Urteil des BGH, Az. I ZR 176/08

Leitsatzentscheidung
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
I ZR 176/08 Verkündet
am:
1. Juli 2010
Führinger
Justizangestellte
als
Urkundsbeamtin
der
Geschäftsstelle
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk: ja
BGHZ: nein
BGHR: ja
CMR Art. 29 Abs. 1
Aufgrund des allgemeinen Hinweises in einem Frachtvertrag "ACHTUNG: Dieb-
stahlgefährdete Ware! Wagen wird verplombt!" muss der Spediteur/Frachtführer
grundsätzlich nicht davon ausgehen, dass bei der Durchführung der Beförde-
rung eine "besondere Gefahrenlage" besteht, die das Ergreifen besonderer Si-
cherungsmaßnahmen (insbesondere den Einsatz eines Kastenwagens anstatt
eines Planen-Lkw sowie gegebenenfalls den Einsatz eines zweiten Fahrers)
erfordert.
BGH, Urteil vom 1. Juli 2010 - I ZR 176/08 - OLG Düsseldorf
LG
Krefeld
- 2 -
Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhand-
lung vom 1. Juli 2010 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Bornkamm und
die Richter Pokrant, Prof. Dr. Büscher, Dr. Schaffert und Dr. Koch
für Recht erkannt:
Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 18. Zivilsenats
des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 1. Oktober 2008 aufgeho-
ben.
Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch
über die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückver-
wiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand:
Die Klägerin ist Transportversicherer der I. L. GmbH in Willich (im
Weiteren: Versicherungsnehmerin). Sie nimmt das beklagte Speditionsunter-
nehmen wegen des Verlustes von Transportgut aus abgetretenem und überge-
gangenem Recht ihrer Versicherungsnehmerin auf Schadensersatz in An-
spruch.
1
Die Versicherungsnehmerin wurde im August 2004 mit der Beförderung
von Autoradios im Gesamtwert von über 260.000 € von Deutschland nach
Frankreich beauftragt. Mit der Durchführung des Transports betraute sie die
Beklagte, die ihrerseits den ständig für sie fahrenden Frachtführer S.
2
- 3 -
einsetzte. Der an die Beklagte gerichtete Frachtauftrag vom 12. August 2004
enthielt unter anderem folgende Angaben: "Frachtpauschale: 740 € (all in); Be-
merkungen: ACHTUNG: Diebstahlgefährdete Waren! Wagen wird verplombt! …
Sollten Sie den Auftrag an einen anderen Frachtführer weitergeben, müssen
o.g. Bestimmungen gleichlautend ebenfalls übertragen werden."
Der von der Beklagten beauftragte Frachtführer holte das Gut vereinba-
rungsgemäß am späten Nachmittag des 12. August 2004 mit einem Planen-
Lkw vom Warenlager der Versicherungsnehmerin in Willich ab. Gegen
20.00 Uhr fuhr er in Belgien auf einen unbewachten Parkplatz, um dort eine
vorgeschriebene Ruhepause zu verbringen. Während der Fahrer in der Führer-
hauskabine schlief, zerschnitten Diebe die Plane des Transportfahrzeugs und
entwendeten insgesamt 356 Autoradios im Gesamtwert von 22.858,76 €.
3
Die Versicherungsnehmerin weigerte sich zunächst, den ihrer Auftragge-
berin durch den Diebstahl entstandenen Schaden zu ersetzen. Sie wurde des-
halb von der Auftraggeberin auf Zahlung von 23.115,60 € verklagt und vom
Landgericht Krefeld entsprechend verurteilt (Urt. v. 28.3.2006 - 12 O 133/05).
Die Beklagte und der ausführende Frachtführer waren diesem Rechtsstreit auf
Seiten der Versicherungsnehmerin als deren Streithelfer beigetreten.
4
Im vorliegenden Rechtsstreit nimmt die Klägerin die Beklagte in Regress
und verlangt für den Verlust der Ware einen Ersatzbetrag in Höhe von
21.960,04 € (22.858,76 € abzüglich des von der Beklagten gezahlten Betrags in
Höhe von 898,72 €). Darüber hinaus begehrt sie die Erstattung von Rechtsver-
folgungskosten in Höhe von insgesamt 8.538,43 €.
5
Die Klägerin ist der Ansicht, die Beklagte hafte für den Verlust des Gutes
unbeschränkt, weil sie mit der Beauftragung des Frachtführers S. leicht-
6
- 4 -
fertig gehandelt habe. Die Beklagte habe - unstreitig - gewusst, dass der von ihr
beauftragte Frachtführer stets allein fahre und nur einen Planen-Lkw zur Verfü-
gung habe.
7
Die Klägerin hat beantragt, die Beklagte zur Zahlung von 30.498,47 €
nebst Zinsen zu verurteilen.
Die Beklagte hat demgegenüber insbesondere vorgebracht, der von ihr
beauftragte Frachtführer habe für sie seit vielen Jahren stets sorgfältig und ge-
wissenhaft Transporte durchgeführt. Seine Beauftragung könne ihr daher nicht
als ein schwerwiegendes Organisationsverschulden vorgeworfen werden. Die
Versicherungsnehmerin treffe jedenfalls ein gravierendes Mitverschulden an der
Entstehung des Schadens, weil sie es pflichtwidrig unterlassen habe, vor Be-
ginn des Transportes auf den hohen Wert der Ware hinzuweisen. Bei Erteilung
des gebotenen Hinweises hätte sie, die Beklagte, für eine ergänzende Siche-
rung des Gutes während der Beförderung sorgen können. Zudem habe die
Versicherungsnehmerin spätestens bei der Beladung des Transportfahrzeugs
gewusst, dass das Gut mit einem Planen-Lkw befördert werden würde. Sie hät-
te daher von einer Beladung Abstand nehmen müssen, wenn sie gemeint hätte,
die Sicherheit des Gutes sei bei einem Transport mit einem Planen-Fahrzeug
und nur einem Fahrer nicht gewährleistet.
8
Das Landgericht hat die Beklagte antragsgemäß verurteilt. Die dagegen
gerichtete Berufung ist erfolglos geblieben.
9
Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt die Beklag-
te ihren Antrag auf Klageabweisung weiter. Die Klägerin beantragt, das
Rechtsmittel zurückzuweisen.
10
- 5 -
Entscheidungsgründe:
11
I. Das Berufungsgericht hat eine unbeschränkte Haftung der Beklagten
für den streitgegenständlichen Verlust nach Art. 17 Abs. 1, Art. 29 CMR ange-
nommen. Dazu hat es ausgeführt:
Für den Transport habe eine "besondere Gefahrenlage" bestanden. Mit
dem Warnhinweis im Frachtauftrag "ACHTUNG: Diebstahlgefährdete Waren!"
habe die Versicherungsnehmerin der Beklagten eindeutig zu verstehen gege-
ben, dass der Transport aus ihrer Sicht wegen der Art des Gutes mit besonde-
ren Risiken verbunden sei und deshalb entsprechende Sicherheitsmaßnahmen
getroffen werden müssten. Den sich daraus ergebenden Sicherheitsanforde-
rungen bei der Organisation der Beförderung (insbesondere Einsatz eines Kas-
ten-Lkw, bei Verwendung eines Planen-Lkw Einsatz eines zweiten Fahrers oder
Organisation eines durchgehenden Transports ohne Übernachtungsaufenthalt)
sei die Beklagte nicht gerecht geworden. Dies rechtfertige die Annahme eines
qualifizierten Verschuldens i.S. von Art. 29 Abs. 1 CMR. Entgegen der Auffas-
sung der Beklagten habe das nächtliche Abstellen des Lkw auf einem unbe-
wachten Autobahnrastplatz in Belgien nicht den gebotenen Sicherheitserforder-
nissen genügt, wie sich schon aus dem Umstand ergebe, dass ein Teil der La-
dung entwendet worden sei.
12
Der Schadensersatzanspruch der Klägerin sei nicht wegen eines ihrer
Versicherungsnehmerin anzulastenden Mitverschuldens zu kürzen. Entgegen
der Auffassung der Beklagten ergebe sich ein Mitverschulden der Versiche-
rungsnehmerin nicht aus der Tatsache, dass deren Mitarbeiter nicht von einer
Beladung des Planen-Lkw abgesehen hätten. Die von der Versicherungsneh-
merin unterlassene Wertdeklaration rechtfertige ebenfalls nicht die Annahme
eines Mitverschuldens, weil die Beklagte nicht substantiiert dargelegt habe,
13
- 6 -
dass und auf welche Weise sie bei einer Wertangabe für eine sorgfältigere Be-
handlung des Transportgutes gesorgt hätte.
14
II. Die gegen diese Beurteilung gerichteten Angriffe der Revision haben
Erfolg. Sie führen zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur Zurück-
verweisung der Sache an das Berufungsgericht.
1. Die Revision ist entgegen den von der Revisionserwiderung geäußer-
ten Zweifeln unbeschränkt zulässig. Eine Zulassungsbeschränkung, die sich
nicht aus dem Tenor, sondern - wie hier - allein aus den Entscheidungsgründen
ergibt, kann nur dann angenommen werden, wenn aus den Gründen mit hinrei-
chender Klarheit hervorgeht, dass das Berufungsgericht die Möglichkeit einer
Nachprüfung im Revisionsverfahren nur wegen eines abtrennbaren Teils seiner
Entscheidung eröffnen wollte (BGH, Beschl. v. 14.5.2008 - XII ZB 78/07, NJW
2008, 2351 Tz. 16; Urt. v. 26.3.2009 - I ZR 44/06, GRUR 2009, 660 Tz. 21
- Resellervertrag, m.w.N.). Das ist hier nicht der Fall. Das Berufungsgericht hat
in den Gründen seines Urteils lediglich das Motiv für seine Zulassungsentschei-
dung bezeichnet (vgl. BGHZ 90, 318, 320).
15
2. Das Berufungsgericht ist zutreffend davon ausgegangen, dass die Be-
klagte, die zu festen Kosten mit einem grenzüberschreitenden Straßengüter-
transport beauftragt war, als Frachtführerin der Haftung nach der CMR unter-
liegt. Danach hat sie für den Verlust von Transportgut während ihrer Obhutszeit
gemäß Art. 17 Abs. 1 i.V. mit Art. 3 CMR grundsätzlich Schadensersatz zu leis-
ten. Vollen Schadensersatz - über die Beschränkungen des Art. 23 Abs. 3
und 7 CMR hinaus - schuldet die Beklagte aber nur dann, wenn die Vorausset-
zungen des Art. 29 Abs. 1 CMR erfüllt sind. Nach dieser Bestimmung kann sich
der Frachtführer nicht auf Haftungsbeschränkungen berufen, wenn er den
Schaden vorsätzlich oder durch ein dem Vorsatz gleichstehendes Verschulden
16
- 7 -
verursacht hat. Das Gleiche gilt, wenn seinen Bediensteten oder Verrichtungs-
gehilfen ein solches qualifiziertes Verschulden zur Last fällt (Art. 29 Abs. 2
Satz 1 CMR).
17
Ist der Gütertransportschaden - wie hier - nach dem Inkrafttreten des
Transportrechtsreformgesetzes am 1. Juli 1998 eingetreten, so reicht bei An-
wendbarkeit deutschen Rechts für ein Verschulden, das zur Durchbrechung der
Haftungsbegrenzungen der CMR führt, die grobe Fahrlässigkeit nicht mehr aus.
Liegt kein Vorsatz vor, ist vielmehr ein leichtfertiges Verhalten erforderlich, zu
dem das Bewusstsein hinzukommen muss, dass ein Schaden mit Wahrschein-
lichkeit eintreten werde (BGH, Urt. v. 20.1.2005 - I ZR 95/01, TranspR 2005,
311, 313 = VersR 2006, 814; Urt. v. 6.6.2007 - I ZR 121/04, TranspR 2007, 423
Tz. 15 = VersR 2008, 1134). Hiervon ist auch das Berufungsgericht ausgegan-
gen.
3. Die Revision wendet sich mit Erfolg dagegen, dass das Berufungsge-
richt im Streitfall die Voraussetzungen für das Vorliegen einer bewussten
Leichtfertigkeit bejaht hat.
18
a) Das Tatbestandsmerkmal der Leichtfertigkeit erfordert einen beson-
ders schweren Pflichtenverstoß, bei dem sich der Frachtführer oder seine "Leu-
te" in krasser Weise über die Sicherheitsinteressen des Vertragspartners hin-
wegsetzen. Das subjektive Erfordernis des Bewusstseins von der Wahrschein-
lichkeit des Schadenseintritts ist eine sich dem Handelnden aus seinem leicht-
fertigen Verhalten aufdrängende Erkenntnis, es werde wahrscheinlich ein
Schaden entstehen. Dabei reicht die Erfüllung des Tatbestandsmerkmals der
Leichtfertigkeit für sich allein nicht aus, um auf das Bewusstsein von der Wahr-
scheinlichkeit des Schadenseintritts schließen zu können. Eine solche Erkennt-
nis als innere Tatsache ist vielmehr erst dann anzunehmen, wenn das leichtfer-
19
- 8 -
tige Verhalten nach seinem Inhalt und nach den Umständen, unter denen es
aufgetreten ist, diese Folgerung rechtfertigt (BGHZ 158, 322, 328 f.; BGH
TranspR 2007, 423 Tz. 17 m.w.N.).
20
b) Die tatrichterliche Beurteilung der Frage, ob eine bewusste Leichtfer-
tigkeit vorliegt, kann das Revisionsgericht nur in eingeschränktem Maße nach-
prüfen. Die Prüfung muss sich darauf beschränken, ob der Tatrichter den
Rechtsbegriff der bewussten Leichtfertigkeit verkannt hat oder ob Verstöße ge-
gen § 286 ZPO, gegen die Denkgesetze oder gegen Erfahrungssätze vorliegen
(BGHZ 158, 322, 327; BGH TranspR 2007, 423 Tz. 18). Solche Rechtsfehler
sind hier gegeben. Das Landgericht, dessen Ausführungen das Berufungsge-
richt ausdrücklich für zutreffend erachtet hat und auf die es Bezug genommen
hat, ist zwar von einem zutreffenden Maßstab der Leichtfertigkeit ausgegangen.
Es hat jedoch zu geringe Anforderungen an das Vorliegen eines qualifizierten
Verschuldens gestellt. Nach den getroffenen Feststellungen kann kein beson-
ders schwerer Pflichtenverstoß der Beklagten bei der Organisation des von ihr
durchzuführenden Transports angenommen werden. Ein qualifiziertes Ver-
schulden des Unterfrachtführers, das sich die Beklagte gemäß Art. 3 CMR zu-
rechnen lassen müsste, haben die Vorinstanzen nicht festgestellt.
aa) Welche Sicherheitsvorkehrungen der Transportunternehmer zur Er-
füllung seiner vertraglichen Verpflichtung, das ihm anvertraute Transportgut
während der Beförderung vor Diebstahl oder Raub zu bewahren, ergreifen
muss, hängt von den Umständen des Einzelfalls ab. Es kommt entscheidend
darauf an, ob die getroffenen Maßnahmen den für den durchzuführenden
Transport erforderlichen Sorgfaltsanforderungen genügen. Je größer die mit der
Güterbeförderung verbundenen Risiken sind, desto höhere Anforderungen sind
an die zu treffenden Sicherheitsmaßnahmen zu stellen. Von erheblicher Bedeu-
tung ist in diesem Zusammenhang, ob das transportierte Gut leicht verwertbar
21
- 9 -
und damit besonders diebstahlgefährdet ist, welchen Wert es hat, ob dem
Frachtführer die besondere Gefahrenlage bekannt sein musste und welche
konkreten Möglichkeiten einer gesicherten Fahrtunterbrechung es gab, um vor-
geschriebene Ruhezeiten einzuhalten (BGH TranspR 2007, 423 Tz. 19 m.w.N.).
22
bb) Danach haben die Vorinstanzen der Beklagten im Streitfall zu Un-
recht vorgeworfen, dass sie bei der Organisation des Transports leichtfertig not-
wendige Sicherheitsmaßnahmen außer Acht gelassen hat.
(1) Der Beklagten kann nicht als ein schwerwiegendes Organisationsver-
schulden angelastet werden, nicht dafür gesorgt zu haben, dass der Transport
mit einem Koffer-Lkw und nicht mit einem Planen-Lkw durchgeführt wurde. Oh-
ne einen entsprechenden Auftrag bestand für die Beklagte keine generelle Ver-
pflichtung, eine derartige Sicherheitsmaßnahme zu ergreifen (BGH TranspR
2007, 423 Tz. 21).
23
Bei den transportierten Autoradios handelte es sich zwar um leicht ver-
wertbares und damit besonders diebstahlgefährdetes Gut, das zudem einen
ganz erheblichen Wert hatte. Die Beklagte hatte aber unstreitig keine positive
Kenntnis von der objektiv gegebenen Gefahrenlage. Ihr musste sich eine derar-
tige Kenntnis auch nicht aufdrängen. Der Hinweis in dem schriftlich erteilten
Transportauftrag "ACHTUNG: Diebstahlgefährdete Waren! Wagen wird ver-
plombt!" reichte hierfür nicht aus, da er zu unbestimmt war. Die Beklagte konnte
dem Hinweis weder die Art des zu transportierenden Gutes noch dessen Wert
entnehmen. Das Bestehen einer "besonderen Gefahrenlage" ergab sich für sie
auch nicht ohne weiteres aus der weiteren Angabe im Frachtauftrag, dass
34 Europaletten befördert werden sollten, weil daraus nicht ersichtlich war, dass
es sich bei dem Gut um Ware handelte, die tatsächlich einer erhöhten Dieb-
stahlgefahr unterlag. Das mit der Beförderung verbundene objektive Risiko war
24
- 10 -
für die Beklagte damit nicht hinreichend konkret erkennbar. Es wäre vielmehr
Sache der Auftraggeberin gewesen, der Beklagten durch klare Angaben im
Frachtauftrag die objektiv gegebene besondere Gefahrenlage bei der Durchfüh-
rung des Transports zu verdeutlichen. Hierfür spricht auch Art. 24 CMR, der es
dem Absender ermöglicht, gegen Zahlung eines Zuschlags zur Fracht einen
Wert des Gutes im Frachtbrief anzugeben, der den in Art. 23 Abs. 3 CMR be-
stimmten Höchstbetrag übersteigt, mit der Folge, dass dann der angegebene
Betrag an die Stelle des Höchstbetrags tritt.
Es bestand somit für die Beklagte kein Anlass, im Hinblick auf den allge-
meinen Hinweis im Frachtauftrag, dass es sich bei dem Gut um "diebstahlge-
fährdete Waren" handelte, eine besondere Gefahrenlage anzunehmen, die
ausnahmsweise den Einsatz eines Kastenwagens anstelle eines Planen-Lkws
oder eines zweiten Fahrers erforderlich gemacht hätte.
25
(2) Die Beklagte trifft auch insofern kein qualifiziertes Organisationsver-
schulden, als sie es unterlassen hat, dem Unterfrachtführer die Weisung zu er-
teilen, den Transport ohne Unterbrechung auf einem unbewachten Parkplatz
von der Absenderin bis zur Empfängerin des Gutes durchzuführen. Da für die
Beklagte kein Anlass bestand, von einer besonderen Gefahrenlage für das
Transportgut auszugehen, ist die Übernachtung auf dem unbewachten Auto-
bahnrastplatz in Belgien nicht als grober Pflichtenverstoß anzusehen (vgl. BGH
TranspR 2007, 423 Tz. 24).
26
4. Da es an einem besonders schweren Pflichtenverstoß der Beklagten
fehlt, richtet sich der Umfang ihrer Ersatzpflicht nach Art. 23 Abs. 1 und 2 CMR.
Gemäß Art. 23 Abs. 3 CMR ist die geschuldete Entschädigung auf 8,33 Rech-
nungseinheiten für jedes fehlende Kilogramm des Rohgewichts begrenzt. Wei-
tere Vermögensschäden werden - abgesehen von Art. 23 Abs. 4 CMR - nicht
27
- 11 -
ersetzt (vgl. Koller, Transportrecht, 7. Aufl., Art. 23 CMR Rdn. 3; Boesche in
Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn, HGB, 2. Aufl., Art. 23 CMR Rdn. 2). Dement-
sprechend steht der Klägerin kein Anspruch auf Ersatz der ihrer Versicherungs-
nehmerin im Vorprozess entstandenen Kosten zu. Damit kommt es auf die von
der Revision hierzu erhobenen Rügen nicht an. Gleiches gilt für die Rüge der
Revision, das Berufungsgericht hätte ein Mitverschulden der Versicherungs-
nehmerin gemäß § 425 Abs. 2 HGB i.V. mit § 254 BGB annehmen müssen,
weil dieser Einwand nur in Betracht kommt, wenn sich die Schadensersatz-
pflicht nach den §§ 249 ff. BGB richtet.
Das Berufungsgericht hat bislang - aus seiner Sicht folgerichtig - keine
Feststellungen dazu getroffen, in welcher Höhe der Klägerin ein Wertersatzan-
spruch nach Art. 23 Abs. 1 und 3 CMR zusteht.
28
- 12 -
III. Das Berufungsurteil kann danach keinen Bestand haben (§ 562 ZPO).
Die Sache ist an das Berufungsgericht zurückzuverweisen, weil sie nicht zur
Endentscheidung reif ist (§ 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Dem Senat ist eine ab-
schließende Entscheidung in der Sache nicht möglich, weil noch Feststellungen
zur Höhe des von der Beklagten geschuldeten Wertersatzes zu treffen sind.
29
Bornkamm
Pokrant
Büscher
Schaffert
Koch
Vorinstanzen:
LG Krefeld, Entscheidung vom 11.12.2007 - 12 O 3/07 -
OLG Düsseldorf, Entscheidung vom 01.10.2008 - I-18 U 47/08 -