Urteil des BGH vom 28.10.2008, VI ZR 327/08

Entschieden
28.10.2008
Schlagworte
Gesetzliche grundlage, Einsichtsrecht, Verhältnis zu, Persönliche daten, Vorschrift, Verbindung, Einsichtnahme, Einwilligung, Krankenversicherer, Schweigepflicht
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BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

VI ZR 327/08 Verkündet am: 23. März 2010 Holmes, Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: nein

BGHR: ja

SGB X § 116 Abs. 1 Satz 1; BGB §§ 401 Abs. 1, 412; SGB V § 294a

a) Liegt eine Einwilligung des Heimbewohners oder seines gesetzlichen Betreuers vor, kann dem Krankenversicherer aus übergegangenem Recht gemäß § 116 Abs. 1 SGB X in Verbindung mit §§ 401 Abs. 1 analog, 412 BGB

ein Anspruch auf Herausgabe von Kopien der Pflegedokumentation gegen

Kostenerstattung zustehen (vgl. Senatsurteil vom 23. März 2010 - VI ZR

249/08, zur Veröffentlichung in BGHZ vorgesehen).

b) § 294a SGB V ist nicht entsprechend auf die Einsicht in Pflegedokumentationen anwendbar.

BGH, Urteil vom 23. März 2010 - VI ZR 327/08 - LG Essen AG Essen

Der VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 23. März 2010 durch den Vorsitzenden Richter Galke, den Richter Wellner,

die Richterin Diederichsen und die Richter Pauge und Stöhr

für Recht erkannt:

Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil der 15. Zivilkammer

des Landgerichts Essen vom 28. Oktober 2008 aufgehoben.

Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch

über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

Die Klägerin nimmt als gesetzlicher Krankenversicherer den Beklagten 1

zum Zweck der Prüfung von Schadensersatzansprüchen auf Herausgabe von

Kopien der Pflegedokumentation einer bei ihr versicherten Heimbewohnerin in

Anspruch.

2Die Versicherte erhält seit Jahren vollstationäre Pflegeleistungen in einem Seniorenzentrum, dessen Träger der Beklagte ist. Sie ist schwerstpflegebedürftig und kann insbesondere Lageveränderungen im Bett nur mit personeller Hilfe vornehmen.

3Die Versicherte wurde am 21. November 2006 wegen eines Sakraldekubitus stationär in eine Klinik aufgenommen und operiert. Die infolge des Durchliegegeschwürs entstandenen Aufwendungen hat die Klägerin getragen. Vorprozessual haben der Beklagte und sein Haftpflichtversicherer die Übermittlung

der Pflegedokumentation abgelehnt.

4Das Amtsgericht hat den Beklagten antragsgemäß verurteilt, die (im Einzelnen aufgelistete) Pflegedokumentation betreffend den Aufenthalt der Versicherten im Seniorenzentrum für die Zeit vom 1. August 2006 bis einschließlich

30. November 2006 zur Einsichtnahme in Kopie zu übermitteln. Auf die Berufung der Beklagten hat das Berufungsgericht die Klage abgewiesen. Mit der

vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt die Klägerin ihr Begehren

auf Übermittlung einer Kopie der Pflegedokumentation für die Zeit vom

1. August 2006 bis einschließlich 30. November 2006 weiter.

Entscheidungsgründe:

I.

5Das Berufungsgericht hat ausgeführt, dass die Versicherte den Beklagten ausdrücklich von der Schweigepflicht entbunden habe, bedeute nicht, dass

sie ihn ermächtigt habe, das ihr zustehende Einsichtsrecht auszuüben. An der

Wirksamkeit einer solchen Ermächtigung bestünden auch Zweifel, weil die Versicherte unwidersprochen hinsichtlich Ort, Zeit und Person desorientiert sei.

Ein Einsichtsrecht der Klägerin ergebe sich nicht aus § 116 Abs. 1 6

Satz 1 SGB X in Verbindung mit §§ 401, 412 BGB. Nach diesen Vorschriften

gingen Auskunftsansprüche zu einem eventuell übergegangenen Schadensersatzanspruch der Versicherten wegen schlechter Pflegeleistungen zwar grund-

sätzlich als Hilfsrechte mit über, soweit sie zur Durchsetzung der Forderung

benötigt würden. Das sei hier indes nicht der Fall, weil es sich bei dem Einsichtsrecht des Pflegeheimbewohners in die Pflegedokumentation um einen aus

dem Selbstbestimmungsrecht und der personalen Würde des Betroffenen resultierenden persönlichen Anspruch handle, für den ein Übergang nach § 399

BGB ausgeschlossen sei.

7§ 294a SGB V scheide als unmittelbare Anspruchsgrundlage für ein Einsichtsrecht der Klägerin in die Pflegedokumentation aus, weil diese Vorschrift

nicht für das Seniorenzentrum gelte. Eine analoge Anwendung dieser Vorschrift

auf Pflegeheime komme nicht in Betracht. Krankenkassen hätten zwar gegenüber den Pflegeeinrichtungen anders als gegenüber ärztlichen Einrichtungen

keinen Einsichtsanspruch; insoweit sei aber nicht von einer dem Gesetzgeber

unbewussten oder versteckten Gesetzeslücke auszugehen.

II.

Das Berufungsurteil hält einer revisionsrechtlichen Überprüfung nicht 8

stand.

1. Wie der erkennende Senat in dem Parallelurteil vom heutigen Tag - VI 9

ZR 249/08, vorgesehen zur Veröffentlichung in BGHZ - entschieden hat, steht

dem Krankenversicherer entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts

grundsätzlich ein Anspruch auf Herausgabe von Kopien der Pflegedokumentation aus übergegangenem Recht gemäß § 116 Abs. 1 SGB X in Verbindung mit

§§ 401 Abs. 1 analog, 412 BGB wegen eines möglichen Schadensersatzanspruchs der Versicherten aus einer Verletzung des Heimvertrags bzw. § 823

Abs. 1 BGB zu.

a) Ein auf anderen gesetzlichen Vorschriften beruhender Anspruch auf 10

Ersatz eines Schadens geht nach § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X auf den Versicherungsträger über, soweit dieser aufgrund des Schadensereignisses Sozialleistungen zu erbringen hat, die der Behebung eines Schadens der gleichen Art

dienen und sich auf denselben Zeitraum wie der vom Schädiger zu leistende

Schadensersatz beziehen. Nach dieser Vorschrift ist auch beim Forderungsübergang auf den Sozialversicherungsträger Gegenstand der Ersatzpflicht nur

der Schaden des Verletzten. Der Sozialversicherungsträger nimmt den Ersatzpflichtigen nicht auf Ersatz eines eigenen "Schadens" in Gestalt seiner durch

den Versicherungsfall ausgelösten, vom Gesetzgeber angeordneten Leistungspflichten in Anspruch, sondern verlangt eine Erstattung seiner Aufwendungen

insoweit, als ein Schadensersatzanspruch des Versicherten gegen einen Dritten

besteht.

b) Im Streitfall stellen das Berufungsgericht und die Revisionserwiderung 11

nicht in Frage, dass der geschädigten Heimbewohnerin ein Schadensersatzanspruch wegen schlechter Pflegeleistungen zustehen kann, der auf die Klägerin

nach § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X übergegangen wäre. Das Berufungsgericht

geht auch davon aus, dass dem Heimbewohner grundsätzlich ein eigenes Einsichtsrecht in die über ihn geführte Pflegedokumentation entsprechend dem

Einsichtsrecht des Patienten in die Krankenunterlagen als Nebenanspruch aus

dem Behandlungs- bzw. Heimvertrag zusteht (vgl. Harsdorf-Gebhardt PflR

1999, 252 ff.). Dagegen ist revisionsrechtlich nichts zu erinnern. Nach der

Rechtsprechung des erkennenden Senats und des Bundesverfassungsgerichts

hat der Patient gegenüber Arzt und Krankenhaus auch außerhalb eines

Rechtsstreits als Ausfluss seines Rechts auf Selbstbestimmung und personale

Würde grundsätzlich einen Anspruch auf Einsicht in die ihn betreffenden Krankenunterlagen, ohne dafür ein besonderes rechtliches Interesse darlegen zu

müssen (vgl. Senat, BGHZ 85, 327, 332; 106, 146, 148; Urteil vom 31. Mai

1983 - VI ZR 259/81 - VersR 1983, 834, 835; BVerfG NJW 1999, 1777; 2006,

1116, 1117). Die hierfür maßgeblichen Gesichtspunkte gelten auch für das

Recht des Heimbewohners auf Einsichtnahme in seine Pflegedokumentationen.

Auch diese enthalten höchstpersönliche Angaben über den Bewohner und berühren in starkem Maße dessen Selbstbestimmungs- und Persönlichkeitsrecht

(Art. 1 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 2 Abs. 1 GG). Die Pflegedokumentation ist

eine unverzichtbare Informationsquelle für alle am Pflegeprozess Beteiligten

und dient auch dem Nachweis, dass der Heimbewohner die ihm nach dem Inhalt des Heimvertrags zustehenden Leistungen vom Pflegeheimträger erhalten

und letzterer seinen Verpflichtungen ihm gegenüber nachgekommen ist. Insoweit hat sie dem Heimbewohner gegenüber auch eine wichtige Schutzfunktion

(vgl. Harsdorf-Gebhardt PflR 1999, 252 f.; Klie/Krahmer-Klie, Sozialgesetzbuch

XI, 3. Aufl., § 113 Rn. 7a).

12Soweit für eine Einsichtnahme in die Pflegedokumentationen die Darlegung eines sachlichen Interesses gefordert wird (so Harsdorf-Gebhardt, aaO,

253, 256), gibt der Streitfall keinen Anlass, dies abschließend zu klären. Ein

sachliches Interesse der geschädigten Versicherten für eine Einsichtnahme in

die über sie geführte Pflegedokumentation ist nämlich schon wegen des erlittenen Sakraldekubitus mit der deshalb notwendigen Krankenhausbehandlung

gegeben.

132. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts konnte das Einsichtsrecht der Geschädigten bzw. deren Anspruch auf Herausgabe von Kopien der

Pflegedokumentation im Streitfall grundsätzlich auch auf die Klägerin übergehen. Ein solcher Übergang auf den gesetzlichen Krankenversicherer ist grundsätzlich gemäß § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X in Verbindung mit §§ 401 Abs. 1

analog, 412 BGB möglich.

14a) Nach § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X wären etwaige Schadensersatzansprüche der Geschädigten auf die Klägerin übergegangen. Mit dem Übergang

der Hauptforderung gehen nach §§ 401 Abs. 1 analog, 412 BGB auch solche

Nebenrechte auf den neuen Gläubiger über, die zwar nicht in § 401 BGB ausdrücklich genannt sind, aber gleichwohl der Verwirklichung und Sicherung einer

Forderung dienen. Die Vorschrift des § 401 BGB ist nämlich ihrem Zweck entsprechend auf alle der Verstärkung der Forderung dienenden Nebenrechte

auszudehnen, soweit nicht besondere Rechtsgrundsätze dem entgegen stehen.

Dies gilt insbesondere auch für Hilfsrechte, die zur Durchsetzung der Forderung

erforderlich sind oder der leichteren Verwirklichung des Hauptanspruchs dienen, wie Ansprüche auf Auskunftserteilung oder Einsichtnahme. Solche Rechte

können nicht selbständig abgetreten werden, sondern gehen grundsätzlich mit

dem Hauptanspruch auf den neuen Gläubiger über (vgl. BGH, Beschlüsse vom

16. Juni 2000 - BLw 30/99 - ZIP 2000, 1444; vom 18. Juli 2003 - IXa ZB

148/03 - NJW-RR 2003, 1555, 1556; BSGE 98, 142 Rn. 14; OLG München

VersR 1985, 846; MünchKommBGB/Roth, § 401 Rn. 8; Palandt/Grüneberg,

BGB, 69. Aufl., § 401 Rn. 4; Staudinger/Busche, BGB, Neubearbeitung 2005,

§ 401 Rn. 28, 34 m.w.N.; Wessel ZfS 2002, 461 f.). Dieser Übergang der verstärkenden Nebenrechte erfolgt gemäß § 412 BGB auch bei einem Übergang

der Hauptforderung kraft Gesetzes (vgl. BGHZ 19, 177, 179; 46, 14 f.;

KassKomm/Kater, SGB X, § 116 Rn. 141).

15b) Ein solcher Übergang konnte entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts auch im Streitfall erfolgen.

aa) Zwar wird die grundsätzlich bestehende Nebenpflicht, Einsicht in die 16

ihn betreffenden Krankenunterlagen oder Pflegedokumentationen zu gewähren,

aus dem Selbstbestimmungsrecht und der personalen Würde des Patienten

oder Heimbewohners abgeleitet. Das besagt aber noch nicht, dass dieser Ver-

tragsanspruch damit in vollem Umfang ein "höchstpersönlicher" sei, der gemäß

§§ 399, 412 BGB nicht ganz oder teilweise auf andere übergehen könnte. Vielmehr darf der vertragliche Nebenanspruch auch legitimen wirtschaftlichen Belangen dienstbar gemacht werden, wie etwa der Klärung von Schadensersatzansprüchen sowohl gegen andere Ärzte als auch gegen den auf Einsichtsgewährung in Anspruch genommenen Arzt selbst. Jedenfalls insoweit hat der Einsichtsanspruch auch eine vermögensrechtliche Komponente, so dass sein Ü-

bergang auf die Erben als möglich angesehen wurde 1922 BGB), soweit

nicht das Wesen des Anspruchs aus besonderen Gründen einem Gläubigerwechsel entgegen steht (vgl. Senat, Urteil vom 31. Mai 1983 - VI ZR 259/81 -

aaO; OLG München VersR 2009, 982; Schultze-Zeu VersR 2009, 1050 ff.).

Solche Gründe wurden bei der Prüfung eines auf die Erben übergegangenen

Einsichtsanspruchs in dem Rechtsinstitut der ärztlichen Schweigepflicht gesehen, die grundsätzlich nur durch Entbindung seitens des Geheimhaltungsberechtigten gelöst werden dürfe. Die Pflicht des Arztes zur Verschwiegenheit gelte im Grundsatz auch im Verhältnis zu nahen Angehörigen des Patienten und

dürfe ihnen gegenüber nur ausnahmsweise und nur im vermuteten Einverständnis des Patienten gebrochen werden, soweit einer ausdrücklichen Befreiung Hindernisse entgegen stünden (vgl. Senat, Urteil vom 31. Mai 1983 - VI ZR

259/81 - aaO; OLG München, aaO, 983).

17In diesem Zusammenhang ist bei der Einsicht in eine Pflegedokumentation das Grundrecht des Heimbewohners auf informationelle Selbstbestimmung

zu beachten, das die Befugnis des Einzelnen gewährleistet, über die Preisgabe

und Verwendung seiner persönlichen Daten grundsätzlich selbst zu bestimmen

(vgl. BVerfGE 65, 1, 43; 78, 77, 84; 80, 367, 373; BVerfG NJW 2006, 1116,

1117), also auch die Freiheit, persönliche Daten zu offenbaren (vgl. BVerfG

VersR 2006, 1669, 1671). Hieraus folgt, dass das Einsichtsrecht in eine Pflegedokumentation nach § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB V, §§ 401 Abs. 1 analog, 412

BGB nur dann auf den gesetzlichen Krankenversicherer übergehen kann, wenn

eine Einwilligung des Heimbewohners vorliegt oder zumindest von seinem vermuteten Einverständnis auszugehen ist, soweit einer ausdrücklichen Befreiung

Hindernisse entgegen stehen (vgl. Schultze-Zeu, aaO, 1051 ff.).

18bb) Das Berufungsgericht hat die vorstehend geschilderte Rechtsprechung zur Prüfung eines auf die Erben übergegangenen Einsichtsanspruchs

gesehen, jedoch gemeint, diese sei auf das begehrte Einsichtsrecht einer Krankenkasse nicht übertragbar. Für dieses Einsichtsrecht bedürfe es vielmehr einer

gesetzlichen Regelung. Dies trifft indes bei Beachtung der vorstehend dargelegten Voraussetzungen für einen Übergang des Einsichtsrechts in Krankenunterlagen oder Pflegedokumentationen auf den gesetzlichen Krankenversicherer

nicht zu.

Soweit gegen die Übergangsfähigkeit des Nebenrechts auf Einsicht bei 19

einer begehrten Einsicht in Krankenunterlagen eingewendet wird, die Rechte

der Krankenkassen auf Information und Auskunft zur Prüfung der Regressmöglichkeit nach § 116 SGB X seien im SGB V, insbesondere in § 294a, genauestens geregelt und eine Umgehung dieser datenschutzrechtlich ausgerichteten

Bestimmungen durch zivilrechtliche Regelungen würde die gesamte Systematik

des Sozialrechts konterkarieren (so Bergmann KH 2008, 825, 830), beachtet

diese Argumentation nicht den grundsätzlichen Unterschied zwischen den sozialrechtlichen und den zivilrechtlichen Bestimmungen.

20Die sozialrechtliche Regelung in § 294a SGB V dient dazu, durch Schaffung einer gesetzlichen Übermittlungs- und Offenbarungsbefugnis den gesetzlichen Krankenkassen einen eigenen Anspruch auf Mitteilung von Krankheitsursachen und drittverursachten Gesundheitsschäden zu geben und den damit

verbundenen Eingriff in die informationelle Selbstbestimmung des Patienten

und die korrespondierende ärztliche Schweigepflicht zu rechtfertigen. Sie verpflichtet u.a. Vertragsärzte, unaufgefordert den Krankenkassen Angaben über

Ursachen und mögliche Verursacher mitzuteilen, wenn aus ihrer Sicht Hinweise

auf drittverursachte Gesundheitsschäden vorliegen. Der verpflichtete Leistungserbringer muss also von sich aus oder gegebenenfalls auf Anforderung

der Krankenkassen die erforderlichen Daten mitteilen, ohne dass eine Zustimmung oder Schweigepflichtentbindungserklärung des Versicherten erforderlich

ist (vgl. KassKomm/Hess, SGB V, Stand: März 2007, § 294a Rn. 1 f.; Krauskopf/Schneider, Soziale Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Stand: Februar 2009, § 294a SGB V Rn. 2 f., 8 f., 12; Schultze-Zeu, aaO, 1053). Diese

sozialrechtliche Mitteilungspflicht ist von dem nach § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X,

§§ 401 Abs. 1 analog, 412 BGB übergehenden zivilrechtlichen Einsichtsrecht zu

unterscheiden, bei dem es sich nicht um ein eigenes Recht der Krankenkassen

handelt, sondern um ein Einsichtsrecht, das nur dem Zweck dient, als Hilfsrecht

eine Prüfung des eventuellen, auf die Krankenkassen übergegangenen Schadensersatzanspruchs des Geschädigten zu ermöglichen. Insoweit wird das informationelle Selbstbestimmungsrecht durch die nach den vorstehenden Ausführungen erforderliche tatsächliche oder mutmaßliche Einwilligung des Versicherten gewahrt. Die bei § 294a SGB V maßgebliche Erwägung des Gesetzgebers, für die Verpflichtung zur Übermittlung personenbezogener Daten eine gesetzliche Grundlage zu schaffen (vgl. BT-Drucks. 15/1525, S. 146), gilt hier

nicht.

213. Nach den bisher vom Berufungsgericht getroffenen Feststellungen

steht allerdings nicht fest, dass eine wirksame Entbindung von der Schweigepflicht und Einwilligung in die Einsicht in die Pflegedokumentationen durch die

Klägerin vorliegt. Für das Berufungsgericht ist nämlich zweifelhaft, ob die Entbindung der Beklagten von der Schweigepflicht durch die bei der Klägerin versicherte Heimbewohnerin wirksam ist, weil diese hinsichtlich Ort, Zeit und Person

desorientiert ist. Von seiner Rechtsauffassung her folgerichtig hat es darüber

hinaus keine weiteren Feststellungen hinsichtlich der für eine wirksame Entbindung von der Schweigepflicht und Einwilligung in die Einsichtnahme erforderlichen Einsichts- und Urteilsfähigkeit der Versicherten (vgl. Münch-

KommStGB/Ciernak, § 203 Rn. 57; Schönke/Schröder/Lenckner, StGB,

27. Auf., § 203 Rn. 24 und Vorbem. §§ 32 ff. Rn. 39 ff. m.w.N.) getroffen. Eine

abschließende Entscheidung ist dem erkennenden Senat somit hinsichtlich eines möglicherweise auf die Klägerin übergegangenen Anspruchs auf Einsichtnahme gemäß § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X in Verbindung mit §§ 401 Abs. 1 a-

nalog, 412 BGB nicht möglich, weil das Berufungsgericht weitere Feststellungen

zur Einsichts- und Urteilsfähigkeit der Versicherten oder gegebenenfalls zu einer Schweigepflichtentbindungserklärung und Herausgabegenehmigung seitens

eines gesetzlichen Betreuers nachholen muss.

224. Eine solche wirksame Einwilligung des betroffenen Heimbewohners

oder seines gesetzlichen Betreuers ist nicht entbehrlich, weil entgegen der Auffassung der Klägerin keine gesetzliche Grundlage für einen eigenen, originären

Anspruch einer Krankenkasse auf Übermittlung der erforderlichen Unterlagen

gegeben ist. § 294a SGB V scheidet als unmittelbare Anspruchsgrundlage aus,

weil Pflegeeinrichtungen von dieser Vorschrift nicht erfasst sind. Eine im Schrifttum teilweise befürwortete analoge Anwendung dieser Vorschrift auf die Einsicht in Pflegedokumentationen (vgl. zum Meinungsstand Bergmann KH 2008,

825; Hauser KH 2005, 128; Kunz KHR 2009, 85; Marburger, Die Leistungen

2007, 129; Schultze-Zeu/Riehn VersR 2007, 467; Schultze-Zeu VersR 2009,

1050; Smentkowski VersR 2008, 465) kommt unabhängig von dem in erster

Linie von den Sozialgerichten zu klärenden Ermächtigungsumfang dieser Vorschrift nicht in Betracht. Auch bei der Prüfung einer analogen Anwendung des

§ 294a SGB V ist das Grundrecht des Heimbewohners auf informationelle

Selbstbestimmung zu beachten, das die Befugnis des Einzelnen gewährleistet,

über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten grundsätzlich

selbst zu bestimmen (vgl. BVerfGE 65, 1, 43; 78, 77, 84; 80, 367, 373; BVerfG

NJW 2006, 1116, 1117). Dies erfordert eine gesetzliche Ermächtigung der

Krankenkasse zur Einsicht in die in einer Pflegedokumentation vorhandenen,

für den betroffenen Heimbewohner sensiblen Sozialdaten (vgl. § 67 Abs. 1 SGB

X; Bergmann KH 2008, 825, 826; Kunz KHR 2009, 85, 86), wenn keine wirksame Einwilligung des Betroffenen oder seines gesetzlichen Betreuers vorliegt.

Aus diesem Grund hat der Gesetzgeber durch das Gesetz zur Modernisierung

der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Modernisierungsgesetz - GMG)

vom 14. November 2003 (BGBl. I 2003, 2190) die Vorschrift des § 294a SGB V

in das Sozialgesetzbuch V - Gesetzliche Krankenversicherung - eingefügt, um

für die Verpflichtung zur Übermittlung personenbezogener Daten an den Krankenversicherer ohne Zustimmung des Patienten eine gesetzliche Grundlage zu

schaffen (vgl. BT-Drucks. 15/1525, S. 146). Eine entsprechende Mitteilungspflicht für Pflegeeinrichtungen wurde bisher nicht in das Sozialgesetzbuch aufgenommen, obwohl im Schrifttum auf die für Pflegeeinrichtungen bestehende

Gesetzeslücke hingewiesen und dem Gesetzgeber zur Schließung dieser Lücke

ein Gesetzesvorschlag unterbreitet worden ist (vgl. Schultze-Zeu/Riehn VersR

2007, 467, 470).

23Mithin kommt für die Klägerin nur ein möglicher Anspruch auf Einsicht in

die Pflegedokumentation aus § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X in Verbindung mit

§§ 401 Abs. 1 analog, 412 BGB in Betracht, für dessen Vorliegen weitere Feststellungen durch das Berufungsgericht erforderlich sind.

Galke Wellner Diederichsen

Pauge Stöhr

Vorinstanzen:

AG Essen, Entscheidung vom 03.04.2008 - 18 C 462/07 -

LG Essen, Entscheidung vom 28.10.2008 - 15 S 120/08 -

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Anmerkungen zum Urteil