Urteil des AG Aachen, Az. 29 F 349/96

AG Aachen (strafanzeige, kläger, erstattung, verhalten, firma, höhe, scheidungsverfahren, steuerhinterziehung, verhandlung, erwerbstätigkeit)
Amtsgericht Aachen, 29 F 349/96
Datum:
15.08.1997
Gericht:
Amtsgericht Aachen
Spruchkörper:
Familiengericht
Entscheidungsart:
Urteil
Aktenzeichen:
29 F 349/96
Tenor:
Das Urteil des Oberlandesgerichts Köln vom 10. Oktober 1996 ( 10 UF
223/05) wird dahingehend abgeändert, daß der Kläger der Beklagten ab
dem 13.12.1996 keinen Unterhalt mehr schuldet.
Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.
Die Kosten des Rechtsstreits trägt die Beklagte.
T a t b e s t a n d :
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Die Parteien sind geschiedene Eheleute. Aus ihrer Ehe sind zwei bereits volljährige
Kinder hervorgegangen.
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Im Ehescheidungsverfahren ist der Beklagten nachehelicher Ehegattenunterhalt in
Höhe von insgesamt monatlich 3.219,00 DM zuerkannt worden. Die Verurteilung des
Klägers zur Zahlung von Unterhalt beruht auf den §§ 1573, 1578 BGB, weil die Beklagte
nicht in der Lage ist, durch eigene Erwerbstätigkeit und anderweitige Einkünfte ihren
eheangemessenen Bedarf vollständig zu decken.
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Am 04.11.1996 erstattete die Beklagte bei der Polizeibehörde eine Strafanzeige gegen
den Kläger wegen Steuerhinterziehung. Unter anderem verwies sie in ihrer Strafanzeige
darauf, der Kläger verfüge über 800.000,00 DM auf einem luxemburgischen Konto.
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Nach dem Vermerk des aufnehmenden Kriminalbeamten in der Ermittlungsakte hat die
Beklagte bei der Anzeigenerstattung als Grund unumwundbare privatrechtliche
Streitigkeiten bzw. persönliche Revanche eingeräumt. Durch die Einschaltung der
Polizei wollte die Beklagte die Unterhaltsbeträge aus dem aus dem Urteilstenor
ersichtlichen Unterhaltsurteil "richtig stellen", weil sie das Urteil als ungerecht
empfunden hat. Auch wollte sie ihrer Meinung nach richtigen Beträge zur Berechnung
des Zugewinnausgleichs durch die Strafanzeige ermitteln lassen. Die Folgesache
Zugewinnausgleich ist im Scheidungsverfahren noch nicht erledigt worden.
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Der Kläger ist der Auffassung, die Beklagte habe durch die unberechtigte Strafanzeige
ihren Unterhaltsanspruch verwirkt. Er beantragt,
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wie erkannt.
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Die Beklagte beantragt,
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die Klage abzuweisen.
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Sie ist der Auffassung, ihr Verhalten bei Erstattung der Strafanzeige sei nicht geeignet
gewesen, nachteilige Maßnahmen gegen den Kläger herbeizuführen - zumal der Kläger
behaupte, steuerehrlich zu sein. Sie beruft sich im übrigen auf Schuldunfähigkeit.
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Wegen der weiteren Einzelheiten des Parteivorbringens wird auf den Inhalt der
gewechselten Schriftsätze und den Aktenauszug aus dem Verfahren 31 Js 1671/96 STA
Aachen, der sich bei den Akten befindet, Bezug genommen.
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E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e :
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Die Klage ist begründet.
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Der Kläger kann von der Beklagten die Abänderung des Unterhaltsurteils vom 10.10.96
ab Rechtshängigkeit - 13.12.96 - beanspruchen.
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Denn die Umstände, welche dem genannten Urteil zu Grunde lagen, haben sich
nachträglich wesentlich verändert. Die Beklagte hat durch ihr am 04.11.96 begonnenes
Verhalten bei Erstattung der Strafanzeige ihren Unterhaltsanspruch nach § 1579 Nr. 4
verwirkt. Hiernach ist ein Unterhaltsanspruch zu versagen, soweit die Inanspruchnahme
des Verpflichteten auch unter Wahrung der Belange eines dem Berechtigten zur Pflege
oder Erziehung anvertrauten gemeinsamen Kindes grob unbillig wäre, weil der
Berechtigte sich über schwerwiegende Vermögensinteressen des Verpflichteten
mutwillig weggesetzt hat. So ist es hier.
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Wesentliche Anwendungsbeispiele für die vorgenannte Bestimmung ist die Erstattung
von Strafanzeigen gegen den Unterhaltsverpflichteten, soweit sie dem
Vermögensinteresse schädlich sein bzw. die Gefahr eines schwerwiegenden
wirtschaftlichen Nachteils herbeiführen können.
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Die Beklagte hat die gegen den Kläger erstattete Strafanzeige leichtfertig erstattet.
Nichts spricht derzeit dafür, dass die von der Beklagten erhobenen Vorwürfe den
Tatsachen entsprechen. Sie hat schon bei der Strafanzeige erkennen lassen, daß sie
aus Enttäuschung über den bisherigen Ausgang des Scheidungsverfahren -
insbesondere zur Frage des Unterhalts- die Strafanzeige erstattet hat.
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Unter den gegebenen Umständen konnte die erstattete Strafanzeige ohne weiteres eine
Gefährdung der Vermögensinteressen des unterhaltspflichtigen Klägers herbeiführen.
Dies gilt schon typischerweise für eine Anzeige wegen Steuerhinterziehung. Darüber
hinaus ist auch die Gefahr eines schwerwiegenden wirtschaftlichen Nachteils -
zumindest aus der Sicht der Beklagten - infolge der Erstattung der Anzeige durchaus
erkennbar gewesen. Immerhin ist im Ermittlungsverfahren ein richterlicher
Durchsuchungsbeschluss erlassen worden, der die Durchsuchung der Wohnräume und
der Räume der Firma X an der der Kläger beteiligt ist, anordnete. Im Nachhinein
bezeichnet der Kläger selbst zwar die unmittelbaren Auswirkungen auf die Firma durch
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eine etwaige Durchsuchungshandlung der Ermittlungsbehörde als eher gering.
Indessen darf nicht verkannt werden, daß bei tatsächlicher Ausführung des
Durchsuchungsbeschlusses hiervon Auswirkungen auf die Geschäftspartner der Firma
wie auch auf die Mitgesellschafter des Klägers ausgegangen wären. Insoweit
beinhaltete das verhalten der Beklagten ein relativ großes Gefährdungspotential.
Die Beklagte handelte auch mutwillig im Sinne der genannten Bestimmung, das heißt
unterhaltsbezogen. Noch in der mündlichen Verhandlung vom 17.8.97 hat die Beklagte
darauf verwiesen, daß sie sich mittels der Strafanzeige Unterlagen verschaffen wollte,
um "beweise" über die Höhe des Einkommens und des Vermögens des Klägers zu
haben. Sie handelte auch zur weiteren Vorbereitung im Rahmen der Geltendmachung
des Zugewinnausgleiches wie sie durch ihren Prozessbevollmächtigten in der
Klageerwiderung vom 20.01.97 hat vortragen lassen.
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Entgegen dem Vorbringen der Beklagten kann auch nicht davon ausgegangen werden,
daß sie im Zustand der erheblich verminderten oder gar ausgeschlossenen
Schuldfähigkeit gehandelt hat. Der Sachverständige Dr. C hat in seinem Gutachten in
dem Verfahren 29 F 272/892 keine psychischen Erkrankungen im eigentlichen Sinne
bei der Beklagten feststellen können. Darüber hinaus hat die Beklagte selbst in der
mündlichen Verhandlung vom 17.06.1991 die Motivation für ihr Vorgehen nochmals auf
Befragen des Gerichts eingehend geschildert. Hiernach ist sie nicht - wie von ihrem
Prozessbevollmächtigten vorgetragen - spontan vorgegangen sondern sie hat gezielt
erst den Ausgang des Unterhaltsverfahrens in der zweiten Instanz abgewartet und dann
"losgeschlagen" wie sie selbst genannt hat.
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Die Beklagte ist durch die Betreuung gemeinsamer Kinder der Parteien nicht gehindert,
einer eigenen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Im Hinblick darauf erscheint die
Versagung des Unterhaltsanspruches nicht grob unbillig. Im übrigen verbleibt ihr
immerhin der Mindestunterhalt. Ihr ist es zumutbar und bei Entfaltung entsprechender
Bemühungen auch möglich, zumindest eine Erwerbsstelle im Rahmen der
Geringverdienergrenze zu erlangen. Den Restunterhalt bis zum Mindestunterhalt kann
die Beklagte durch Einkünfte aus Kapitalvermögen decken. Sie verfügt derzeit über ein
Vermögen von ihr als 70.000,00 DM und berühmt sich weiterhin in der Folgesache
Zugewinnausgleich eines Anspruches in Höhe von mehr als 200.000,00 DM.
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Die Nebenentscheidungen beruhen auf den §§ 91, 708 Nr. 8, 711 ZPO.
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Streitwert: 12 x 3.291,00 DM.
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