Urteil des BGH vom 04.12.2012, VI ZR 217/11

Entschieden
04.12.2012
Schlagworte
Missbrauch, überprüfung, Volljährigkeit, Eigenschaft, Analyse, Begriff, Befragung, Nachschlagewerk, Anschluss, Schmerzensgeld
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BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

VI ZR 217/11 Verkündet am: 4. Dezember 2012 Holmes Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: nein

BGHR: ja

BGB § 852 Abs. 1 BGB aF, § 199 Abs. 1 Nr. 2 Fall 1

Die für den Beginn der Verjährung erforderliche Kenntnis des Geschädigten

kann fehlen, wenn dieser infolge einer durch die Verletzung erlittenen retrograden Amnesie keine Erinnerung an das Geschehen hat (Anschluss Senatsurteil

vom 22. Juni 1993 - VI ZR 190/92, VersR 1993, 1121).

BGH, Urteil vom 4. Dezember 2012 - VI ZR 217/11 - OLG Oldenburg LG Osnabrück

Der VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 4. Dezember 2012 durch den Vorsitzenden Richter Galke, die Richter

Wellner, Pauge und Stöhr und die Richterin von Pentz

für Recht erkannt:

Die Revision gegen das Urteil des 13. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Oldenburg vom 12. Juli 2011 wird auf Kosten des Beklagten zurückgewiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

1Der 1976 geborene Kläger wurde in der Zeit von 1985 bis 1990 mehrfach

durch den Beklagten sexuell missbraucht. Er hat behauptet, er habe das Geschehen bis zu einer Familienfeier im April 2005 vollständig verdrängt und deshalb keine Kenntnis davon gehabt. Bei dieser Feier habe seine jüngere

Schwester offenbart, von dem Beklagten missbraucht worden zu sein. Erst

dadurch sei die Erinnerung an den eigenen Missbrauch zurückgekehrt. Dies

habe für ihn bis heute massive psychische Folgen; es liege das Vollbild einer

posttraumatischen Belastungsstörung vor. Der Beklagte hat die Einrede der

Verjährung erhoben.

2Das Landgericht hat den Beklagten zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 7.500 verurteilt. Das Oberlandesgericht hat die Berufung des

Beklagten zurückgewiesen. Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt der Beklagte seinen Klageabweisungsantrag weiter.

Entscheidungsgründe:

I.

3Nach Auffassung des Berufungsgerichts steht dem Kläger ein Anspruch

auf Zahlung von Schmerzensgeld in Höhe von 7.500 gemäß § 823 Abs. 1,

§ 847 BGB aF zu. Das Landgericht habe die beiden im angefochtenen Urteil

konkret festgestellten Fälle sexuellen Missbrauchs des Klägers durch den Beklagten mit zutreffender Begründung als unstreitig angesehen. Dagegen habe

sich die Berufung nicht gewendet. Damit stünden die beiden vom Landgericht

angenommenen Fälle eines sexuellen Missbrauchs in den Jahren 1988 und

1990 fest.

4Der aus diesen Verletzungshandlungen folgende Schmerzensgeldanspruch sei nicht verjährt. Die Verjährung bestimme sich gemäß Art. 229 § 6

Abs. 1 Satz 2 EGBGB für den Zeitraum vor dem 1. Januar 2002 nach § 852

Abs. 1 BGB aF. Nach dieser Vorschrift sei der Schadensersatzanspruch in drei

Jahren von dem Zeitpunkt an verjährt, in welchem der Verletzte von dem Schaden und der Person des Ersatzpflichtigen Kenntnis erlangt habe. Bei dem zum

Zeitpunkt der Tat beschränkt geschäftsfähigen Kläger habe die Verjährung

grundsätzlich mit dem Eintritt der Volljährigkeit im Dezember 1994 begonnen.

Das Landgericht habe aber zutreffend angenommen, dass der Kläger bis zum

April 2005 keine Kenntnis von der Person des Schädigers und den anspruchsbegründenden Umständen gehabt habe. Gemäß der durchgeführten Beweisaufnahme habe er das schädigende Ereignis bis April 2005 aufgrund einer psy-

chischen Traumatisierung verdrängt und deswegen keine Erinnerung mehr daran gehabt, die ihm die erfolgversprechende Erhebung einer Schadensersatzklage ermöglicht hätte. Die Verjährung habe deshalb erst mit dem Schluss des

Jahres 2005 begonnen und sei rechtzeitig durch Erhebung der Klage im September 2008 gehemmt worden 199 Abs. 1, § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB).

II.

5Die Beurteilung des Berufungsgerichts hält einer revisionsrechtlichen

Überprüfung stand.

61. Die Revision wendet sich nicht gegen die Feststellung, dass der Beklagte den Kläger in zwei konkret benannten Fällen sexuell missbraucht hat. Sie

wendet sich ebenfalls nicht gegen die rechtlichen Überlegungen des Berufungsgerichts hinsichtlich der Anwendung der Verjährungsvorschriften. Hiergegen ist auch aus revisionsrechtlicher Sicht nichts zu erinnern. Insbesondere

durfte das Berufungsgericht annehmen, dass es an der für den Beginn der Verjährung erforderlichen Kenntnis des Geschädigten vom Schaden und der Person des Ersatzpflichtigen fehlen kann, wenn der Geschädigte infolge einer

durch die Verletzung erlittenen retrograden Amnesie keine Erinnerung mehr an

das Geschehen hat (vgl. Senatsurteil vom 22. Juni 1993 - VI ZR 190/92, VersR

1993, 1121, 1122).

72. Die Revision wendet sich ohne Erfolg gegen die Beurteilung, die vom

Kläger geltend gemachte Schmerzensgeldforderung sei wegen sexueller Übergriffe in den Jahren 1988 und 1990 nicht verjährt. Das Berufungsgericht hat

seiner Entscheidung rechtsfehlerfrei die vom Landgericht festgestellten Tatsachen zugrunde gelegt und rechtsfehlerfrei Zweifel an der Richtigkeit und Voll-

ständigkeit der entscheidungserheblichen Feststellungen verneint 529 Abs. 1

Nr. 1 ZPO).

8Die Revisionsrüge geht in erster Linie dahin, dass das Berufungsgericht

ein aussagepsychologisches Gutachten (Glaubhaftigkeitsgutachten) hätte einholen müssen. Das Berufungsgericht hat dies allerdings zu Recht nicht als erforderlich angesehen, nachdem der Gerichtssachverständige nach umfassender Befragung des Klägers in seinem psychiatrischen Gutachten die Angaben

des Klägers als plausibel angesehen hat. Infolgedessen hat es auf der Grundlage der Ausführungen des Sachverständigen keine Zweifel gegen die Richtigkeit und Vollständigkeit der vom Landgericht getroffenen Festellung gehabt,

dass der Kläger bei Eintritt der Volljährigkeit und danach bis zum April 2005

keine Kenntnis von dem Missbrauch im Sinne des § 852 Abs. 1 BGB aF und

des § 199 Abs. 1 Nr. 2 Fall 1 BGB hatte.

9a) Soweit die Revision geltend macht, der Sachverständige habe die Angaben des Klägers nur als "plausibel" angesehen, ist darauf hinzuweisen, dass

es nicht Aufgabe des Sachverständigen ist, darüber zu befinden, ob die zu begutachtende Aussage wahr ist oder nicht; dies ist dem Tatrichter vorbehalten.

Der Sachverständige soll vielmehr dem Gericht die Sachkunde vermitteln, mit

deren Hilfe es die Tatsachen feststellen kann, die für die Beurteilung der

Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit wesentlich sind (vgl. BGH, Urteil vom

12. November 2003 - 2 StR 354/03, NStZ-RR 2004, 87, 88; Pfister, FPPK 2008,

3, 4). Demgemäß ist die Beurteilung von Zeugenaussagen oder der Glaubhaftigkeit eines Parteivorbringens grundsätzlich ureigene richterliche Aufgabe, bei

der es nur ausnahmsweise der Einholung eines Glaubhaftigkeitsgutachtens

bedarf (vgl. BGH, Urteil vom 30. Juli 1999 - 1 StR 618/98, BGHSt 45, 164, 182;

Pfister, aaO, S. 5).

10b) Im Streitfall war es nicht erforderlich, zusätzlich zu der psychiatrischen

Begutachtung ein aussagepsychologisches Gutachten einzuholen. Gegenstand

einer aussagepsychologischen Begutachtung ist - wie sich bereits aus dem Begriff ergibt - nicht die Frage nach einer allgemeinen Glaubwürdigkeit des Untersuchten im Sinne einer dauerhaften personalen Eigenschaft. Es geht vielmehr

um die Beurteilung, ob auf ein bestimmtes Geschehen bezogene Angaben zutreffen, d.h. einem tatsächlichen Erleben der untersuchten Person entsprechen

(vgl. BGH, Urteile vom 30. Juli 1999 - 1 StR 618/98, aaO, 167; vom 30. Mai

2000 - 1 StR 582/99, NStZ 2001, 45, 46). Vorrangig geht es also um die Analyse des Aussageinhalts, d.h. um eine methodische Beurteilung, ob auf ein bestimmtes Geschehen bezogene Angaben einem tatsächlichen Erleben entsprechen (vgl. BGH, Urteil vom 11. Januar 2005 - 1 StR 498/04, NJW 2005, 1519,

1521 mwN.; Pfister, aaO, S. 6 sowie die vom Beklagten vorgelegte Studie von

Volbert, Aussagen über traumatische Erlebnisse, veröffentlicht in FPPK 2011,

S. 18, 29). Demgemäß sind die Kriterien für ein aussagepsychologisches Gutachten anhand einer Fallkonstellation entwickelt worden, in der zu prüfen war,

ob ein Missbrauch überhaupt stattgefunden hat und ob der Angeklagte wirklich

der Täter war. Dies entspricht nicht dem vorliegenden Fall. Hier sind zwei Missbrauchsfälle tatrichterlich festgestellt worden und es geht nur um die Frage, ob

die geltend gemachten Ansprüche deshalb nicht verjährt sind, weil der Kläger

wegen einer Verdrängung des Missbrauchsgeschehens mit der Folge des Erinnerungsverlusts bis 2005 keine Kenntnis im Sinne des § 852 Abs. 1 BGB aF

und des § 199 Abs. 1 Nr. 2 Fall 1 BGB hatte. Bei einer solchen Fragestellung

war die Einholung eines zusätzlichen aussagepsychologischen Gutachtens

nicht erforderlich (vgl. auch BGH, Urteil vom 23. August 2007 - 3 StR 301/07,

NStZ 2008, 116, 117). Die Revisionserwiderung weist im Übrigen zu Recht daraufhin, dass der Beklagte nach Vorlage des psychiatrischen Ergänzungsgutachtens und Fristsetzung durch das Landgericht nur die Überprüfung der

Glaubhaftigkeit der Angaben des Klägers hinsichtlich des zugrunde gelegten

- jedenfalls im Berufungsverfahren nicht mehr streitigen - Tatgeschehens beantragt hat. Die in der psychiatrischen Exploration und im Prozessvortrag erfolgten

Aussagen des Klägers in Bezug auf die Frage nach der geltend gemachten

Amnesie zu bewerten, war Sache des psychiatrischen Sachverständigen und in

der abschließenden Gesamtschau Sache des sachverständig beratenen Gerichts.

Galke Wellner Pauge

Stöhr von Pentz

Vorinstanzen:

LG Osnabrück, Entscheidung vom 29.12.2010 - 12 O 2381/10 -

OLG Oldenburg, Entscheidung vom 12.07.2011 - 13 U 17/11 -

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Anmerkungen zum Urteil