Urteil des BGH vom 28.07.2006, V ZR 190/06

Entschieden
28.07.2006
Schlagworte
Treu und glauben, Verwirkung, Scheune, Grundstück, Grundbuch, Herausgabe, Eigentum, Garage, Erwerb, Irrtum
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BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

V ZR 190/06 Verkündet am: 16. März 2007 Langendörfer-Kunz Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: nein

BGHR: ja

BGB §§ 985, 242 Cc, D

Der Herausgabeanspruch des eingetragenen Eigentümers eines Grundstücks kann

nur dann verwirkt sein, wenn die Herausgabe für den Besitzer schlechthin unerträglich ist.

BGH, Urt. v. 16. März 2007 - V ZR 190/06 - LG Halle

AG Sangerhausen

Der V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Verhandlung

vom 16. März 2007 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Krüger, den Richter Dr. Klein, die Richterin Dr. Stresemann und die Richter Dr. Czub und

Dr. Roth

für Recht erkannt:

Auf die Revision der Kläger wird das Urteil der

1. Zivilkammer des Landgerichts Halle vom 28.

Juli 2006 aufgehoben.

Die Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichts

Sangerhausen vom 17. August 2005 wird zurückgewiesen, soweit über die Klage entschieden worden ist.

Im Übrigen wird die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht

zurückverwiesen.

Die Beklagten tragen die Kosten des Revisionsverfahrens.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

1Die Parteien sind Nachbarn. Den Beklagten gehört das Grundstück Flur

4, Flurstück 330/79, K. str. 13, in R. . Sie besitzen das mit Notarvertrag

vom 13. Juli 1978 von ihnen gekaufte Grundstück seit dem 11. März 1978 und

wurden am 21. August 1978 als Eigentümer in das Grundbuch eingetragen.

2Das Grundstück grenzt an seiner nördlichen Seite an das Flurstück

330/78. Das 58 qm große Flurstück 330/78 ist auf Blatt 1780 des Grundbuchs

unter Nr. 2 gebucht. Das seinerzeit unter Treuhandverwaltung stehende, im

Grundbuch als K. str. 6 bezeichnete Flurstück war mit einer Scheune

bebaut (im Folgenden: Scheunengrundstück). Seit der Übergabe ihres Grundstücks nutzen es die Beklagten als Zugang zu dem Hof auf ihrem Grundstück.

1980 bauten sie die Scheune zu einer Garage um.

31985 wurden das Scheunengrundstück und das als Nr. 1 auf demselben

Grundbuchblatt gebuchte, ebenfalls als K. str. 6 bezeichnete Grundstück enteignet. Den Klägern wurde ein Nutzungsrecht zum Bau eines Einfamilienhauses auf den Grundstücken verliehen. Mit Vertrag vom 30. September

1990 kauften sie die Grundstücke von der Gemeinde R. . Sie wurden am

28. Juli 1992 in das Grundbuch eingetragen.

4Im Mai 2002 machten sie gegenüber den Beklagten ihr Eigentum an dem

Scheunengrundstück geltend. Mit der am 26. März 2003 erhobenen Klage verlangen sie dessen Räumung und Herausgabe. Die Beklagten haben die Einrede der Verjährung erhoben, die Verwirkung der geltend gemachten Ansprüche

eingewandt und im Wege der Hilfswiderklage die Bestellung eines Wege- und

Überfahrtsrechts an dem Scheunengrundstück gemäß § 116 SachenRBerG

verlangt. Das Amtsgericht hat der Klage stattgegeben und die Widerklage abgewiesen. Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Mit der von dem Landgericht zugelassenen Revision erstreben die Kläger die Wiederherstellung des

amtsgerichtlichen Urteils.

Entscheidungsgründe:

I.

5Das Landgericht meint, der von den Klägern geltend gemachte Anspruch

auf Herausgabe des Grundstücks unterliege als Anspruch aus dem im Grundbuch eingetragenen Eigentum der Kläger zwar nicht der Verjährung, er sei jedoch verwirkt. Zumindest ab 1960 sei die Scheune als Bestandteil des später

von den Beklagten erworbenen Grundstücks genutzt worden, ohne dass dies

beanstandet worden sei. Die Beklagten hätten, ohne dass ihnen ein Vorwurf zu

machen sei, gemeint, die Scheune sei Bestandteil ihres Grundstücks. So sei es

ihnen verkauft worden. Der Wert der Scheune sei in das zur Ermittlung des

Kaufpreises für das Grundstück erstellte Gutachten einbezogen worden. Im

Vertrauen auf den Erwerb der Scheune hätten die Beklagten die Geltendmachung von Ansprüchen wegen des ausgebliebenen Erwerbs der Scheune unterlassen, diese zu einer Garage umgebaut und sich bei der Gemeinde R.

nicht um einen Erwerb des Scheunengrundstücks bemüht. Auch die Kläger hätten ihr Eigentum nicht sogleich nach dem Erwerb des Scheunengrundstücks

gegenüber den Beklagten geltend gemacht, sondern bis zur Erhebung der Klage noch bis zu der 2002 vorgenommen Vermessung der Grundstücke der Parteien zugewartet, durch die alle Beteiligten Klarheit über die Eigentumsverhältnisse gewonnen hätten.

II.

6Das hält der rechtlichen Nachprüfung nicht stand.

71. Der Anspruch des eingetragenen Eigentümers auf Herausgabe des

Grundstücks unterliegt gemäß § 902 Abs. 1 BGB nicht der Verjährung. Ebenso

verhielt es sich gemäß § 479 Abs. 1 ZGB während der Dauer der Geltung des

Zivilgesetzbuchs in der DDR mit dem § 985 BGB entsprechenden Anspruch

aus § 33 Abs. 2 ZGB. Der von den Klägern geltend gemachte Herausgabeanspruch ist daher nicht verjährt. Ebenso wenig ist er verwirkt.

8a) Die Verwirkung eines Anspruchs ist ein Fall der unzulässigen

Rechtsausübung. Sie schließt die illoyal verspätete Geltendmachung eines

Rechts aus. Dabei kommt es nicht auf den Willen des Berechtigten an. Verwirkung kann auch gegen den Willen des Berechtigten eintreten, da die an Treu

und Glauben ausgerichtete objektive Beurteilung, nicht aber der Willensentschluss des Berechtigten entscheidend ist. Verwirkung kann daher selbst dann

eintreten, wenn der Berechtigte keine Kenntnis von seiner Berechtigung hat

(BGHZ 25, 47, 53). Notwendig für die Verwirkung ist jedoch immer, dass sich

der Verpflichtete mit Rücksicht auf das Verhalten des Berechtigten darauf eingerichtet hat, dass dieser das ihm zustehende Recht nicht mehr geltend machen werde, dass es mit Treu und Glauben nicht zu vereinbaren ist, dass der

Berechtigte später doch mit dem ihm zustehenden Recht hervortritt (RGZ 158,

100, 107 f.) und dass unter diesem Gesichtspunkt die Leistung für den Verpflichteten unzumutbar ist (BGHZ 25, 47, 52).

9b) Entscheidend sind dabei die Umstände des Einzelfalls (Soergel/Teichmann, BGB, 12. Aufl., § 242 Rdn. 316), wobei der Art und der Bedeutung des

Rechts, um dessen Verwirkung es geht, besondere Bedeutung zukommt (Erman/Hohloch, BGB, 11. Aufl. § 242 Rdn. 124). Soweit dem Anspruch des Eigentümers auf Herausgabe der Einwand der Verwirkung entgegen gehalten

wird, ist bei der gebotenen Würdigung zu berücksichtigen, dass dieser Anspruch Kernbestandteil des Eigentums ist und seine Verwirkung deshalb nur in

Ausnahmefällen angenommen werden kann (MünchKomm-BGB/Roth, 4. Aufl.,

Bd. 2a, § 242 Rdn. 300). Die Verneinung des Herausgabeanspruchs bedeutet

wirtschaftlich die Enteignung des Eigentümers. Das Rechtsverhältnis zwischen

dem Eigentümer und dem nichtberechtigten Besitzer ist durch §§ 987 ff. BGB in

einer Weise geregelt, die die Interessen und den Schutz von Eigentümer und

Besitzer gegeneinander abwägt und grundsätzlich keiner Korrektur durch die

Verneinung des Anspruchs aus § 985 BGB bedarf. Dem Irrtum des Eigentümers über den Umfang seines Eigentums kann grundsätzlich auch keine andere Bedeutung zukommen als dem entsprechenden Irrtum des Besitzers. Der

Irrtum des Eigentümers ist ebenso wenig rechtsvernichtend, wie der Irrtum des

Besitzers rechtsbegründend wirkt.

10Soweit es um die Verwirkung des Herausgabeanspruchs aus dem in das

Grundbuch eingetragenen Eigentum geht, ist darüber hinaus zu berücksichtigen, dass die Ansprüche aus dem eingetragenen Eigentum nach der ausdrücklichen Entscheidung des Gesetzgebers in § 902 Abs. 1 BGB als unverjährbar

ausgestaltet sind und die Verwirkung des Herausgabeanspruchs das Eigentum

als "Rechtskrüppel" (vgl. Staudinger/Gursky, BGB [2002], § 902 Rdn. 1) zurücklässt, das gegen die Eintragung im Grundbuch noch nicht einmal im Wege der

Ersitzung nach § 900 Abs. 1 BGB erstarken kann. Für die Verneinung des Herausgabeanspruchs des im Grundbuch eingetragenen Eigentümers unter dem

Gesichtspunkt der Verwirkung folgt daraus, dass eine Verwirkung nur ange-

nommen werden kann, wenn sich die Verpflichtung zur Herausgabe für den

Besitzer als schlechthin unerträglich darstellt.

11c) So verhält es sich hier nicht. Zu dieser Festsstellung ist der Senat in

der Lage, weil weiterer Vortrag der Beklagten nicht in Betracht kommt.

12Die Herausgabe des Grundstücks beeinträchtigt die Beklagten nicht in

unerträglicher Weise. Ob die Scheune, wie das Berufungsgericht festgestellt

hat, seit 1960 als Bestandteil des Grundstücks der Beklagten genutzt worden

ist, oder ob, wie die Beklagten behaupten, eine solche Nutzung schon seit 1937

stattgefunden hat, ist im Rahmen der Würdigung der Situation der Beklagten

ohne Bedeutung. Der Wert der Scheune ist mit 450 M/DDR und damit mit einem objektiv geringen Betrag in den Kaufpreis für ihr Grundstück eingeflossen.

Auf die Nutzung des Gebäudes als Scheune haben die Beklagten keinen nachhaltigen Wert gelegt, sondern die Scheune schon bald nach deren vermeintlichem Erwerb zu einer Garage umgebaut und diese mehr als zwanzig Jahre

genutzt. Ob die Kosten für den Umbau nach dem Recht der früheren DDR von

den Klägern zu erstatten sind, kann dahin gestellt bleiben. Auch wenn die Beklagten den Irrtum über die Größe ihres Grundstücks früher erkannt und sich

um einen Erwerb des Scheunengrundstücks bemüht hätten, hätten sie dieses

nicht unentgeltlich erwerben können. Eine Veräußerung des Grundstücks an

die Beklagten durch den Rat der Gemeinde R. als Treuhänder der Eigentümer durfte nur durch einen Verkauf zum Verkehrswert erfolgen. Nachdem das

Grundstück in Volkseigentum überführt und den Klägern ein Nutzungsrecht an

ihm verliehen worden war, kam sein Verkauf an die Beklagten nicht mehr in

Betracht. Die zwischen der Aufklärung des Irrtums der Parteien und der gerichtlichen Geltendmachung des Herausgabeanspruchs durch die Kläger verstrichene Zeit ist so kurz, dass ihr keine Bedeutung zukommt.

13d) Sofern die Beklagten zur Bewirtschaftung ihres Grundstücks auf einen

Zugang über das Scheunengrundstück angewiesen sind, können sie von den

Klägern gemäß § 116 Abs. 1 SachenRBerG die Bewilligung einer entsprechenden Dienstbarkeit verlangen. Dieser Anspruch ist Gegenstand der hilfsweise

erhobenen Widerklage.

142. Der geltend gemachte Anspruch auf Räumung der Garage folgt aus

§ 1004 Abs. 1 BGB. Für diesen Anspruch gilt § 902 Abs. 1 BGB nicht (Senat,

BGHZ 60, 235, 238).

15Gegenstand des Räumungsanspruchs ist der Anspruch auf Entfernung

der beweglichen Sachen, die von den Beklagten oder auf ihre Veranlassung in

die Garage verbracht worden sind. Soweit dies nach dem Wiederinkrafttreten

des Bürgerlichen Gesetzbuchs in der früheren DDR geschehen ist, ist der Anspruch der Kläger schon deshalb nicht verjährt, weil der Anspruch aus § 1004

Abs. 1 BGB der regelmäßigen Verjährung unterliegt (BGHZ 98, 235, 241; 125,

56, 63), die bis zum Inkrafttreten des Schuldrechtsmodernisierungsgesetzes

geltende 30jährige Verjährungsfrist am 1. Januar 2002 nicht abgelaufen war

und die seither geltende kürzere Frist bei Zustellung der Klage nicht verstrichen

war, Art 229 Abs. 1 EGBGB.

16Ob § 479 Abs. 1 ZGB auf den Anspruch aus § 33 Abs. 1 ZGB Anwendung findet, bedarf keiner Entscheidung. Dass einzelne Gegenstände, die heute noch in der Garage sind, schon vor dem 3. Oktober 1990 dorthin gebracht

worden sind, tragen die Kläger nicht vor.

17Für eine Verwirkung des Räumungsanspruchs ist nichts ersichtlich.

III.

18Die Kostenentscheidung beruht auf § 91 Abs. 1 ZPO. An einer den

Rechtsstreit abschließenden Entscheidung ist der Senat gehindert, weil das

Berufungsgericht über die Widerklage - aus seiner Sicht folgerichtig - nicht entschieden hat. Dies ist nachzuholen, (vgl. BGH, Urt. v. 6. März 1996, VIII ZR

12/94, NJW 1996, 2165, 2167).

Krüger Klein Stresemann

Czub Roth

Vorinstanzen:

AG Sangerhausen, Entscheidung vom 17.08.2005 - 1 C 157/03 (II) -

LG Halle, Entscheidung vom 28.07.2006 - 1 S 153/05 -

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Anmerkungen zum Urteil