Urteil des LAG Berlin-Brandenburg vom 04.05.2007, 8 Sa 1559/07

Aktenzeichen: 8 Sa 1559/07

LArbG Berlin-Brandenburg: pflegepersonal, arbeitsgericht, krankenpfleger, ortszuschlag, zulage, lückenfüllung, tarifvertrag, vergütung, ausbildung, zuwendung

Quelle:

Norm: § 1 TVG

Gericht: LArbG Berlin- Brandenburg 8. Kammer

Entscheidungsdatum: 19.10.2007

Aktenzeichen: 8 Sa 1559/07

Dokumenttyp: Urteil

Eingruppierung eines Krankenpflegers - Vergütungsgruppe Ap V der Anlage B MTV - Pflegepersonal

Tenor

I. Die Berufung der Beklagten gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Berlin vom 4. Mai 2007 - 77 Ca 20225/06 - wird auf ihre Kosten zurückgewiesen.

II. Die Revision wird zugelassen, soweit die Berufung der Beklagten gegen die Ziffern I und II des Tenors des angefochtenen Urteils zurückgewiesen worden ist, im Übrigen wird die Revision nicht zugelassen.

Tatbestand

1Die Parteien streiten über die Eingruppierung des Klägers, daraus resultierende Zahlungsansprüche und über die Verpflichtung der Beklagten zur Zahlung eines Urlaubsgeldes für das Jahr 2006.

2Der Kläger, der mit Wirkung zum 10. Mai 1994 die staatliche Anerkennung als Krankenpfleger erhalten hatte, war seit dem 20. Dezember 2000 auf der Grundlage des schriftlichen Arbeitsvertrages vom 25. Januar 2001 mit Anlage zum Arbeitsvertrag, wegen dessen Inhalts im Einzelnen auf die Fotokopie (Bl. 8 bis 24 d. A.) verwiesen wird, bei der Beklagten als Krankenpfleger unter Vereinbarung eines Bruttomonatsentgeltes i. H. v. 3.978.- DM beschäftigt. Im Januar 2005 erhielt der Kläger ausweislich der Gehaltsabrechnung (Bl. 29 d.A.) eine Grundvergütung i. H. v. 2033,92 €.

3Der Kläger ist seit Oktober 2004 Mitglied der Gewerkschaft ver.di. Seit dem 19. November 2005 ist er verheiratet und seit dem 03. März 2007 Vater eines Kindes.

4Am 29. April 2004 schlossen die P. S. Consulting und Conception für Senioreneinrichtungen AG und die Gewerkschaft ver.di einen Manteltarifvertrag (im Folgenden: MTV), einen Vergütungstarifvertrag Nr. 1 zum Manteltarifvertrag (im Folgenden: VGT) und einen Tarifvertrag über eine Zuwendung (im Folgenden: ZTV).

5Gemäß § 2 Abs. 2 VGT ergeben sich die Grundvergütungen für die Angestellten der Vergütungsgruppen Ap XIII bis Ap I aus den Anlagen 2 und 2 a, die Höhe des Ortszuschlags aus den Anlagen 3 und 3 a und die Höhe der allgemeinen Zulage aus den Anlagen 4 und 4 a. Nach Anlage 2 zum VGT (Vergütungstabelle Angestellte im Pflegebereich West) beträgt die Vergütung (in EUR):

6- für die Vergütungsgruppe Ap IVStufe 31.450,66 Stufe 41.492,08 - für die Vergütungsgruppe Ap V Stufe 41.601,77

7Der Ortszuschlag West beträgt nach Anlage 3 zum VGT für die Tarifklasse II (u. a..Vergütungsgruppe Ap VI bis Ap I), Stufe 2 EUR 575,03, Stufe 3 EUR 665,60; die allgemeine Zulage beträgt für die Angestellten der Vergütungsgruppen Ap III bis VI EUR 107,44.

8Mit einem Schreiben vom 17. Juni 2005 (Bl. 32 d. A.) machte der Kläger bei der Beklagten geltend, rückwirkend ab 01. Januar 2005 Vergütung nach Vergütungsgruppe Ap V Fallgruppe 3. Stufe 4 beanspruchen zu können.

9In der Anlage A zum Manteltarifvertrag ist die Beklagte als eine Seniorenheimbetriebsgesellschaft aufgeführt.

10 Mit der am 07. November 2006 bei dem Arbeitsgericht Berlin eingegangenen Klage hat

10 Mit der am 07. November 2006 bei dem Arbeitsgericht Berlin eingegangenen Klage hat der Kläger geltend gemacht, unter Anrechnung seiner Bewährungszeit seit 2000 in die Vergütungsgruppe Ap V eingruppiert zu sein und seine Differenzforderungen im einzelnen berechnet (Schriftsatz vom 14. März 2007, S. 2 ff, Bl. 48 ff d.A.). Ihm stehe, so hat der Kläger vorgetragen, ein Urlaubsgeld für 2006 aus § 23 der Anlage zum Arbeitsvertrag zu.

11 Der Kläger hat erstinstanzlich zuletzt beantragt,

121. die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger 5.100,56 EUR brutto nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz

13a) aus 101,92 EUR seit dem 31.01.2005

14b) aus weiteren 101,92 EUR seit dem 28.02.2005

15c) aus weiteren 101,92 EUR seit dem 31.03.2005

16d) aus weiteren 101,92 EUR seit dem 29.04.2005

17e) aus weiteren 101,92 EUR seit dem 31.05.2005

18f) aus weiteren 101,92 EUR seit dem 30.06.2005

19g) aus weiteren 101,92 EUR seit dem 29.07.2005

20h) aus weiteren 101,92 EUR seit dem 31.08.2005

21i) aus weiteren 101,92 EUR seit dem 30.09.2005

22j) aus weiteren 101,92 EUR seit dem 31.10.2005

23k) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 30.11.2005

24l) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 30.12.2005

25m) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 31.01.2006

26n) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 28.02.2006

27o) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 31.03.2006

28p) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 30.04.2006

29q) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 31.05.2006

30r) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 30.06.2006

31s) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 31.07.2006

32t) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 31.08.2006

33u) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 30.09.2006

34v) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 31.10.2006

35w) aus weiteren 203,74 EUR seit dem 30.11.2006

36x) aus weiteren 250,32 EUR seit dem 31.12.2006

37y) aus weiteren 250,32 EUR seit dem 31.01.2007

38z) aus weiteren 250,32 EUR seit dem 28.02.2007

39aa) aus weiteren 340,89 EUR seit dem 31.03.2007

40bb) aus weiteren 340,89 EUR seit dem 30.04.2007

41zu zahlen.

422. a) Es wird festgestellt, dass der Kläger seit dem 01.01.2005 nach

422. a) Es wird festgestellt, dass der Kläger seit dem 01.01.2005 nach Vergütungsgruppe Ap V der Anlage B - Pflegepersonal - zum Manteltarifvertrag (MTV) zwischen der P. S. Consulting und Conception für Senioreneinrichtungen AG und der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft vom 24.09.2004 zu vergüten ist.

43b) Hilfsweise: Es wird festgestellt, dass der Kläger seit dem 01.01.2005 nach der Vergütungsgruppe Ap IV und seit dem 01.01.2007 nach Vergütungsgruppe Ap V der Anlage B - Pflegepersonal - zum Manteltarifvertrag (MTV) zwischen der P. S. Consulting und Conception für Senioreneinrichtungen AG und der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft vom 24.09.2004 zu vergüten ist.

443. Die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger 306,78 EUR brutto nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 31.07.2006 zu zahlen.

45 Die Beklagte hat Klageabweisung beantragt und u. a. geltend gemacht, die Klage sei unschlüssig, weil der Kläger selbst lediglich vortrage, als Krankenpfleger tätig zu sein. Ansprüche aus dem Manteltarifvertrag seien überdies von dem Abschluss entsprechender Arbeitsverträge abhängig.

46 Von der weiteren Darstellung des Sach- und Streitstandes erster Instanz wird unter Bezugnahme auf den Tatbestand des angefochtenen Urteils abgesehen 69 Abs. 3 ArbGG).

47 Durch das Urteil vom 04.05.2007 hat das Arbeitsgericht wie folgt erkannt:

48 I. Die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger 2.598,89 EUR brutto nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz aus jeweils 99,21 EUR seit dem 07.12.2005, 07.01.2006, 07.02.2006, 07.04.2006, 09.05.2006, 08.06.2006, 07.07.2006, 08.08.2006, 07.09.2006, 07.10.2006, 07.11.2006 und 07.12.2006, aus 85,32 EUR ab dem 07.03.2006, aus 140,63 EUR seit dem 08.01.2007, aus jeweils 250,32 EUR seit dem 07.02.2007 und 08.03.2007 und aus jeweils 340,89 EUR seit dem 10.04.2007 und 08.05.2007 zu zahlen.

49 II. Es wird festgestellt, dass der Kläger seit dem 01.11.2005 nach Vergütungsgruppe Ap IV und seit dem 01.01.2007 nach Vergütungsgruppe Ap V der Anlage B - Pflegepersonal - zum Manteltarifvertrag (MTV) zwischen der P. S.Consultung und Conception für Senioreneinrichtungen AG und der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft vom 24.09.2004 zu vergüten ist.

50 III. Die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger 306,78 EUR brutto nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 08.08.2006 zu zahlen.

51 IV. Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.

52 V. Die Kosten des Rechtsstreits tragen die Beklagte zu 70/100 und der Kläger zu 30/100.

53 VI. Der Wert des Streitgegenstandes wird auf 12.578,82 EUR festgesetzt.

54 und zur Begründung des stattgebenden Teils der Entscheidung im Wesentlichen ausgeführt, der Kläger habe einen Anspruch auf Eingruppierung in die Vergütungsgruppe Ap IV der Anlage B zum MTV ab 01.11.2005 und ab 01.01.2007 in die Vergütungsgruppe Ap V. Die Tarifverträge gelten gem. § 4 Abs. 1 TVG unmittelbar und zwingend. Soweit in der Anlage B zum MTV Krankenpfleger in der Tätigkeit von Krankenpflegern nicht aufgeführt seien, handele es sich um eine unbewusste Lücke, die dergestalt gefüllt werden könne, dass Krankenpfleger wie Altenpfleger einzugruppieren seien, da sie eine vergleichbare Ausbildung hätten.

55 Dem Kläger, der erst ab 01.01.2007 in die Vergütungsgruppe Ap V einzugruppieren sei, stehe für den Zeitraum vom 01.11.2005 bis 30.11.2006 nach der Vergütungsgruppe Ap IV/3 ein monatlicher Differenzbetrag von 99,21 EUR brutto zu, der sich im Monat Februar, in dem der Kläger vom 07. bis 10.02. ohne Entgeltfortzahlung krank gewesen sei, auf 85,32 EUR reduziere. Für Dezember 2006 bestehe ein Zahlungsanspruch von 140,63 EUR brutto, für Januar und Februar 2007 je 250,32 EUR brutto, für März wegen des erhöhten Ortzuschlags wegen des Kindes 340,89 EUR brutto.

56 Der Kläger könne ferner nach § 23 des Arbeitsvertrags ein Urlaubsgeld in Höhe von 306,78 EUR für das Jahr 2006 beanspruchen, denn bei dieser Vereinbarung handele es sich um eine günstigere arbeitsvertragliche Vereinbarung i.S.d. § 4 Abs. 3 TVG.

57 Wegen der weiteren Begründung wird auf die Entscheidungsgründe des angefochtenen Urteils (Bl. 70 - 72 d.A.) verwiesen.

58 Gegen das der Beklagten am 13. Juli 2007 zugestellte Urteil richtet sich die am 30. Juli 2007 bei dem Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg eingegangene Berufung, die die Beklagte mit einem am 13. September 2007 eingegangenen Schriftsatz begründet.

59 Die Beklagte hält Ansprüche des Klägers für nicht gegeben, weil den Tarifverträgen die Umsetzungsfähigkeit fehle, solange keine entsprechenden Arbeitsverträge geschlossen seien. Der Kläger habe nicht schlüssig vorgetragen, als Altenpfleger tätig gewesen zu sein. Es liege keine unbewusste Tariflücke vor, die es erlaube, Krankenpfleger in der Tätigkeit von Krankenpflegern wie Altenpfleger einzugruppieren. Es habe keine Absicht bestanden, eine vollständige und umfassende Eingruppierung der Mitarbeiter vorzunehmen. Dem Kläger stehe auch kein Urlaubsgeld zu. Der Manteltarifvertrag, von dessen Anwendung der Kläger ausgehe, enthalte günstigere Regelungen als der Arbeitsvertrag der Parteien, die Sonderzuwendung sei durch Abschluss des Tarifvertrages über eine Zuwendung abschließend geregelt.

60 Da die Ehefrau des Klägers, so trägt die Beklagte in einem Schriftsatz vom 17. Oktober 2007 (Bl. 117 d. A.) vor, nach ihrem Kenntnisstand im öffentlichen Dienst beschäftigt sei, habe der Kläger keinen Anspruch auf den kinderbezogenen Anteil am Ortszuschlag und auf den vollen Ehegattenanteil, da § 12 c (2) MTV auch gelte, wenn der andere Ehepartner als Beschäftigter im öffentlichen Dienst einen ehegattenbezogenen Ortszuschlag erhalte.

61 Die Beklagte und Berufungsklägerin beantragt,

62das Urteil des Arbeitsgerichts Berlin vom 04. 05. 2007 - 77 Ca 20225/06 - wird teilweise abgeändert und die Klage wird in vollem Umfang abgewiesen.

63 Der Kläger und Berufungsbeklagte beantragt,

64die Berufung zurückzuweisen.

65 und verteidigt das angefochtene Urteil mit Rechtsausführungen.

66 Wegen des weiteren Vorbringens der Parteien in der Berufungsinstanz wird auf den vorgetragenen Inhalt der Berufungsbegründung vom 13. September 2007 (Bl. 92 bis 99 der Akten), der Berufungsbeantwortung vom 11. Oktober 2007 (Bl. 109 bis 112. Akten) und des Schriftsatzes der Beklagten vom 17. Oktober 2007 (Bl. 117 bis 118 d. A.) Bezug genommen.

Entscheidungsgründe

I.

67 Die Berufung der Beklagten ist gemäß § 64 Abs. 2 ArbGG statthaft und form- und fristgerecht im Sinne der §§ 66 Abs. 1 ArbGG, 519, 520 ZPO eingelegt und begründet worden und damit zulässig.

II.

68 Die Berufung der Beklagten hat jedoch in der Sache keinen Erfolg.

69 Zu Recht und mit zutreffender Begründung hat das Arbeitsgericht festgestellt, dass der Kläger seit dem 01. November 2005 in die Vergütungsgruppe Ap IV und seit dem 1. Januar 2007 in die Vergütungsgruppe Ap V der Anlage B - Pflegepersonal - zum MTV eingruppiert ist und die Beklagte - nach zutreffender Berechnung der Differenzansprüche - zur Zahlung von 2598,89 brutto nebst Zinsen und zur Zahlung des Urlaubsgeldes für das Jahr 2006 nebst Zinsen verurteilt.

70 Dabei ist das Arbeitsgericht zu Recht von der Anwendbarkeit der Tarifverträge auf das Arbeitsverhältnis der Parteien ausgegangen, hat zu Recht eine Eingruppierung des Klägers als Krankenpfleger in die Vergütungsgruppen Ap IV und Ap V der Anlage B - Pflegepersonal - im Wege der Lückenfüllung angenommen und dem Kläger den Ortszuschlag in ungekürzter Höhe zugesprochen. Das Berufungsgericht schließt sich den Ausführungen des Arbeitsgerichts in dem angefochtenen Urteil an und sieht von einer Wiederholung ab 69 Abs. 2 ArbGG).

71 Die Angriffe der Berufung sind nicht geeignet, die Rechtslage anders zu beurteilen und

71 Die Angriffe der Berufung sind nicht geeignet, die Rechtslage anders zu beurteilen und geben nur Anlass zu folgenden Anmerkungen.

72 1. Zu Recht hat das Arbeitsgericht festgestellt, dass der MTV sowie der VTV und der ZTV auf das Arbeitsverhältnis der Parteien kraft beiderseitiger Tarifgebundenheit Anwendung finden.

73 Ohne Erfolg macht die Beklagte insoweit geltend, der Abschluss eines Arbeitsvertrags i.S.v. § 1 Ziffer 2 Satz 2 MTV sei Wirksamkeitsvoraussetzung der tariflichen Regeln. Dieses Verständnis kann den Tarifregelungen nach den geltenden Auslegungsregeln nicht entnommen werden, insbesondere steht einem solchen Verständnis die klare Regelung in § 27 MTV entgegen. Soweit die Beklagte weiter meint, dem Anspruch des Klägers entgegenhalten zu können, dass er noch über keinen - neuen - Arbeitsvertrag verfüge, kann sie sich mit Erfolg bereits deshalb nicht darauf berufen, weil sie nicht dargelegt hat, dem Kläger einen entsprechenden Vertragsentwurf vorgelegt zu haben.

74 2. Der Kläger kann seine Eingruppierung in die Vergütungsgruppe Ap IV bzw. Ap V der Anlage B zum MTV - Pflegepersonal - beanspruchen, obwohl er nicht ausreichend konkret dargelegt hat, dass er im tariflich relevanten Umfang Tätigkeiten eines Altenpflegers ausübt, denn das Berufungsgericht geht davon aus, dass der Tarifvertrag insoweit eine planwidrige Tariflücke aufweist. In dem vergleichbaren Fall einer Krankenschwester, die nicht überwiegend altenpflegerische Tätigkeiten ausgeübt hat, hat die Kammer im Urteil vom 18. Juli 2006 (Geschäftsnummer 8 Sa 562/06) Folgendes ausgeführt:

75 „1.3.1 Nach der ständigen höchstrichterlichen Rechtsprechung (vgl. nur BAG, Urteile vom 13.12.1995 - 4 AZR 411/95 - AP Nr. 3 zu §§ 22, 23 BAT-O, vom 18.05.1988 - 4 AZR 775/87 - AP Nr. 145 zu §§ 22, 23 BAT 1975) kann, wenn nach dem Willen der Tarifvertragsparteien alle einem Tarifvertrag unterfallenden Arbeitnehmer nach einer Vergütungsordnung einzugruppieren sind und ausreichende Anhaltspunkte dafür bestehen, dass trotz des Fehlens von tariflichen Tätigkeitsmerkmalen nicht beabsichtigt war, eine Eingruppierung des betreffenden Arbeitnehmers zu unterlassen, die unbewusste Tariflücke aus dem Sinn und Zweck des Tarifvertrags heraus geschlossen werden. Bei der Lückenfüllung haben die Gerichte zu beachten, dass diese nur möglich ist, wenn hinreichend sichere Anhaltspunkte dafür bestehen, wie die Tarifvertragsparteien die Lücke bei objektiver Betrachtung der wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge im Zeitpunkt des Tarifvertragsabschlusses voraussichtlich gefüllt hätten, falls sie an den nicht geregelten Fall gedacht hätten. Zur Lückenfüllung sind dann die tariflichen Tätigkeitsmerkmale der artverwandten und vergleichbaren Vergütungsgruppe heranzuziehen.

76 1.3.2 Die Tarifvertragsparteien haben - eine Vorbildwirkung der Anlage 1 b zum Bundes- Angestelltentarifvertrag ist dabei offensichtlich - im Abschnitt „Pflegepersonal“ entscheidend auf das Berufsbild der Altenpfleger und Altenpflegehelfer abgestellt und dabei dem Charakter der überwiegenden Anzahl von Einrichtungen der Anlage A zum MTV Rechnung getragen. Sie haben mit der Vorbemerkung Nr. 2 auch deutlich gemacht, dass Krankenschwestern, die Tätigkeiten von Altenpflegerinnen ausüben, wie Altenpflegerinnen einzugruppieren sind. Nicht geregelt ist der vorliegende Fall, dass die pflegerischen Leistungen wegen des Lebensalters der zu betreuenden Menschen nicht als Altenpflege angesehen werden können. Anhaltspunkte dafür, dass bei der Betreuung jüngerer Menschen in einer Pflegeeinrichtung keine Eingruppierung der Mitarbeiter erfolgen soll, sind dem Tarifvertrag nicht zu entnehmen. Dagegen sprechen auch die Regelungen in § 1 Ziffer 1 und 2 MTV, der den Geltungsbereich auf alle bei den in Anlage A genannten Einrichtungen - auch bei den dort aufgeführten drei „Krankenheimen“ - beschäftigten Arbeitnehmern erstreckt und in § 12 Ziffer 1 MTV, der die Eingruppierung - aller - Arbeitnehmer nach den Tätigkeitsmerkmalen der Vergütungsordnung anordnet.

77 1.3.3 Nach Auffassung des Berufungsgerichts ist damit eine unbewusste Tariflücke festzustellen, die dadurch geschlossen werden kann, dass eine Eingruppierung der Klägerin, die als Krankenschwester pflegerische und krankenpflegerische Leistungen gegenüber jüngeren Menschen erbringt, wie eine Altenpflegerin mit entsprechender Tätigkeit vorzunehmen ist. Dabei ist unter Berücksichtigung von Ziffer 2 der Vorbemerkung zur Anlage B - Pflegedienst - von der Artverwandtheit und Vergleichbarkeit von Ausbildung und Tätigkeit von Altenpflegerinnen und Krankenschwestern auszugehen, so dass die Klägerin im Wege der Lückenfüllung in Vergütungsgruppe Ap IV einzugruppieren ist.“

78 An dieser Rechtsauffassung hält die Kammer für den vorliegenden Fall fest. Soweit die Eingruppierung von Pflegepersonal betroffen ist, liegen ausreichende Anhaltspunkte dafür vor, dass die Tarifvertragsparteien in dem zentralen Bereich des Pflegepersonals

dafür vor, dass die Tarifvertragsparteien in dem zentralen Bereich des Pflegepersonals eine abschließende, alle dort tätigen Arbeitnehmer erfassende Regelung treffen wollten (a. A. zur Eingruppierung eines Angestellten mit erzieherischer Tätigkeit, LAG Berlin, Urteil vom 03.04.2007 - 19 Sa 17/07 und 147/07 - n.v. zitiert nach juris).

79 Im Weiteren ergibt sich entgegen der Auffassung der Beklagten aus dem Vortrag des Klägers mit der ausreichenden Deutlichkeit, dass er die Voraussetzungen für eine Eingruppierung in die Vergütungsgruppe Ap IV bzw. V erfüllt. Ausgehend von den vertraglichen Vereinbarungen der Parteien schuldet der Kläger die Tätigkeit eines Krankenpflegers. § 3 Abs. 5 der Anlage zum Arbeitsvertrag berechtigt die Beklagte nur, dem Kläger ihm zumutbare, seinen Fähigkeiten und seiner Ausbildung entsprechende andere Aufgaben zu übertragen. Damit war die Beklagte gehalten, dem Kläger Arbeitsaufgaben eines examinierten Krankenpflegers oder Altenpflegers zu übertragen, eine überwiegende Beschäftigung des Klägers in der Tätigkeit eines Alten- oder Krankenpflegehelfers stellte sich als vertragswidrig dar und könnte einem Eingruppierungsfeststellungsbegehren nicht entgegengehalten werden. Dass die Beklagte von dem gleichen Verständnis ausgegangen ist, zeigt im Übrigen auch ihr Antrag gemäß § 99 BetrVG (Bl. 27 d.A.).

80 Da der Kläger mit Ablauf des 31. Dezember 2006 die zweijährige Bewährungszeit - gerechnet vom Zeitpunkt des Inkrafttretens des Tarifwerks am 01. Januar 2005 - erfüllt hat, war er - wie das Arbeitsgericht zutreffend festgestellt hat - seit dem 01. Januar 2007 in die Vergütungsgruppe Ap V eingruppiert.

81 3. Erhebliche Einwendungen gegen die Höhe der vom Arbeitsgericht zutreffend berechneten Differenzansprüche des Klägers hat die Beklagte nicht erhoben. Soweit sie zuletzt allein geltend gemacht hat, der Kläger könne den Ortszuschlag nur anteilig beanspruchen, weil seine Ehefrau im öffentlichen Dienst beschäftigt sei, so ist eine der Regelung in § 29 B Abs. 5 BAT entsprechende Tarifvorschrift in § 12 c MTV nicht enthalten ist, so dass eine Kürzung des Ortszuschlags nicht vorzunehmen war.

82 4. Soweit die Beklagte meint, ein Urlaubsgeld für das Jahr 2006 nicht zu schulden, folgt das Berufungsgericht dem nicht. In einem der Beklagten bekannten Urteil vom 29. Juni 2006 (Geschäftszeichen: 8 Sa 544/07) hat die Kammer in einem gleich gelagerten Fall Folgendes ausgeführt:

83 „Zwar finden auf das Arbeitsverhältnis der Parteien kraft beiderseitiger Tarifbindung die Haustarifverträge der Beklagten Anwendung 4 Abs.1 TVG), gemäß § 4 Abs.3 TVG sind abweichende Abmachungen - wie vorliegend - zulässig, wenn sie eine Änderung zugunsten des Arbeitnehmers enthalten. Dabei ist es den Tarifvertragsparteien überlassen, welche Regelungen sie treffen und inwieweit sie einen Sachzusammenhang herstellen, der einen Günstigkeitsvergleich zulässt. Vorliegend haben die Tarifvertragsparteien im ZTV zwar eine Regelung über eine Zuwendung nicht jedoch über ein Urlaubsgeld getroffen, so dass das vertraglich zugesagte Urlaubsgeld als günstigere Regelung bestehen bleibt.

84 Soweit die Beklagte aus § 24 MTV herleiten will, dass eine Gesamtbetrachtung vorzunehmen sei, wonach das Gesamteinkommen dem Günstigkeitsvergleich zugrunde zu legen sei, so findet diese Auffassung in der Tarifnorm keine Stütze.

85 § 24 MTV - Besitzstandswahrung - lautet:

86 1. Soweit sich aus der Anwendung dieses Tarifvertrages und diesen ergänzenden und ersetzenden Tarifverträge ein niedrigeres Gesamteinkommen als nach den für den jeweiligen Arbeitnehmer zum Zeitpunkt des Inkrafttretens dieses Tarifvertrages oder anderer Regelungen ergibt, gelten folgende Regelungen:

87 a) Bei denjenigen Arbeitnehmern, die am 30.09.2004 schon bei P. S. beschäftigt waren und deren Stufung nach Berufsjahren bzw. Lebensalter erfolgte, bleibt diese Stufung solange bestehen, bis er die Anspruchsvoraussetzungen dieses Tarifvertrages zur Höherstufung erfüllt.

88 b) Arbeitnehmer, deren bisherige Vergütung in Form eines Festbetrages höher ist als die, die sie nach den jeweils gültigen Regelungen dieses Tarifvertrages bekommen würden, erhalten den Differenzbetrag als persönliche Zulage.

89 Protokollnotiz:

90 Als Bestandteile des monatlichen Gesamteinkommens gelten die Grundvergütung, der Ortzuschlag und die allgemeine Zulage.“

91 Entgegen der Auffassung der Beklagten haben die Tarifvertragsparteien damit keinen Zusammenhang zwischen dem Gesamteinkommen einschließlich etwaiger Zuwendungen und den Leistungen aus den Tarifverträgen hergestellt, denn in der Protokollnotiz wird das Gesamteinkommen als Grundvergütung, Ortszuschlag und allgemeine Zulage definiert, ohne dass weitere Leistungen wie z.B. Gratifikationen einzubeziehen sind. Damit kann der von der Beklagten gewünschte „Gesamtvergleich“ nicht vorgenommen werden. Es hat dabei zu verbleiben, dass nur gleichartige Leistungen in den Sachgruppenvergleich einzubeziehen sind und der Anspruch der Klägerin auf das vertraglich zugesagte Urlaubsgeld durch die Regelung im VTV nicht verdrängt wird.“

92 Hieran hält die Kammer für den vorliegenden Fall fest, so dass der Berufung der Beklagten insgesamt der Erfolg zu versagen war.

III.

93 Die Beklagte hat gem. § 97 Abs.1 ZPO die Kosten ihres erfolglosen Rechtsmittels zu tragen.

IV.

94 Die gesetzlichen Voraussetzungen für die Zulassung der Revision liegen nicht vor, soweit die Verurteilung der Beklagten zur Zahlung des Urlaubsgeldes (Ziffer III. des Tenors des angefochtenen Urteils) betroffen ist 72 Abs.2 ArbGG). Die Entscheidung hat insoweit keine grundsätzliche Bedeutung und ist allein an den Besonderheiten des Einzelfalls orientiert. Eine Divergenz zu anderen obergerichtlichen Entscheidungen ist nicht erkennbar.

95 Im Übrigen (Ziffer I. und II. des Tenors des angefochtenen Urteils) war für die Beklagte die Revision gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG wegen grundsätzlicher Bedeutung zuzulassen.

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