Urteil des BGH vom 17.06.2008

BGH (stgb, sicherungsverwahrung, strafkammer, stpo, 1995, anordnung, hauptverhandlung, sommer, unterbringung, rechtsmittel)

BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
4 StR 77/08
vom
17. Juni 2008
in der Strafsache
gegen
wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern u.a.
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Der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des General-
bundesanwalts und des Beschwerdeführers am 17. Juni 2008 gemäß § 349
Abs. 2 und 4 StPO beschlossen:
I.
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des
Landgerichts Saarbrücken vom 19. September 2007 mit
den zugehörigen Feststellungen aufgehoben, soweit die
Unterbringung des Angeklagten in der Sicherungsver-
wahrung angeordnet worden ist.
II.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Ver-
handlung und Entscheidung, auch über die Kosten des
Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landge-
richts zurückverwiesen.
III. Die weiter gehende Revision wird verworfen.
Gründe:
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen sexuellen Missbrauchs von
Kindern und exhibitionistischer Handlungen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von
zwei Jahren und sieben Monaten verurteilt. Ferner hat es seine Unterbringung
in der Sicherungsverwahrung angeordnet. Hiergegen wendet sich der Ange-
klagte mit seiner Revision, mit der er die Verletzung sachlichen Rechts rügt.
Das Rechtsmittel hat Erfolg, soweit es sich gegen die Anordnung der Unterbrin-
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gung in der Sicherungsverwahrung richtet; im Übrigen ist das Rechtsmittel un-
begründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO.
1. Die auf § 66 Abs. 1 StGB gestützte Anordnung der Sicherungsverwah-
rung hat keinen Bestand, da die Strafkammer das Vorliegen von Rückfallverjäh-
rung (§ 66 Abs. 4 Satz 3 StGB) mit nicht tragfähiger Begründung ausgeschlos-
sen hat.
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a) Das Landgericht hat als frühere Verurteilungen im Sinne des § 66 Abs.
1 Nr. 1 StGB das Urteil des Amtsgerichts Koblenz vom 13. Dezember 1983 und
das Urteil des Landgerichts Koblenz vom 13. Dezember 1995 herangezogen.
Bezüglich der Verurteilung durch das Amtsgericht Koblenz hat es rechtsfehler-
frei den 7. Oktober 1983 als Tatzeitpunkt festgestellt. Zum Tatzeitpunkt der letz-
ten durch das Urteil des Landgerichts Koblenz abgeurteilten Tat hat es Folgen-
des ausgeführt: Die damals erkennende Strafkammer habe zwar den Zeitpunkt
der letzten Tat auf die Zeit zwischen Dezember 1992 und die erste Jahreshälfte
1993 bestimmt. Wenigstens eine der damals abgeurteilten insgesamt vier Miss-
brauchstaten sei jedoch im Frühjahr 1993 begangen worden, und zwar nach
Aussage der Geschädigten, “als es bereits Sommer war, da es noch warm ge-
wesen sei“. Hieraus ergebe sich – so das Landgericht – dass wenigstens eine
Tat in der ersten Jahreshälfte 1993 nach Sommeranfang begangen worden sei.
Obwohl nach der Angabe der damaligen Geschädigten, es sei noch warm ge-
wesen, eher der Spätsommer 1993 als Tatzeitraum in Betracht komme, sei für
die Berechnung der Rückfallverjährung in Bezug auf die Anlasstat zu Gunsten
des Angeklagten vom Sommeranfang, mithin dem 1. Juni 1993, als „frühest-
möglichen“ Tattag auszugehen.
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b) Diese Ausführungen begegnen durchgreifenden Bedenken.
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aa) Feststellungen rechtskräftiger Urteile zu früheren Tatgeschehen ein-
schließlich der Beweistatsachen, die in einem späteren Verfahren von Bedeu-
tung sein können, binden den neu entscheidenden Tatrichter nicht (BGHSt 43,
106, 107; Meyer-Goßner StPO 51. Aufl. Einl. 170 m.w.N.). Solche Feststellun-
gen können zwar im Wege des Urkundenbeweises gemäß § 249 Abs. 1 StPO
in die neue Hauptverhandlung eingeführt und verwertet werden; der neue Tat-
richter darf sie jedoch nicht ungeprüft übernehmen (BGH aaO).
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bb) Nach den Feststellungen ist das Landgericht Koblenz in den Grün-
den seines Urteils vom 13. Dezember 1995 davon ausgegangen, dass die letz-
te der abgeurteilten Taten im Zeitraum Dezember 1992 und erste Jahreshälfte
1993 begangen wurde. Danach wäre zu Gunsten des Angeklagten bezogen auf
die Anlasstat von Rückfallverjährung auszugehen, da die Fünfjahresfrist des
§ 66 Abs. 4 Satz 3 StGB unter Berücksichtigung der - allerdings nur pauschal -
mitgeteilten Verwahrungszeiten (§ 66 Abs. 4 Satz 4 StGB) am 15. April 1993,
d.h. innerhalb des bezeichneten Tatzeitraumes, abgelaufen wäre.
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cc) Die Strafkammer war - wie ausgeführt - an die Bestimmung des Tat-
zeitraums durch das Landgericht Koblenz nicht gebunden, sondern befugt, den
Tatzeitpunkt zu präzisieren oder aber auch abweichend neu zu bestimmen. Ihre
Annahme, „zu Gunsten“ des Angeklagten sei vom 1. Juni 1993 als dem „frü-
hestmöglichen“ Tatzeitpunkt auszugehen, ist jedoch nicht tragfähig begründet.
Das Landgericht stützt sich insoweit ausschließlich auf die - in sich widersprüch-
liche - Angabe der damaligen Geschädigten, es „sei bereits Sommer gewesen,
da es noch warm war“. Näheres wird hierzu nicht mitgeteilt, insbesondere bleibt
offen, bei welcher Gelegenheit und in welchem Zusammenhang diese Aussage
erfolgte. In Anbetracht des widersprüchlichen Inhalts der Aussage hätte ihre
Verlässlichkeit jedoch näherer Erörterung bedurft. Dies gilt umso mehr, als auch
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der frühere Tatrichter ersichtlich diesen Teil der Aussage der Geschädigten
nicht zum Anlass genommen hat, den Tatzeitpunkt näher zu konkretisieren,
sondern es bei der zeitlichen Einordnung „Dezember 1992 bzw. in der ersten
Jahreshälfte 1993“ belassen hat.
2. Der aufgezeigte Rechtsfehler führt zur Aufhebung des Maßregelaus-
spruchs. In der neuen Hauptverhandlung wird die Frage des Zeitpunktes der
letzten durch das Landgericht Koblenz vom 13. Dezember 1995 abgeurteilten
Tat im Wege des Strengbeweises (vgl. BGHSt 43, 106 ff.) zu klären sein. Des
Weiteren sind die Verwahrungszeiten (vgl. § 66 Abs. 4 Satz 4 StGB) im Einzel-
nen, d.h. jeweils unter konkreter Bezeichnung von Beginn und Ende, festzustel-
len (vgl. auch Fischer StGB 55. Aufl. § 66 Rdn. 21 m.w.N.).
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Tepperwien Kuckein Athing
Solin-Stojanović Ernemann