Urteil des BGH vom 25.02.1998, I ZB 37/98

Entschieden
25.02.1998
Schlagworte
Marke, Schweizer, Unterscheidungskraft, Armee, Schweizerische eidgenossenschaft, Zeichen, Verkehr, Bundespatentgericht, Ware, Wettbewerb
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BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

I ZB 37/98 Verkündet am: 21. September 2000 Walz Justizamtsinspektor als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle

in der Rechtsbeschwerdesache

betreffend die Markenanmeldung S 57 713/14 Wz

Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Verhandlung vom 21. September 2000 durch den Vorsitzenden Richter

Prof. Dr. Erdmann und die Richter Dr. v. Ungern-Sternberg, Starck, Pokrant

und Dr. Schaffert

beschlossen:

Auf die Rechtsbeschwerde der Anmelderin wird der Beschluß des

29. Senats (Marken-Beschwerdesenats) des Bundespatentgerichts vom

25. Februar 1998 aufgehoben.

Die Sache wird zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an

das Bundespatentgericht zurückverwiesen.

Der Gegenstandswert der Rechtsbeschwerde wird auf 50.000 DM

festgesetzt.

Gründe:

I. Die Anmelderin, die Schweizerische Eidgenossenschaft, begehrt mit

ihrer am 5. November 1993 eingereichten Anmeldung die Eintragung der

Wortfolge

SWISS ARMY

für "Uhren und Zeitmeßinstrumente".

Das Deutsche Patentamt hat die Anmeldung in zwei Beschlüssen, von

denen einer im Erinnerungsverfahren ergangen ist, wegen fehlender Unterscheidungskraft, der Erstprüfer auch wegen Bestehens eines Freihaltebedürfnisses, zurückgewiesen.

Die hiergegen eingelegte Beschwerde ist erfolglos geblieben.

Mit der (zugelassenen) Rechtsbeschwerde verfolgt die Anmelderin ihr

Eintragungsbegehren weiter.

II. Die zulässige Rechtsbeschwerde hat Erfolg.

1. Das Bundespatentgericht ist zutreffend davon ausgegangen, daß bei

der Prüfung der vorliegenden Anmeldung ungeachtet ihres früheren Zeitrangs

nach dem Inkrafttreten des Markengesetzes (am 1. Januar 1995) dessen Vorschriften anzuwenden sind 152 MarkenG).

2. Der Beurteilung des Bundespatentgerichts, daß die angemeldete

Wortfolge schon deshalb nicht eingetragen werden könne, weil ihr das Eintragungshindernis fehlender Markenfähigkeit 3 Abs. 1 MarkenG) entgegenstehe, kann nicht zugestimmt werden.

a) Das Bundespatentgericht hat angenommen, daß der Wortfolge

"SWISS ARMY", die - für jedermann im Inland verständlich - die Schweizer Armee bezeichne, die nach § 3 Abs. 1 MarkenG erforderliche abstrakte Eignung,

Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens von denjenigen anderer

Unternehmen zu unterscheiden, nicht zukomme. Namen von Behörden oder

von sonstigen staatlichen Stellen, auch jedermann verständliche Namen ausländischer staatlicher Stellen, bezeichneten nach der allgemeinen Verkehrsauffassung keine im Wettbewerb auftretenden Unternehmen. Der öffentlichen

Hand sei zwar nicht grundsätzlich verwehrt, am freien Wettbewerb teilzunehmen; staatliche Einrichtungen wie die Streitkräfte, die zu hoheitlichem Handeln

bestimmt seien, nähmen jedoch nicht am Wettbewerb teil. Das Markengesetz

sei für den Schutz der Namen solcher Hoheitsträger nicht vorgesehen und

auch nicht geeignet.

b) Die Markenfähigkeit eines Zeichens ist nach § 3 Abs. 1 MarkenG abstrakt, d.h. ohne Bezug zu den angemeldeten Waren oder Dienstleistungen,

allein danach zu prüfen, ob das Zeichen als solches geeignet ist, Waren oder

Dienstleistungen eines Unternehmens von denjenigen eines anderen Unternehmens zu unterscheiden (vgl. Begründung des Regierungsentwurfs BT-

Drucks. 12/6581 S. 65; BGH, Beschl. v. 8.12.1999 - I ZB 2/97, GRUR 2000,

321, 322 = WRP 2000, 298 - Radio von hier). Dementsprechend ist die abstrakte Markenfähigkeit auch ohne Berücksichtigung der Person des Anmelders und späteren Inhabers der Marke zu beurteilen. Dies hat das Bundespatentgericht - entgegen der Ansicht der Rechtsbeschwerde - nicht übersehen.

Seine Annahme, den Namen von Behörden oder sonstigen staatlichen Stellen

fehle als solchen bereits jede (abstrakte) Unterscheidungseignung, wird jedoch

von der Rechtsbeschwerde zu Recht angegriffen.

Die (abstrakte) Unterscheidungseignung eines Zeichens kann nur im

Einzelfall beurteilt werden. Maßgebend ist die Auffassung des Verkehrs. Dieser

nimmt ein als Marke verwendetes Zeichen in aller Regel so auf, wie es ihm

entgegentritt, unterzieht es keiner analysierenden Betrachtungsweise (vgl.

BGH, Beschl. v. 15.7.1999 - I ZB 16/97, GRUR 1999, 1089, 1091 = WRP 1999,

1167 - YES; Beschl. v. 22.9.1999 - I ZB 19/97, GRUR 2000, 231, 232 =

WRP 2000, 95 - FÜNFER; Beschl. v. 8.12.1999 - I ZB 25/97, GRUR 2000, 502,

503 = WRP 2000, 520 - St. Pauli Girl, jeweils m.w.N.) und stellt auch keine

rechtlichen Erwägungen an.

Die Markenfähigkeit der Namen von Behörden oder staatlichen Stellen

ist danach nicht von vornherein auszuschließen. Dem Verkehr ist bekannt, daß

staatliche Stellen - auch solche der Hoheitsverwaltung - Waren vertreiben (z.B.

Bücher, Software, Landkarten) oder Dienstleistungen für Dritte erbringen. Diese tatsächlichen Gegebenheiten, nicht die ihnen zugrunde liegende Rechtslage, die im übrigen bei ausländischen Behörden mit der Rechtslage im Inland

nicht übereinstimmen muß, bestimmen die Verkehrsauffassung.

Dem Zeichen "SWISS ARMY" kann danach nicht mit den Erwägungen

des Bundespatentgerichts schon die abstrakte Markenfähigkeit für Waren oder

Dienstleistungen aller Art abgesprochen werden. Dies gilt um so mehr, als der

englischsprachige Begriff "SWISS ARMY" keine amtliche Bezeichnung der

Schweizer Armee ist.

3. Auch die Beurteilung des Bundespatentgerichts, daß die Wortfolge

"SWISS ARMY" wegen absoluter Schutzhindernisse nach § 8 Abs. 1 Nr. 1 und

Nr. 2 MarkenG von der Eintragung ausgeschlossen sei, weil sie keine (konkrete) Unterscheidungskraft besitze und nur eine Angabe über die Merkmale

der mit ihr versehenen Ware sei, hält der rechtlichen Nachprüfung nicht stand.

a) Das Bundespatentgericht hat ausgeführt, daß Behördenbezeichnungen wie "SWISS ARMY", die im Inland ohne weiteres verstanden würden, nicht

geeignet seien, die Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens von denen anderer Unternehmen zu unterscheiden. Zumindest der inländische Verkehr sehe Behörden und sonstige Verwaltungsträger nicht als Gewerbetreibende und ihren Namen nicht als Hinweis auf die betriebliche Herkunft von

Waren oder Dienstleistungen an. Staatliche Stellen seien nicht Hersteller von

Waren und handelten - von gewissen Gebrauchtwaren abgesehen - auch nicht

mit Waren. Die Gebrauchtwaren, mit denen sie Handel trieben, stammten typischerweise von verschiedenen Herstellern, weil Behörden selbst gleiche Waren bei verschiedenen Herstellern bestellten. Bei den Verbrauchern überwiege

deshalb die Vorstellung, daß eine Behörde oder sonstige staatliche Stelle in

erster Linie hoheitliche Aufgaben wahrnehmen solle und wahrnehme, nicht

aber, daß sie am Wettbewerb teilnehme und mit Waren handele oder sie gar

herstelle. Dies gelte in besonderem Maß für die Streitkräfte eines Landes.

Ein Behördenname werde zumindest bei Waren, als deren Abnehmer

die Behörde in Betracht komme, als allgemeine Qualitätsangabe aufgefaßt,

weil Behörden vor dem Kauf eine Qualitätskontrolle durchführten. Dazu komme, daß staatliche Stellen - wie eine Armee - meist keine Standardprodukte

kauften, sondern Spezialanfertigungen für ihre besonderen Zwecke, z.B. Uhren

in fliegertauglicher Bauart und Ausstattung. Die Aussage, daß eine Ware für

eine bestimmte staatliche Einrichtung bestimmt, für sie nach ihren Vorgaben

gebaut sei, werde dadurch zu einer Beschaffenheitsangabe im Sinne einer Typenangabe ("Schweizer Armee-Uhr"). Dies entspreche bei Taschenmessern

(Messer des Typs "Schweizer Soldatenmesser" bzw. "Schweizer Offiziersmesser") längst der gängigen Verbrauchervorstellung.

b) Der Beurteilung des Bundespatentgerichts, daß der Wortfolge

"SWISS ARMY" die nach § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG erforderliche (konkrete)

Unterscheidungskraft für "Uhren und Zeitmeßinstrumente" fehle, kann nicht

zugestimmt werden.

(1) Unterscheidungskraft im Sinne des § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG ist die

einer Marke innewohnende (konkrete) Eignung, vom Verkehr als Unterscheidungsmittel für die von der Marke erfaßten Waren oder Dienstleistungen eines

Unternehmens gegenüber solchen anderer Unternehmen aufgefaßt zu werden.

Dabei ist grundsätzlich von einem großzügigen Maßstab auszugehen. Jede

noch so geringe Unterscheidungskraft reicht aus, um das Schutzhindernis zu

überwinden (vgl. BGH, Beschl. v. 10.2.2000 - I ZB 37/97, GRUR 2000, 720,

721 = WRP 2000, 739 - Unter Uns; Beschl. v. 24.2.2000 - I ZB 13/98, GRUR

2000, 722, 723 = WRP 2000, 741 - LOGO, jeweils m.w.N.).

Das Vorliegen einer konkreten Unterscheidungskraft kann nur bezogen

auf den jeweiligen Einzelfall auf der Grundlage der insoweit maßgeblichen

Auffassung der inländischen Verkehrskreise, die mit den Waren des Verzeichnisses angesprochen werden sollen, geprüft werden (vgl. BGH, Beschl. v.

5.11.1998 - I ZB 12/96, GRUR 1999, 495 f. = WRP 1999, 526 - Etiketten; BGH

GRUR 2000, 502, 503 - St. Pauli Girl). Dies bedeutet - abweichend von der

Ansicht des Bundespatentgerichts -, daß den Namen von Behörden oder sonstigen staatlichen Stellen nicht von vornherein die Unterscheidungskraft abgesprochen werden kann, noch weniger einer Wortfolge, die - wie "SWISS

ARMY" - kein Behördenname ist, sondern nur - wenn auch trotz des englischsprachigen Begriffs für jeden offensichtlich - auf eine staatliche Einrichtung

hinweist. Abweichend von der Ansicht des Bundespatentgerichts ist es auch

nicht erforderlich, daß das Zeichen einen bestimmten Hinweis auf die betriebliche Herkunft der Ware gibt. Ein Zeichen besitzt Unterscheidungskraft, wenn es

als Marke dazu dienen kann, die Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens von denjenigen eines anderen Unternehmens zu unterscheiden. Nur

so kann eine Marke ihre Hauptfunktion erfüllen, die nach der Rechtsprechung

des Gerichtshofes der Europäischen Gemeinschaften darin besteht, dem Verbraucher oder Endabnehmer die Ursprungsidentität der gekennzeichneten Ware oder Dienstleistung zu garantieren, indem sie ihm ermöglicht, diese Ware

oder Dienstleistung ohne Verwechslungsgefahr von Waren oder Dienstleistungen anderer Herkunft zu unterscheiden. Die Marke muß danach die Gewähr

bieten, daß alle Waren oder Dienstleistungen, die mit ihr versehen sind, unter

der Kontrolle eines einzigen Unternehmens hergestellt oder erbracht worden

sind, das für ihre Qualität verantwortlich gemacht werden kann (EuGH, Urt. v.

29.9.1998

- Rs. C-39/97, GRUR 1998, 922, 924 Tz. 28 = WRP 1998, 1165 - Canon).

(2) Auf der Grundlage dieser Rechtsgrundsätze kann den Worten

"SWISS ARMY" - abweichend von der Ansicht des Bundespatentgerichts - für

die angemeldeten Waren "Uhren und Zeitmeßinstrumente" nicht jegliche Unterscheidungskraft abgesprochen werden. Nach den getroffenen Feststellungen weisen die Worte "SWISS ARMY" allerdings eindeutig auf die Schweizer

Armee als eine staatliche Einrichtung der Anmelderin hin. Die maßgeblichen

inländischen Verkehrskreise nehmen - wie sich aus den Feststellungen des

Bundespatentgerichts weiter ergibt - auch nicht an, daß die Schweizer Armee

"Uhren und Zeitmeßinstrumente" herstellen oder auch nur die Produktverantwortung für solche Geräte tragen oder mit diesen Handel treiben könnte. Der

Verkehr wird deshalb die Worte "SWISS ARMY" vielfach nicht als Hinweis auf

die Herkunft verstehen, sondern ihnen einen allgemeinen Hinweis auf die Qualität oder die Herstellung nach Vorgaben der Schweizer Armee entnehmen,

zumal das angemeldete Zeichen keine zusätzlichen Elemente aufweist, die zu

den für diesen Teil des Verkehrs - bezogen auf die in Rede stehenden Waren -

nicht (konkret) unterscheidungskräftigen Worten "SWISS ARMY" hinzutreten

und herkunftshinweisend wirken könnten. Dies bedeutet jedoch nicht, daß der

angemeldeten Wortfolge jede Unterscheidungseignung für die Waren "Uhren

und Zeitmeßinstrumente" fehlt. Nach der Lebenserfahrung gibt es vielmehr naheliegende Möglichkeiten, die angemeldete Wortfolge bei Waren der genannten Art so zur Kennzeichnung zu verwenden, daß sie vom Verkehr ohne weiteres als Marke verstanden wird. Dies gilt etwa dann, wenn die Wortfolge

"SWISS ARMY" auf dem Ziffernblatt einer Uhr an eine Stelle gesetzt wird, auf

der bei solchen Uhren üblicherweise eine Marke zu finden ist. Dabei handelt es

sich nicht nur um lediglich theoretisch denkbare, sondern auch um praktisch

bedeutsame Einsatzmöglichkeiten der Wortfolge "SWISS ARMY" als Marke,

denen jedenfalls ein maßgeblicher Teil des angesprochenen Verkehrs einen

Herkunftshinweis entnehmen wird. Ein Indiz dafür, daß den Worten "SWISS

ARMY" auch in anderen Ländern die Eignung zuerkannt wird, bei "Uhren und

Zeitmeßinstrumenten" in dieser Weise als Unterscheidungsmittel für die Waren

eines Unternehmens von denen eines anderen Unternehmens zu dienen, ist

auch der Umstand, daß sie nicht nur in der Schweiz, sondern u.a. auch in

Großbritannien für diese Waren eingetragen sind.

c) Die Vorschrift des § 8 Abs. 2 Nr. 2 MarkenG steht der Eintragung der

angemeldeten Wortfolge "SWISS ARMY" schon deshalb nicht entgegen, weil

diese zwar gegebenenfalls bestimmte allgemeine Vorstellungen über die Herstellung nach Vorgaben der Schweizer Armee und damit verbunden gewisse

Qualitätsvorstellungen auslösen kann, aber keine Angabe darstellt, die im Verkehr zur Bezeichnung der Beschaffenheit der Ware verwendet wird.

III. Auf die Rechtsbeschwerde der Anmelderin war danach der angefochtene Beschluß aufzuheben und die Sache zur anderweitigen Verhandlung

und Entscheidung an das Bundespatentgericht zurückzuverweisen.

Erdmann v. Ungern-Sternberg Starck

Pokrant Schaffert

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Anmerkungen zum Urteil