Dr. Sebastian Kraska

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IT-Recht
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Zeiten-Wechsel im Datenschutz: Transformation der Gesellschaft

Dr. Sebastian Kraska am Tuesday, 22. December 2020, 10:18 Uhr

IITR Information[IITR – 22.12.20] Gelegentlich hören wir aus allerhöchsten Regierungskreisen, wonach sich bei uns vieles ändern wird. Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer übernahm die Aufgabe, dies unlängst in einem Interview mit dem Handelsblatt zu konkretisieren. Danach dürfte Corona eine von der Politik angestoßene Transformation unserer Gesellschaft wohl noch beschleunigen.

„The Age of Disorder“

Nicht nur die Politik treibt ein Projekt an, welches weit über die EU hinausgreift und dabei die herkömmlichen Methoden einer gesellschaftlichen Weichenstellungen erweitert hat. Als Folge wurde eine Studie der Deutschen Bank zu Economic Cycles überschrieben mit: The Age of Disorder.

Ob der angestoßene Umbau der Gesellschaft kontrolliert verlaufen und von Corona dabei unterstützt wird, oder aber die bestehenden Planungen über den Haufen werfen könnte muss abgewartet werden. Bereits die Wahl in den USA ist anders als vorhergesagt gelaufen.

Voraussagen scheinen an Präzision einzubüßen. Das gilt auch für all das, was wir unter Datenschutz zu verstehen glauben.

Manche meinten, das Interesse von Unternehmen wie Google oder Facebook bestünde darin, der Menschheit eine Suchmaschine zur Verfügung zu stellen, bzw. weltweite soziale Kontakte zu ermöglichen. Wir wissen jedoch: Geld verdienen diese Firmen durch Werbung. Diese Dienste stellen sie nicht gratis zur Verfügung, sie sammeln und verarbeiten Daten von Personen, um den dadurch entstehenden Nutzen zu vermarkten. Das alles wurde hinlänglich beleuchtet und problematisiert. Womöglich liegen aber nicht alle Erkenntnisse bereits auf dem Tisch.

Ich versuche darzulegen, ob man hierzu jemals einen Abschluss wird erreichen können, und was dem entgegenstehen könnte.

Glaube an die eigene Autarkie

Wir als Nutzer glauben, in unserem eigenen Denken und Handeln halbwegs autark zu sein, wir folgen unserer Überzeugung, im Leben unseren eigenen Erkenntnissen und Eindrücken zu folgen. Dazu verdrängen wir gelegentlich, wie und durch wen wir zu unseren Eindrücken und Erkenntnissen gelangen.

Google, Facebook und andere bereiten Daten für Werbung auf. Werbung funktioniert umso besser, je genauer man diejenigen kennt, denen man etwas anbieten oder verkaufen möchte. Hier fand durch das Internet ein qualitativer Sprung statt. Heutzutage muss Werbung nicht mehr auf eine Zielgruppe hin optimiert werden. Man kann seine Werbung nunmehr individuell auf Einzelpersonen zuschneiden.

Man ermittelt, an was jemand ein Interesse oder einen Bedarf verspürt. Ist das Vorhandensein eines individuellen Bedarfs ermittelt, so kann Werbung nunmehr gezielt und damit hochwirksam eingesetzt werden.

Dies setzt Anstrengungen zur Profilermittlung eines jeden Individuums voraus. Zunächst auf dessen Konsumverhalten beschränkt.

Bildung von Nutzerprofilen

Geben Sie beispielsweise bei Amazon über ihren Google-Browser ein, dass Sie eine Kaffeemaschine suchen, dann erhalten viele im Internet lungernden Unternehmen eine Information in der Art, wonach Sie womöglich als Kaffeetrinker in Betracht kommen. Dies stellt einen klitzekleinen Informations-Baustein dar, welcher ihnen bereits diesbezügliche Werbeeinspielungen im Internet bescheren konnte. Zusätzlich könnten irgendwo Markierungen der Art angelegt werden, dass Sie womöglich eher ein Hunde- anstatt ein Katzenliebhaber sein dürften, vielleicht für Herz/Kreislauf-Auffälligkeiten in Betracht kämen und dergleichen mehr. Harmlos.

Jede weitere Regung von ihnen im Internet ergänzt ihr Profil, bei gleichzeitiger Senkung Ihrer Privacy.

Entstehende Personenprofile lassen sich derart ziseliert ausgestalten, dass sich jedes für relevant gehaltene psychische, jedes psychologische Merkmal einer Person identifizieren und adressieren ließe. Jedes zu ihnen aufgelaufene Persönlichkeitsmerkmal, jede schlummernde Gefühlsregung ist identifizierbar und ließe sich damit ansprechen und nutzen.

Seit einiger Zeit ist der Zugriff auf dienstbare Geister möglich, die ohne Unterbrechung darauf warten, Ihnen bei der Bedienung von Lichtschaltern (IoT, Internet der Dinge) oder bei Auswahl von Musik-Titeln sowie Bestellungen jeder Art zur Hand zu gehen. Handelt es sich um emotional zuordbare Wünsche – das dürfte wohl die Regel sein – wird dies vermerkt werden. Womöglich könnte sich die Äußerung eines Wunsches auf Ihren Puls senkend oder steigernd auswirken. Viellicht merken Sie selber davon nichts. Jedoch Ihre Gesundheits-Uhr (IoB, Internet of Bodies), die Sie als Fitness-Tracker oder Smart Watch am Arm tragen, hat eine Reaktion aufgezeichnet. Gesundheits-Informationen sollen das Wohlbefinden des Körpers verbessern. Im Hintergrund verbessern sie das von Ihnen angelegte Profil. Bereits heutzutage wechseln dazu gigantische Datenmengen den Besitzer.

Systematische Erfassung des Gefühlslebens

Es fallen dabei Erkenntnisse an, die sich zur Einordnung des gesamten Gefühlslebens einer Person verdichten lassen.

Dies setzt eine Zuordnung von emotionalen Reaktionen voraus. Vor einem Fernseher sitzend, auf dem man – von einem IP-Fernseher registriert – einen spannenden Film, oder eine politische Diskussion verfolgt. Die anfallenden Daten lassen sich zusammenführen.

Am Ende können Sie nur hoffen, dass dergleichen nicht mit, sondern allenfalls oder vielleicht nur in China gemacht wird, während in den USA Unternehmen an die Börse gebracht werden, die derartige Auswertungen als ihre Kernkompetenz ausweisen, um den bisher agierenden Unternehmen und Akteuren das Feld nicht alleine überlassen zu müssen.

Steuerbarkeit des Individuums

Wir nähern uns dem eigentlichen Problem. Nicht die Erkundung von Konsum-Interessen zum Zweck der Zuspielung von individualisierter Werbung dürfte problematisch sein, denn dabei handelt es sich lediglich um harmlosen, schnöden Kapitalismus.

Die Probleme bestehen darin, Gefühlswelten eines Individuums transparent machen zu können und damit ein Individuum bespielbar und in jeder Hinsicht lenkbar zu machen. Das Individuum wird letztlich von jeder gesellschaftlichen Realität abgekoppelt.

Dazu werden jene Nachrichten-Lagen, jene Welten-Beschreibungen zur Kenntnis gebracht und eingespielt, die den eigenen, von Algorithmen aus ihrer persönlichen Datenbank destillierten Ansichten entsprechen, um sie nicht unnötig zu verstören.

Sie werden in Ihrer ureigenen Blase versenkt.

Und das wäre dann sogar noch die bessere Option.

Weiter oben lasen Sie: „Wir (…) glauben, in unserem eigenen Denken und Handeln autark zu sein, weil wir der Überzeugung sind, im Leben unseren eigenen Erkenntnissen und Eindrücken zu folgen. Dazu verdrängen wir gelegentlich, wie und durch wen wir zu unseren Eindrücken und Erkenntnissen gelangen.“

Die Überzeugung, autark im eigenen Denken und Handeln zu sein, diesen Glauben wird niemand aufgeben können, denn er stellt die Voraussetzung unserer Handlungsfähigkeit dar. Quetscht sich jemand in die Bresche, wie wir unsere Erkenntnisse erlangen, so werden wir zur Marionette. Altbekannte Tatsache.

Direkter Zugriff auf Entscheidungsinstanz des Menschen

Neu ist die Effektivität, mit der ein direkter Zugriff auf die Entscheidungsinstanz des Menschen möglich wird. Der Ansatz des Datenschutzes erscheint dagegen nachgerade hilflos.

Zukünftig werden Bestärkungen unserer Voreingenommenheit möglich, individuell auf uns zugeschnitten. Das Ergebnis einer politischen Internet-Suche könnte individualisiert werden, abhängig davon, wer anfragt und was das Internet aufgrund des vorliegenden Profils des Anfragenden als Antworten für angemessen hält.

Wir mögen es, möglichst das zu erfahren, an was wir ohnehin bereits glauben. Wir lieben die Selbstbestätigung. An dieser Stelle werden wir abhängig von einem digitalen Joint, verabreicht durch jene, die uns jene Informationen vorsortiert zuspielen, auf die wir nur ungerne verzichten wollen.

Auf diese Weise entsteht u.a. Kundenbindung, die aus unserer individuellen Gefühlswelt abgeleitet wurde.

Man mag sich fragen, ob diese Technik das Potential zur Lenkung bietet.

Schaffung individueller Wahrnehmungsräume

Es entstehen um jedes Individuum herum virtuelle Räume, aus denen der Mensch in aller Regel nicht mehr herausfinden wird, weil diese Räume von der Individualität der jeweiligen Person vorgegeben wurden.

Was jenseits dieser Räume geschieht wird in der Wahrnehmung zunehmend abgedämpft, es gerät in den Hintergrund.

Das Denken und Fühlen, und womöglich das Handeln der Menschheit insgesamt dürfte damit zusätzlich beeinflusst werden können, und viele Akteure glauben, Reiter zu sein.

Nicht nur Corona dürfte die wohl bereits im Gang befindliche „Transformation“ beeinflussen. Halten wir uns an Mark Twain: Vorhersagungen erweisen sich als schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.

Autor: Eckehard Kraska

Kontakt:
Rechtsanwalt Dr. Sebastian Kraska, externer Datenschutzbeauftragter

Telefon: 089-1891 7360
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E-Mail: email@iitr.de

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