Urteil des VG Düsseldorf, Az. 14 K 8254/99.A

VG Düsseldorf: bundesamt, abschiebung, indien, asylverfahren, polizei, anerkennung, bekanntgabe, rechtsgrundlage, vollmacht, anhörung
Verwaltungsgericht Düsseldorf, 14 K 8254/99.A
Datum:
28.02.2000
Gericht:
Verwaltungsgericht Düsseldorf
Spruchkörper:
14. Kammer
Entscheidungsart:
Urteil
Aktenzeichen:
14 K 8254/99.A
Tenor:
Die Abschiebungsandrohung im letzten Satz der Nr. 3 des Bescheides
des Bundesamtes vom 10. Dezember 1999 wird aufgehoben. Im übrigen
wird die Klage als offensichtlich unbegründet abgewiesen. Der Kläger
trägt die Kosten des Verfahrens. Gerichtskosten werden nicht erhoben.
Der im Jahre 1971 geborene Kläger ist indischer Staatsangehöriger. Er reiste am 20.
März 1993 - erstmals - in die Bundesrepublik Deutschland ein und beantragte die
Anerkennung als Asylberechtigter. Zur Begründung gab er bei seiner Anhörung durch
das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (Bundesamt) an: Er
habe im August 1992 die 11. Klasse des xxxxxx Colleges zwangsweise abbrechen
müssen, denn er sei für 5 Tage von der Polizei festgenommen worden. Er sei Mitglied
der SSF, die die Polizei bekämpfe. Er sei verhaftet worden, weil er im Juli 1992 an einer
SSF-Konferenz teilgenommen und auch Khalistan-Parolen gerufen habe. Er fürchte sich
vor der Polizei wie vor den Terroristen. Mit Bescheid vom 13. Dezember 1993 lehnte
das Bundesamt den Asylantrag ab und stellte fest, dass die Voraussetzungen des § 51
AuslG und Abschiebungshindernisse nach § 53 AuslG nicht bestehen. Außerdem
forderte es den Kläger auf, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb eines Monats
nach Bekanntgabe des Bescheides zu verlassen. Für den Fall der Nichteinhaltung der
Ausreisefrist kündigte das Bundesamt die Abschiebung nach Indien bzw. den Staat an,
in den der Kläger einreisen darf oder der zu seiner Rückübernahme verpflichtet ist. Die
hiergegen erhobene Klage 14 K 3042/94.A nahm der Kläger in der mündlichen
Verhandlung des erkennenden Gerichts vom 31. Mai 1994 zurück. Bereits unter dem 20.
Juli 1994 beantragte der Kläger erneut seine Anerkennung als Asylberechtigter; er
machte geltend: Seine Eltern hätten ihn telefonisch vor einer Heimkehr gewarnt, denn
als AISSF-Mitglied werde er per Haftbefehl gesucht. Die indischen Behörden übten
gegenüber Sikhs Selbstjustiz. Mit Bescheid vom 9. September 1994 lehnte das
Bundesamt die Durchführung eines weiteren Asylverfahrens ab. Die dagegen erhobene
Klage 14 K 12311/94.A nahm der Kläger in der mündlichen Verhandlung des
erkennenden Gerichts vom 16. Januar 1995 ebenfalls zurück. Unter dem 30. November
1999 stellte sein Prozeßbevollmächtigter, ausgewiesen durch schriftliche
Prozeßvollmacht des Klägers vom 23. November 1999, einen 2. Folgeantrag, mit der
Begründung, er sei 1995 zu einem ungünstigen Zeitpunkt nach Indien zurückgekehrt.
Da am 31. August 1995 Beant Singh ermordet worden sei, habe er sich wie andere aus
Deutschland heimgekehrte Asylbewerber alsbald auf den Fahndungslisten der Polizei
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wieder gefunden, da diese die Hintermänner des Anschlages unter den in Deutschland
weilenden Asylbewerbern vermute, und zwar ohne Rücksicht darauf, dass er nicht zur
Babbar Khalsa, sondern zur AISSF gehöre. Viele seiner politischen Freunde seien auf
der Flucht erschossen worden. Nur glücklichen Umständen habe er es zu verdanken,
dass er mehreren Durchsuchungsaktionen in seinem Elternhaus habe entkommen
können. Da die Razzien bis zur Gegenwart andauerten, sei er auf dem Luftweg mit
falschem Paß nebst Visum erneut hier eingereist. Das Bundesamt führte auf Grund des
Folgeantrages kein weiteres Asylverfahren durch und lehnte mit Bescheid vom 10.
Dezember 1999 den Antrag auf Abänderung seines Bescheides vom 9. September
1994 bezüglich der Feststellung zu § 53 AuslG ab. Außerdem verfügte es unter Nr. 3
seines Bescheides, dass der Kläger nach Ablauf einer Woche nach Bekanntgabe des
Bescheides aus der Haft heraus nach Indien abgeschoben werde. Für den Fall der
Haftentlassung forderte es den Kläger auf, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb
einer Woche nach Bekanntgabe des Bescheides zu verlassen. Für den Fall der
Nichteinhaltung der Ausreisefrist kündigte das Bundesamt die Abschiebung nach Indien
bzw. den Staat an, in den der Kläger einreisen darf oder der zu seiner Rückübernahme
verpflichtet ist. Schließlich drohte es ihm die Abschiebung für den Fall einer erneuten
unerlaubten Wiedereinreise in die Bundesrepublik Deutschland an. Der Bescheid
wurde dem Kläger am 14. Dezember 1999 zugestellt. Der Kläger hat am 16. Dezember
1999 Klage erhoben und gleichzeitig Antrag auf Gewährung vorläufigen
Rechtsschutzes gestellt, die beide ohne Begründung geblieben sind. Mit Beschluß vom
21. Dezember 1999 (14 L 4049/99.A) hat das Gericht den vorläufigen
Rechtsschutzantrag zurückgewiesen. Der Kläger, der in der mündlichen Verhandlung
zu den Gründen für seinen Folgeantrag angehört worden ist, beantragt, die Beklagte
unter Aufhebung ihres Bescheides vom 10. Dezember 1999 zu verpflichten, ein weiteres
Asylverfahren durchzuführen und ihn als Asylberechtigten anzuerkennen sowie
festzustellen, daß die Voraussetzungen des § 51 AuslG hilfsweise
Abschiebungshindernisse im Sinne von § 53 AuslG gegeben sind. Die Beklagte
beantragt schriftsätzlich, die Klage abzuweisen. Wegen der weiteren Einzelheiten des
Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakten - insbesondere auf die
Niederschrift über die Anhörung des Klägers in der mündlichen Verhandlung - und der
Verwaltungsvorgänge der Beklagten sowie auf die Auskünfte und sonstigen
Erkenntnisse ergänzend Bezug genommen, auf die der Kläger hingewiesen worden ist.
Entscheidungsgründe: Die Klage hat nur in ganz geringem Umfang Erfolg. Im
wesentlichen ist sie offensichtlich unbegründet. Stattzugeben war ihr lediglich in dem
aus dem Tenor ersichtlichen Umfang. Für eine Abschiebungsandrohung oder -
ankündigung auf Vorrat, wie sie im letzten Satz des angefochtenen Bescheides
enthalten ist, gibt es keine Rechtsgrundlage. Zudem läßt sich im Zeitpunkt ihrer
Verlautbarung nicht absehen, ob die Umstände einer zukünftigen erneuten unerlaubten
Einreise des Klägers in die Bundesrepublik Deutschland solche sein werden, die die
Zuständigkeit des Bundesamtes zum Erlass der Abschiebungsandrohung nach dem
Asylverfahrensgesetz begründen oder solche, aufgrund deren allein die
Ausländerbehörde zuständig sein kann. Weitaus überwiegend ist der Bescheid des
Bundesamtes vom 10. Dezember 1999 aber offensichtlich rechtmäßig und verletzt den
Kläger nicht in seinen Rechten (§ 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO). Das Bundesamt hat nach
unanfechtbarer Ablehnung der früheren Asylanträge des Klägers zu Recht kein weiteres
Asylverfahren durchgeführt § 71 Abs. 1 AsylVfG. Die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1-
3 VwVfG für ein Wiederaufgreifen des Verfahrens liegen nicht vor. Der Kläger hat keine
neuen Beweismittel vorgelegt, die eine für ihn günstigere Entscheidung herbeigeführt
haben würden (§ 51 Abs. 1 Nr. 2 VwVfG). Die Sachlage hat sich auch nicht nachträglich
zu seinen Gunsten geändert (§ 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG). Das behauptete neue
Verfolgungsschicksal vermochte der Kläger nicht glaubhaft zu machen. Die
unüberwindbaren Zweifel des Gerichts an der Richtigkeit seiner Darstellung folgen
sowohl aus der Diskrepanz zwischen der schriftlichen Folgeantragsbegründung
einerseits und der durch gesteigertes Vorbringen gekennzeichneten persönlichen
Begründung der Klage durch den Kläger andererseits als auch aus dem augenfälligen
Umstand seiner persönlichen Unglaubwürdigkeit. Seine Behauptung, er sei am 23.
November 1999 wieder hier eingereist, habe sich aber, bevor er seinen
Prozeßbevollmächtigten mit der Stellung eines Folgeantrages betraut habe, zunächst
eine Weile im Sikh-Tempel in xxxxxxxxx aufgehalten, ist offenkundig, wie die vorgelegte
schriftliche Prozeßvollmacht beweist, unzutreffend. Diese Feststellung erhärtet zudem
den Verdacht, dass er überhaupt nicht nach Indien zurückgekehrt war und darin der
wesentliche Grund für die gravierenden Unterschiede in der Antrags- u.
Klagebegründung zu finden ist. Eine plausible Erklärung hierfür ist jedenfalls nicht in der
auf gerichtlichen Vorhalt abgegeben „Schuldzuweisung" des Klägers auf dem Inhalt zu
sehen, sein Prozeßbevollmächtigter habe ihn mit dem Hinweis von einer
umfassenderen Antragsbegründung abgehalten, es reiche, wenn er diese dem Gericht
vortrage. Angesichts seiner eigenen asylrechtlichen Erfahrungen und der
Sachkompetenz seines Prozeßbevollmächtigten erweist sich diese Einlassung als
plumpe Schutzbehauptung. In das so vermittelte Bild fügt sich nahtlos ein, dass der
Kläger sich nicht in der Lage sah, die Haftzeiten präzise zu datieren oder sein
Verfolgungsschicksal sonst durch Einzelheiten nachvollziehbar zu veranschaulichen.
Zu Recht hat das Bundesamt deshalb auch ausgeführt, dass Abschiebungshindernisse
i.S.v. § 53 AuslG nicht glaubhaft dargetan und auch sonst nicht ersichtlich sind, so daß
der Abschiebung des Klägers keine Hindernisse entgegenstehen. Da das Bundesamt
zu Recht kein weiteres Asylverfahren durchgeführt hat, war nach § 71 Abs. 4 i.V.m. § 34
Abs. 1 AsylVfG die Abschiebungsandrohung zu erlassen. Einer Fristsetzung bedurfte es
nach § 50 Abs. 5 i.V.m. § 49 Abs. 2 S. 1 AuslG für den Fall der Abschiebung aus der
Haft nicht. Im übrigen hat die Ausreisefrist ihre Rechtsgrundlage in § 71 Abs. 4 i.V.m. 36
Abs. 1 AsylVfG. Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 154 Abs. 1, 155 Abs. 1 S. 3
VwGO, 83 b Abs. 1 AsylVfG. Danach waren dem Kläger die Kosten in vollem Umfang
aufzuerlegen, weil die Beklagte nur zu einem äußerst geringen Teil unterlegen ist.