Urteil des BGH vom 30.10.2008
BGH (misshandlung, kind, strafkammer, tod, zeitpunkt, entstehen, koma, verurteilung, täterschaft, prüfung)
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
3 StR 47/09
vom
3. März 2009
in der Strafsache
gegen
wegen Körperverletzung mit Todesfolge
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Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des Generalbun-
desanwalts und des Beschwerdeführers am 3. März 2009 gemäß § 349 Abs. 4
StPO einstimmig beschlossen:
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts
Hildesheim vom 30. Oktober 2008 mit den Feststellungen aufge-
hoben.
Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch
über die Kosten des Rechtsmittels und die dem Nebenkläger da-
durch entstandenen notwendigen Auslagen, an eine andere Straf-
kammer des Landgerichts zurückverwiesen.
Gründe:
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Misshandlung von Schutz-
befohlenen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sowie wegen Kör-
perverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit schwerer Misshandlung von
Schutzbefohlenen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs
Monaten verurteilt. Mit seiner Revision beanstandet der Angeklagte das Verfah-
ren und rügt die Verletzung sachlichen Rechts. Das Rechtsmittel hat mit der
Sachrüge Erfolg.
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Nach den Feststellungen schlug der Angeklagte am Nachmittag des
21. November 2007 aus Verärgerung der ca. vier Jahre und acht Monaten alten
Tochter Leonie seiner Lebensgefährtin mit der rechten Hand so heftig gegen
die linke Wange, dass der Schläfenmuskel zertrümmert wurde. Am
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26. November 2007 gegen 11.00 Uhr badete er das Mädchen, das sich einge-
nässt hatte. Dabei ärgerte er sich aus ungeklärten Umständen derart stark über
das Kind, dass er es ein weiteres Mal bestrafen und ihm wehtun wollte. Deshalb
ergriff er es, hob es aus der Wanne und schüttelte es sehr heftig, wobei ihm klar
war, dass das Schütteln den Tod verursachen könnte. Diese Misshandlung
führte zu Läsionen von Brückenvenen sowie zu Einblutungen in die Schädel-
höhle (subdural) und unter die weiche Hirnhaut (subarachnoidal). Außerdem
wurde die Hirnsubstanz selbst erheblich geschädigt und die Gehirnflüssigkeit
verschoben. Leonie verstarb an den Folgen der erlittenen Verletzungen.
Der Angeklagte hat sich dahingehend eingelassen, das Kind niemals
misshandelt zu haben; er halte es für wahrscheinlich, dass es sich selbst ver-
letzt oder einen Unfall erlitten habe.
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Im Rahmen der Beweiswürdigung hat sich die Strafkammer hinsichtlich
der Todesursache dem Gutachten des rechtsmedizinischen Sachverständigen
angeschlossen. Dieser hat ausgeführt, Leonie sei an zentraler Lähmung infolge
exzessiver Hirndruckzunahme mit Hirnstammeinklemmung und weitgehender
Komprimierung des Hirnkammersystems, letztlich einhergehend mit einer er-
heblichen intravitalen Sauerstoffmangelversorgung des Gehirns (Hypoxie) und
daraus resultierenden ausgedehnten ischämischen Nervenzelluntergängen im
gesamten Gehirn verstorben. Da nach den durchgeführten Untersuchungen als
Ursache der Sauerstoffmangelversorgung des Gehirns krankheitsbedingte Ge-
schehnisse ausschieden, sei die exzessive Hirnschwellung im Rahmen eines
globalen Ödems, die letztlich zum Tode geführt habe, im Zusammenhang mit
der Blutung unter die harte Hirnhaut (subdural) als Folge eines Traumas oder
sogar mehrerer Traumata anzusehen. Die Blutung im Bereich der harten Hirn-
haut sei aufgrund des Nachweises von Eisen mindestens drei Tage vor dem
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Tode entstanden. Dabei sei als Todeszeitpunkt das Abstellen der den Kreislauf
erhaltenen Maschinen am 29. November 2007 um 00.30 Uhr (UA S. 14, 19)
anzusehen. Todesursächlich geworden sei eine nicht unfallbedingte, massive
Gewalteinwirkung auf den Kopf des Kindes, die gegen Mittag des
26. November 2007 stattgefunden haben könne (UA S. 21); andere plausible
Erklärungen seien nach dem Verletzungsbild auszuschließen. Ein Entstehen
der Kopfverletzungen bei dem Vorfall vom 21. November 2007 scheide aus,
weil zwischen der Gehirnschädigung und dem Koma, in welches das Kind gefal-
len sei, nur ein sehr kurzer Zeitraum habe liegen können. Insbesondere die
Einblutungen im Augapfel und Sehnerv sprächen für ein kräftiges Schütteln als
Auslöser der Verletzungen.
Diese Beweiswürdigung enthält einen nicht auflösbaren Widerspruch. Ei-
nerseits soll die massive Gewalteinwirkung auf den Kopf des Kindes, welche zu
der Blutung im Bereich der harten Hirnhaut führte, mindestens drei Tage vor
dem Tode, also vor dem 26. November 2007 um 00.30 Uhr stattgefunden ha-
ben. Andererseits soll es möglich sein, dass die todesursächlichen Kopfverlet-
zungen am 26. November 2007 kurz vor Mittag verursacht wurden. Die unter-
schiedlichen Äußerungen des Sachverständigen zum Zeitpunkt der Gewaltaus-
übung lassen sich anhand der Urteilsgründe nicht miteinander in Einklang brin-
gen. Der vom Landgericht unter Würdigung weiterer Indizien festgestellte Tat-
zeitpunkt und Geschehensablauf ist daher nicht tragfähig begründet.
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Der Fehler in der Beweiswürdigung zum Vorfall vom 26. November 2007
erfasst auch die Verurteilung wegen der Tat vom 21. November 2007. Da in
beiden Fällen innerhalb eines kurzen Zeitraums massive Gewalt gegen den
Kopf des Mädchens ausgeübt wurde, kann der Senat nicht sicher ausschließen,
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dass bereits die Verletzungshandlung vom 21. November 2007 ursächlich oder
mitursächlich für den Tod von Leonie war.
Für den Fall, dass sich der neue Tatrichter erneut von der Täterschaft
des Angeklagten überzeugt, sieht der Senat Anlass zu folgenden Hinweisen:
Das Tatbestandsmerkmal "roh misshandelt" in § 225 Abs. 1 StGB erfordert eine
sorgfältige Darstellung nicht nur der objektiven Tatseite, sondern auch der Ge-
sinnung des Täters. Zur Prüfung der Frage, ob gegebenenfalls die Steuerungs-
fähigkeit des Angeklagten infolge eines Affekts erheblich vermindert war, emp-
fiehlt sich die Hinzuziehung eines psychiatrischen Sachverständigen. Bei der
Strafzumessung sollten Formulierungen vermieden werden, die besorgen las-
sen könnten, Tatbestandsmerkmale seien strafschärfend berücksichtigt worden.
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Becker Miebach von Lienen
Sost-Scheible Schäfer