Urteil des BGH vom 02.12.2003, VI ZR 349/02

Entschieden
02.12.2003
Schlagworte
Ratio legis, Beitragspflicht des arbeitgebers, Fahrzeug, Unfallversicherung, Haftungsprivileg, Haftung, Versicherungsfall, Fahrer, Teil, Verkehr
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BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

VI ZR 349/02 Verkündet am: 2. Dezember 2003 Blum, Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: ja

BGHR: ja

BGB § 823 Ha; SGB VII § 8

a) Bei Unfällen von Betriebsangehörigen ist nach Inkrafttreten der §§ 104, 105

SGB VII zwischen Betriebswegen und anderen, nach § 8 Abs. 2 Nr. 1 bis 4

SGB VII versicherten Wegen zu unterscheiden. Für die Abgrenzung können die

Kriterien herangezogen werden, die die Rechtsprechung zur "Teilnahme am allgemeinen Verkehr" nach §§ 636, 637 RVO entwickelt hat. (Fortführung von BGHZ

145, 311).

b) Wenn ein Arbeitnehmer die vom Arbeitgeber eröffnete Möglichkeit zur Mitfahrt mit

einem Sammeltransport in einem betriebseigenen Fahrzeug und mit einem betriebsangehörigen Fahrer in Anspruch nimmt, handelt es sich bei der Fahrt um einen nach § 8 Abs. 1 SGB VII versicherten Betriebsweg.

Der VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 2. Dezember 2003 durch die Vorsitzende Richterin Dr. Müller, den Richter

Wellner, die Richterin Diederichsen und die Richter Stöhr und Zoll

für Recht erkannt:

Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 14. Zivilsenats

des Brandenburgischen Oberlandesgerichts vom 28. August 2002

aufgehoben.

Die Berufung des Klägers gegen das Urteil des Landgerichts

Frankfurt (Oder) vom 24. Oktober 2001 wird zurückgewiesen.

Die Kosten der Rechtsmittelverfahren trägt der Kläger.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

Der Kläger verlangt von der Beklagten immateriellen und materiellen

Schadensersatz aus einem Verkehrsunfall.

Er war einer von sechs Mitarbeitern der Firma T. GmbH, denen von ihrer

Arbeitgeberin für die Fahrten vom gemeinsamen Wohnort zur auswärtigen Arbeitsstelle und zurück ein Kraftfahrzeug zur Verfügung gestellt wurde. Die Be-

triebskosten dieses bei der Beklagten haftpflichtversicherten Kraftfahrzeugs

übernahm die Arbeitgeberin. Die Fahrten organisierten die Mitarbeiter selbst.

Üblicherweise parkte ein Mitarbeiter das Fahrzeug über Nacht bei sich und

holte die übrigen Kollegen am nächsten Morgen ab.

Am 26. Mai 1997 steuerte ein Arbeitskollege des Klägers den Kleintransporter auf der Rückfahrt von einer Baustelle und verursachte dabei schuldhaft

einen Verkehrsunfall, bei dem der Kläger schwer verletzt wurde. Der Umfang

der Verletzungen ist zwischen den Parteien teilweise streitig. Für Arztberichte

über seine Verletzungen mußte der Kläger 249,40 DM aufwenden.

Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Das Oberlandesgericht hat

die Beklagte durch eine als "Teilurteil" bezeichnete Entscheidung zum Ersatz

des materiellen Schadens des Klägers sowie in Ansehung der unstreitigen

Verletzungen zur Zahlung eines Teils des begehrten Schmerzensgeldes verurteilt. Mit der vom Bundesgerichtshof zugelassenen Revision begehrt die Beklagte weiterhin die Klageabweisung.

Entscheidungsgründe:

I.

Das Oberlandesgericht ist der Auffassung, die Beklagte hafte dem Kläger

gemäß §§ 823 Abs. 1, 847 BGB a.F., § 3 Nr. 1 PflVG für dessen immateriellen

Schaden. Ihre Haftung sei nicht gemäß §§ 104 Abs. 1 Satz 1, 105 Abs. 1, 106

Abs. 3 SGB VII ausgeschlossen. Der Unfall habe sich nämlich nicht auf einem

Betriebsweg ereignet, sondern auf dem Heimweg "bei Teilnahme am allgemeinen Verkehr". Dieser werde von dem Haftungsprivileg nicht erfaßt. Der Fahrer

habe zwar zu dem nach § 105 Abs. 1 SGB VII geschützten Personenkreis ge-

hört, den Versicherungsfall jedoch nicht durch eine betriebliche Tätigkeit ausgelöst. Die Heimfahrt weise keine für einen innerbetrieblichen Vorgang typischen Merkmale auf. Der Fahrer und seine Arbeitskollegen seien von jeder Direktionsgewalt des Arbeitgebers frei gewesen; sie hätten die Fahrtroute, die

Ankunftszeit und darüber, wann und wo jeder der Insassen das Fahrzeug verläßt, eigenständig entschieden. Daß sie mit einem betriebseigenen Fahrzeug

unterwegs waren, und dieses nicht zu anderen Zwecken nutzen durften, stehe

dieser Annahme ebensowenig entgegen wie das Interesse des Arbeitgebers an

der gemeinsamen Fahrt. Die Beförderung der Arbeitnehmer möge zwar im Interesse des Arbeitgebers gelegen haben, weshalb er auch das Fahrzeug zur

Verfügung gestellt habe, doch werde sie dadurch nicht zum integrierten Bestandteil der Betriebsorganisation.

Nach der Neuregelung des Rechtes der gesetzlichen Unfallversicherung

zum 1. Januar 1997 sollten nach dem Willen des Gesetzgebers Wegeunfälle

vom Haftungsprivileg nicht mehr erfaßt sein, weil die betrieblichen Risiken dort

keine Rolle spielten. Deshalb seien vom Haftungsprivileg nach der Gesetzesbegründung diejenigen Betriebswege ausdrücklich ausgenommen, die nach

dem bis dahin geltenden Recht als Teilnahme am öffentlichen Verkehr behandelt worden seien.

Der unstreitige Teil der Verletzungen rechtfertige ein Schmerzensgeld

von 25.000

II.

Das angefochtene Urteil hält der revisionsrechtlichen Nachprüfung nicht

stand.

1. Ohne Erfolg rügt die Revision allerdings, das Berufungsgericht habe

verfahrensfehlerhaft ein Teilurteil erlassen, weil dadurch die Gefahr einander

widersprechender Entscheidungen entstanden sei. Es trifft zwar zu, daß ein Teil

eines einheitlichen Anspruchs, dessen Grund streitig ist, nur dann durch Teilurteil zugesprochen werden darf, wenn zugleich ein Grundurteil ergeht (BGHZ

107, 236, 242). Hier hat das Berufungsgericht aber in den Entscheidungsgründen des angegriffenen Urteils an zwei Stellen deutlich gemacht, daß die Klage

dem Grunde nach gerechtfertigt sei. Zum einen hat es ohne Einschränkung

festgestellt, daß der Kläger für den eingetretenen immateriellen Schaden hafte.

Zum anderen hat es den geltend gemachten materiellen Schaden voll zugesprochen. Somit liegt der Wille des Gerichts, auch über den hinsichtlich der

Schadensfolgen noch streitigen immateriellen Schaden dem Grunde nach zu

entscheiden, klar zutage. Auch wenn dies durch ein Versehen in der Urteilsformel nicht zum Ausdruck gekommen sein sollte, wäre eine Aufhebung des als

Teilurteil bezeichneten Urteils nicht erforderlich; vielmehr könnte die Urteilsformel nach § 319 ZPO berichtigt werden (vgl. BGH, Urteil vom 18. Juni 1964

- VII ZR 152/62 - NJW 1964, 1858). Unabhängig davon kann das Berufungsurteil aus sachlichen Gründen keinen Bestand haben.

2. Zu Recht macht die Revision geltend, ein Anspruch gegen die Beklagte bestehe nicht, weil dem bei ihr mitversicherten Fahrer das Haftungsprivileg der §§ 104, 105 SGB VII zugute komme.

Nach § 104 Abs. 1 Satz 1 SGB VII sind Unternehmer den Versicherten,

die für ihre Unternehmen tätig sind oder zu ihren Unternehmen in einer sonsti-

gen die Versicherung begründenden Beziehung stehen, sowie deren Angehörigen oder Hinterbliebenen nach anderen gesetzlichen Vorschriften zum Ersatz

des Personenschadens, den ein Versicherungsfall verursacht hat, nur verpflichtet, wenn sie den Versicherungsfall vorsätzlich oder auf einem nach § 8

Abs. 2 Nr. 1 bis 4 SGB VII versicherten Weg herbeigeführt haben. Gleiches gilt

nach § 105 Abs. 1 Satz 1 SGB VII für Personen, die durch eine betriebliche Tätigkeit einen Versicherungsfall von Versicherten desselben Betriebs verursacht

haben.

Unter den Umständen des zu entscheidenden Falles liegen die Voraussetzungen des Haftungsausschlusses nach den für den Senat bindenden, im

Revisionsverfahren nicht angegriffenen Feststellungen des Berufungsgerichts

vor.

a) Außer Streit steht zwischen den Parteien, daß der im selben Betrieb

wie der Kläger beschäftigte Fahrer den Verkehrsunfall am 26. Mai 1997 schuldhaft verursacht und dadurch einen Versicherungsfall des Klägers im Sinne der

§§ 7, 8 SGB VII herbeigeführt hat, ohne vorsätzlich zu handeln.

b) Zutreffend ist auch der rechtliche Ansatz des Berufungsgerichts, wonach zwischen Betriebswegen als versicherter Tätigkeit im Sinne des § 8 Abs. 1

SGB VII mit der Folge des Haftungsprivilegs und anderen, nach § 8 Abs. 2 Nr. 1

bis 4 SGB VII versicherten Wegen zu unterscheiden ist, für die ein Haftungsprivileg nicht besteht. Insoweit folgt das Berufungsgericht der grundlegenden Entscheidung BGHZ 145, 311, der auch der erkennende Senat sich anschließt.

Danach könnte zwar bei wörtlicher Auslegung der §§ 104 Abs. 1 Satz 1, 105

Abs. 1 Satz 1, 8 Abs. 2 Nr. 1 SGB VII anzunehmen sein, daß der Schädiger

seinem Kollegen bei Unfällen, die er ihm beim Zurücklegen des mit der versicherten Tätigkeit zusammenhängenden Weges nach und von dem Ort der Tä-

tigkeit zufügt, stets unbeschränkt haftet. Wie der Bundesgerichtshof jedoch in

dieser Entscheidung zutreffend dargelegt hat, ist bei der Auslegung dieser Vorschriften zu berücksichtigen, daß der Gesetzgeber ausweislich der Gesetzesmaterialien eine dem bis dahin geltenden Recht (§§ 636, 637 RVO) entsprechende Regelung hat schaffen wollen (vgl. BT-Drs. 13/2204, S. 77, 100). An

Stelle des nach §§ 636, 637 RVO maßgebenden Abgrenzungsmerkmals der

Teilnahme am allgemeinen Verkehr wird nunmehr darauf abgestellt, ob der

Unfall auf einem nach § 8 Abs. 2 Nr. 1 bis 4 SGB VII versicherten Weg eingetreten ist, weil die betrieblichen Risiken dort keine Rolle spielen. Diese Ausnahme von der Haftungsbeschränkung umfaßt jedoch nicht die Betriebswege,

die Teil der den Versicherungsschutz nach §§ 2, 3 oder 6 SGB VII begründenden Tätigkeit und damit bereits gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 SGB VII versicherte

Tätigkeit sind (vgl. BGHZ 145, 311, 313 f. m.w.N.).

c) Dem Berufungsgericht kann jedoch nicht darin gefolgt werden, dass

die Unfallfahrt nicht als Betriebsweg anzusehen sei. Die Beurteilung, ob der

Geschädigte den Unfall auf einem Betriebsweg oder einem Weg nach § 8

Abs. 2 Nr. 1 bis 4 SGB VII erlitten hat, ist in erster Linie dem Tatrichter vorbehalten und revisionsrechtlich nur eingeschränkt überprüfbar (vgl. Senatsurteile

vom 13. März 1973 - VI ZR 12/72 - VersR 1973, 467, 469 und vom 12. März

1974 -VI ZR 2/73 - VersR 1974, 784, 785). Zu prüfen hat das Revisionsgericht

jedoch, ob die Würdigung durch das Berufungsgericht auf einer rechtsfehlerhaften Abgrenzung dieser Begriffe zueinander beruht. Das ist hier der Fall.

aa) Im Ansatz zutreffend zieht das Berufungsgericht für die Abgrenzung,

ob der Versicherungsfall auf einem Betriebsweg oder einem von der Haftungsbeschränkung ausgenommenen versicherten Weg nach § 8 Abs. 2 Nr. 1 bis 4

SGB VII eingetreten ist, die Kriterien heran, die von der Rechtsprechung für das

frühere Abgrenzungsmerkmal des § 637 RVO zwischen privilegierten und nicht

privilegierten Wegen nämlich die Teilnahme am allgemeinen Verkehr entwickelt worden sind (vgl. BGHZ 145, 311, 314 f. m.w.N.; OLG Stuttgart, VersR

2003, 71, 72 mit Nichtannahmebeschluß des Senats vom 7. Mai 2002

- VI ZR 349/01 -; LAG Niedersachsen, LAGE SGB VII § 105 Abs. 1 Nr. 5,

S. 4 ff. m.w.N.; vgl. auch BSG, Urteile vom 14. Dezember 1999 - B 2 U 3/99 R -

SozR 3 - 2700 § 8 SGB VII Nr. 1 S. 2 und vom 24. Juni 2003 - B 2 U 40/02 R

ZfS 2003, 241). An den Grundsätzen dieser Rechtsprechung hält der erkennende Senat nach Prüfung der im Schrifttum vertretenen unterschiedlichen

Auffassungen fest (vgl. Brackmann/Krasney, Handbuch der Sozialversicherung,

Band 3/2, Gesetzliche Unfallversicherung SGB VII -, 12. Aufl., Stand: Juli

2003, § 104 Rdn. 23 m.w.N.; Hauck/Nehls, SGB VII, 1. Band, Stand: Juni 2003,

K § 104 Rdn. 30; Hebeler, VersR 2001, 951, 953; Kater/Leube, Gesetzliche

Unfallversicherung SGB VII, 1997, § 104 Rdn. 40; Lauterbach/Dahm, Unfallversicherung, Sozialgesetzbuch VII, Band 1, 4. Aufl., Stand: Januar 2003, § 104

Rdn. 24 f.; Lemcke, Recht und Schaden 2000, 488 f.; Marschner, Betriebs-

Berater 1996, 2090; Maschmann, SGb 1998, 54, 56 f.; Müller, NZV 2001,

366 f.; Ricke VersR 2003, 540, 541 ff.; Rolfs NJW 1996, 3177, 3179; Schmitt,

SGB VII, Gesetzliche Unfallversicherung, 1998, § 104 Rdn. 18). Aus der Gesetzesbegründung zu §§ 104, 105 SGB VII ergibt sich nicht, daß der Begriff des

Betriebswegs anders als bisher zu verstehen wäre. Aus ihr ist nur zu ersehen,

daß der Gesetzgeber die Entsperrung der Haftung als Ausnahme angesehen

hat und die Haftung insgesamt weiter reichen sollte als nach §§ 636, 637 RVO,

wobei Betriebswege generell unter das Haftungsprivileg fallen sollen (BT-Drs.

13/2204, S. 100; Nachweise in: Stand der Gesetzgebung des Bundes, Abschlußband 13. Wahlperiode, 1 - G 20).

bb) Unter Zugrundelegung der bisherigen Rechtsprechung ist ein nach §

8 Abs. 1 SGB VII versicherter Betriebsweg nicht schon dann anzunehmen,

wenn mit der Fahrt die Förderung eines betrieblichen Interesses verbunden ist.

Dieses Kriterium kann zwar Bedeutung für die Einordnung der schädigenden

Tätigkeit als betriebliche und des Unfalls als Arbeitsunfall haben (vgl. Senatsurteil vom 2. März 1971 - VI ZR 146/69 - VersR 1971, 564, 565; BAG, Urteil

vom 14. März 1974 - 2 AZR 155/73 - VersR 1974, 1077). Zur Abgrenzung der

Unfälle, die als Betriebsweg unter das Haftungsprivileg der §§ 104 ff. SGB VII

fallen, von sonstigen Wegeunfällen im Sinne des § 8 Abs. 2 Nr. 1 bis 4 SGB VII,

bei denen eine Entsperrung der Haftung erfolgt, genügt es aber nicht. Von einem Unfall auf einem Betriebsweg ist vielmehr nur dann auszugehen, wenn die

gemeinsame Fahrt der Arbeitskollegen selbst als Teil des innerbetrieblichen

Organisations- und Funktionsbereichs erscheint (vgl. Senatsurteil BGHZ 116,

30, 34 f.).

Rückschlüsse darauf, unter welchen Voraussetzungen dies der Fall ist,

ergeben sich aus dem Grund für die in den §§ 104 ff. SGB VII grundsätzlich

vorgesehene Haftungseinschränkung. Deren Rechtfertigung beruht maßgeblich

auf dem die gesetzliche Unfallversicherung mittragenden Gedanken der Haftungsablösung durch die alleinige Beitragspflicht des Arbeitgebers. Die §§

104 ff. SGB VII dienen seinem Schutz, indem seine Haftung - auch hinsichtlich

eventueller Freistellungs- oder Erstattungsansprüche der bei einer betrieblichen

Tätigkeit schädigenden Arbeitskollegen - durch die Einstandspflicht der gesetzlichen Unfallversicherung beschränkt wird. Dadurch erfolgt ein dem Interesse

des Unfallverletzten gerecht werdender Schadensausgleich. Zugleich wird das

Risiko von Arbeitsunfällen für den Arbeitgeber kalkulierbar und der Betriebsfrieden innerhalb der betrieblichen Gefahrengemeinschaft gewahrt (vgl. BVerfGE

34, 118, 132, 136 f.; BAG, Urteil vom 14. Dezember 2000 - 8 AZR 92/00 -

VersR 2001, 720; Eichenhofer, Sozialrecht, 4. Aufl., 2003, Rdn. 412; Gitter in:

Festschrift für Günther Wiese, 1998, S. 131 f.). Der Gedanke des kalkulierbaren

Risikos kommt auch in § 162 SGB VII zum Ausdruck. Nach § 162 Abs. 1 Satz 2

SGB VII bleiben nämlich bei der Berechnung von Beitragszuschlägen und

-nachlässen Wegeunfälle nach § 8 Abs. 2 Nr. 1 bis 4 SGB VII außer Ansatz,

wohingegen Schäden aus Unfällen auf Betriebswegen grundsätzlich in die Beitragsberechnung einzubeziehen sind; der Träger der Unfallversicherung kann

sie lediglich durch Satzung herausnehmen 162 Abs. 1 Satz 3 SGB VII).

Bei dieser Sachlage ist auch nach neuem Recht ein Weg dann als Teil

des innerbetrieblichen Organisations- und Funktionsbereichs und mithin als

Betriebsweg anzusehen, wenn eine Fahrt maßgeblich durch die betriebliche

Organisation geprägt ist, insbesondere indem sie durch die Organisation

(Werkverkehr, Einsatz eines betriebseigenen Fahrzeugs, Fahrt auf dem Werksgelände) als innerbetrieblicher bzw. innerdienstlicher Vorgang gekennzeichnet

oder durch Anordnung des Dienstherrn zur innerbetrieblichen bzw. innerdienstlichen Aufgabe erklärt worden ist (vgl. Senatsurteile BGHZ 8, 330, 337; BGHZ

116, 30, 35; vom 19. Dezember 1967 - VI ZR 6/66 - VersR 1968, 353, 354; vom

22. Oktober 1968 - VI ZR 173/67 - VersR 1968, 1193, 1194 f.; vom 8. Mai 1973

- VI ZR 148/72 - VersR 1973, 736; Sächsisches LAG, Urteil vom 26. Juni 2002

- 2 Sa 597/01 - HVBG-INFO 2003, 729 die gegen dieses Urteil gerichtete Revision hat das BAG durch das noch nicht veröffentlichte Urteil vom 30. Oktober

2003 - 8 AZR 548/02 - zurückgewiesen). In diesen Fällen ist nach der ratio legis

der §§ 104 ff. SGB VII eine Haftungseinschränkung geboten, weil sich aufgrund

der bestehenden betrieblichen Gefahrengemeinschaft ein betriebsbezogenes

Haftungsrisiko verwirklicht hat, von dem der Unternehmer auch hinsichtlich

eventueller Freistellungs- oder Erstattungsansprüche grundsätzlich befreit werden soll.

cc) Nach diesen Grundsätzen kommt der erkennende Senat im Streitfall

aufgrund der tatsächlichen Feststellungen des Berufungsgerichts zum Ergebnis, dass die Unfallfahrt als Betriebsweg anzusehen ist.

Der vorliegende Sachverhalt ist maßgeblich dadurch geprägt, daß der

Kläger und seine Arbeitskollegen mit einem Sammeltransport in einem betriebseigenen Fahrzeug und mit einem betriebsangehörigen Fahrer zu einer

auswärtigen betrieblichen Baustelle und von dort wieder nach Hause gefahren

wurden. Der Arbeitgeber hat also auf die Unfallfahrt organisatorisch Einfluß genommen, indem er ein betriebseigenes, vom Betrieb unterhaltenes Fahrzeug zu

diesem Zweck zur Verfügung stellte und seinen Arbeitnehmern die Möglichkeit

einräumte, sich mit diesem Fahrzeug von einem Arbeitskollegen zu ihrem Einsatzort fahren zu lassen. Dadurch bestimmte er in unfallversicherungsrechtlich

relevanter Weise die für eine Haftung des Arbeitskollegen und seine eigene

Haftung als Fahrzeughalter maßgeblichen risikoprägenden Faktoren mit. Damit

korrespondiert es, daß der Kläger den Unfall gerade infolge seiner Eigenschaft

als Betriebsangehöriger erlitten hat. Er hat nämlich bei der Unfallfahrt an einer

Beförderung teilgenommen, die mit Rücksicht auf den Betrieb und die beruflichen Aufgaben der Betriebsangehörigen vom Arbeitgeber eröffnet war und sich

hierdurch grundsätzlich von einer privat organisierten Fahrt im eigenen Fahrzeug oder einem öffentlichen Verkehrsmittel unterscheidet (vgl. Senatsurteil

BGHZ 8, 330, 338).

Unter diesen Umständen erscheint die gemeinsame Fahrt der Arbeitskollegen selbst als Teil des innerbetrieblichen Organisations- und Funktionsbereichs. Es wurde nämlich durch die getroffene unternehmerische Entscheidung

sichergestellt, daß die Arbeitnehmer regelmäßig zum gleichen Zeitpunkt an der

auswärtigen Arbeitsstelle eintrafen, gleichzeitig die Arbeit aufnehmen konnten

und dadurch der Arbeitsablauf reibungslos gestaltet wurde.

Demgegenüber spielt es keine Rolle, daß eine Anordnung des Unternehmers, die angebotene Fahrtmöglichkeit zu nutzen, nicht vorlag. Entscheidend ist vielmehr, daß der Kläger die vom Arbeitgeber eröffnete Möglichkeit zur

Mitfahrt in dem betriebseigenen Fahrzeug tatsächlich in Anspruch genommen

und sich somit in die betrieblichen Abläufe und die betriebliche Gefahrengemeinschaft eingegliedert hat. Dadurch entschied er sich dafür, die Anfahrt zur

auswärtigen Arbeitsstelle nicht privat zu organisieren, sondern vielmehr das

Angebot einer betrieblich organisierten Sammelfahrt in Anspruch zu nehmen.

Bei einer solchen Fallgestaltung entspricht es der ratio legis der §§ 104 ff. SGB

VII, den Unternehmer und die schädigenden Arbeitskollegen von dem damit

verbundenen Risiko freizustellen und dadurch auch den Betriebsfrieden zu

wahren. Diese grundsätzliche Wertung der Interessenlage wird auch nicht dadurch in Frage gestellt, daß der Kläger und seine Kollegen die Einzelheiten der

Fahrt frei gestalten konnten. Dadurch verliert das Gesamtgepräge der Fahrt

nicht den Charakter einer betrieblich organisierten Sammelfahrt. Es entspricht

vielmehr einer modernen Unternehmensführung, die Einzelheiten der vom Betrieb eröffneten Beförderungsmöglichkeit den Arbeitnehmern zu überlassen, die

dann vor Ort flexibel auf kurzfristig eingetretene Umstände reagieren können.

III.

Da weitere Feststellungen zur Sache nicht erforderlich sind, macht der

Senat von der Möglichkeit Gebrauch, nach § 563 Abs. 3 ZPO selbst in der Sache zu entscheiden.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 Abs. 1 ZPO.

Müller Wellner Diederichsen

Stöhr Zoll

Urteil vom 29.09.2016

X ZR 58/14 vom 29.09.2016

Urteil vom 06.10.2016

I ZR 97/15 vom 06.10.2016

Urteil vom 09.11.2016

5 StR 425/16 vom 09.11.2016

Anmerkungen zum Urteil