das Berufungsgericht beim

Feststellungsantrag ableiten will, dass der Kläger die Gefahr einer chronischen

Erkrankung zwar behauptet, sie jedoch nur als Folge des über mehr als ein

Jahr andauernden Aufenthalts in der schimmelpilzverseuchten Wohnung dargetan hat. Auch dies lässt nicht erkennen, dass das Berufungsgericht den Vortrag

des Klägers vollständig zur Kenntnis genommen hat. Dieser hat nämlich mit

Schriftsatz vom 6. Juli 2004 noch einmal klargestellt, dass die nach dem Wassereinbruch ausgebrochene Allergieerkrankung seitdem irreversibel sei und zu

einer nicht mehr umkehrbaren Asthmaerkrankung einschließlich einer Lungenschädigung geführt habe. Da es sich hier um eine medizinische Frage handelt,

war eine weitere Substantiierung durch den Kläger nicht erforderlich (vgl. Senatsurteil BGHZ 159, 245, 251 f. m.w.N.). Deshalb hätte das Berufungsgericht

das vom Kläger beantragte Sachverständigengutachten zur Gefahr einer chronischen Erkrankung einholen müssen, weil eine eigene Sachkunde des Berufungsgerichts zur Beurteilung dieser Frage nicht ersichtlich ist.

83. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Berufungsgericht

sowohl bei der Höhe des zugesprochenen Schmerzensgeldbetrags als auch bei

seiner Entscheidung über die Feststellungsklage bei vollständiger Berücksichtigung des Klägervorbringens zu einer anderen Beurteilung des Falles gekommen wäre, war das Urteil aufzuheben und die Sache an das Berufungsgericht

zurückzuverweisen. Dieses wird bei der neuen Verhandlung und Entscheidung

auch das Vorbringen des Klägers im Revisionsrechtszug zu berücksichtigen

haben.

Müller Wellner Diederichsen

Stöhr Zoll

Vorinstanzen:

LG Koblenz, Entscheidung vom 11.06.2003 - 15 O 473/96 -

OLG Koblenz, Entscheidung vom 30.11.2004 - 3 U 824/03 -

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Anmerkungen zum Urteil