Urteil des BGH vom 18.05.2006, I ZR 116/03

Entschieden
18.05.2006
Schlagworte
Partner, Uwg, Mitgliedschaft, Verband, Mitglied, Satzung, Wettbewerber, Zahl, Wettbewerb, Unterlagen
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BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

I ZR 116/03 Verkündet am: 18. Mai 2006 Walz Justizamtsinspektor als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk: ja BGHZ: nein BGHR: ja

Brillenwerbung

UWG § 8 Abs. 3 Nr. 2

Wird die Mitgliedschaft in einem Wettbewerbsverband durch einen anderen

Verband vermittelt, so können die Unternehmer, die Mitglieder des vermittelnden Verbands sind, dem Wettbewerbsverband auch dann i.S. des § 8 Abs. 3

Nr. 2 UWG angehören, wenn wegen eines Beitrittmangels nur eine faktische

Mitgliedschaft in dem Wettbewerbsverband besteht.

BGH, Urt. v. 18. Mai 2006 - I ZR 116/03 - OLG Düsseldorf

LG Wuppertal

Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 18. Mai 2006 durch die Richter Dr. v. Ungern-Sternberg, Prof.

Dr. Bornkamm, Dr. Büscher, Dr. Schaffert und Dr. Bergmann

für Recht erkannt:

Auf die Revision des Klägers wird das Urteil des 20. Zivilsenats

des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 1. April 2003 aufgehoben.

Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch

über die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

1Der Kläger ist der Verband Wirtschaft im Wettbewerb mit Sitz in Düsseldorf. Nach seiner Satzung nimmt er die gewerblichen Interessen seiner Mitglieder wahr und bekämpft unlauteren Wettbewerb.

2Die Beklagte betreibt in W. unter ihrer Firma "Brillen B.

GmbH" ein Einzelhandelsgeschäft für optische Erzeugnisse. Solche Einzelhan-

delsgeschäfte betreiben in W. ferner eine "B. + G.

GbR" sowie eine "B. + G. GmbH".

3Im Mai 2001 warb die Beklagte in der "W. Zeitung" für eine

"intelligente Brillenfinanzierung" und in einer Postwurfsendung für Gleitsichtgläser, wobei die Adressen der drei oben genannten Unternehmen in der aus dem

nachfolgenden Unterlassungsantrag ersichtlichen Weise angegeben waren.

4Der Kläger hat die Werbung der Beklagten als irreführend beanstandet.

Sie erwecke den Eindruck einer Größe, die tatsächlich nicht gegeben sei, weil

es sich um drei verschiedene Unternehmen handele. Nach erfolgloser Abmahnung hat er Klage erhoben und beantragt, die Beklagte zu verurteilen,

es bei Meidung von Ordnungsmitteln zu unterlassen, auf Werbeträgern wie Zeitungsanzeigen und/oder Postwurfsendungen im geschäftlichen Verkehr zu Zwecken des Wettbewerbs wie nachfolgend abgebildet zu werben und damit den Eindruck zu erwecken,

dass sie in W. mit insgesamt drei Geschäftslokalen vertreten ist, wenn sie tatsächlich selbst nur ein einziges Geschäftslokal

unterhält:

und/oder

und die Beklagte weiter zu verurteilen, an den Kläger 290 DM

nebst Zinsen seit dem 26. Juni 2001 zu zahlen.

5Das Landgericht hat die Klage als unbegründet abgewiesen.

6Das Oberlandesgericht hat die Klage als unzulässig angesehen und die

Berufung des Klägers zurückgewiesen.

7Hiergegen richtet sich die - vom Berufungsgericht zugelassene - Revision des Klägers, deren Zurückweisung die Beklagte beantragt.

Entscheidungsgründe:

8I. Das Berufungsgericht hat die Klage als von Anfang an unzulässig angesehen. Zur Begründung hat es ausgeführt:

9Es lasse sich nicht feststellen, dass der Kläger gemäß § 13 Abs. 2 Nr. 2

UWG (a.F.) prozessführungsbefugt sei. Die vom Kläger überreichten Unterlagen reichten nicht aus, um darzulegen, dass ihm im Raum W. eine erhebliche Zahl von Optikern angehöre. Der Kläger habe allerdings Unterlagen

über einen "C. -Partner-Club" vorgelegt, um darzulegen, dass ihm über diese Vereinigung mittelbar eine erhebliche Zahl von Augenoptikern im Raum

W. angehöre. Daran sei richtig, dass sich eine Prozessführungsbefugnis

nach § 13 Abs. 2 Nr. 2 UWG (a.F.) auch aus über einen anderen Verband vermittelte Mitgliedschaften ergeben könne. An solche mittelbaren Mitgliedschaften

seien jedoch gewisse Anforderungen zu stellen, damit die gesetzliche Absicht

der Missbrauchsbekämpfung nicht unterlaufen werden könne. Für eine Umgehungsabsicht spreche schon die "Annahme des W. -Exklusiv-Angebotes an

C. -Partner-Club" (Anlage M 11), durch die der "Partner-Club" das Angebot

des Klägers angenommen habe, sein Mitglied zu werden. Dort werde erklärt,

dem "Partner-Club" sei bekannt, dass er "als Sammelmitglied kein Stimmrecht

entsprechend § 2 Abs. 3 der Satzung" (des Klägers) habe. Hier werde offenbar

zu verbilligten Preisen eine Mitgliedschaft "zweiter Klasse" eröffnet, die den

"Partner-Club" zwar formal zum Sammelmitglied mache, ihn aber von den ei-

gentlichen Mitgliedsrechten gemäß § 2 Abs. 3 der Satzung des Klägers ausschließe.

10Vor allem aber sei nicht zu erkennen, welche gesellschaftliche Struktur

der "C. -Partner-Club" habe. Eine "Mitgliedschaft" sei auch im Falle einer

mittelbaren Mitgliedschaft erforderlich. Die Gewerbetreibenden müssten dem

Verband oder der Vereinigung, die direktes Mitglied des Wettbewerbsvereins

seien, angehören. Das sei nur der Fall, wenn sie gewisse Mitgliedschaftsrechte

hätten, weil sie nur dann über die Organisation, der sie angehörten, auf den

Wettbewerbsverband Einfluss nehmen könnten. Eine solche Einflussnahme der

mittelbaren "Mitglieder" auf den Kläger sei ausdrücklich ausgeschlossen. Darüber hinaus sei nicht erkennbar, wie die rechtlichen Beziehungen des "C. -

Partner-Clubs" zu seinen Mitgliedern organisiert seien. Die Rechtsform des

"Clubs" ergebe sich aus seiner Satzung nicht. Die übrigen Unterlagen ließen

nur erkennen, dass es sich um eine lose Vertriebsgemeinschaft von Augenoptikern handele. Derartige lose Zusammenschlüsse könnten eine Mitgliedschaft in

einem Wettbewerbsverband nicht vermitteln. Es liege vielmehr nahe, von dem

Verband, der die Mitgliedschaft in dem Wettbewerbsverband vermittele, nicht

nur eine mitgliedschaftliche Struktur, sondern ebenfalls die Rechtsfähigkeit zu

verlangen.

11Die überreichten Unterlagen über den "C. -Partner-Club" gingen trotz

einiger missverständlicher Formulierungen davon aus, dass der "Club" - wie

üblich - "Sammelmitglied" beim Kläger sein solle. Selbst wenn man aber annehme, dass die Klubmitglieder gleichzeitig auch unmittelbar Mitglied des Klägers werden sollten, könne die Wirksamkeit dieses Beitritts nicht festgestellt

werden, weil die gesellschaftliche Struktur und damit auch die Vertretungsverhältnisse innerhalb des Klubs nicht geklärt seien.

12Die unmittelbare Mitgliedschaft zweier Optiker auf dem örtlich relevanten

Markt in W. und Umgebung vermittele dem Kläger noch nicht die Klagebefugnis. Zur Marktbedeutung dieser beiden Wettbewerber der Beklagten sei

nichts vorgetragen.

13II. Die gegen diese Beurteilung gerichteten Angriffe der Revision haben

Erfolg. Sie führen zur Aufhebung und Zurückverweisung.

141. Die bis zum Inkrafttreten des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb vom 3. Juli 2004 in § 13 Abs. 2 Nr. 2 UWG a.F. und seither in § 8

Abs. 3 Nr. 2 UWG enthaltene Regelung der Voraussetzungen, unter denen

Verbände zur Förderung gewerblicher Interessen wettbewerbsrechtliche Unterlassungsansprüche geltend machen können, betrifft sowohl die prozessuale

Klagebefugnis als auch die sachlich-rechtliche Anspruchsberechtigung (vgl.

BGHZ 133, 316, 319 - Altunterwerfung I; BGH, Urt. v. 5.3.1998 - I ZR 202/95,

GRUR 1998, 953, 954 = WRP 1998, 743 - Altunterwerfung III; Urt. v. 27.1.2005

- I ZR 146/02, GRUR 2005, 689, 690 = WRP 2005, 1007 - Sammelmitgliedschaft III, m.w.N.). Dementsprechend muss die Verbandsklagebefugnis nicht

nur im Zeitpunkt der beanstandeten Wettbewerbshandlung gegeben gewesen

sein, sondern auch noch im Revisionsverfahren bestehen (vgl. zu § 13 Abs. 2

Nr. 2 UWG a.F.: BGH, Urt. v. 14.12.2000 - I ZR 181/99, GRUR 2001, 846, 847

= WRP 2001, 926 - Metro V, m.w.N.; zu § 8 Abs. 3 Nr. 2 UWG: BGH GRUR

2005, 689, 690 - Sammelmitgliedschaft III). Bei der Prüfung, ob diese Voraussetzungen vorliegen, ist der Senat auch als Revisionsgericht an die tatsächlichen Feststellungen des Berufungsgerichts nicht gebunden (vgl. BGHZ 31, 279,

281 ff.; 91, 111, 115; 100, 217, 219).

152. Die Klagebefugnis eines Verbands nach § 8 Abs. 3 Nr. 2 UWG 13

Abs. 2 Nr. 2 UWG a.F.) setzt voraus, dass dieser die Interessen einer erhebli-

chen Zahl von Unternehmern wahrnimmt, die auf demselben Markt tätig sind

wie der Wettbewerber, gegen den sich der Anspruch richtet. Dabei können

auch solche Unternehmer zu berücksichtigen sein, die Mitglied in einem Verband sind, der seinerseits Mitglied des klagenden Verbands ist (BGH, Urt. v.

20.5.1999 - I ZR 66/97, GRUR 1999, 1116, 1118 = WRP 1999, 1163 - Wir dürfen nicht feiern; BGH GRUR 2005, 689, 690 - Sammelmitgliedschaft III,

m.w.N.).

163. Entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts sind im vorliegenden Fall

die Mitglieder des "C. -Partner-Clubs" bei der Feststellung der Prozessführungsbefugnis des Klägers zu berücksichtigen.

17a) Nach der Satzung des C. -Partner-Clubs ist es dessen Zielsetzung, als "Mittelstandsvereinigung" die Leistungsfähigkeit kleiner und mittlerer

Augenoptiker gegenüber Großbetrieben und großbetrieblichen Unternehmensformen in Bezug auf die C. -Brillenfassungen und -Sonnenbrillen zu stärken. Dazu sollen Werbe- und Preisempfehlungen an die Mitglieder des

"C. -Partner-Clubs" ausgesprochen werden. Der "C. -Partner-Club" erfüllt jedenfalls die Merkmale einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Als solche

ist er rechts- und parteifähig (BGHZ 146, 341) und kann Mitglied eines Vereins

sein (vgl. BGH GRUR 2005, 689, 690 - Sammelmitgliedschaft III; Münch-

Komm.BGB/Reuter, 4. Aufl., § 38 Rdn. 23; Soergel/Hadding, BGB, 13. Aufl.,

§ 38 Rdn. 5; Staudinger/Weick, BGB, Neubearbeitung 2005, § 32 Rdn. 33;

K. Schmidt, Gesellschaftsrecht, 4. Aufl., § 60 II 1a, S. 1773). Gegen die Wirksamkeit des Beitritts des "C. -Partner-Clubs" zum Kläger bestehen keine

Bedenken. Aus den im Wege des Freibeweises (vgl. BGH, Beschl. v. 16.5.1991

- IX ZB 81/90, NJW 1992, 627, 628, m.w.N.) verwertbaren Bekundungen des

für die organisatorische Betreuung des "C. -Partner-Clubs" zuständigen

Verkaufsleiters M. der C. GmbH, die dieser als Zeu-

ge in anderen Verfahren gemacht hat, ergibt sich, dass der "C. -Partner-

Club" Mitglied des Klägers ist und der Kläger die wettbewerbsrechtlichen Interessen sämtlicher "C. -Partner" vertritt. Auf die Frage, ob ein Beitrittsmangel vorliegt, weil die Beitrittserklärung des "C. -Partner-Clubs" möglicherweise von einer nicht vertretungsberechtigten Person abgegeben worden ist,

kommt es nicht an. Die Voraussetzung der Klagebefugnis gemäß § 8 Abs. 3

Nr. 2 UWG, dass eine erhebliche Zahl von Unternehmern dem klagenden Verband angehören muss, wäre selbst dann erfüllt, wenn wegen fehlerhafter vertragsgemäßer Grundlage nach dem Vorbild der Lehre von der fehlerhaften Gesellschaft lediglich eine faktische Mitgliedschaft (vgl. dazu MünchKomm.BGB/

Reuter aaO Rdn. 58; K. Schmidt aaO § 6 V 1, S. 160 ff., m.w.N.) begründet

worden sein sollte. Es ist nicht erforderlich, dass der "C. -Partner-Club" als

ein Verband, der dem Kläger Wettbewerber der Beklagten als (mittelbare) Mitglieder vermittelt, selbst nach § 8 Abs. 3 Nr. 2 UWG 13 Abs. 2 Nr. 2 UWG

a.F.) klagebefugt ist (vgl. BGH GRUR 2005, 689, 690 - Sammelmitgliedschaft III).

18b) Nach der unter der Überschrift "Wettbewerbsverein" stehenden Regelung der Satzung des "C. -Partner-Clubs" wird mit der Unterzeichnung der

"C. -Partner-Club-Vereinbarung" zugleich die Mitgliedschaft in einem seriösen Wettbewerbsverein begründet, soweit nicht ein ausdrücklicher Widerspruch

erfolgt. Dies ist aufgrund des Beitritts des "C. -Partner-Clubs" zum Kläger

eine Mitgliedschaft bei diesem. Nach der Nummer 2 der genannten Satzungsbestimmung überprüft der Kläger auf Wunsch die Anzeigenwerbung der "C.

-Partner-Club-Mitglieder" unter wettbewerbsrechtlichen Gesichtspunkten. E-

benso prüft er nach der Nummer 3 dieser Satzungsregelung, ob die Anzeigen

der Wettbewerber unlauter sind, mahnt gegebenenfalls Wettbewerber ab und

leitet gerichtliche Schritte gegen sie ein.

19Damit ist auch das Erfordernis erfüllt, dass in den Fällen, in denen sich

der klagende Verband auf die mittelbare Mitgliedschaft von Mitbewerbern des in

Anspruch genommenen Unternehmens stützt, feststehen muss, dass die Mitbewerber mit der Wahrnehmung ihrer Interessen durch den klagenden Verband, dem sie über die Mitgliedschaft in ihrem Verband angehören, einverstanden sind (vgl. BGH GRUR 2005, 689, 690 - Sammelmitgliedschaft III, m.w.N.).

20c) Für die Annahme, dass die Mitgliedschaft des "C. -Partner-Clubs"

nicht dazu dienen sollte, gemeinsame Interessen am Schutz des lauteren Wettbewerbs zu bündeln, sondern künstlich die Voraussetzungen für die Verbandsklagebefugnis des Klägers nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb zu schaffen (vgl. BGH, Urt. v. 16.1.2003 - I ZR 51/02, GRUR 2003, 454,

455 = WRP 2003, 514 - Sammelmitgliedschaft I, m.w.N.), bestehen keine hinreichenden Anhaltspunkte. Im vorliegenden Fall ist nichts dafür ersichtlich, dass

der "C. -Partner-Club" mit seinem Beitritt zum Kläger nicht den Zweck verfolgte, die gewerblichen oder selbständigen beruflichen Interessen der eigenen

Mitglieder zu fördern. Auf die Frage, welches Stimmrecht dem "C. -Partner-

Club" und seinen Mitgliedern nach der Satzung des Klägers eingeräumt ist,

kommt es daher nicht an.

21III. Danach ist das angefochtene Urteil aufzuheben. Die Sache ist an das

Berufungsgericht zurückzuverweisen. Dieses wird nunmehr auch unter Einbeziehung der Mitglieder des "C. -Partner-Clubs" zu prüfen haben, ob der

Kläger die Voraussetzungen der § 8 Abs. 3 Nr. 2 UWG, § 13 Abs. 2 Nr. 2 UWG

a.F. erfüllt, und gegebenenfalls Feststellungen zu der beanstandeten Wettbewerbshandlung zu treffen haben.

v. Ungern-Sternberg Bornkamm Büscher

Schaffert Bergmann

Vorinstanzen:

LG Wuppertal, Entscheidung vom 26.03.2002 - 14 O 119/01 -

OLG Düsseldorf, Entscheidung vom 01.04.2003 - 20 U 92/02 -

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 278/01 vom 17.10.2001

Urteil vom 17.10.2001

2 ARs 245/01 vom 17.10.2001

Leitsatzentscheidung

NotZ 39/02 vom 31.03.2003

Anmerkungen zum Urteil