Urteil des AG Kerpen vom 12.08.2004, 15 II 22/04

Aktenzeichen: 15 II 22/04

AG Kerpen: balkon, sanierung, anfechtung, verfahrenskosten, miteigentümer, demontage, beschwerdeschrift, haus, terrasse, verwaltung

Amtsgericht Kerpen, 15 II 22/04

Datum: 12.08.2004

Gericht: Amtsgericht Kerpen

Spruchkörper: Abteilung 15

Entscheidungsart: Beschluss

Aktenzeichen: 15 II 22/04

Nachinstanz: Landgericht Köln, 29 T 199/04

Leitsätze: Sieht die Gemeinschaftsordnung (bzw. Teilungserklärung) vor, daß "Einrichtungen, Anlagen und Gebäudeteile, die nach der Beschaffenheit oder dem Zweck des Bauwerkes oder gemäß dieser Teilungserklärung zum ausschließlichen Gebrauch durch einen Wohnungseigentümer bestimmt sind (z. B. Balkone, Terrassen, Veranden) von ihm auf seine Kosten instandzuhalten und instandzusetzen (sind)", so sind alle Kosten, welche die Sanierung der Balkone betreffen, von den Wohnungseigentümern zu tragen, welche über einen Balkon verfügen (a.A. OLG Düsseldorf, Beschluß vom 12.1.1998 - 3 Wx 546/97, ZMR 1998, 304).

Rechtskraft: nicht rechtskräftig

Tenor: Der Beschluß der Wohnungseigentümergemeinschaft "C-Straße 31 + N- Straße 8", ####1 L, vom 30.3.2004 zu TOP 5 (Balkonsanierung und Kostenfreistellung) wird für unwirksam erklärt.

Es wird festgestellt, daß die Kosten der Montage bzw. Demontage von Markisen, die aus Anlaß einer Balkonsanierung zu erfolgen hat, nur von dem bzw. den Wohnungseigentümern zu tragen sind, welche über Balkone verfügen (und nicht von den anderen Wohnungseigentümern).

Die Verfahrenskosten werden den Antragsgegnern zu 1/12 auferlegt.

Eine Erstattung der außergerichtlichen Kosten der Beteiligten findet nicht statt.

Die vorläufige Wirksamkeit dieser Entscheidung wird gemäß § 44 Abs. 3 WEG angeordnet.

G R Ü N D E : 1

2Die Antragsteller und die Antragsgegner bilden die im Rubrum näher bezeichneten Wohnungseigentumsanlage, die von der weiteren Beteiligten verwaltet wird. Die Wohnungseigentümer verfügen zum Teil über Terrassen, teils über Balkone bzw. über Dachgeschoßwohnungen (ohne Terrassen bzw. Balkone). Die Balkone sind sanierungsbedürftig. Der Sanierungsaufwand liegt bei ca. 80.000 EUR.

3§ 6 Abs. 2 Ziffer 2 der Teilungserklärung (vgl. Bl. 16 GA und unten bei den Entscheidungsgründen) sieht vor, daß die Wohnungseigentümer, welche über einen Balkon verfügen, auch die Kosten seiner Instandhaltung und Instandsetzung zu tragen haben.

4In der Eigentümerversammlung vom 30.3.2004 hat die Gemeinschaft mit Stimmenmehrheit folgenden Beschluß gefaßt:

5"Die Gemeinschaft beschließt, die Durchführung der Balkonsanierungsmaßnahme im Umfang von ca. EUR 80.000. Die Finanzierung der Maßnahme wird durch Erhebung einer Sonderumlage sichergestellt. Die Sonderumlage, die zum 30.06.2004 zur Zahlung fällig gestellt wird, errechnet sich wie folgt.

6Ca. EUR 14.000 Oberbelagsarbeiten - Verteilung dieser Kosten auf die 8 Wohneinheiten mit Balkon nach gleichen Anteilen.

7Ca. EUR 66.000 substanzerhaltende Sanierung - Verteilung dieser Kosten auf alle Eigentümer nach dem Verhältnis ihrer Miteigentumsanteile."

8Ausweislich des Protokolls (vgl. hier Bl. 7 GA) wurde zugleich darüber abgestimmt, daß der Wohnungseigentümer Buchmaier den vorstehenden Beschluß anfechten und er von ihm gegebenenfalls entstehenden Kosten durch die Gemeinschaft freigestellt werden solle. Hintergrund dafür war, daß der Beschlußfassung eine längere Diskussion über die Frage der Auslegung von § 6 Abs. 2 Ziffer 2 der Teilungserklärung vorausgegangen war und die Gemeinschaft mit der Durchführung des Beschlußanfechtungsverfahrens Rechtsklarheit darüber erzielen wollte, wie die Bestimmung in der Teilungserklärung zu verstehen ist.

9Die Antragsteller wenden sich gegen die Beschlußfassung zu TOP 5 und machen geltend, daß die Teilungserklärung dahingehend auszulegen sei, daß die Sanierungskosten der Balkone alleine von den Wohnungseigentümern zu tragen seien, die auch über einen Balkon verfügen. Weiter hat der Antragsteller zu 1 einen Feststellungsantrag gestellt.

Sie beantragen, 10

wie erkannt. 11

Die Antragsgegner beantragen, 12

den Antrag zurückzuweisen. 13

Sie sind der Auffassung, daß bei der Balkonsanierung eine Kostenabgrenzung zu erfolgen habe. 14

15Das Gericht hat im Vorfeld der mündlichen Verhandlung auf eine Entscheidung des OLG Düsseldorf vom 12.1.1998 - 3 Wx 546/97 - (ZMR 1998, 304) hingewiesen und angedeutet, dieser Entscheidung, welche zu einer wortgleichen Klausel ergangen ist, wohl folgen zu wollen. In der mündlichen Verhandlung ist dies sodann ausdrücklich offen gelassen worden.

16Auf den Inhalt der von den Parteien gewechselten Schriftsätze sowie auf das Protokoll der mündlichen Verhandlung vom 27.7.2004 wird Bezug genommen.

Der Beschluß der Gemeinschaft zu TOP 5 ist für unwirksam zu erklären. 17

18Das Gericht teilt die Auffassung der Antragsteller, daß bei den Kosten der Balkonsanierung nicht zwischen den Kosten der Oberbelagsarbeiten und den Kosten für die substanzerhaltende Sanierung zu differenzieren ist. Vielmehr sind nach Auffassung des Gerichts alle Kosten, welche die Sanierung der Balkone betreffen, von den Wohnungseigentümern zu tragen, welche über einen Balkon verfügen.

19Bei der Frage, wie die Kosten der Balkonsanierung auf die Wohnungseigentümer zu verteilen sind, ist von dem Wortlaut der Teilungserklärung auszugehen. Diese regelt in § 6 Abs. 2 Nr. 2 (vgl. Bl. 16 GA):

20"Einrichtungen, Anlagen und Gebäudeteile, die nach der Beschaffenheit oder dem Zweck des Bauwerkes oder gemäß dieser Teilungserklärung zum ausschließlichen Gebrauch durch einen Wohnungseigentümer bestimmt sind (z. B. Balkone, Terrassen, Veranden) sind von ihm auf seine Kosten instandzuhalten und instandzusetzen."

21Im Kern bestimmt die vorstehende Klausel für die Wohnungseigentümer, welche über einen Balkon verfügen, schlicht: Sie müssen die Kosten der Instandhaltung und Instandsetzung der zu ihrem Sondereigentum gehörenden Balkone tragen. Der Wortlaut von § 6 Abs. 2 Ziffer 2 bietet dabei keinen Anhaltspunkt dafür, daß bei den Sanierungskosten ein irgendwie geartete Kostentrennung vorzunehmen wäre. Vielmehr deutet der Wortlaut eindeutig dahin, daß die Wohnungseigentümer, zu deren Sondereigentum ein Balkon gehört, in vollem Umfang die Sanierungskosten zu tragen haben, soweit diese auf die Balkone entfallen.

22Soweit das OLG Düsseldorf demgegenüber (für eine wortwörtlich übereinstimmende Klausel) eine Differenzierung danach vorgenommen hat, zu wessen Nutzen bestimmte Teile des Balkons zu dienen zu bestimmt sind, vermag dies einer intensiveren Prüfung nicht standzuhalten.

23Denn für diese Auslegung der Teilungserklärung fehlt es letztlich an jedem Anhaltspunkt. So differenziert die Teilungserklärung nicht zwischen dem Oberbelag (der Balkone) und den darunter liegenden Schichten, welche zwingend zum Gemeinschaftseigentum gehören. Vielmehr werden die (gesamten) Kosten der Instandhaltung und Instandsetzung der Balkone aus der gemeinschaftlichen Kostentragung herausgenommen. Es ist daher auch nicht zwischen den Oberbelagsarbeiten und den Maßnahmen zur Substanzerhaltung zu differenzieren. Vielmehr müssen die Kosten, die von den Sondereigentümern der Balkone bzw. von allen Wohnungseigentümern getragen werden müssen, danach abgegrenzt werden, ob die Maßnahmen "die Balkone" oder das "übrige Gebäude" betreffen.

24Weiter kann auch der Ausgangspunkt der Betrachtung des OLG Düsseldorf nicht überzeugen. Denn der Vorteil, den ein Balkon dem einzelnen Wohnungseigentümer vermittelt, kann nicht auf die Nutzung des Oberbelages reduziert werden. Vielmehr stellt die Existenz eines Balkons für sich genommen einen erheblichen Vorteil gegenüber den Wohnungen dar, die über keinen Balkon verfügen. So wird durch einen Balkon eine deutlich intensivere Nutzung einer Wohnung ermöglicht. Vielfach werden Wohnungen "mit Balkon" gesucht; bei der Vermietung von Wohnungen stellt die Nutzungsmöglichkeit eines Balkons in aller Regel einen besonderen Vorteil dar, der auch entsprechend herausgestellt wird.

25Besteht der Vorteil des Balkons aber in dem Umstand, daß er vorhanden und nutzbar ist, so entspricht dem - gemäß der Teilungserklärung als Äquivalent - die Verpflichtung, die damit einhergehenden Kostennachteile auch zu tragen. Eine Beschränkung der Instandhaltungspflicht auf die obere Belagsschicht trägt dem nicht zureichend Rechnung.

26Die hier vorgenommene Auslegung erweist sich auch unter bautechnischen Gesichtspunkten als richtig. So stellen Balkone - was gerichtsbekannt ist - vielfach bautechnisch Schwachstellen dar, insbesondere was die Isolierung des Baukörpers gegen eindringende Feuchtigkeit angeht. Es erscheint dem Gericht daher durchaus konsequent zu sein, wenn in der Teilungserklärung festgelegt wird, daß die Wohnungseigentümer, welche über einen Balkon verfügen, auch die besonderen Kosten zu tragen haben, welche mit der Existenz - und der Nutzungsmöglichkeit eines Balkons - einhergehen. Weshalb diese Kostentragung auf die Erneuerung des Oberbelages beschränkt werden sollte, ist letztlich nicht einzusehen (und vom OLG Düsseldorf in der Entscheidung vom 12.1.1998 auch nicht überzeugend dargetan worden). Wenn die Teilungserklärung daher den Wohnungseigentümern, die über einen Balkon verfügen, die (gesamten) Kosten der Instandhaltung und Instandsetzung der Balkone überträgt, so erweist sich dies als vernünftig und überzeugend.

27Für diese Auslegung spricht auch, daß es nach allgemeiner Auffassung zulässig ist, in der Teilungserklärung bestimmten Wohnungseigentümern auch die Kosten für die Instandsetzung bzw. Instandhaltung von gemeinschaftlichem Eigentum aufzuerlegen (vgl. dazu BayObLG, 2Z BR 63/96, ZMR 1996, 574, 2Z BR 144/98, ZMR 1999, 59 = WuM 1999, 641, OLG Hamm, 15 W 115/96, ZMR 1997, 193 ff.). Da die Balkone - jedenfalls teilweise - zwingend im Gemeinschaftseigentum stehen und die Klausel in § 6 Abs. 2 Ziffer 2 nicht zwischen dem Sonder- und dem Gemeinschaftseigentum differenziert, ist es naheliegend, daß die begünstigten Sondereigentümer auch die gesamten Kosten der Balkonsanierung zu tragen haben. Denn andernfalls hätte bereits in der Teilungserklärung eine klarere Abgrenzung vorgenommen werden müssen.

28Diese Interpretation der Teilungserklärung führt im übrigen auch zu schlüssigen Ergebnissen mit Blick auf die Instandhaltungspflichten der übrigen Wohnungseigentümer. So ist vorgetragen worden (und unstrittig geblieben), daß in der Vergangenheit die Wohnungseigentümer, welche über Terrassen verfügen, die Kosten der Instandhaltung im Hinblick auf die Regelung in § 6 Abs. 2 Ziffer 2 der Teilungserklärung alleine getragen haben. Dies erscheint dem Gericht richtig zu sein, auch wenn dabei Kosten zu tragen waren, die nicht unmittelbar mit dem obersten Belag (etwa den Steinplatten der Terrasse etc.) zusammen hingen. Denn mit der Instandsetzung bzw. Instandhaltung der Terrassen soll die Gemeinschaft nichts zu tun haben. Gleiches gilt aber umgekehrt auch für die Wohnungseigentümer, welche über

keinen Balkon verfügen: Auch mit der Instandsetzung bzw. Instandhaltung dieser Baukörper sollen sie nichts zu tun haben.

29Die über Balkone verfügenden Wohnungseigentümer haben mithin alle Kosten zu tragen, welche gerade deshalb zusätzlich anfallen, weil das Haus über Balkone verfügt. Für eine davon abweichende Interpretation bietet die Teilungserklärung keine zureichenden Anhaltspunkte.

30Damit steht zugleich fest, daß die über einen Balkon verfügenden Wohnungseigentümer auch die Kosten der Demontage und (erneuten) Montage von Markisen zu tragen haben, wenn diese aufgrund von erforderlichen Sanierungsarbeiten an den Balkonen vorübergehend entfernt werden müssen.

31Begründet ist weiter die Anfechtung zu TOP 5, soweit dort beschlossen wurde, daß der Miteigentümer Buchmaier auf Kosten der Gemeinschaft den Beschluß zur Verteilung der Kosten der Balkonsanierung anfechten solle und ihm dazu eine "Kostenfreistellung" zugesichert wurde. Ein solches Vorgehen entspricht nicht ordnungsgemäßer Verwaltung. So obliegt es dem Verantwortungsbereich eines jeden Wohnungseigentümers, ob er Beschlüsse der Gemeinschaft gegen sich gelten lassen oder diese anfechten will. Für eine Kostenfreistellung der hier beschlossenen Art fehlt es an jeglicher Grundlage. Dabei ist auch zu bedenken, daß jeder Wohnungseigentümer, der sich durch die Beschlußfassung in seinen Rechten beeinträchtigt fühlt, keine Garantien dafür besitzt, daß ein solchermaßen "beauftragter" Wohnungseigentümer die Anfechtung auch durchführt. Wie das vorliegende Verfahren eindrucksvoll beweist, können sich daher ohne weiteres trotz des gefaßten Beschlusses (zur Kostenfreistellung) auch weitere Miteigentümer (zu Recht) gehalten fühlen, selbständig ein Beschlußanfechtungsverfahren durchzuführen.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 47 WEG. 32

33Es entsprach billigem Ermessen, den Antragsgegnern als den Unterlegenen die Verfahrenskosten aufzuerlegen (vgl. dazu auch § 100 Abs. 1 ZPO).

34Hinsichtlich der außergerichtlichen Kosten hat es demgegenüber bei dem Regelfall des § 47 Satz 2 WEG zu verbleiben, wonach diese Kosten nicht zu erstatten sind.

35Die Anordnung der vorläufigen Wirksamkeit dieser Entscheidung beruht auf § 44 Abs. 3 Satz 1 WEG. Zur Begründung ist darauf zu verweisen, daß in dem Beschluß die Zahlung einer Sonderumlage festgelegt worden ist, welche zum 30.6.2004 fällig geworden ist. Da der Beschluß nach Auffassung des Gerichts unwirksam ist, war die (weitere) Erhebung der Sonderumlage zu stoppen und dazu die vorläufige Wirksamkeit der Entscheidung anzuordnen.

Geschäftswert nach § 48 WEG: 36

Der Geschäftswert wird (reduziert gemäß § 48 Abs. 3 Satz 2 WEG) auf 10.000 EUR festgesetzt. 37

Rechtsmittelbelehrung: 38

Gegen diese Entscheidung kann die sofortige Beschwerde eingelegt werden. 39

40Die sofortige Beschwerde ist nur zulässig, wenn der Wert des Gegenstandes der sofortigen Beschwerde 750 EUR übersteigt. Es wird darauf hingewiesen, daß der Wert des Beschwerdegegenstandes sich maßgeblich nach dem Änderungsinteresse des Beschwerdeführers bestimmt und nicht mit dem in dieser Entscheidung festgesetzten Gegenstandswert übereinstimmen muß.

41Die sofortige Beschwerde ist innerhalb einer Frist von zwei Wochen, die mit der Zustellung der Entscheidung beginnt, beim Amtsgericht Kerpen oder bei dem Landgericht Köln entweder durch Einreichung einer Beschwerdeschrift oder zu Protokoll der Geschäftsstelle eines der genannten Gerichte einzulegen. Die Frist wird nur durch den Eingang der Beschwerdeschrift bei einem der genannten Gerichte bzw. durch die Erklärung zu Protokoll der Geschäftsstelle eines der genannten Gerichte gewahrt.

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