Urteil des ArbG Herford vom 19.03.2010, 1 Ca 1117/09

Entschieden
19.03.2010
Schlagworte
Kündigung, Fristlose kündigung, Begründung der kündigung, Kläger, Bundesrepublik deutschland, Ordentliche kündigung, Arbeitnehmer, Akte, Unwirksamkeit der kündigung, Nichteinhaltung der frist
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Arbeitsgericht Herford, 1 Ca 1117/09

Datum: 19.03.2010

Gericht: Arbeitsgericht Herford

Spruchkörper: 1. Kammer

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 1 Ca 1117/09

Schlagworte:

Normen:

Die Begründung der Kündigung gemäß § 47 Ziff. 2 TV AL II ist Wirksamkeitsvoraussetzung der Kündigung. § 47 TV AL II

Tenor: Es wird festgestellt, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien weder durch die fristlose Kündigung vom 21.07.2009 noch durch die fristlose Kündigung vom 25.08.09 geendet hat, sondern fortbesteht.

Die Beklage wird verurteilt, den Kläger bis zum rechtskräftigen Abschluss dieses Kündigungsschutzverfahrens als Gas- und Wasserinstallateur weiter zu beschäftigen.

Die Kosten des Rechtsstreits trägt die Beklagte.

Der Wert des Streitgegenstandes wird auf 15.695,46 festgesetzt.

Tatbestand : 1

Die Parteien streiten über Bestandschutz und Weiterbeschäftigung. 2

3Der am 16.05.1960 geborene, verheiratete und keinem Kind zum Unterhalt verpflichtete Kläger ist seit dem 01.01.1985 bei den Britischen Streitkräften als Gas- und Wasserinstallateur in Vollzeit bei einer regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit von 38,5 Stunden gegen ein monatliches Bruttoentgelt von zuletzt 2.627,50 beschäftigt. Die wechselseitigen Rechte und Pflichten richten sich nach einem schriftlichen Arbeitsvertrag vom 30.01.1985 nebst Ergänzungsblatt vom 01.04.1995 (Ablichtung Blatt 120ff. der Akte).

4Die H1 O1 G2 G4 L2 S5 U2 beschäftigt mehr als10 Arbeitnehmer. Diese haben eine Betriebsvertretung gewählt.

Auf das Arbeitsverhältnis findet gemäß Artikel 56 des Zusatzabkommens zu den 5

Abkommen zwischen den Parteien des Nordatlantikvertrages über die Rechtstellung ihrer Truppen hinsichtlich der in der Bundesrepublik Deutschland stationierten ausländischen Truppen (NATO-Zusatzabkommen) das deutsche Arbeitsrecht Anwendung. Außerdem findet der nach Artikel 56 Absatz 5 NATO-Zusatzabkommen abgeschlossene Tarifvertrag für die Arbeitnehmer bei den Stationierungsstreitkräften im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland (TV AL II) Anwendung. Dieser Tarifvertrag gilt unabhängig von seiner konkreten Vereinbarung im Teil V des Arbeitsvertrages der Parteien - für alle Arbeitsverhältnisse der Arbeitnehmer bei den Stationierungsstreitkräften. Denn der Finanzminister hat die Hauptquartiere der Stationierungsstreitkräfte veranlasst, dass von jedem Arbeitnehmer, der am 01.01.1967 in einem Beschäftigungsverhältnis des TV AL stand oder nach dem 01.01.1967 eingestellt wurde oder wird, eine Erklärung eingeholt wird, durch die der Arbeitnehmer die Anwendung des TV AL in der jeweils geltenden Fassung auf sein Beschäftigungsverhältnis anerkennt. Insoweit gelten die Tarifverträge auch ohne Allgemeinverbindlichkeitserklärung für alle Arbeitsverhältnisse der Arbeitnehmer bei den Stationierungsstreitkräften.

§ 47 TV AL II lautet unter der Überschrift "Form der Kündigung" wörtlich: 6

7

1. Die Kündigung des Beschäftigungsverhältnisses bedarf der Schriftform. 2. Bei der Kündigung müssen die Gründe angegeben werden. Dies gilt nicht für

Kündigungen während der Probezeit sowie für die ordentliche Kündigung durch den Arbeitnehmer."

8

9Im Übrigen kommt das Arbeitsverhältnis der Tarifvertrag vom 02.07.1997 über Rationalisierungs-, Kündigungs- und Einkommensschutz (Schutz-TV) zur Anwendung. Nach dessen § 8 Abs. 1 kann das Beschäftigungsverhältnis eines Arbeitnehmers, der wie der Kläger das 40. Lebensjahr vollendet hat, nach einer unterbrochenen Beschäftigungszeit von 15 Jahren nicht mehr durch ordentliche Kündigung beendet werden. Damit steht dem Kläger der besondere Kündigungsschutz dieses Tarifvertrages zu.

10Am 18.06.2009 wurde der Arbeitskollege W2 des Klägers zunächst am Arbeitsplatz und am gleichen Tag erneut im Polizeipräsidium vernommen. In seiner Vernehmung hat Herr W2 u.a. erklärt: "… Ich werde nunmehr auf Gasherde angesprochen. Es gibt verschiedene Lieferscheine der Firma L1, auf denen handschriftlich der Erhalt von Geld von mir quittiert worden ist für gebrauchte Gasherde. Damit verhält es sich folgendermaßen. Die Firma L1 war Generalimporteur von Standgasherden, die in den englischen Liegenschaften in jeder Küche vorhanden waren. Wenn Herr S6………. einen Herd hatte, der zum Beispiel einen Transportschaden hatte, den er möglichst den Engländern als neu verkaufen wollte, hat er mir dafür Geld gegeben, dass ich den angelieferten Herd als neu durchgehen lasse… . Natürlich, der zuständige Gasinstallateur ist Herr F1 P1. Dieser hat natürlich gesehen, dass die Herde nicht neu waren. Er hat von den 150,-- die Hälfte je Herd von mir bekommen, damit er die Herde einbaut. Wenn mir jetzt vorgehalten wird, dass auf Lieferscheinen der Firma L1 auf

"Reparaturkostenpauschalen" in Höhe von 25,-- pro Herd offenbar gezahlt worden sind, so weiß ich darüber nichts genaues. Ich weiß, dass F1 P1 einen Teil dieser Herde instand gesetzt hat, damit sie wieder brennen . Sofern ich den Erhalt von Reparaturkostenpauschalen quittiert habe, so habe ich dieses Geld an F1 P1 weitergegeben …" (wegen der weiteren Einzelheiten wird auf "Fortsetzung der Beschuldigtenvernehmung" Anlage B 5 Blatt 48 ff. der Akte verwiesen).

11Am 13.07.2009 wurde der Kläger an seiner Arbeitsstelle, der W5-Kaserne in H1, aufgesucht und als Beschuldigter vernommen. Dabei hat der Kläger u.a. ausgesagt: "… Ich weiß nicht, wie die Firma L1 mit diesen defekten Herden hätte umgehen müssen. Fakt ist jedoch, dass die beiden Herren mich mehr oder weniger baten oder fragten, ob ich auch gebrauchte Herde in die entsprechenden Liegenschaften einbauen könne. Beide Herren boten mir dafür Geld an. In der Folgezeit habe ich dann diese Herde eingebaut . Ich wusste dass ich laut Auftrag einen neuen Herd hätte einbauen sollen, jedoch einen gebrauchten eingebaut habe. Wie diese Herde nun gegenüber den Briten abgerechnet worden sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe in der Folgezeit von U1 W2 für ca. 20 auf diese Art und Weise eingebauten Herde je 75,-- behalten. Ich habe meines Dafürhaltens für diese rund 20 von mir in beschriebener Form "verarbeiteten Herde" so um die 1.500,-€ in bar bekommen…."(wegen der weiteren Einzelheiten wird auf "Beschuldigtenvernehmung" Ablichtung Blatt 90 ff. der Akte verwiesen).

12Nach dieser Vernehmung wurde der Kläger von der Personalleiterin S7 der Beklagten, nachdem jene von der Kriminalpolizei in groben Zügen über die gegenüber dem Kläger erhobenen strafrechtlichen Vorwürfe in Kenntnis gesetzt worden war, im Beisein des Vorsitzenden der Betriebsvertretung, Herrn T3, angehört. Der Kläger räumte in dieser Anhörung ein Fehlverhalten ein. Mit Schreiben vom 13.07.2009 wurde ihm mitgeteilt, dass er auf Grund seiner Aussage freigestellt wird und ein Mitwirkungsverfahren zur fristlosen Verdachtskündigung bei der Betriebsvertretung eingeleitet werden wird (Ablichtung Anlage B 1 Blatt 41 der Akte).

13Mit Schreiben vom 15.07 übersandte die Beklagte der Betriebsvertretung einen sogenannten "Annex B" (Ablichtung Anlage B 2) sowie ein Anhörungsschreiben (Ablichtung Blatt 44 ff. der Akte) zur beabsichtigten außerordentlichen Kündigung des Klägers. Die Betriebsvertretung ließ nach einem Aktenvermerk der Personalleiterin die Anhörungsfrist kommentarlos verstreichen (Ablichtung Blatt 43 der Akte). Unter der Überschrift "Verdachtskündigung" kündigte die die Britische Arbeits- und Personalverwaltung dem Kläger ohne eine weitere Erläuterung des Kündigungsgrundes (Ablichtung dieses Schreibens Blatt 3 der Akte) außerordentlich.

14Mit Kündigungsschutzklage vom 28.07.2009, am darauffolgenden Tag beim erkennenden Gericht eingegangen, wehrt sich der Kläger gegen diese Kündigung und begehrt auch seine Weiterbeschäftigung zu unveränderten arbeitsvertraglichen Bedingungen.

15Unter dem 23.07.2009 fertigte die Kriminalpolizei in dem Ermittlungsverfahren gegen Herrn W2 einen Schlussvermerk (Ablichtung Anlage B 6 Blatt 52 ff. der Akte). Das Ermittlungsverfahren gegen den Kläger wurde abgetrennt und unter dem Aktenzeichen 6 Js 134/09 bei der Staatsanwaltschaft fortgeführt. Diese regte in einem Vermerk vom 31.07.2009 die Einstellung des Verfahrens gemäß § 153 a Abs. 1 StPO gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 500,-- an die Staatskasse an (Ablichtung Anlage B 12

Blatt 112 ff. der Akte).

16Unter dem 18.08.2008 erhielt der Kreis S3 eine Kopie der Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft Bielefeld Aktenzeichen 6 Js 36/09, nicht jedoch die Akte des abgetrennten Verfahrens gegen den Kläger 6 Js 134/09 zur Einsichtnahme. Unter dem 19.08.2009 übersandte die Beklagte der Betriebsvertretung einen weiteren "Annex B" (Ablichtung Anlage B 8 Blatt 58 der Akte) nebst einer erneuten Anhörung der Betriebsvertretung diesmal zu einer außerordentlichen Tatkündigung (Ablichtung Blatt 60 ff. der Akte).

17Ausweislich eines Aktenvermerks vom der Personalleiterin vom 24.08.2009 hat die Betriebsvertretung auch hier die Frist verstreichen lassen. Mit Schreiben vom 25.08.2009 kündigte die Britische Arbeits- und Personalverwaltung das Arbeitsverhältnis mit dem Kläger erneut, nunmehr fristlos zum 26.08.2009. In dem Kündigungsschreiben heißt es: "Durch erstmalige Einsichtnahme der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsakten am 18.08.2009 hat sich der Verdacht einer konkreten Tat zu einem Beweis verfestigt" (wegen der weiteren Einzelheiten wird auf die Ablichtung dieses Kündigungsschreibens Blatt 17 bzw. Anlage B 9 Blatt 63 verwiesen).

18Mit Klageerweiterung vom 14.09.2009 hat der Kläger auch diese Kündigung angegriffen.

19Der Kläger macht das Fehlen einer sozialen Rechtsfertigung der Kündigung und die Nichteinhaltung der Frist des § 626 Abs. 2 BGB geltend. Er bestreitet die ordnungsgemäße Anhörung der Betriebsvertretung mit Nichtwissen.

20Er verweist weiter darauf, dass in § 47 TV AL II festgelegt ist, dass die Kündigung des Beschäftigungsverhältnisses nicht nur der Schriftform bedarf sondern - außer bei einer Kündigung während der Probezeit sowie bei einer ordentlichen Kündigung durch den Arbeitnehmer - auch unter Angabe der Gründe zu erfolgen hat. Da die streitgegenständlichen Kündigungen keine Hinweise auf die maßgeblichen Gründe enthalten, sei die tarifvertraglich festgelegte Form der Kündigung nicht gewahrt und die Kündigungen bereits aus diesem Grund unwirksam.

Der Kläger hat zuletzt beantragt, 21

22

1. festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien durch die fristlose

Kündigung der Beklagten vom 21.07.2009 nicht beendet wird, 2. festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien durch die fristlose

Kündigung der Beklagten vom 25.08.2009 nicht beendet wird, 3. festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis auch nicht durch andere

Beendigungstatbestände endet, sondern auf unbestimmte Zeit fortbesteht, 4. im Falle des Obsiegens mit dem Antrag zu 1. und zu 2. die Beklagte zu verurteilen,

den Kläger bis zum rechtskräftigen Abschluss des Kündigungsschutzverfahrens zu unveränderten arbeitsvertraglichen Bedingungen als Gas- und Wasserinstallateur weiterzubeschäftigen.

23

Die Beklagte bittet darum, 24

die Klage abzuweisen. 25

26Sie hält die Kündigungen formell für beanstandungsfrei. § 47 Ziff. 2 TV AL II verlange gerade nicht, dass im Kündigungsschreiben selbst die Kündigungsgründe im Einzelnen dargelegt werden müssten. Mithin genüge, dass die der Kündigung zugrundeliegenden Gründe dem Arbeitnehmer im Zusammenhang mit dem Ausspruch der Kündigung mitgeteilt werden. Dies sei vorliegend in dem Gespräch geschehen, das am 13.07.2009 mit dem Kläger geführt worden ist. Selbst wenn man eine Schriftform der Begründung verlangen wollte, wäre diesem Erfordernis durch die Bezugnahme auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsakten im Kündigungsschreiben vom 25.08.2009 Genüge getan.

27Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstands wird auf die gewechselten Schriftsätze und die Protokollerklärungen der Parteien verwiesen.

28Die Personalleiterin der Beklagten hat in der mündlichen Verhandlung vor der Kammer bestätigt, dass sie in der Vergangenheit die ausgesprochenen Kündigungen im Kündigungsschreiben begründet hat. Dies sei vorliegend deswegen nicht geschehen, weil sie bei der Verdachtskündigung nicht gewusst habe, mit welchen Tatsachen sie die Kündigung begründen könne. Vor Ausspruch der Kündigung mit Schreiben vom 25.08.2009 habe sie vom Kreis S3 den Rechtsrat erhalten, eine Begründung der Kündigung sei nicht erforderlich.

29Die Einsichtnahme in die Ermittlungsakte 6 Js 134/09 gegen den Kläger hat im Oktober 2009 stattgefunden. Eine weitere Kündigung ist daraufhin nicht ausgesprochen worden.

30Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitgegenstandes wird auf die gewechselten Schriftsätze nebst deren Anlagen sowie die Protokollerklärungen der Parteien verwiesen.

Entscheidungsgründe : 31

32Die Klage ist zutreffend gegen die Beklagte als Prozeßstandschafterin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland gerichtet, Artikel 56 Abs. 8 des Zusatzabkommens zu den Abkommen zwischen den Parteien des Nordatlantikvertrages über die Rechtstellung ihrer Truppen hinsichtlich der in der Bundesrepublik Deutschland stationierten ausländischen Truppen (NATO-Zusatzabkommen).

1.) 33

Die zulässige Kündigungsschutzklage ist schon deswegen begründet, weil die Beklagte die in § 47 Abs. 2 TV AL II vorgeschriebene Form der Kündigung nicht eingehalten hat. 34

Denn die Beklagte hat bei keiner der beiden Kündigungen "die Gründe angegeben". 35

Die Angabe der Kündigungsgründe ist Wirksamkeitsvoraussetzung für die Kündigung, wenn im Arbeitsvertrag, im Tarifvertrag oder einer (zulässigen) Betriebsvereinbarung 36

eine qualifizierte Schriftformklausel enthalten ist, die den Begründungszwang mit umfasst.

Vereinzelt ist der Begründungszwang im Gesetz vorgeschrieben, z.B. in § 22 Abs. 3 Berufsbildungsgesetz für die fristlose Kündigung aus wichtigem Grund sowie für die Aufgabe oder den Wechsel der Berufsausbildung durch den Auszubildenden oder in § 9 Abs. 3 Satz 2 Mutterschutzgesetz.

38Eine qualifizierte Schriftformklausel in einem Arbeitsvertrag, einem Tarifvertrag oder einer Betriebsvereinbarung verstößt nicht gegen § 623 BGB, weil § 623 BGB die Vereinbarung strengerer Formvorschriften nicht ausschließt. Ob die Einhaltung einer qualifizierten Schriftformklausel Wirksamkeitsvoraussetzung für den Ausspruch der Kündigung ist, muss durch Auslegung des Tarifvertrages oder der Betriebsvereinbarung festgestellt werden.

39Zur tarifvertraglichen Vorschrift des § 54 BMT-G-O (manteltarifliche Vorschriften für Arbeiter gemeindlicher Verwaltungen und Betriebe) in dem es heißt: "Kündigungen - auch außerordentliche - bedürfen der Schriftform. Kündigt der Arbeitgeber, so soll er den Kündigungsgrund in dem Kündigungsschreiben angeben, § 53 Abs. 2 Satz 3 bleibt unberührt" hat das Bundesarbeitsgericht in ständiger Rechtsprechung ausgeführt, dass die Kündigung gemäß § 125 Satz 1 BGB nichtig ist, wenn der Kündigungsgrund nicht schriftlich mitgeteilt wird, weil die tariflich festgelegte Schriftform eine durch Gesetz vorgeschriebene Schriftform im Sinne des § 126 Abs. 1 BGB ist, deren Verletzung die Nichtigkeit wegen Formmangels zur Folge hat. Dagegen könne nur von Fall zu Fall entschieden werden, in welchem Umfang die Gründe bei einer Kündigung nach § 54 BMT-G-O angegeben werden müssen. Der Arbeitnehmer solle erfahren, welche Gründe zu seiner Kündigung geführt haben. Eine eingehende Substantiierung wie im Prozess könne nicht grundsätzlich und allgemein gefordert werden. Die Gründe müssten aber so genau bezeichnet sein, dass der Kündigungsempfänger genügend klar erkennen kann, was gemeint ist. Hierzu seien grundsätzlich die für die Kündigung maßgeblichen Tatsachen anzugeben. Pauschale Schlagworte und Werturteile genügten regelmäßig nicht. Die tarifliche Regelung diene in erster Linie der Rechtsklarheit und der Beweissicherung. Insbesondere solle ein Streit über die mitgeteilten Kündigungsgründe und das mit einem solchen Streit verbundene Prozessrisiko ausgeschlossen werden. Nach dem Sinn und Zweck der tariflichen Regelung solle sich der gekündigte Arbeitnehmer auf Grund der ihm mitgeteilten Gründe darüber klar werden können, ob er die ausgesprochene Kündigung anerkennen oder dagegen vorgehen wolle. Auch sollen die zu prüfenden Kündigungsgründe insoweit außer Streit gestellt werden, als der Arbeitnehmer nicht mit einer Ausweitung oder Einführung (zusätzlicher) neuer Kündigungsgründe in dem von ihm angestrengten Kündigungsschutzprozess rechnen muss (BAG vom 10.02.19999 2 AZR 176/98 m.w.N. in Rdnr. 15).

40Für die hier in Rede stehende Vorschrift des § 47 TV AL II gibt es - soweit ersichtlich - keine einschlägige Rechtsprechung.

41

Dagegen steht die Kommentarliteratur einmütig auf dem Standpunkt, dass die Kündigung (mit Ausnahme der Kündigung in der Probezeit sowie die ordentliche Kündigung durch den Arbeitnehmer) unter Angabe der Gründe ausgesprochen werden muss . Weigand (in: Kommentar zum Kündigungsschutzgesetz und zu sonstigen kündigungsschutzrechtlichen Vorschriften, 9. Auf. 2009, Artikel 56 NATO- Zusatzabkommen Rdnr. 17 bis 19) begründet dies damit, dass der Begründungszwang 37

der Rechtsklarheit und Beweissicherung diene. Es müssten die für die Kündigung maßgebenden Tatsachen angegeben werden. Nicht ausreichend sei die Bezugnahme auf mündlich mitgeteilte Gründe oder lediglich auf "Vorfälle in der Vergangenheit" oder eine andere nur schlagwortartige Beschreibung der kündigungsbegründenden Tatsachen. Dörner vertritt (im Großkommentar zum Kündigungsrecht, 3. Auflage in der Kommentierung zu Artikel 56 Zusatzabkommen zum NATO-Truppenstatut, Rdnr. 8), ebenfalls die Auffassung, dass das Schriftformerfordernis ebenso wie der Begründungszwang der Rechtsklarheit und der Beweissicherung diene. Die für die Kündigung maßgebenden Tatsachen müssten angegeben werden. Nicht ausreichend sie die Bezugnahme auf mündlich mitgeteilte Gründe oder lediglich auf "Vorfälle in der Vergangenheit" oder eine andere nur schlagwortartige Beschreibung der kündigungsbegründenden Tatsachen. Diese Auffassung wird schließlich von Däubler (im Kommentar Kittner/Däubler/Zwanziger, Kommentar zum Kündigungsschutzgesetz in der Kommentierung zum Zusatzabkommen zum NATO-Truppenstatut, 7. Aufl. 2008, Rdnr. 12) geteilt.

42Damit nimmt die Kommentarliteratur ersichtlich Bezug auf die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts zu anderen tarifvertraglichen Begründungspflichten der Kündigung wie in BMT-G-O (a.a.O.) sowie entsprechender gesetzlicher Vorschriften im Berufsbildungsgesetz (vgl. dazu nur BAG vom 29.11.1984 - 2 AZR 354/83 - Rdnr. 17 m.w.N. bzw. vom 17.06.1998 - 2 AZR 741/97 Rdnr. 20 m.w.N.). In der erstgenannten Entscheidung hat das Bundesarbeitsgericht ausgeführt, der Sinn des Begründungszwanges sei es, dem Gekündigten die Prüfung zu ermöglichen, ob er die vorgetragene Begründung anerkennen könne oder nicht und ob es aussichtsreich sei, sich gegen die Kündigung zu wenden. Die mangelnde Begründung könne nicht nachgeholt werden. Die Kündigung sei gemäß § 125 BGB wegen Formmangels nichtig, wenn die schriftliche Begründung fehle oder nicht ausreiche.

43Die Kammer folgt der vorstehend zitierten Kommentarliteratur, wonach die Angabe des Kündigungsgrundes bei der Kündigung Wirksamkeitsvoraussetzung für den Ausspruch der Kündigung ist.

44Dabei kann nach Ansicht der Kammer dahingestellt bleiben, ob auch die zur Wirksamkeit der Kündigung notwendige Begründung der Kündigung dem Schriftformerfordernis des § 47 Ziffer 1 TV AL II unterliegt. Denn die Beklagte hat nicht substantiiert vorgetragen, dass dem Kläger "bei" der Kündigung die Kündigungsgründe auch nur mündlich näher erläutert worden sind (siehe zu mündlichen Begründungen auch BAG vom 010.02.1999 2 AZR 176/98 Rdnr. 18 m.w.N.). Soweit die Beklagte auf das Gespräch vom 13.07.2009 im Beisein des Betriebsvertretungsvorsitzenden mit dem Kläger verweist, ist dieses Gespräch nicht geeignet, dass die tarifliche Erfordernis "bei der Kündigung" zu erfüllen, da zwischen dem Gespräch vom 13.07.2009 und dem Ausspruch der Kündigung vom 21.07.2009 eine Woche und zudem die Anhörung der Betriebsvertretung liegt.

45Die Beklagte kann auch nicht damit gehört werden, jedenfalls in dem Kündigungsschreiben vom 25.08.2009 seien Gründe für eine Kündigung angeführt. Wenn es dort heißt, die erstmalige Einsichtnahme in die staatsanwaltschaftliche Ermittlungsakte habe den Verdacht einer konkreten Tat zu einem Beweis verfestigt, obwohl es sich bei dieser Akte noch nicht einmal um die Ermittlungsakte handelt, die die Ermittlungen gegen den Kläger und den Schlussvermerk beinhaltet, kann der Kläger aus diesen Angaben nicht erkennen, welcher Verdacht welcher konkreten Tat sich zu

einem Beweis verfestigt hat. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Anhörung an die Betriebsvertretung mit Schreiben vom 15.07.2009 schwerpunktmäig darauf gestützt wird, dass dem Kläger vorgeworfen wird "Gelder entgegengenommen(zu haben) für Arbeiten, die er für die Firma L1 während der Arbeitszeit erledigt hat". Genau diesen Vorwurf hat die Beklagte gegenüber dem Kläger nach Einsichtnahme in die Ermittlungsakte nicht weiter verfolgt. Es geht nicht darum, dass der Kläger während seiner Arbeitszeit für die Beklagte Arbeitsleistungen für andere erbracht hat, sondern dass er ein "Schweigegeld" dafür bekommen hat, dass er der Beklagten keine Mitteilung davon gemacht hat, dass er für die Firma L1 statt neuer Gasherde nicht mehr ganz neue Gasherde eingebaut hat.

2.) 46

47Da der Kläger mit der Kündigungsschutzklage obsiegt hat, hat er nach den Grundsätzen des Großen Senats des Bundesarbeitsgerichts auch einen Anspruch auf Weiterbeschäftigung.

48Einschränkend war zu tenorieren, dass der Kläger keinen Anspruch auf eine Weiterbeschäftigung zu "unveränderten" Bedingungen hat, weil die Betriebsvertretung der beabsichtigten Kündigung nicht gem. § 79 Abs. 2 BPersVG widersprochen hat und dies bei einer außer0rdentlichen Kündigung auch nicht konnte.

49Aber auch außerhalb der Regelung des § 102 Abs. 5 BetrVG, § 79 Abs. 2 BPersVG hat der gekündigte Arbeitnehmer einen arbeitsvertraglichen Anspruch auf vertragsgemäße Beschäftigung über den Ablauf der Kündigungsfrist hinaus bis zum rechtskräftigen Abschluss des Kündigungsschutzprozesses, wenn die Kündigung unwirksam ist und nicht überwiegende schutzwerte Interessen des Arbeitgebers einer solchen Beschäftigung entgegenstehen.

50Außer im Falle einer offensichtlich unwirksamen Kündigung begründet die Ungewissheit über den Ausgang des Kündigungsschutzverfahrens das Interesse an einer Nichtbeschäftigung des gekündigten Arbeitnehmers für die Dauer des Kündigungsschutzprozesses. Dies überwiegt im Kündigungsschutzprozess solange, bis ein die Unwirksamkeit der Kündigung feststellendes Urteil ergeht. Solange ein solches Urteil besteht, kann die Ungewissheit des Prozessausgangs für sich allein ein überwiegendes Gegeninteresse des Arbeitgebers nicht mehr begründen. Dann müssen vielmehr zusätzliche Umstände hinzukommen, aus denen sich im Einzelfall ein überwiegendes Interesse des Arbeitgebers ergibt, den Arbeitnehmer nicht zu beschäftigen.

51Derartige zusätzliche Umstände hat die Beklagte nicht vorgetragen. Damit überwiegt das Beschäftigungsinteresse des Klägers das Interesse des Arbeitgebers an einer Nichtbeschäftigung des gekündigten Arbeitnehmers für die Dauer des Kündigungsschutzprozesses.

52Die Kostenentscheidung ergibt sich aus § 46 Abs. 2 ArbGG in Verbindung mit den §§ 495 und 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO. Nach der letztgenannten Vorschrift trägt derjenige die Kosten des Rechtsstreits, der unterlegen ist. Dies ist hier die Beklagte.

53Der Wert des Streitgegenstandes ist gemäß § 61 Abs. 1 ArbGG im Urteil festzusetzen. Die Höhe des Streitwerts ergibt sich für den Klageantrag zu Ziffer 1. aus § 42 Abs. 4

GKG. Nach dieser Vorschrift ist bei Streitigkeiten vor den Arbeitsgerichten über das Bestehen, das Nichtbestehen oder die Kündigung eines Arbeitsverhältnisses höchstens der Betrag des für die Dauer eines Vierteljahres zu zahlenden Arbeitsentgelts als Streitwert festzusetzen. Da die beiden streitbefangenen Kündigungen lediglich einen Monat auseinander liegen, hat die Kammer einen Streitwert von 3 Bruttomonatsgehältern als angemessen erachtet.

54Den Streitwert für den Weiterbeschäftigungsantrag hat die Kammer in Übereinstimmung mit der ständigen Rechtsprechung der für die Streitwertfestsetzungen beim Landesarbeitsgericht zuständigen Fachkammer mit zwei weiteren Bruttomonatsgehältern bewertet. Die Addition führt zum gemäß § 5 ZPO ausgeurteilten Gesamtstreitwert.

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Anmerkungen zum Urteil