Urteil des BGH vom 20.04.2004, 1 StR 14/04

Aktenzeichen: 1 StR 14/04

BGH (in dubio pro reo, stpo, erklärung, verhandlung, rechtsmittel, zeitpunkt, zweifel, menge, verteidiger, hauptverhandlung)

BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

1 StR 14/04

vom

20. April 2004

in der Strafsache

gegen

wegen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge

Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat am 20. April 2004 gemäß § 349

Abs. 1 StPO beschlossen:

Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts

Rottweil vom 20. November 2003 wird als unzulässig verworfen.

Der Beschwerdeführer hat die Kosten seines Rechtsmittels zu

tragen.

Gründe:

Das Landgericht hat den Angeklagten wegen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in zwei Fällen zur Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Der Angeklagte hat

mit Schreiben vom 25. November 2003 - eingegangen beim Landgericht am 28.

November 2003 - gebeten, ihm "das Recht zu geben, um Einspruch einzulegen". Er habe angenommen, eine Woche Zeit zu haben, um "Widerspruch"

einzulegen. Seine Emotionen seien ihm "über den Kopf gestiegen", so daß er

nicht alles verstanden habe. Dieses Schreiben ist als Einlegung der Revision

auszulegen.

Das Rechtsmittel ist unzulässig. Der Generalbundesanwalt hat hierzu in

seiner Antragsschrift zutreffend ausgeführt:

"Die Revision ist unzulässig, weil Rechtsanwalt M. als Verteidiger

des Angeklagten sowie der Angeklagte selbst ausweislich des beweiskräftigen Protokolls der Hauptverhandlung 274 StPO) im Anschluss

an die Verkündung des Urteils auf Rechtsmittel verzichtet haben 302

Abs. 1 Satz 1 StPO; Bl. 512 d.A.).

Umstände, die Zweifel an der Wirksamkeit des Verzichts begründen

könnten, bestehen nicht. Der Angeklagte macht mit seinem Vorbringen,

ihm seien die Emotionen über den Kopf gestiegen, so dass er nicht alles

verstanden habe (Bl. 541 d.A.), geltend, zum Zeitpunkt der Verzichtserklärung verhandlungsunfähig gewesen zu sein. Verhandlungsfähigkeit

ist die Fähigkeit, in oder außerhalb der Verhandlung seine Interessen

vernünftig wahrzunehmen, die Verteidigung in verständiger Weise zu

führen, Prozesserklärungen abzugeben und entgegenzunehmen (Pfeiffer in KK 5. Aufl. Einl. Rdn. 26 m.w.N.). Sie wird in der Regel nur durch

schwere körperliche oder seelische Mängel ausgeschlossen; auf die

Geschäftsfähigkeit im Sinne des bürgerlichen Rechts kommt es nicht an

(BGH NStZ 1983, 280; BGH bei Kusch NStZ 1997, 378; BGHR StPO

§ 302 Abs. 1 Satz 1 Rechtsmittelverzicht 3, 16). Ob Verhandlungsunfähigkeit in diesem Sinne vorliegt, ist im Wege des Freibeweises zu prüfen; der Grundsatz 'in dubio pro reo' gilt hier nicht (BGH a.a.O.).

Ein solcher Ausnahmefall liegt schon nach dem Vorbringen des Angeklagten nicht vor, weil allein die Tatsache, dass er zum Zeitpunkt der

Abgabe der Erklärung emotional aufgewühlt war, nicht in Frage stellt,

dass er sich der Bedeutung und Tragweite seiner Erklärung bewusst

war. Auch aus dem Protokoll der Hauptverhandlung ergibt sich kein

Hinweis darauf, dass Bedenken gegen die Verhandlungsfähigkeit des

Angeklagten bestanden haben. Er hat während der eintägigen Verhandlung aktiv an der Verhandlung teilgenommen und Angaben zu seinen

persönlichen Verhältnissen gemacht (Bl. 505 d.A.). Nach der Erklärung

des Vorsitzenden, dass die Kammer für den Fall eines Geständnisses

auf keine höhere Gesamtstrafe als zwei Jahre und drei Monate erkennen werde, hat der Verteidiger nach einer Besprechung mit dem Angeklagten erklärt, dass dieser mit der Vorgehensweise einverstanden sei

und eine Erklärung für ihn abgegeben (Bl. 506 d.A.). Den Rechtsmittelverzicht hat der Angeklagte nach Erteilung einer Rechtsmittelbelehrung

erklärt. Die Erklärung wurde vorgelesen und genehmigt (Bl. 512 d.A.).

Wenn das Landgericht danach keinen Zweifel an der Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten hatte und solche auch von der Verteidigung

nicht geltend gemacht worden sind, so kann diese grundsätzlich auch

vom Revisionsgericht ohne Bedenken bejaht werden (vgl. BGH NStZ

1984, 181; BGHR StPO § 302 Abs. 1 Satz 1 Rechtsmittelverzicht 16).

Ein Rechtsmittelverzicht ist grundsätzlich unwiderruflich und unanfechtbar (st. Rspr.; vgl. BGH NStZ-RR 2002, 114 m.w.N.). Infolge des wirksamen Verzichts ist das Urteil des Landgerichts Rottweil vom 20. November 2003 in Rechtskraft erwachsen. Die dagegen eingelegte Revision ist somit nach § 349 Abs. 1 StPO als unzulässig zu verwerfen."

Dem tritt der Senat bei.

Boetticher Schluckebier Kolz

Elf Graf

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